Kurz nachgefragt bei: Christopher Möllering, Torwart von Fortuna Köln

Christopher Möllering, 1987 in Ratingen geboren, ist seit der Saison 2008/2009 Torwart beim SC Fortuna Köln. Christopher hat schon zahlreiche Vereinsstationen hinter sich, spielte unter anderem in den U19-Mannschaften von Fortuna Düsseldorf und Schalke 04, in der Regionalliga bei Werder Bremen II und vor dem Wechsel zur Fortuna beim KFC Uerdingen.

Aktuell plant er seine Zukunft, hat ein Vertragsangebot von der Fortuna vorliegen und will nach einer gerade abgesessenen Rotsperre am Sonntag gegen den 1. FC Kleve zurück ins Tor der Fortuna kehren. Am vergangenen Dienstag stand er mir für ein Telefoninterview zur Verfügung.

Hallo Christopher! Wie hoch ist eigentlich die Strafe, die man als Fortuna-Spieler für eine rote Karte in die Mannschaftskasse zahlt?

Das sind, je nach Ermessen, zwischen 100 und 200 €.

Immerhin! Das ist gemessen an dem Monatsgehalt, das ihr verdient, wirklich eine Menge.

Ja klar. Aber die Höhe wird eher daran bemessen, wie es zu der Karte gekommen ist und inwiefern sie vermeidbar war.

Du hast nach dem Schlusspfiff des Spiels gegen Wattenscheid 09 eine rote Karte bekommen, weil du in Richtung Schiedsrichter gesagt hast, das sei „eine Schweinerei“ gewesen. Würdest du das noch mal machen?

Ich lerne relativ schnell aus Fehlern, die weh tun. Entsprechend halte ich mich mit so belanglosen Äußerungen dann auch demnächst zurück, um die Energie lieber ins nächste Spiel mitzunehmen als rumzupalavern.

Auf das grandiose Windeck-Spiel (3-0 am 28.03.10) folgten drei Niederlagen. Was ist da mit der Mannschaft passiert?

In der ersten Halbserie hatten wir ja auch eine kleine Schwächephase, aus der wir uns gegen Velbert wieder rausgezogen haben. Damals haben wir explizit daran gearbeitet, frühe Gegentore zu vermeiden, und genau das ist jetzt auch wieder unser Lösungsansatz. Wenn man so ein Spiel macht wie gegen Windeck, 3-0 gewinnt und im nächsten Spiel das Leistungsniveau nicht mehr abruft, weckt das natürlich Erinnerungen an die erste Halbserie. Daran dürfen jetzt aber einfach nicht denken. Ich denke, wir fahren gut, wenn wir die Sache so angehen, wie der Trainer das auch schon begonnen hat.

Wart ihr euch nach dem Windeck-Spiel zu sicher?

Nein, zu sicher auf gar keinen Fall. Ich denke, es hat auch eine Rolle gespielt, dass wir in den letzten Wochen sehr, sehr viele Spiele hatten. Das zehrt natürlich an den Kräften, und man ist auch im Kopf nicht mehr so wach. Gegen Windeck haben wir es geschafft, unsere Kräfte zu bündeln, und wir hatten uns natürlich vorgenommen, auch das Wattenscheid-Spiel erfolgreich zu bestreiten. Aber Wattenscheid ist auch keine Mannschaft, die man mal einfach so weghaut, es sei denn, man macht früh ein Tor. Wir wollten so ein frühes Tor, das hatten wir uns wenigstens ausgemalt. Dieses Tor kam aber nicht, und wir haben es nicht geschafft, weiter Fußball zu spielen, sondern haben die Brechstange rausgeholt und haben es auch wegen unserer individuellen Fehler nicht geschafft, unser Spiel so aufzuziehen wie gegen Windeck. So kam es dann zu der Niederlage.

Zum Schluss, insbesondere  in Herne und in der zweiten Halbzeit gegen Velbert, hat es ein bisschen den Eindruck gemacht, dass ihr die Saison schon abgehakt habt. Ist die Luft raus, weil nach oben eigentlich nichts mehr geht?

Wir haben noch Spiele. Es ist unser Ziel, jedes Spiel erfolgreich zu bestreiten, und das hatten wir uns natürlich auch für die letzten drei vorgenommen. Aber es ist schwer, die Ausfälle zu kompensieren, die wir haben. Und es ist auch schwer für die Spieler aus der zweiten Reihe, genau dort anzusetzen, wo die Mannschaft aufgehört hat, die letzte Woche auf dem Platz stand.

Aber abgeschenkt haben wir auf gar keinen Fall. Man darf nicht vergessen, dass jeder von uns auch Geld verdienen möchte, und es geht in jedem Spiel für uns um sehr viel Geld. Schon deswegen ist es natürlich unser Ziel, jedes Spiel zu gewinnen. Die Summe, die am Monatsende ausgezahlt wird, ist für jeden Anreiz genug, drei Punkte zu holen.

Als du vor der letzten Saison zur Fortuna gekommen bist, hatte Niklas Blech die Nummer 1. Die trägt er auch heute noch auf dem Rücken. Du hast dir dann aber sofort einen Stammplatz erkämpft. Zu Beginn dieser Saison war plötzlich Niklas erneut die Nummer 1, nach seiner Verletzung dann wieder du. Das sind überraschend viele Wechsel und ein überraschend offener Zweikampf für eine Torwartposition. Wie ist eigentlich das Verhältnis von Niklas und dir?

Ich bezeichne das mal als Konkurrenzkampf. Vorweg möchte ich aber sagen, dass wir einen tollen Zusammenhalt pflegen in der Truppe, auch wenn wir uns mal ankacken, was relativ selten vorkommt. Wir denken immer an das Kollektiv, und so habe ich das noch nie in meiner Laufbahn erlebt. Ich habe schon einige schlechte und einige gute Erfahrungen gemacht und kann mir rausnehmen, das zu beurteilen: Das ist bei der Fortuna vom Mannschaftsgefüge her das Beste, was ich erlebt habe.

Als ich zur Fortuna gekommen bin, wollte ich die 1 gar nicht, weil mein persönliches Vorbild Alexander Walke ist. Er hat mir damals in Bremen in der schweren Zeit viel geholfen, und von ihm habe ich, als er gegangen ist, meine Rückennummer bekommen: die 31. Aber ich könnte auch mit der 99 spielen.

Und zur Situation mit Nik: Vor der letzten Saison habe ich mich gegen ihn durchgesetzt, und während der Saison gab es dann auch ein paar Spannungen zwischen uns. Wir waren uns nicht immer ganz so grün. Klar: Wenn man auf der Bank sitzt, ist das nicht so schön. Aber Nik hat weiter gearbeitet, wofür ich ihm wirklich mein Kompliment ausspreche. Und genauso wenig habe ich aufgehört, an mir zu arbeiten, als ich zu Beginn dieser Saison nicht im Tor gestanden habe.

Kam das für dich überraschend?

Ehrlich gesagt: ja. Aber ich hatte während der Vorbereitung viele private Probleme. Unter anderem ist mein Vater krank geworden, und ich hatte nicht so den Kopf frei. Dabei habe ich noch den Fehler gemacht, nicht mit dem Trainer zu sprechen, mit dem man wirklich über alles reden kann. Ich habe das aber nicht in Anspruch genommen, so dass er nicht über meine Situation Bescheid wusste. Der Trainer hat dann entschieden, dass ich wegen fehlender körperlicher Frische der Mannschaft nicht weiterhelfen kann.

Dann wurde die Situation mit meinem Vater akut: Er musste ins Krankenhaus und operiert werden. Damals fand ich es von Nik eine ganz starke Geste, dass er für mich den Weg zum Trainer gemacht hat. Ich wusste davon nichts, aber Nik hat dem Trainer Bescheid gesagt, als ich den Anruf aus dem Krankenhaus bekommen hatte, dass ich schnellstmöglich kommen sollte. Der Trainer hat mir dann sein vollstes Verständnis ausgesprochen und gesagt, dass ich mir ein paar Tage nehmen soll, wenn ich sie brauche. Das habe ich allerdings nicht gemacht, weil ich die Sache über den Fußball ganz gut verarbeiten konnte.

Und wie hast du dich dann wieder zurück ins Tor gekämpft?

Über die Trainingsleistung. Ich wusste irgendwann auch, dass das mit meinem Vater gut gelaufen war und hatte mir meine Chance verdient, zu spielen – ob Nik verletzt war oder nicht. Die Chance habe ich dann gegen Bergisch-Gladbach bekommen, und mein Spiel war nicht schlecht – bis auf das eine Gegentor, das mir noch heute im Magen liegt. Danach hat dann Nik weiter gespielt, war irgendwann aber wieder verletzt, und in der Woche habe ich viel Gas gegeben und gedacht: Jetzt nutzt du deine Chance.

Wie ist euer Verhältnis jetzt?

Seitdem haben Nik und ich eigentlich ein sehr gutes Verhältnis und unterstützen uns auch gegenseitig. Nik hat sicher Erfahrungen gemacht, die ich nicht gemacht habe, weil er eben auch schon 30 Jahre alt ist. Wenn dann eine Situation entsteht, in der er mir etwas sagen kann, sprechen wir. Und genauso stand ich hinter Nik, als er jetzt die zwei Spiele gespielt hat. Ich habe ihn vor den Spielen explizit abgeklatscht und ihm viel Glück gewünscht und dass das Spiel so läuft, wie er sich das vorstellt.

Man sagt, als Torwart und als Linksaußen muss man ein bisschen verrückt sein. Wie verrückt bist du?

Ich bin sehr verrückt. Aber wir Torhüter sind nicht von Haus aus bekloppt, sondern wir werden bekloppt, weil wir einen Arschloch-Job haben: Wir versuchen, die Fehler der Vorderleute auszubügeln. Und entweder, man macht den Job gerne und ist bekloppt genug dafür, oder man macht ihn nicht.

Und zu dem Thema Linksaußen: Mein bester Kollege ist Benni Venekamp, der zufällig Linksaußen spielt. Ich kenne ihn schon sehr lange, wir machen alles zusammen, werden oft als Ying-Yang-Twins oder als Brüder bezeichnet. Ich habe anderthalb Jahre lang sogar mit ihm zusammen gewohnt.

Das war dann eine Verrückten-WG?

Auf jeden Fall. Wir hatten schon das ein oder andere Mal die Polizei auf der Matte stehen, wenn wir gefeiert haben, weil in der Zeit auch alle immer bei uns waren. Da war’s dann auch mal zu laut, trotz der zwei-etagigen Wohnung.

Warum bist du eigentlich Torwart geworden?

Daran kann ich mich ziemlich genau erinnern. Als Spieler war ich nicht schlecht, aber auf einem E-Jugend-Turnier in München mit Fortuna Düsseldorf hat mich mein Trainer ins Tor gestellt, weil unser Torwart nicht so gut gehalten hatte. Wir lagen bei einem Hallenturnier 2-0 gegen 1860 München zurück, haben nachher noch 2-2 gespielt, und der Trainer fand wohl, dass ich ganz gut gehalten habe. Danach bin ich ab und an ins Tor, aber erst ab der C-Jugend fest. Anschließend bin ich relativ schnell den Weg auch in die Auswahlmannschaften und in die Jugendnationalmannschaft gegangen.

Was ist deine größte Qualität als Torwart?

Sicherlich meine Sprungkraft und mein fußballerisches Verständnis und Können.

Und an welcher Schwäche arbeitest du am meisten?

Das ist eine gute Frage, die ich jede Woche nach dem Spiel auch mit meinem Vater ausdiskutieren muss, der fast immer zuguckt: Das ist die Strafraumbeherrschung. An der muss ich arbeiten, habe ich schon viel gearbeitet und mich auch verbessert. Aber mir reicht das noch nicht.

Hast du einen Karriereplan? Willst du bis zu einem bestimmten Alter in einer bestimmten Liga gespielt haben?

So weit will ich mich jetzt nicht aus dem Fenster lehnen, man weiß nie, was in der nächsten Zeit kommt. Mein Ziel ist es jedenfalls nicht, die nächsten zwei Jahre in der NRW-Liga zu spielen. Deshalb arbeite ich daran, mit der Fortuna nächstes Jahr den Weg in die Regionalliga zu schaffen. Ich will nach oben.

Verhandelst du aktuell mit der Fortuna über deinen Vertrag für die nächste Saison?

Ja. Die Fortuna ist mein erster Verhandlungspartner, und wir reden zurzeit miteinander. Da wird auch das Finanzielle abgesteckt: Ich fahre jeden Tag von Duisburg nach Köln, sitze sehr viel im Auto und dieser Aufwand muss entsprechend entlohnt werden.

Ich kann natürlich keine Wasserstandsmeldungen über die Verhandlungen abgeben. Aber ich habe mir aber auch einen Termin beim Trainer geben lassen. Ich werde am Donnerstag mit ihm darüber sprechen, wie er sich das nächste Saison vorstellt, denn ich weiß ganz genau, dass er auch nach oben will. Und mir geht es vor allem um die Perspektive, nicht um Geld. [Das Gespräch fand am Dienstag, 13.04.10, statt.]

Du hast schon bei vielen Vereinen gespielt. Wofür steht für dich die Fortuna? Was zeichnet sie im Vergleich zu dem aus, was du in anderen Vereinen erlebt hast?

Die Nähe zwischen Fans und Spielern. Diese Nähe bekommt nicht jedem Spieler, aber mir bekommt sie sehr gut. Natürlich wird auch Kritik geäußert, aber damit muss man umgehen können und wir haben dafür eigentlich immer ein Ohr.

Und generell hat der Verein natürlich sehr, sehr viel Tradition. Für mich ist es unbegreiflich, wie die Fortuna nur so wenige Zuschauer ins Stadion locken kann, auch wenn es mit dem großen FC schwierig ist, in der Stadt noch was abzuzweigen. Aber man merkt trotzdem, was für eine Stimmung im Südstadion ist: Die ist unbeschreiblich. Wenn man mal vor 1.500 Zuschauern spielt, wie ich es selbst schon erlebt habe, ist es einfach ein geiles Gefühl, in diesem Stadion zu stehen und die Fans zu sehen, wie sie uns aufpeitschen.

Das zeichnet die Fortuna also für mich aus: Diese Menschlichkeit und auch die Kritik, die man sich anhören muss, die aber persönlich ausgesprochen wird.

Was würdest du sagen, fehlt der Fortuna am meisten? Was hast du bei anderen Vereinen erlebt, von dem sich die Fortuna eine Scheibe abschneiden könnte?

Ich muss sagen, als ich den Weg zur Fortuna gewählt habe, hatte ich bei beim KFC Uerdingen gespielt. Und von der Struktur her war es bei Uerdingen eine Katastrophe, eine reine Katastrophe. Ich habe mich damals in Uerdingen trotz des Abstiegs sehr wohl gefühlt, aber mir hat die professionelle Struktur drumherum gefehlt – und die hat die Fortuna.

Es ist wirklich schwer zu sagen, was mir fehlt, weil ich mich bei der Fortuna ausgesprochen wohl fühle.

Und was ist das Wichtigste, das du in den letzten beiden Saisons bei der Fortuna gelernt hast?

Das Wichtigste für mich ist, mir abgeschaut zu haben, wie man den Teamgeist fördert und wie man schlechte Stimmung aus einem Team nimmt. Das läuft bei uns grandios, und es macht Spaß mit den Jungs zu arbeiten. Man hat immer Lust auf Fußballspielen, wenn auch natürlich in den Wintermonaten etwas weniger. Aber generell ist das schon allererste Sahne, muss ich sagen.

Vielen Dank für das Gespräch, Christopher, und weiterhin viel Erfolg!

Mölle

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