Ich bin SurfGuard! (Zur Verteidigung der Anonymität gegen Jaron Lanier)

Netzpessimismus scheint gerade einen Aufschwung zu erleben: Schirrmacher, Gaschke, Lanier. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass sich der Aufschrei in den Blogs in Grenzen hielt. Auf Susanne Gaschkes Buch schrieb Felix eine schöne, fundierte Kritik, auf Jaron Laniers FAZ-Artikel antwortete Marcel Weiss auf netzwertig.com. Darin legte Marcel schon völlig richtig dar, dass der zentrale Anwurf Laniers, die „Digitalisten“ (Gaschke) hätten eine Agenda, unbegründet ist, jedenfalls von Lanier mehr als rhetorischer Trick verwendet wird, als dass er zur Klärung der Sache beitrüge.

Auf ein nachfolgendes Interview, das Lanier dem Spiegel gab, gibt es bislang erst eine Antwort – dabei finde ich dieses Interview viel interessanter als Laniers FAZ-Essay. Denn hier offenbart sich, wer in dem Streit zwischen Internetoptimisten und –pessimisten denn derjenige mit der Agenda ist.

Wer schließlich die schon seit vielen Jahren erkennbare Richtung positiv bewertet, in die sich das Web und ein paar angeschlossene Branchen entwickeln, der braucht nicht wirklich eine Agenda: Er kann sich stattdessen einfach zurücklehnen und den Dingen ihren Lauf lassen. Natürlich gibt es Menschen, die sich trotzdem bemühen, einen theoretischen Überbau zu schaffen, und zu denen würde ich mich auch zählen. Aber man darf hier Ursache und Wirkung nicht verwechseln: Die Ursache ist eine tatsächlich stattfindende Entwicklung, die Wirkung sind die nachträglichen Versuche ihrer Rechtfertigung. Diejenigen hingegen, die Gefahren oder auch nur Probleme beispielsweise im Social Web und in P2P-Technologien sehen, müssen eine gut begründete Agenda haben, weil sie den absehbaren Lauf der Welt ändern wollen.

Daran ist erst mal nichts Schlechtes, aber es gehört zur Redlichkeit dazu, zu dieser Wahrheit auch zu stehen. In dem Interview mit Jaron Lanier, der mir zuvor übrigens kein Begriff war, werden die Punkte seiner eigenen Agenda nun aber deutlich klarer als in seinem Essay, der sich noch zu sehr damit beschäftigt, die vermeintlichen Ziele seiner Gegner erst zu konstruieren und dann zu zerlegen.

Es beginnt mit einem Punkt, zu dem zu äußern mich schon lange drängte. Denn der Vorwurf ist immer derselbe, und er wird mit großer moralischer Pose vorgetragen, dabei ist er doch so einfach zu entkräften. Es geht um „Anonymität“. Man beachte die Anführungszeichen, denn tatsächlich ist das, was von Webpessimisten als „Anonymität“ bezeichnet wird, gar keine. Es gibt im Web echte Anonymität, beispielsweise auf 4chan, über deren Berechtigung man noch tatsächlich streiten kann. Diese Form von echter Anonymität ist aber in der Regel gar nicht gemeint, wenn Lanier sagt:

Die Anonymität spielt eine große Rolle. Wer anonym ist, muss keine Konsequenzen fürchten und erhält dennoch unmittelbare Genugtuung. Da wird ein biologischer Schalter umgelegt, und es entsteht eine richtige Meute. Das lässt sich auch in anderen Lebensbereichen beobachten. Wann immer sich Menschen mit einem starken gemeinsamen Glaubenssystem zusammenschließen, tritt meistens das Schlechteste zutage.

Mal abgesehen davon, dass hier mal wieder auf so perfide wie unbelegte Art und Weise eine phänomenologische Beobachtung (Menschen wollen im Internet „anonym“ sein) als Wirkung einer Absicht, sogar eines „Glaubens“ diskreditiert werden soll, vernachlässigt Lanier völlig die hinter der Anonymität stehende gesellschaftliche Notwendigkeit und das persönliche Bedürfnis.

Warum schreibe zum Beispiel ich in diesem Blog als SurfGuard und nicht unter meinem bürgerlichen Namen? Ganz einfach: Weil dieses Blog meine Ansichten als Privatperson wiedergibt. Das Pseudonym ermöglicht es mir, mit einer persönlichen Meinung öffentlich aufzutreten, diese Meinung aber von der anderen wichtigen Sphäre meines Lebens getrennt zu halten: dem Arbeitsleben.

Wenn ich zu einem Kunden fahre und mit ihm vor einem Termin noch etwas Smalltalk mache, dann werde ich  ihm nicht meine Ansichten über Privacy oder die Piratenpartei oder die Auswirkungen von Testosteron auf das Sozialverhalten von Menschen ausbreiten. Überhaupt werde ich mich mit Kunden oder auch anderen Menschen, zu denen ich keine persönliche Beziehung habe oder aufbauen will, nicht über politische, religiöse oder gesellschaftliche Themen unterhalten. Das lehrt schon der kleine Knigge. Mit meinen Freunden dagegen tue ich das natürlich sehr wohl.

Das Pseudonym „SurfGuard“ ermöglicht es mir, meine private und meine berufliche Sphäre auch im Web getrennt zu halten. Ich halte es für eine gesellschaftliche Notwendigkeit, dieses Bedürfnis, das Menschen immer schon hatten, auch im Web abzubilden. Wenn es zukünftig ein besseres Konzept geben sollte als die Wahl eines Pseudonyms, dann bin ich möglicherweise dabei. Um das aber vorwegzunehmen: Auch eine strukturell offene, technologische Etablierung des „Freundschafts“-Konzepts, wie man es aus sozialen Netzwerken kennt, kann nur dann eine Lösung dieses Problems sein, wenn sie beispielsweise dem Bloggen oder Mikrobloggen nicht eine wichtige Qualität nimmt: nämlich die Offenheit, neue „Freunde“ zu finden, die einfach das lesen wollen, was dieser SurfGuard schreibt. Geschlossene Freundschaftsgruppen a la Facebook haben eine andere Qualität als offene Systeme wie Twitter. (Nicht besser, nicht schlechter, aber anders.)

Für einen Menschen wie Jaron Lanier ist das Problem wahrscheinlich gar nicht existent: Wer damit sein Geld verdient, über das Web zu schreiben und Beratungsleistungen anzubieten, für den sind die beiden Sphären so weit überschnitten, dass sie zu trennen weniger notwendig erscheint.

Erst die Wahl eines Pseudonyms ermöglicht es aber potenziell allen Menschen, zur Wunderwelt des Internets beizutragen. Nur, wenn ich mir sicher sein kann, dass der nächste Kunde, den ich zum Beispiel am Bankschalter berate, mich nicht für einen durchgeknallten Nerd hält, kann ich es mir leisten, etwa zur Katalogisierung der Ü-Ei-Welt beizutragen, zur Eignung verschiedener Teleobjektive beim Trainspotting-Einsatz oder von mir aus zur Publikation von Forschungsergebnissen der Ehrenfelder Ortsgruppe der Deutschen Chichliden-Züchter.

Solange also Jaron Lanier statt Lösungen zum Problem der Trennung von Lebens-, Privatheits- und Intimitätssphären im Web nur Diffamierungen anzubieten hat, empfehle ich: Fresse halten.

Und ganz schlussendlich wird von den „Anonymitäts“-Gegnern ja auch ein wesentlicher Punkt vernachlässigt: „SurfGuard“ ist keine wertlose Ansammlung von Buchstaben, „SurfGuard“ ist eben nicht ein 4chan-„Anonymous“. SurfGuard enthält sehr viele, wenn auch nicht alle Aspekte meiner Persönlichkeit, die sich mit geschriebenen Texten überhaupt vermitteln lassen. SurfGuard ist eine seit inzwischen 14 Jahren existierende Marke, die ich nicht leichten Herzens aufgeben würde. SurfGuard hat eine Reputation. SurfGuard ist nicht anonym. Übrigens ist die Übersetzung von anonym: namenlos.

Wie Lanier sich die Kommunikation im Internet jedenfalls nicht vorstellt, kann man kurz später lesen:

Soziale Netzwerke wie Facebook versuchen, diesen Erfolg nachzuahmen [den Google mit Werbung hat]. Das Problem ist nur, dass sie dabei soziale Strukturen im Netz zerstören, die anfangs ziemlich gut funktionierten. Die Leute haben ja auch schon vor Facebook über das Internet miteinander kommuniziert.

An dieser Stelle kann ich, wenn auch vielleicht aus anderen Gründen, mit Lanier sogar noch übereinstimmen. Etwas verwunderlich wirkt dieser Absatz allerdings dann, wenn man etwas später von ihm lesen muss, dass „die Regeln des Netzes von Technikfreaks geschrieben [wurden], die nicht viel mit menschlicher Ausdrucksweise am Hut hatten.“ Ja was denn jetzt? Gab es anfangs gut funktionierende Kommunikationsstrukturen im Netz, die jetzt von Facebook zerstört werden, oder waren das anfangs nur autistische Freaks vor ihren Akustikkopplern? Oder kann ich mir das aussuchen, je nachdem, welchen Punkt ich gerade machen möchte, den gegen Werbung oder den gegen Crowd Wisdom?

Doch als wenn es nicht schon albern genug wäre, sich selbst so offen zu widersprechen, belegt das weitere Gerede von Lanier, dass er sich im Internet einfach nicht auskennt.

Ältere Leute nutzen Facebook tatsächlich, um wieder Kontakt zu alten Freunden aufzunehmen. Diese Beziehungen sind zuvor in der realen Welt entstanden. Ihnen ist bewusst, was echt ist und was nicht. Das Problem haben eher die Jungen. Auf sie kann das Facebook-Modell, was ein Freund ist und worum es im Leben geht, einen großen Einfluss haben.

Ja, es ist so, dass Facebook einen Einfluss auf die Freundschaften Jugendlicher hat – allerdings, wie die neuere psychologisch-soziologische Forschung meint, einen positiven.

Vollends inkompetent wird es, wenn Lanier meint:

Das Netz lässt nur Konformismus zu. Es belohnt Leute, die in soziale Normen passen.

Das ist einfach grob falsch. Oder kennt irgendwer auch nur ein populäres Blog, dessen Autor/in konformistisch ist? Abweichende, interessante, sogar polarisierende Meinungen und Personen werden im Web belohnt, nicht bestraft. Problematisch wird es nur dort, wo die wirkliche Welt sich mit der virtuellen überschneidet. Denn hier werden alle Vorurteile ausgelebt, die Menschen im echten Leben gegen Homosexuelle, gegen Frauen, gegen BWLer oder gegen wen auch immer haben. Es ist aber nicht so, dass das Netz hier Konformismus fördert. Im Gegenteil ermöglicht einem das Netz, auch Aspekte seiner Persönlichkeit auszuleben, die man im wahren Leben eben nicht zeigen darf, weil das Risiko entdeckt und diskriminiert zu werden viel zu hoch ist.

Perverse Randnote: Gerade Laniers Versuch, Menschen im Web aus der „Anonymität“ zu treiben, würde im Erfolgsfall den von ihm selbst beklagten Konformismus fördern. Denn wie Lanier sagt:

Hinzu kommt, dass es das Netz nicht erlaubt, sich selbst neu zu erfinden. Es vergisst nichts.

Doch, das Netz erlaubt es sehr wohl, sich neu zu erfinden (oder unbekannte Aspekte seiner selbst zu zeigen). Man muss nur ein Pseudonym benutzen.

Es geht konfus weiter, wenn es um geistiges Eigentum geht:

Wenn man aber eine dynamische Welt will, in der jeder noch selbst erfinden, denken und seinen eigenen Weg suchen darf, brauchen wir Kapitalismus – gerade auch für den Geist. Intellektuelle Leistung muss wieder belohnt werden, und zwar individuell.

Aha. Es geht also darum, den das Individuum betonenden Kapitalismus hochzuhalten. Könnte man ja noch okay finden. Aber was Lanier unter Kapitalismus versteht, sagt er einige Sätze später sehr explizit:

Die erste Idee war die beste, wurde aber leider nicht umgesetzt. Ted Nelson […] schlug vor, ein universelles Mikrobezahlsystem zu schaffen und gleichzeitig jede Datei nur einmal im Netz bereitzustellen. Das hätte viele Vorteile. Der Markt würde Angebot und Nachfrage regeln, und Musik, Bücher oder Zeitungsartikel würden sehr schnell einen vernünftigen, angemessenen Preis bekommen.

Was für ein „Markt“ wäre das bitte, in dem es ausschließlich Monopole gäbe? Wie würde dieser Markt „Angebot und Nachfrage regeln“, wenn jedes Angebot nach den Regeln dieses Marktes nur einmal existieren darf? Was solche „Märkte“ schaffen, kann man bei jeder Fußball-Weltmeisterschaft beobachten: einen blühenden Schwarzmarkt mit völlig überhöhten Preisen.

Es ist das Konzept Kunstauktion gegen das Konzept Lumas. Während die monopolisierten, zertifizierten, selten vervielfältigten Kunstwerke, die in Auktionshäusern verkauft werden, hohe Preise erzielen und normalverdienenden Menschen eher unzugänglich sind, sorgt eine Firma wie Lumas dafür, dass normale Menschen sich Kunst ins Wohnzimmer hängen, auch wenn man darüber streiten kann, ob die eine Kunst besser als die andere ist. Das Lanier-Konzept führt zu reichen Künstlern, deren Kunst aber wenig verbreitet ist. Das Lumas-Konzept dagegen verlangt implizit von Künstlern eine gewisse, zeitlich andauernde Produktivität, führt aber tendenziell zu einer höheren kulturellen Bildung aller Menschen, weil sie überhaupt die Möglichkeit bekommen, sich mit Kunst auseinanderzusetzen.

Jaron Lanier würde Lumas schließen.

Witzigerweise würde er im Gegenzug aber Google sozialisieren. Lanier sagt:

Vielleicht müssen wir Monopole zerschlagen, so dass wir beispielsweise nicht mehr nur ein Google haben, sondern mehrere. […] Wenn wir Internetsuche und Werbung entkoppeln würden, bekämen wir eine ehrlichere und wahrhaftigere Welt.

Aha? Privatisierte und gleichzeitig monopolisierte Kunst führt zu einer besseren Welt, eine marktwirtschaftlich entstandene Suchmaschine aber zu einer schlechteren? Ich verkenne keineswegs die Gefahren, die gewachsene Monopole wie die von Google oder Microsoft für die Welt haben. Aber mir will und will nicht klar werden, warum Lanier seine Freunde, die schaffenden Künstler, nach anderen Prinzipien behandeln möchte als seine Gegner, Facebook und Google.

Was Lanier so vor sich hin redet, wirkt einfach nicht durchdacht. Es entspringt keinem in sich schlüssigen Konstrukt der Welt, sondern es sind Sound Bites, die von seinen Mitapologeten  verwendet werden sollen, um einfache Punkte zu machen. Aber gerade wegen dieser mangelnden Schlüssigkeit in Kombination mit Laniers großem, missionarischem Mitteilungsbedürfnis erwacht in mir der Verdacht, dass es gerade Lanier ist, der eine Agenda hat, während die von ihm angefeindeten Internetnutzer einfach fröhlich Musik verbreiten. (An dieser Stelle bitte ein paar Blümchen werfen.)

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15 Gedanken zu “Ich bin SurfGuard! (Zur Verteidigung der Anonymität gegen Jaron Lanier)

  1. dogfood schreibt:

    Mich würden mehr Hintergründe zu der Bio von Lanier interessieren. Mir ist der Name Lanier durchaus geläufig. Das was der SPIEGEL da in der Bio nur kurz anreißt: Lanier war in der ersten Web-Hype-Phase (vor Platzen der Blase 2000) der bekannteste Vertreter für Virtuelle Realität. Keine WIRED Ende der 90er wo er nicht drin vorkam. Keine Doku über Cyberspace ohne seine auffälligen Rastazöpfe.

    Man kann also nicht behaupten dass der Mann völlig unbeleckt von Technologien oder Web ist. Im Rahmen seiner Arbeiten *muss* er sich auch irgendwann mit Fragen nach Anonymität und Verhalten von Menschen im „Cyberspace“ beschäftigt haben.

    Daher überrascht mich das „Umkippen“ von Lanier zu einer internetkritischen Haltung. Was hat den Mann derart um 180 Grad drehen lassen? Das wär mal ein Job für ein Online- oder Papiermagazin.

  2. Ja, die Rastazöpfe meinte ich auch schon mal gesehen zu haben, war mir dann aber nicht mehr sicher, ob er, Ossi Urchs und der späte Axl Rose unterschiedliche Personen sind.

    Danke für den Tipp mit der WIRED, ich müsste mal ein paar alte Ausgaben rauskramen und nach ihm suchen. Im Jahr 2000 hat er sein aktuelles Lied jedenfalls auch schon gesungen: http://www.wired.com/wired/archive/8.12/lanier.html

    Damals, Ende der 90er, hatte ich ähnliche Gedanken, nämlich dass viele Informationen zu einer Art Superinformation verschmelzen könnten. Ich hatte das damals positiv konnotiert, musste aber feststellen, dass es ein Irrglaube war. Tatsächlich fördert das Web Individualismus viel stärker als die Vereinheitlichung von Meinung. Lanier ist da anderer Meinung, bleibt aber meine Ansicht nach in einem theoretischen Konstrukt hängen, das von der wirklichen Welt längst als falsch erwiesen wurde.

    Ob das wirklich biographische Gründe hat?

  3. horst schreibt:

    „Nur, wenn ich mir sicher sein kann, dass der nächste Kunde, den ich zum Beispiel am Bankschalter berate, mich nicht für einen durchgeknallten Nerd hält, kann ich es mir leisten, etwa zur Katalogisierung der Ü-Ei-Welt beizutragen…“

    wo ist das problem bekannt zu sein für ein ausgefallenes hobby und dennoch seriös zu arbeiten? ich denke wir sind alt und gut erzogen genug (das wort knigge fälle oben ja auch) um arbeit und beruf zu trennen, oder nicht?
    wer dieses denkmodell angewendet z.b. auf homosexualität in armee hieße ein ungesundes klima des verschweigen und vertuschens zu schaffen nach der parole ‚don’t ask, don’t tell‘. wenn ich von meinem bankberater wüsste das er deutschlands experte für ü-eier wäre, würde mir das entweder am ***** vorbeigehen. wichtiger wäre mit die qualität der beratung. also dasss er mir nicht vor drei jahren lehmann papiere angedreht oder so..

  4. Tja, horst, das sehen leider nicht alle Leute so. Ich sehe ein Recht darin, nicht jedem Menschen, mit dem man zu tun hat, alles über die eigene Person offenbaren zu müssen, auch nicht über Google. Ich halte es auch nicht für erstrebenswert.

    Und jedenfalls kannst du von niemandem erwarten, sich zu offenbaren, weil der andere es nicht doof finden darf, wenn ich Trainspotter bin. Was, wenn er’s doch tut? Hab ich dann zwar Recht, aber auch Pech gehabt, wenn ich auf ihn angewiesen bin, weil er zum Beispiel mein Kunde ist?

  5. Anonymität wird von Lanier & Co. immer mit dem Internet in Bezug gebracht, doch sollte man sich fragen, ob man Medien unterschiedlich behandeln sollte. So beobacht ich keine Diskussion über die Möglichkeit anonym Brief verschicken zu können oder ähnliches.

    Auch ließen sich schon immer Gerüche anonym verbreiten: „Hast du schon gehört, der Dings soll ja …“ woher die Information dann kommt, ist denen, die diese Information sensationsheischend weitertragen, im Zweifel egal.

    Der Wunsch: ein Denunziantentum in der Gesellschaft zu verhindern, wird gerade durch unsere Bundesregierung mit dem Ankauf der Steuer-CDs torpediert.

    Eine Auflösung des Konzepts Anonymität würde den Einsatz von Kummerkästen in Frage stellen:

    http://www.presseschauer.de/?p=631

  6. _Flin_ schreibt:

    Anonymität im Netz ist in Zeiten der Vorratsdatenspeicherung sowieso eine Illusion.

    Und in Bezug auf die Ü-Eier… Vielleicht hat der Bankkunde keine Probleme mit dem Sammeln von Ü-Eiern, aber spätestens bei so Dingen wie gebrauchter Damenunterwäsche (oder Herrenunterwäsche für Herren) wäre die Toleranzschwelle schnell überschritten. Da kann sich ja jeder mal selbst hinterfragen und wird schnell auf Dinge stossen, denen er vorurteilsbehaftet gegenübersteht (wie zum Beispiel: Fussballfan = asozialer Säufer und Schläger, Live-Action-Roleplay = weltfremde Träumer mit mangelnder Körperhygiene, Schützenverein = potentielle Amokläufer mit reaktionärer Gesinnung).

    Privat ist privat. Und manche Dinge behält man eben lieber für sich.

    „ich denke wir sind alt und gut erzogen genug (das wort knigge fälle oben ja auch) um arbeit und beruf zu trennen, oder nicht?“

    Nein. Definitiv nicht. Wir sind ein wandelnder Haufen von Vorurteilen mit dem Anstrich der Vernunft. Und das, was wir nicht mögen und was uns zuwider ist oder was uns nicht passt, erklären wir vor uns selbst im Nachhinein rational, damit wir weiterhin an unsere eigene Vernunft glauben. Ich sag nur Kreationismus bzw. Religion im Allgemeinen.

  7. Auch das Pleite gehen bzw. das untergehende Schiff verlassen beherrscht Lanier, aber das ist nicht der Punkt. Wenn ich „Ja, es ist so, dass Facebook einen Einfluss auf die Freundschaften Jugendlicher hat – allerdings, wie die neuere psychologisch-soziologische Forschung meint, einen positiven.“ lese, wird mir anhand der Koinzidenz von Depressionen und dem Gebrauch von Social Media. http://is.gd/7WvHh doch etwas anders. Dummerweise gibt es genausoviele Studien, die Netizens Kurzsichtigkeit, Vereinsamung, gestörtes Sozial- und Sexualverhalten, Verlust sprachlicher Fähigkeiten und mangelndes Abstraktionsvermögen nachsagen. Das gesteigerte Längenwachstum der Augäpfel ist davon noch am einfachsten zu therapieren.
    Das Problem ist, dass das Netz vielfach zum Selbstzweck geworden ist. Man wendet sich nicht ins Netz um etwas (bestimmtes) zu tun, sondern man geht online um des online Seins Willen. Das Netz hat seinen Zweck und tausend SocialMedia und Mikroblog-Dienste versuchen diesen Umstand zu kaschieren.
    Auch ich war lange jemand, der „im Netz“ lebte und jetzt bin ich jemand der mit dem Netz lebt und ich werde hoffentlich bald jemand sein, der ohne Netz und ohne Handy auskommt, weil ich vor habe ein echtes Leben mit echten Freunden zu führen.

  8. „Man wendet sich nicht ins Netz um etwas (bestimmtes) zu tun, sondern man geht online um des online Seins Willen. “

    Du glaubst, dass das beim Kneipenbesuch ode rbeim samstäglichen Discogang immer anders ist?

    Und im übrigen: Hast du die von mir verlinkte Studie gelesen? Die sagt, dass *gerade* Menschen mit von dir so genannten „echten“ Freundschaften diese Freundschaften durch soziale Netzwerke eher stärken als schwächen.

    Ansonsten wünsche ich dir viel Spaß in den frühen 90ern. Ich kenne die, war eine schöne Zeit. (Ganz ehrlich.)

  9. mike schreibt:

    Das Problem an dieser -medienkulturtheoretischen- Debatte „Social Media: wohin gehts, was ist gut, was böse?“ ist generell:

    der vielfach impertinent zur Schau gestellte Anspruch auf alleinige Deutungshoheit aller beteiligten Akteure. Dieser macht das Thema sehr zäh und für eine breite, wirklich öffentliche Debatte unbrauchbar, es verhindert eine konstruktive Diskusssion.

    Denn, wer diskutiert denn? Blogger, Feuilltonisten und jügst -potzblitz, eine neue Gattung- selbsternannte „Internetpioniere“ von denen man noch nie was gehört hat. Das wars. Befragen sie mal ihre Freunde, Verwandten und Arbeitskollegen, egal welchen Alters, zum Thema „Wie findste denn die Entwicklungen im Bereich „Social Media“. Kopfschütteln. „Das ist das, was mann vor 2 Jahren noch „Web 2.0“ nannte, heisst jetzt aber nicht mehr so, weil der Begriff ist jetzt ein „Buzzword“, also uncool?“ Achselzucken.

    Die Gründe dafür:

    -narzisstische Selbstvermarkter, die trotz -oder eher wegen?- Talkshowpresents, einem breiten Publikum nichts liefert. Können sie ja auch nicht, denn es geht ihnen ja nur um zur Schau gestelltes DigitalNative-Freaktum, um Eigenwerbung: für den nächsten Spot, den nächsten Beratervertrag in Politik und Wirtschaft. Rotzig verächtlich: das Netz ist das Netz, und es entwickelt sich halt wie es sich entwickelt, und wer nicht mitmacht gehört halt nicht dazu. Warum gibts das? Menschen wollen das halt so. Aha -> Ziel: Eigennutz, Cash

    -inhaltlich überforderte Feuilltonisten wie Schirrmacher, die zwar Einiges richtig auf den Punkt bringt, wie z.B das Gefühl des „Overload“, der aber auch eine Menge Grütze und angebliche Experten auffährt, nur um das Ganze als Buchformat aufblähen zu können. Letztlich bleibts aber auch nur Feuillton, in der öffentlichen Wahrnehmung auch nur ein netter Sidekick.-> Ziel: Eigennutz, Cash, wenn auch unter dem kuscheligen Deckmantel der Kulturtheorie.

    -Lanier? hat in einem Punkt Recht (da ist er vielen Bloggern noch voraus). Es geht nicht darum, welcher Service wie gut ist, welche Auswirkungen welcher Service auf die Veränderung der Menschen in ihrem Sozialgefüge hat, sondern -immer noch- um Werbung. facebook tut nix Gutes für irgendjemanden, twitter nicht, Fousquare, Gowalla und Co nicht. Es geht nicht primär um die Nutzer, also die Menschen und die Veränderungen deren Sozialgefüge durch stationäre oder mobile Social Apps. Jeder dieser Dienste ist nur aus einem einzigen Grund entstanden oder noch vorhanden: um damit Geld zu verdienen, den seit facebookGründung bestehenden Traum von „Erst schaffen wir maximale Reichweite, und hoffentlich fällt uns irgendwann eine Targeting-Strategie ein, die auch relevante Klickraten generiert!“ irgendwann umzusetzen.
    Eigentlich schon für tot erklärt wird dieser Ansatz heuer aber wieder neu entfacht: Local Based Services?, Regionale Werbung in Pseudonavi-Schwanzlängenvergleichen „embedded“, ala, wo war ich, wo bin ich, wie komm ich da hin, wie oft war ich schon da. Im Zusammenspiel mit aktuellen Entwicklungen im Smartphonebereich und jüngeren Spieltechniken, der augmented reality, macht man sich da wieder Hoffnungen…. Es geht um Werbung, darin hat Lanier Recht: alle Wege im Netzt führen zur Werbung. Differenzierter, trickreicher, gezielter als früher. Aber es bleibt Werbung.
    Und sonst von Lanier: viel philosophisches Geschwurbel, PR fürs neue Buch. das wars. -> Ziel: Eigennutz, Cash.

    -Blogger: erheben das Thema zu einer überdrehten gesellschaftlichen Debatte, die außer ihnen niemand führt, und auch niemand führen will. das Thema ist müßig: Mensch, Familie, Freunde, Arbeit, Freizeit. Das wars. Der Tag hat noch immer 24h, genauso wie noch vor 15 Jahren. Wer will sich da mit solchen Themen befassen, und da auch noch eine Kulturrevolution mit reininterpretieren, blos weil heute jedermann Empfänger und Sender mit ein paar Klicks sein kann. Broadcast yourself? sei befriendet mit jedermann? Klar, ist nett, aber mehr nicht. Lohnt nicht sich darüber weitere Gedanken zu machen, weils eigentlich nicht wichtig ist. Aber trotzdem nett zu lesen, wenn,ja wenn wenigstens mal dieser ganze rechthaberische Habitus, dieser pseudokulturtheoretische Ballast, oder diese digitalhippieske „Netzfreiheit versus Paidcontent“-intention wegbleiben würde…Denn es geht eigentlich um Geld, und nicht um wohlmeindes, schreibendes Gutgemenschel.
    das sollte das tema sein:“ was macht sinn, was hat einen konkreten nutzen? was aber stiehlt uns nur zeit, befeuert uns mit überflüssigen info oder penetranter werbung?“ dieser diskrus würde sinn machen, nicht ein gekrähe für oder gegen verlage, schirrmachers, „netzpioniere“. alles andere ist nur eine debatte um der debatte willen, ohne ziel, ohne nutzen für irgendwen. wie der wurm ouroborus, der sich versucht in den eigenen schwanz zu beissen.
    -> Ziel: ein Thema für sich zu haben, und selbstreferenziell (denn es hört ja keine zu) abzuhandeln. Gut, die Grundintention ist ehrlich, aber das macht das thema immer noch nicht wichtig.

    -„alphablogger“: tun so als wären sie engagierte Blogger, sind sie aber nicht. Ihnen geht es mehr darum über Kollegen und frühere arbeitgeber aus der „Holzwirtschaft“ zu ketzen. Nebenbei: Lösungen für die Krise im verlagswesen können die auch nicht liefern nur lästern. Große Leistung. Wer seine zeit damit vergeudet, bei Niggemeier knüwer und co vorbeizuschauen, trifft auf arrogante bashings und auseinanderstzungen mit kollegen sowie gezieltr verlagsschelte, das wars. ->Ziel Aufmerksamkeit um der Aufmerksamkeit willen.

    Sonst noch jemand?

  10. „The breaking away of privacy in the digital world is often understood as something dangerous, and for good reasons. But could there be opportunities in it, too? Do the current cultural and technological trends only dissolve the protected area of privacy, or could they dissolve as well the pressures that privacy is supposed to liberate us from? What if we witness a transformation of civilization so profound that terms like „private“ and „public“ lose their meaning altogether? Maybe we won’t need „privacy“ at all in the future because we will value other, new liberties more strongly?“

    http://chaosradio.ccc.de/25c3_m4v_2979.html

  11. vrincent schreibt:

    @mike: stimmt, ist in der tat alles nicht so wichtig; das netz ist aber nunmal ein hobby, das ne menge leute teilen — und seit wann gibt es wichtigeres und ernsteres, als hobbies? ich muss allerdings auch gestehen — obwohl ich mich auch zu den hobby-netzleuten zählen würde — dass es mich ganz schön nervt, dass lanier im fas-feuilleton ne ganze seite kriegt um dermaßen hanebüchenen unsinn zu verzapfen und sich kein redakteur findet, der verbietet, für solch einen müll papier und druckfarbe zu verschwenden.

    ich habe übrigens den eindruck, dass Du auch das netzhobby pflegst, vielleicht würde Dich sonst die in der tat kleinkindhafte art des diskurses — s. „alphablogger“ — nicht so auf die palme bringen?

  12. luc schreibt:

    Sehr kluge Worte. Dennoch drei Anmerkungen:

    1) Das „Mob“-Phänomen gerade in den Kommentaren von Blogs und Online-Medien finde ich nicht ganz von der Hand zu weisen. Und natürlich hat es mit der Anonymität zu tun. Ich finde es manchmal schon erschreckend, was sich da manchmal aufschaukelt.

    2) Ich halte die Möglichkeit von Anonymität trotzdem für sehr sinnvoll. Ich zweifle aber daran, dass viele Menschen, zumal die, die mit Facebook & Co aufwachsen, schnell genug verstehen (lernen), dass man vorsichtig sein muss („das netz vergisst nichts“). Die Vorstellung, sich nicht neu erfinden zu können, ist beklemmend. Wenn Dein „Real name“ erstmal „belegt“ ist mit einer Online-Vergangenheit – wird es schwer.

    3) „Das Netz fördert Konformität“ – so pauschal lässt sich das sicher nicht sagen. Aber ich verstehe, worauf Lanier abzielt. Besonders Jugendliche etwa sind wohl schon einem hohen Anpassungsdruck durch FB&Co ausgesetzt. In Blogs sieht das natürlich etwas anders aus.

    Insgesamt hat Lanier schon interessante Thesen. Aber in der Tat ziemlich widersprüchlich und wirr – ganz wie das Web.

  13. „Ich halte die Möglichkeit von Anonymität trotzdem für sehr sinnvoll. Ich zweifle aber daran, dass viele Menschen, zumal die, die mit Facebook & Co aufwachsen, schnell genug verstehen (lernen), dass man vorsichtig sein muss (”das netz vergisst nichts”). “

    Daran zweifle ich auch, weil nämlich Leute wie Lanier ihnen einreden, dass sie alle unter eigenem Namen tun müssen. Wenn die Kinder in der Schule beigebracht bekämen, wie sie mit Pseudonymen umgehen, wäre die von dir zu Recht beschriebene Gefahr deutlich geringer.

    „Aber ich verstehe, worauf Lanier abzielt. Besonders Jugendliche etwa sind wohl schon einem hohen Anpassungsdruck durch FB&Co ausgesetzt.“

    Jugendliche sind immer und überall einem ungeheuren Anpassungsdruck ausgesetzt. Ich weiß, wovon ich rede, habe als Jugendlicher nie zu einer Clique gehört, war keiner Modegruppe klar zuordenbar, weder Popper noch Rocker noch Mod noch Waver/Goth. Das war nicht leicht und hat mich einiges an Spott ertragen lassen müssen, für die war ich immer der „Spießer“. Ich dachte: Ich bin viel freier als ihr, selber Spießer! Am Ende ist dieser ungeheure Anpassungsdruck für Jugendliche einfach da, und ich glaube nicht, dass er durch Facebook viel größer wird.

  14. luc schreibt:

    „Daran zweifle ich auch, weil nämlich Leute wie Lanier ihnen einreden, dass sie alle unter eigenem Namen tun müssen. Wenn die Kinder in der Schule beigebracht bekämen, wie sie mit Pseudonymen umgehen, wäre die von dir zu Recht beschriebene Gefahr deutlich geringer.“

    Sehr sinnvoll, klar, aber FB etwa erlaubt ja gar keine Anonymität. Das ist doch das Problem. Und ich lese Lanier vor allem auch als Kritik an den Silicon Valley-Konzernen, die streckenweise sehr berechtigt ist angesichts der ungeheuren Macht, die diese sich durch den Besitz unserer Daten bewusst aneignen. Ich denke nicht, dass er freie Blognetzwerke im Blick hat. Wenn man ihn wohlwollend interpretiert, dann spricht er sich nicht mal gegen Anonymität im Netz aus, stellt aber zu Recht fest, dass Anonymität eben bisweilen zu „Mob“-Verhalten führt.

    Im Übrigen finde ich seine Ideen insgesamt anregend. Ein intelligenter, kritischer Blick ist sinnvoll und schärft unser Vertrauen, dass wir die Zukunft des Web selbst gestalten können. Das mit der Monetarisierung hab ich aber auch nicht geblickt. Werd mir wohl mal sein Buch kaufen.

    Was den Anpassungsdruck in Schulklassen angeht hast Du vermutlich recht.

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