Kurz reingeblättert: Das neue uMag

Disclosure: Der folgende Artikel entstand auf Anfrage des Hamburger bunkverlags, der das uMag veröffentlicht. Ich wurde angeschrieben, ob ich in diesem Blog eine Heftkritik veröffentlichen wollte und habe die Anfrage angenommen. Ich erhalte für diesen Artikel kein Geld oder andere Leistungen; mir wurden lediglich eine alte und die erste neue Ausgabe des Magazins kostenlos zugeschickt. Außerdem wurde mir die Möglichkeit angeboten, hier im Blog drei Probeabos zu verlosen, worauf ich aber verzichte.

Ob es dieses eine Jahr ist, das ich älter bin als die uMag-Zielgruppe? So ganz warm werde ich mit dem Relaunch des ehemaligen „Magazins für Popkultur und Gegenwart“ nämlich nicht, obwohl es keineswegs nur Schatten gibt, sondern auch ein paar echte Highlights.

Alt

Ich kannte das alte U_mag, so die Schreibweise bisher, nicht, kann mich auch nicht erinnern, es jemals in der Hand gehabt zu haben. Der Eindruck, den die November-Ausgabe macht, ist die eines zeitgemäßen Popkultur-Magazins mit klarem Schwerpunkt auf Interviews. Das Layout wirkt wie das eines sehr guten Studentenmagazins: Zeitgemäß, wenn auch nicht cutting edge, aber vor allem sehr klar, mit hohem Weißanteil, auch die Fotos eher auf der High-Key-Seite, insgesamt ein gut und freundlich lesbares Heft.

Beispiele (Post-it-Lesezeichen nicht im Original…):

Altes Interview

Alte DVD-Rezensionsseite

Altes Vermischtes

Aus alt wird neu

Warum eigentlich ein Relaunch? In der letzten Instanz klärt darüber weder das neue Heft selbst auf, noch das die Pressematerial. Im Editorial schreibt Chefredakteurin Jutta Rossellit, dass wir „über unsere Augen leben“, dass Musik wichtig ist und dass Popkultur hoffentlich nie aufhören werde, uns zu verändern. Ob das eine Anspielung auf das neue Heft ist? Veränderung, weil das im Pop eben so sein muss?

Die Zielgruppe des neuen uMags soll jedenfalls sein: „Großstädter, lässig, gebildet, szenig und meinungsstark“, „Early Adopters in den Bereichen Style, Kommunikation, Musik und Kultur“ zwischen 20 und 39 Jahren alt. Etwas Sorge machte vorab schon diese Kategorisierung: „Diese Zielgruppe des neuen uMag liest jedoch kaum Tageszeitungen […] dafür hat [sie] das Netz und Community-Seiten wie facebook stark in ihren Alltag integriert.“

Okay, die Generation Facebook will man also ansprechen, und die lege angeblich mehr Wert auf „kurze, konzentrierte Texte“. Ich halte diese Einschätzung genauso für ein Fehl- oder bestenfalls Vorurteil wie Felix Schwenzel, der zu dem Thema neulich schon ausführlich rumdifferenzierte. Interessant ist, wo die Redaktion ihre Rolle in dem Spiel sieht: „Aus der Fülle der Informationen filtert die Redaktion in Ruhe heraus, was wichtig ist, bereitet Texte und Layouts mit Sorgfalt auf. Dabei spielt die Kompetenz eine Rolle, mit der sich der Verlag seit Jahren in der Kultur- und Entertainmentszene bewegt.“ Na, das beruhigt ungemein, wenn Kompetenz eine Rolle spielt. Wie viele Redaktion nehmen sich schließlich vor, endlich mal mit inkompetenter Stümperei den großen Publikumserfolg zu erzielen und gucken dann sparsam, wenn die Leser für 3,30 € Journalismus erwarten?

Im Ernst: Was da beschrieben wird, sollte eine nicht erwähnenswerte Selbstverständlichkeit für jedes Magazin sein, das nicht kostenlos in Franchise-Restaurants verteilt wird. Es entsteht ein bisschen der Eindruck, dass die Redaktion ihren eigenen Anspruch runtergeschraubt hat, um bei den jungen und mittelalten Leuten (neu) zu landen.

Eine schöne Entscheidung ist allerdings die, den Charakter eines Printmagazins zu stärken, indem man das Medium Papier fühlbarer macht: Das neue uMag ist auf gröberem, weniger gebleichtem Papier gedruckt. Ich mag es, wenn man das Papier anfassen kann und seine Struktur fühlt, wenn es sogar etwas mehr nach Papier riecht als eine typische Illustrierte.

Vergleich von vorher und nachher:

Neues vs. altes uMag
Altes und neues Cover im Vergleich
Papier und Typo im alten uMag
alt
Papier und Typo im neuen uMag
neu
Alte Hochglanzfotos
alt
Sichtbar gerasterte, neue Fotos
neu

Neu

Das entsprechend diesem Konzept komplett neu gestaltete uMag macht einen gemischten Eindruck. Die angeblich so konzentrierten Texte wirken nur kurz – insbesondere dann, wenn man schon dem Layout ansieht, dass aus wenig Inhalt viele Seiten gemacht werden sollen.

Interview-Doppelseite

Generell wirkt das neue Magazin deutlich unstrukturierter, schlechter lesbar. Die gestalterische und inhaltliche Klarheit ist einem farblich blassen Durcheinander von Informationshäppchen gewichen. Das fängt beim Inhaltsverzeichnis an, manifestiert sich am stärksten auf den Seiten mit vermischten Inhalten und zeigt sich auch auf einer eigentlich schönen und immerhin einfallsreich gedachten Doppelseite, auf der Alice im Wunderland mit Bildern gehuldigt werden soll. Diese Bilder sind dann aber Konsumgüter, die mit Hersteller und Preis erwähnt werden, was dem ganzen flott den Charme nimmt.

Neues Inhaltsverzeichnis

Vermischtes

Vermischtes

Bildartikel über Alice im Wunderland

Zwei Lichtblicke gibt es aber auch. Zum einen eine wunderschöne Strecke mit Fotos von Todd Hido, der gewissermaßen Desperate Housewives und ihre Häuser fotografiert hat. Bei ihm kommen seine Kunst, die Papierqualität und die inhaltliche Ausrichtung des uMags endlich zu einem stimmigen Ganzen zusammen.

Schöne Fotostrecke

Schöne Fotostrecke

Sichtbar gerasterte Fotos

Überhaupt: Wenn schon das Papier matt ist, dann müssen die Fotos strahlen. Und das tun sie, wenn auch düster, im Fall von Todd Hidos Bildern mal. Ansonsten aber dominieren im neuen uMag blasse Farben, ganze Seiten sind in stumpfminz gefärbt, was aber einfach nur unspannend ist. Die „11 Freunde“ macht Monat für Monat vor, wie’s geht: Stumpfes Papier, klare Fotos.

Das gelingt dem uMag auch bei der Titelstrecke über die Blood Red Shoes. Um das etwas in das eigene Shooting verliebte Interview will ich in diesem Fall lieber den Mantel des Schweigens hüllen, aber die Fotos passen auch hier gut zum physikalischen Format des neuen Magazins.

Interview mit den Blood Red Shoes

Schlussendlich gibt es noch einen ordentlichen Artikel über den vorgeblichen Backlash gegen soziale Netzwerke. Auch hier ist das Layout gut gelungen, und selbst wenn der Artikeltext letztlich nur die kulturpessimistischen Thesen eines aktuellen Buchs etwas unkritisch widergibt, werden diesem Text doch drei Interviews mit aktiven Web-2.0-Nutzern gegenübergestellt, was als journalistisch sauberes Konzept schon durchgehen kann.

Bericht über soziale Netzwerke

Fazit

Unter dem großen Strich kann ich im Relaunch des uMags zwar Veränderung erkennen, aber keine Verbesserung. Das Papier ist schöner geworden, das Format übrigens auch minimal handlicher. Aber die Chancen, die das Papier bietet, werden aus meiner Sicht zu oft vergeben. Häppchenjournalismus war angekündigt, und Häppchenjournalismus ist das neue uMag geworden. Das liest sich letztlich so verwirrend wie die KinoNews bei McDonald’s.

Auf den oben erwähnten Lichtblicken im Heft kann man aufbauen, aber die letzte Notwendigkeit des Relaunchs, wenn er nicht wirtschaftlich notwendig war, erschließt sich mir im Rückblick und als Neuleser nicht. Dennoch werde ich in den nächsten Monaten sicher immer mal wieder reinschauen und verfolgen, wie sich das Heft entwickelt.

P.S.: Hier gibt’s eine Sammlung der anderen Blattkritiken aus den vom uMag angeschriebenen Blogs.

P.P.S.: Verleger Uwe Bunk verteidigt das neue uMag im Interview mit DWDL.

Seitenkopf mit winzigkleiner Seitenzahl

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