Kurz reingeschaut: Hot Chip in der Live Music Hall in Köln

Es muss ein dumpfes, vermutliches zu leises Geräusch gegeben haben, als mein Kopf auf die Tischplatte aufschlug. Verdammt, dachte ich noch bei mir, als ich die Kneipenholzmaserung näher kommen und schließlich unscharf verschwimmen sah, verdammt SurfGuard, sie haben dich reingelegt. Spätestens hätte ich stutzig werden sollen, als meine Begleiterinnen sich noch einen Schnaps mit Tabasco die eine, und einen eigentlich zu starken Wodka-Cocktail die andere bestellten, während mein Raumquadrant schon lange begonnen hatte, mein Bewusstsein in einen Strudel aus Alkohol und Passivrauch zu quirlen.

Hatten, früher am Abend, die großen Kölsch etwa doch mehr Alkohol gehabt als die in Plastikbecher umgeschenkten Heinekenfläschen, an denen V.J. mit betont spitzem Mund genippt hatte? Doch wahrscheinlich hatte ihr signalroter Lippenstift bereits da die meisten rationalen Gedanken überstrahlt gehabt, die ich mir eigentlich hätte machen sollen.

Es war also meine einzige Hoffnung, dass jemand die kleinen Spuren zu einer Fährte würde kombinieren können, die ich während des Abends unauffällig hinter mich gestreut hatte: Ein kurzer Tweet hier, ein betont großes Trinkgeld für den LMH-Bartender da, und schließlich noch der Deckel, den ich mir in den Hängenden Gärten auf meinen bürgerlichen Vornamen hatte machen lassen, anstatt, wie zunächst gefordert, bar zu zahlen.

Doch das waren alles Gedanken, die in Ruhe zu erwägen ich noch alle Zeit der Welt haben würde, wenn ich mich am nächsten Morgen in einem verlassenen Neu-Ehrenfelder Hinterhof wiederfinden würde, hinter einer mit Graffiti besprühten Stahltür, bewacht von einem blonden Dackel.

Bloß nicht in der Öffentlichkeit schnarchen, schoss es mir noch durch den Kopf. Doch dann ließ ich einfach zu, dass die Nacht mich zum ersten Mal an diesem Abend mit ihrer Schwärze überspülte.

tbc…

Nun mag es also sein, liebe Gelegenheitsleser und Abonnenten, dass mein einseitig schmerzendes Hirn mir nicht mehr das neutralste Bild des gestrigen Abends mit Hot Chip in der Live Music Hall vorspielt. Aber ist elektronische Musik dafür gemacht, nüchtern gehört zu werden? Wohl nicht! Oder wird elektronische Musik dafür erdacht, von CDs gehört zu werden? Unsinn!

So kann ich euch also nur zurufen: Lasst euch nicht täuschen von den schnarchlangweiligen Platten von Hot Chip! Die Jungs können live so viel mehr, die können eigentlich alles: Die können grooven, die können rocken, die können einfach mitreißen!

Und wenn es mir ja, wie regelmäßige Konsumenten wissen, auf Konzerten darum geht, die Seele einer Band zu sehen, dann ist mir gestern sogar das gelungen. Dort, in der Mitte von Hot Chip, sitzen nämlich KISS und strecken dir ihre lange Zunge durch die 90er-Elektrobeats und die zahllosen Schichten aus 80er-Sounds entgegen. These Chips were made for loving you!

Was für ein lohnender Abend, was ein Rausch, was für eine tolle Live-Band! Und wer auf offener Bühne ein Wham!-T-Shirt-trägt, der kann sowieso kein schlechter Mensch sein. Du regelst, Alexis Taylor.

Hot Chip

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3 Gedanken zu “Kurz reingeschaut: Hot Chip in der Live Music Hall in Köln

  1. V.J. schreibt:

    liebster surfguard,
    du hast dich, bis zu deinem überraschenden nickerchen – den klugen kopf idyllisch zwischen kölschgläsern, aschenbecher und meiner quietschroten handtasche gekuschelt – wirklich wacker geschlagen.
    nun bleibt empirisch zu untersuchen, ob große kölsch schlimmer sind als die äquivalente zahl kleiner becher heineken im wechsel mit becks. den wodka-cocktail musste ich tatsächlich gezwungenermaßen zur schadensbegrenzung zu mir nehmen, um nämlich eventuelle langzeitschäden durch die vermischung verschiedener biersorten zu vermeiden.
    deiner konzertkritik schließe ich mich vorbehaltlos an. wild boys always shine!
    deine,
    v.j.

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