Kurz reingeschaut: "Das Leben ein Traum (was sonst)" im Kölner Schauspielhaus

Es war eine mittelmäßige Saison im Kölner Schauspielhaus, vielleicht die schlechteste unter der Ägide von Karin Beier, wenn auch mit ein paar Höhepunkten. Zwei Abo-Aufführungen musste ich leider verpassen („Wozuwozuwozu“ und das Nathan-Gastspiel), ein paar hätte ich mir lieber gespart („König Lear„, „Kasimir und Karoline„), dafür gab es zwei außergewöhnliche Inszenierungen als Highlights: die Chétouane-Inszenierung von „Dantons Tod“ und die Kafka-Inszenierung. Diese beiden Aufführungen spielten mit der Sprache, waren weit entfernt davon, traditionelles Sprechtheater zu sein, schafften es aber doch, mich zu begeistern und emotional tief zu packen.

Insofern hätte man vermuten können, dass auch „Das Leben ein Traum“ zu meinen Favoriten gehören könnte, doch es zeigte sich, dass wenn zwei das gleiche tun, es noch lange nicht das selbe ist. Wenn Laurent Chétouane nämlich seine Darsteller die Worte des Stücks gegen den Strich sprechen lässt und auf der Bühne ein Gewimmel erzeugt, das den Zuschauer verwirren soll, dann hat das einen erkennbaren Zweck: nämlich die Momente der Ruhe und Klarheit umso stärker hervorzuheben. Die Anstrengung lohnt sich dann.

Auch Jürgen Kruse, der Regisseur von „Das Leben ein Traum“ lässt die Schauspieler Worte falsch betonen, streut sprachliche Verfremdungseffekte und sogar alberne Kalauer ein. Auch Kruse lässt ein paar Statisten die Bühne bevölkern, die hauptsächlich Bewegung und Hintergrundgeräusch erzeugen sollen. Aber ihm misslingen die Momente, wenn der Krach erstirbt. Da ist dann keine Klarheit, keine Schärfe, keine Präzision. Da ist dann einfach nur mal ein paar Sekunden Ruhe und akustische Erholung, bevor das Gebrabbel weitergeht.

Dabei bietet sich das spanische Stück aus dem 17. Jahrhundert für so eine Form der Inszenierung tatsächlich an: Der polnische Thronfolger Zygmunt wird von seinem Vater direkt nach der Geburt in einem einsamen Turm isoliert, weil die Sterne behaupten, er würde ein schlechter König werden. Um die Vorhersage zu testen, wird Zygmunt eines Tages doch als König auf Probe eingesetzt. Er besteht die Prüfung nicht, tötet sofort willkürlich einen Untertan, wird wieder betäubt, in seinen Turm verbracht, und man versucht ihm weiszumachen, dass er die Tage als Herrscher nur geträumt habe.

Das Bühnenbild zu diesem Tagtraum ist tatsächlich traum-, märchen- und fabelhaft gelungen: Ein schiefes Turmgestell, in dem Zygmunt halbnackt herumturnt, ein vergeistigter König in einer Bibliothek neben einem großen, sich drehenden, leuchtenden Globus, alles in ein seltsam deutliches Halbdunkel getaucht, das von scharfen Lichtstrahlen durchdrungen wird wie ein klarer Nachhimmel von Sternen. Toll!

Doch die Dauerverwirrung, in die die Inszenierung den Zuschauer des Zuschauer stürzt, indem irgendwo auf der Bühne ständig leise gesprochen, mit Schlüsseln geklappert, gesungen oder anderweitig Lärm gemacht wird, wenn Monologe mit Monotonie verwechselt werden, nervt aber einer gewissen Zeit nur – und diese Zeit zieht sich: Geschlagene vier Stunden mit nur einer Pause mutet Kruse den Zuschauern zu.

Vor der Pause bekommt man wenigstens noch in Grundzügen die Story mit. Nach der Pause aber geht alles unter, wohl auch wegen starker Textkürzungen. Das schöne Schlussbild, als Zygmunt, schließlich doch ein guter König geworden, an der Tafel sitzt, um ihn drei Frauen und eine (echte) Boa, nur von einer Kerze erleuchtet und Zygmunt diese Kerze auspustet, entschädigt nicht für die 75 Minuten purer Langeweile davor. Man bekommt einfach nicht mehr mit, was passiert.

Und wo nach der Pause zu stark gekürzt wurde, da vor der Pause zu wenig: Die Nebenhandlung mit zwei verworrenen Beziehungsgeschichten trägt kein bisschen zur eigentlich spannenden Haupthandlung bei. Hier hätte man locker ein bis zwei Stunde sparen können, ohne Kraft zu verlieren – im Gegenteil!

Am Ende ist diese Aufführung einfach nur selbstverliebt, sie mutet dem Zuschauer viel zu, nimmt ihm viel Energie, aber ohne ihm gleichviel oder gar mehr zurückzugeben. Das herausragende Bühnenbild wird mir im Gedächtnis bleiben, aber wenigstens zwei von vier an diesem Abend im Theater verbrachten Stunden waren einfach nur verlorene Lebenszeit.

Ich bleibe dem Schauspielhaus aber natürlich dennoch treu und habe mein Abo auch für die nächste Saison wieder verlängert. Ihr findet mich zu den Dienstags-Abo-Terminen in Reihe 15.

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