Testosteron ist das AntiZick™

Gemeinhin gilt Testosteron ja als agressivitätssteigerndes Hormon. Eine wirklich interessante Untersuchung (kostenlos downloadbarer Artikel im Spektrum der Wissenschaft, Original-Artikel in der Nature) lässt jetzt vermuten, dass das eine zu oberflächliche Betrachtung ist.

Das Experiment: 121 Frauen bekamen Tabletten, von denen ihnen gesagt wurde, dass sie Testosteron enthielten. In der Hälfte der Tabletten war auch tatsächlich Testosteron, die andere Hälfte waren Placebos. Anschließend nahmen die Frauen an einem ökonomischen Spiel teil: Sie mussten von einem Geldbetrag an eine andere Person einen beliebigen Betrag abgeben. Nur wenn die andere Person das Geld annahm, behielten beide das Geld.

Jetzt die Frage: Welche der beiden Gruppen, die Testosteron- oder die Placebo-Nehmerinnen, bot dem Versuchspartner im Schnitt mehr Geld an? Nein, falsch! Es waren nämlich diejenigen, die das Testosteron bekommen hatten!

Noch mal langsam: Die Frauen, die glaubten, Testosteron bekommen zu haben, wirklich aber nur Zucker geschluckt hatten, verhielten sich egoistischer als diejenigen, die glaubten, Testosteron bekommen zu haben, und bei denen das auch tatsächlich so war! Testosteron mindert in diesem Experiment also den Egoismus der Frauen! (Leider gibt es keine Zahlen über die Stärke oder gar statistische Signifikanz des Ergebnisses. Werde ich mir anhand des frisch eingegangenen Original-Artikels mal zu Gemüte führen.)

Dieses Experiment, wenn es sich tatsächlich bestätigt, könnte vielleicht tausende täglicher Zickenkriege erklären. Die (allerdings nicht komplett wasserdicht belegte) Schlussfolgerung der Experimentatoren ist nämlich die, dass Frauen sich agressiv und egoistisch gegenüber anderen verhalten, wenn sie glauben, dass es von ihnen erwartet wird – im Experiment, indem sie die Vorurteile gegenüber der Wirkung von Testosteron nur dann ausleben, wenn sie die Substanz gar nicht bekommen hatten. Männer hingegen (und die mit Testosteron temporär „vermännlichten“ Frauen), verhalten sich nicht von vornherein agressiv, sondern sie verhalten sich so, dass ihr sozialer Status gesteigert wird. Wenn das durch Agressivität geht, dann sind sie eben agressiv. Wenn allerdings, wie im Experiment, Großzügigkeit einen höheren Status verspricht als Agressivität, dann verhalten sie sich eben großzügig.

Wenn die Ergebnisse nicht in einer unseligen Tradition von Experimenten stünden, mit denen geschlechter- oder auch rassenbezogene Vorurteile biologisch-medizinisch gerechtfertigt werden sollten, könnte man einfach schicksalsergeben nickend zur Tagesordnung übergehen.

P.S.: Tatsächlich bestätigt eine andere Beobachtung, die ich neulich machte, diese Ergebnisse: Ich weiß leider nicht mehr, wo ich’s gelesen habe, aber es gibt (mindestens in der New-Media-Branche) ungefähr gleich viele Frauen wie Männer als Projektmanager/innen. Das überrascht zunächst, weil Projektmanager mit Betriebsmanagern (Geschäftsführern, Abteilungsleitern, Vorständen) gerne in einen Topf geworfen werden und Frauen dort deutlich unterrepräsentiert sind. Tatsächlich aber predige nicht nur ich schon länger, dass sich Projektmanager im Gegensatz zu Vorgesetzten als gleichrangige Mitglieder ihrer Projektteams verstehen sollten. Sie sind nicht mehr oder weniger wichtig als ein Art Director oder IT-Developer, sie haben einfach nur andere Aufgaben im Team. Wenn dieses Credo falsch wäre und Projektmanager doch einen höheren Status haben müssten als die übrigen Teammitglieder, dann würde man Frauen (auch unabhängig von der oben dargestellten Untersuchung, sondern einfach phänomenologisch betrachtet) in PM-Jobs genauso selten erwarten wie in Geschäftsführungs- oder anderen Managementpositionen. Tatsächlich sind sie aber ungefähr gleich oft vertreten. Projektmanagement ist nämlich eine Kompetenz, kein Status.

[Update: Danke an molly für den Link zum Originalartikel, oben eingefügt!]

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4 Gedanken zu “Testosteron ist das AntiZick™

  1. Birgit schreibt:

    Ooooh, du hast aber einen tollen Blog! ;-)

    „Gemeinhin gilt Testosteron ja als agressivitätssteigerndes Hormon.“

    Ist das so?
    In der Verhaltensbiologie scheint es relativ unstrittig, dass ein ansteigender sozialer Rang eines Männchens unmittelbar mit ansteigender Testosteronkonzentration zusammenhängt. So wie du sagst. Wird dieser Status zB durch ein anderes Männchen in Frage gestellt, steigt ebenfalls der Testosterongehalt. Das ist verursacht „erst durch die Konfrontation und die Aggression, löst diese aber nicht aus. Durch den höheren Hormonspiegel sinkt lediglich die Schwelle für aggressive Reaktionen.“
    Testosteron also ungleich Aggressivität. Zu verkürzte Schlussfolgerung.

    Vgl.http://www.biologie-online.eu/verhaltensbiologie/endokrinologische-ethologie.php#HormoneundVerhalten
    Dort anhand von Meerschweinchen erläutert.

    Na, jedenfalls finde ich schlichte Biologismen wie „Männer sind so und Frauen sind anders“ prinzipiell eher problematisch und häufig irreführend, je nach Fragestellung, weil sie oft als Legitimation von bestehenden gesellschaftlichen Verhaltensnormen dienen.

    Zwei Fragen habe ich allerdings: Haben oberschnuckelige Kuschelschweine überhaupt Testosteron? ;-)
    Und: Wenn ich generell großzügig bin, heißt das dann ich hab ne Menge Testo? Herrje. Da muss ich mal direkt ne Hormontherapie machen um meine weibliche Seite zu stärken. ;-)

  2. Ob ich da offene wissenschaftliche Türen einrenne? Ich glaub’s nicht ganz. In einem anderen Artikel heißt es nämlich, fast wie maßgeschneidert auf den von dir zitierten Artikel:

    Do those with more testosterone coursing through their bodies make riskier, more aggressive decisions? […] Researchers […] tested whether this perception really held true for humans in a controlled environment—and arrived at counter-intuitive findings.

    Auch „dein“ Artikel behauptet ja, dass Testosteron die Schwelle für agressives Verhalten senkt. „Mein“ Artikel meint aber, dass das nur eine mögliches Mittel ist, um das eigentliche Ziel von Testosteron zu erzielen, nämlich den sozialen Status zu halten oder zu steigern. Wenn aber andere MIttel erfolgversprechender sind, dann werden diese, im Zweifel nicht-agressiven Mittel gewählt. Diese Möglichkeit wird in dem Meerschweinchen-Szenario gar nicht in Betracht gezogen, weil sie auch in der beschriebenen Situation wohl unwahrscheinlich ist. Aber das ist wohl eher ein Beleg dafür, dass die Untersuchungssituation zu eng gewählt ist.

    Du schreibst: „Na, jedenfalls finde ich schlichte Biologismen wie “Männer sind so und Frauen sind anders” prinzipiell eher problematisch und häufig irreführend, je nach Fragestellung, weil sie oft als Legitimation von bestehenden gesellschaftlichen Verhaltensnormen dienen.“

    Ja, das sehe ich auch mit sehr kritischem Auge, deswegen auch mein letzter Satz vor dem Postskriptum. Aber es lässt sich auch nicht bestreiten, dass Hormone unser Verhalten steuern. Nicht einzig und alleine, aber sie haben einen starken Einfluss. Und wenn es Hormone gibt, die in Männern und Frauen unterschiedlich vorkommen, dann darf man sich auch schon fragen, welcher Einfluss das genau ist.

    Die hohe Schule der Toleranz ist es ja nicht , Unterschiede welcher Art auch immer zwischen Menschen zu negieren, sondern sie zu akzeptieren und gerade nicht zur Diskriminierung zu verwenden. (Und die größte Schwierigkeit dabei ist es natürlich zu erkennen, welche Unterschiede einfach da sind, welche aber auch das Ergebnis selbsterfüllender Prophezeihungen, tradierter oder aus Vorurteilen stammender Rollenbilder sind.)

    Und schließlich: Kuschelschweine haben natürlich Testosteron. Aber weil sie so niedlich (zumal meist auch rosa) sind, müssen sie sich um ihren sozialen Status eh nicht sorgen.

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