Warum Bloggen glücklich macht

Die Lied ist bekannt aus uralten Zeiten, und es wurde schon immer von Leuten gesungen, die sich mit dem Internet nicht auskennen: Surfen macht einsam, heißt es darin vereinfacht. Wer sich vor die Kiste hänge, könne nicht am echten Leben teilnehmen, also ab auf den Spielplatz, in die Großraumdisko oder zu Speed-Dating-Events! Jedenfalls raus in die wahre Welt!

Das war zum einen immer schon falsch, ich bin ein lebendes Gegenbeispiel: Ich bin Patenonkel eines Kindes, dessen Eltern ich ohne das Internet nicht kennen würde. Die Silvesterfeste der letzten Jahre habe ich mit Freunden aus Ostdeutschland verbracht, die ich ohne Amazon (!) nicht hätte.  Und ich habe schon von Menschen mit Gläsern nach mir werfen lassen, die besser Buchstaben in einem Chatraum geblieben wären.

Gestern nun stolperte ich in meiner Gelegenheitslektüre „Psychologie Heute“ über einen Artikel, der konstatiert, dass inzwischen auch die psychologische (oder ist es soziologische?) Forschung anerkennt, dass das Internet keine negativen Auswirkungen auf die Sozialbeziehungen von Jugendlichen hat – sondern positive! (Der Originalartikel von Patti Valkenburg und Jochen Peter: „Social Consequences of the Internet for Adolescents“ (PDF))

Konkret postuliert der Artikel diese Kausalkette: Online Communication –> Online Self-Disclosure –> Quality Relationships –> Well-being. Man könnte verkürzt auch sagen: Bloggen (oder facebooken) macht glücklich, weil es nämlich dafür sorgt, dass andere mehr von einem erfahren.

Eine Kritik muss ich an dem Text aber trotzdem üben, denn ich vermute einen gerne genommenen Anfängerfehler. Zitat:

However, these positive results are only found for adolescents who use the Internet predominantly to maintain existing friendships. When they use it primarily to form new contacts and talk with strangers, the positive effects do not hold.

Letztlich steht da: Nur, wer schon Freunde hat, wenn er das Internet betritt, wird vom Internet in der Pflege dieser Freundschaften unterstützt. Wer dagegen arm an Freundschaften ist und sich im Internet plötzlich auf Kontaktjagd begibt, der wird auch dort nicht erfolgreich sein.

Für mich ist offensichtlich, dass die Untersuchungen, früher wie heute, die herausfinden wollten, ob das Internet einsam macht oder nicht, nie eine Kausalität beobachtet haben – sondern nur eine Korrelation. Nicht das Internet hat früher dafür gesorgt, dass Menschen vor dem Bildschirm vereinsamen, wenn man diese Pauschalisierung überhaupt als gegeben akzeptiert. Nein, vielmehr hat das früher weniger als heute soziale Internet Menschen angezogen, die an Sozialkontakten nicht so interessiert waren wie andere. Jetzt dagegen, wo das Internet auch sozial hoch aktiven Menschen konkrete Plattformen bietet, ihr Wesen auszuleben, strömen auch sie ins Internet.

Jetzt ist eigentlich nur noch die Frage offen, wer den Herren Schünemann und Pfeiffer diese Studie zumailt?

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11 Gedanken zu “Warum Bloggen glücklich macht

  1. Schöner Beitrag. Vor allem der letzte Absatz über den Selektionseffekt des frühen Internets ist bedenkenswert.

    „Jezt ist eigentlich nur noch die Frage offen, wer den Herren Schünemann und Pfeiffer diese Studie zumailt?“
    Zumindest beim Pfeiffer kannst du dir die Mühe sparen. Der Mann ist im Grunde mehr Lobbyist als Wissenschaftler. Lies mal seine Publikationen…

  2. Mir geht’s in Teilen wie meinem vorgänger: ich finde vor allem den letztenTeil des Beitrags sehr bemerkenswert. Andererseits finde ich nicht wirklich, daß es grundsätzlich glücklich macht, daß im Netz mehr über einen bekanntt wird, oder besser ausgedrückt: ich bezweifle, daß das in vielen Fällen wirklich so ist. Ich mache oft die Erfahrung, daß Leute sehr stark selektieren, wie sie gesehen werden wollen, und daß dann nach einiger zeit die volle Wahrheit eher dafür sorgt, Kontakte wieder zu erschweren oder abzubrechen. ich kenne zum Beispiel viele blinde Freunde und bekannte, von denen einige konsequent im Netz verschweigen, daß sie blind sind, was natürlich ihr gutes Recht ist, aber den Effekt, daß sich neue Kontakte dann doch nicht damit auseinandersetzen wollen, nur verschiebt und verschärft, wenn das thema dann irgendwann doch zur Sprache kommt. ich finde das Internet weder gut noch schlecht, nur man muß wie mit allem eben bewußt umgehen, und dieser KOmmunikationsweg bietet natürlich tausendmal mehr Möglichkeiten, ein gewünschtes Bild von sich zu zeichnen, was in „realen“ Kontakten schneller bemerkt würde. Ich glaub also, mal ganz geschwollen ausgedrückt, daß das Internet zumindest die sog. „soziale kompetenz“ nicht unbedingt fördert.

  3. Danke für die freundlichen Kommentare!

    @Lars
    Dass Prof. Pfeiffer Lobbyist ist, weiß ich. Wenn ich die Schlussfolgerung richtig verstehe, dann lohnt es sich nicht, ihn klüger zu machen, weil es ihm nicht um die Sache, sondern um ein wirtschaftliches Ziel geht. Da ist natürlich was dran, aber ich glaube immer noch an die Wunderkraft der Wahrheit :-)

    @Nest
    Die Hypothese (!) des Originalartikels ist nicht ganz so schlicht, wie ich sie in meiner Überschrift dargestellt habe. Es geht darum, dass man seinen bestehenden Freunden gegenüber durch z.B. Bloggen mehr Offenheit zeigt und sie dadurch stärker an sich bindet und umgekehrt. Und da kann ich nur bestätigen, dass auch bei mir persönlich das Bloggen dazu führt, dass ich mit Freunden oder auch Kollegen über die Dinge rede, die in einem normalen Gespräch vielleicht nie zur Sprache gekommen wären. Nachdem ich sie aber gebloggt habe, wissen die davon und haben ein besseres Bild von mir. Natürlich selektiere ich, was ich hier schreibe und was nicht. Aber ich selektiere auch, was ich jemandem in einem persönlichen Gespräch sage oder nicht.

  4. Ich will doch noch ein wenig Wasser in den Wein des Kulturoptimismus gießen. Denn ich halte es für nicht genau bestimmbar, was Korrelation und Kausalität ist. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich das Thema damit nicht auf ein anderes Gleis schiebe. Denn gestolpert bin ich letztlich über die Pfeiffer-Verurteilung und da klickte es bei mir ein. Also, sollte ich ohnehin offene Türen einrennen, vergesst die Worte.

    Über das Internet brauchen wir nicht zu reden. Das erledigt sich, je mehr das Internet als sozialer Raum begriffen wird und nicht als Medium für etwas.
    Aber da du Pfeiffer erwähnst und pauschal verdammst, will ich ihm ein wenig zur Seite stehen. Seine Forderungen bezogen auf die Ergebnisse seiner Forschungen halte ich dessen ungeachtet für Blödsinn. Dennoch kommt man an Befunden, die er er erhebt nicht vorbei. Persönlichkeit entwickelt sich nun mal in einem komplexen Zusammenspiel von genetisch vererbten Eigenschaften und sozialen Einflüssen. Und Medien gehören zu den sozialen Einflüssen. Wenn ich an die Gewaltdebatte denke, dann sind es heute eben Internetinhalte und Computerspiele mit spezifischen Gewaltinhalten, mit denen Menschen mit Gewaltdisposition sich „weiter bilden“. Ursächlich sind es die Medien natürlich nicht. Der Zusammenhang ist aber auch keine Korrelation. Es gibt die Medienwirkung. Anfang des letzten Jahrhunderts hatten Bücher diese Wirkung. Es bleibt also die Frage bestehen, wie gehen wir mit dieser Medienwirkung um. Pfeiffers Verbotsforderungen sind für mich ebenso keine Antworten wie das Verharmlosen nach dem Motto, das macht doch nichts.

  5. nik schreibt:

    Also ich muss sagen, dass es mir wesentlich leichter fällt im Internet auch mit völlig Fremden Freundschaften zu schließen als in meiner Stadt. Vor allem, weil man im Internet leichter, die Leute finden kann, die die gleichen Interessen haben.

    In einer Kleinstadt ist es als Mensch mit ungewöhnlichen Begabungen und Interessen. insbesondere, wenn man zugezogen ist, sehr schwer Anschluss zu finden. Und ohne das Internet, hätte ich natürlich auch nie so einen hervorragenden Patenonkel für unser Kind gefunden. ;)

    Ich kan also sagen, dass mich das Internet mit Bestimmtheit kontaktfreudiger gemacht hat.

    Liebe Grüße, nik

  6. @Kees
    Ehrlich gesagt verstehe ich deine Argumente nicht. Du schreibst: „Medien gehören zu den sozialen Einflüssen.“ Naja, in einem streng wissenschaftlichen Sinn der Soziologie schon. Aber welche Rolle spielt das jetzt hier?

    Weiter: „Wenn ich an die Gewaltdebatte denke, dann sind es heute eben Internetinhalte und Computerspiele mit spezifischen Gewaltinhalten, mit denen Menschen mit Gewaltdisposition sich ‚weiter bilden‘.“ Schon das ist eine Behauptung, die eben gerade nicht bewiesen ist. Dass Menschen mit Gewaltdisposition auch Gewaltspiele spielen: Unbenommen. Aber dass sie sich „weiterbilden“, wäre erst noch zu beweisen.

    Schließlich: „Ursächlich sind es die Medien natürlich nicht. Der Zusammenhang ist aber auch keine Korrelation. Es gibt die Medienwirkung.“ Moooment! Das ist elegant von dir gemacht. Aber ich habe den ersten Satz nicht vergessen, wenn ich den dritten lese. Du behauptest, es gebe keine „Ursächlichkeit“ von Medien für Gewalthandlungen, aber wohl eine „Medienwirkung“? Den Unterschied musst du mir erst noch mal erklären. Laut Wikipedia und normalen sprachlichen Verständnis steht nämlich „Wirkung … für das Ergebnis einer Ursache“.

    @nik
    Ja, hey Superpatenonkel – der Geburtstage vergisst. Wenn andererseits N2 endlich zu twittern begönne, dann wäre ich vielleicht noch einmal dran erinnert worden ;-)

  7. @surfguard Ist etwas schwer, alles so differenziert wie nötig bei dem Thema in dieser Kürze hier, ohne direkte Nachfrage aufzudröseln, also…
    Medien deshalb, weil Internet ja immer noch beides gleichzeitig ist sozialer Raum und Möglichkeit für Konsum, nämlich von Medienangeboten allerlei Art …

    Und mir ging es vor allem um das pauschale Urteil über Pfeiffer. Er hat nun mal empirische Daten und damit muss man sich auseinandersetzen. Im Rahmen der Gewaltdebatte heißt das, nach dem Spielen von vorher so definierten Gewaltspielen gibt es Spieler, die aggressiver sind als vor dem Spielen. Das ist erstmal nur ein wertfrei zu beobachtendes Studienergebnis. Solche Untersuchungen kann man auch über Fußballspiele machen, über alles mögliche, was Gefühle berührt. Und jedesMal gibt es im Alltag ganz konkret die Frage, wie reagiere ich auf das, was das Erleben mit dem Menschen macht. Bei Jugendlichen ganz konkret, wie begleite ich einen bestimmten Medienkonsum auf pädagogisch sinnvolle Weise.

    „Ursächlich usw.“, damit meine ich, natürlich gibt es keinen Menschen, der durch Computerspiele alleine zu irgendwas gebracht wird. Computerspiele sind Teil eines ganzen Bedingungsgefüges. Aber wenn ich Hinweise darauf erhalte, dass Menschen mit bestimmten Eigenschaften in diesen Eigenschaften verstärkt werden, gibt es also schon auch Wirkungen. „Weiterbilden“ war wahrscheinlich das in der Eile falsche Wort. Es geht da aus meiner Sicht viel mehr um Gefühle als um Computerspiele als Rollenvorbild.

    Aber wie gesagt, ich habe da jetzt noch mehr als bei meinem ersten Kommentar den Eindruck, ich liege mit meinen Bedenken ein wenig neben dem eigentlich von dir Gemeinten. Denn selbstverständlich stimme ich dir über all die positiven Folgen des Internets als sozialem Raum zu.

  8. @Kees
    Es geht doch darum, dass diese angeblich so wertneutralen Ergebnisse von Pfeiffer sehr umstritten sind. Pfeiffer veröffentlicht ja obendrein nicht nur seine Ergebnisse, sondern vor allem seine Interpretation dieser Ergebnisse.

    Und da sage ich eben zusammen mit anderen: Die von Pfeiffer behaupteten Kausalitäten sind entweder trivial (wer ein aufregendes Game gespielt hat, kann unmittelbar danach Rechenaufgaben schlechter lösen, Wahnsinnsüberraschung) oder in Wirklichkeit nur Korrelationen (schlechte Schüler haben einen hohen Medienkonsum). Nicht einmal die behaupteten Korellationen lassen sich übrigens auf gesamtgesellschaftlicher Ebene zeigen: http://blogs.23.nu/bubbleboy/0000/00/antville-13541/ (Da fehlen leider die Grafiken, die sind mal bei der Migration dieses Blogs auf WordPress verloren gegangen.)

    Bitte nimm zur Kenntnis, dass die von dir als selbstverständlich angenommene „Medienwirkung“, so einleuchtend sie sein mag, ein wissenschaftlich höchst umstrittenes und noch lange nicht als richtig nachgewiesenes Konzept ist.

    Ich empfehle dir dir als Gegenposition zu Pfeiffer und Konsorten die Lektüre von „Grand Theft Childhood„.

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