Kurz reingeschaut: "Das Fest" im Kölner Schauspielhaus

Ich meine: Irgendwas muss man sich doch denken, wenn man den Dogma-Film fürs Theater adaptiert? Sowas wie: „Auf der Bühne kann ich die Emotionen viel unmittelbarer zeigen.“ Oder: „Ich lasse auf der Bühne zeitgleich geschehende Szenen parallel ablaufen und verstärke so noch das Dogma-Gebot des ‚hier und jetzt'“. Oder: „Ich nehme die den Zuschauern bekannte Filmhandlung als Rahmen, in dem ich die Charaktere noch stärker herausarbeite.“ Jedenfalls muss ich ja glauben, dass ich mit dem Medium Bühne  diesem unfassbaren Meisterwerk von Film eine weitere Dimension, eine neue Erkenntnis, eine klarere Sichtweise abgewinnen kann.

Ein paar dieser Gedanken sind Jan Hein (Dramaturgie) und Dieter Giesing (Regie) für die Kölner Inszenierung von „Das Fest“ vielleicht schon durch den Kopf gegangen: Da gibt es parallel montierte Szene, da gibt es Szenen von großer emotionaler Kraft, da gibt es eine Polonäse der Darsteller außen rund um den Publikumssaal, und da gibt es vor allem ein tolles Ensemble.

Aber die Regie schafft es über weite Teile, diesen herausragenden Stoff mit einer zutiefst konventionellen Sprechtheaterinszenierung viel weiter vom Zuschauer wegzurücken, als es der Film vormachte. Denn wenn Dogma 95 sich gegen die Wirklichkeitsentfremdung des modernen Kinos richtete und der Film „Das Fest“ es genau durch den Einsatz dieser Mittel und durch eine erstklassige Regie vorbildhaft schaffte, den Zuschauer in ein erschütterndes Familiendrama mitten hineinzuziehen, so erlaubt es Dieter Giesing den Kölner Zuschauern, sich vom Geschehen zu distanzieren, wenigstens ermöglicht er es ihnen. So schaffen es einige Zuschauer tatsächlich, an den traurigsten Stellen zu lachen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass beim Sehen des Films auch nur ein Zuschauer weltweit in einem unpassenden Moment die Mundwinkel nach oben gezogen hat.

Dass die Regie diese Aufführung verhunzt, ist vor allem schade für die Schauspieler. Denn was die leisten, merkt man erst nach dem Ende der Aufführung: Dann fällt es wirklich schwer, Felix Vörtler, der den Vater Helge gibt, seinen hochverdienten Applaus zu spenden, weil man ihn noch so sehr mit seiner Rolle identifiziert. Das ist bei Carlo Ljubek leichter, weil natürlich Christian der Held des Stücks ist. Ljubek zeigt ihn als tief erschütterten, zerrissenen, verzweifelt trotzigen Mann. Da ist durch all die männliche Entschlossenheit noch viel von dem Kind zu spüren, das so verbrecherisch verletzt wurde. Große Schauspielkunst! Und Lina Beckmann zeigt, als Christians Schwägerin Mette mal wieder in einer Nebenrolle, eine andere Seite als die von ihr gewohnte: Wenn sie sonst oft, schon wegen ihres zischelnden Sprachfehlers, eher die ulkigen Rollen bekommt, so zeigt sie hier mit großer Kraft und Stimme, wie die Unterdrückung durch ihren Mann Mette gleichzeitig verletzt und wütend macht. Die plötzlichen Ausbrüche von Mettes Zorn könnenw irklich erschrecken.

Diese und auch die übrigen Schauspieler hätten eine bessere Regie verdient.

Umso unverständlicher ist mir, wie diese Aufführung von der Kritik so durchgängig in den Himmel gehoben wird. Ich weiß nicht, ob ich von einem 76 Jahre alten Regisseur gerade mehr oder weniger erwarten darf als von einem jungen: Auf der einen Seite weniger, weil er in den Konventionen der Vergangenheit verhaftet sein darf, auf der anderen Seite aber gerade mehr, weil er sich nicht mehr beweisen muss und freier inszenieren könnte.

Wovon ich aber mehr erwarte, das ist von der Theaterkritik, die zurzeit alle Kölner Inszenierung in Grund und Boden jubelt. Ja: Karin Beier ist es gelungen, das Kölner Theater wiederzubeleben, und das ist mir sehr, sehr recht. Aber nur manches dieser Wiederbelebung hat mit gelungenen Aufführungen zu tun. Vieles hat auch mit williger Kritiklosigkeit zu tun.

Diese Aufführung jedenfalls muss man, entgegen allen Besprechungen, nicht gesehen haben. Besser leiht man sich noch einmal eine DVD mit dem Film.

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