Sonnenstudiotussis dieser Stadt, gebt mir meine Öffentlichkeit zurück!

Ich muss definitiv wieder mehr bloggen, und wenn es nur ist, um die ganzen guten Stories nicht den anderen zu überlassen, die sich wie ich darum bemühen, einer bekannten Geschichte einen bedenkenswerten Aspekt abzuringen.

Das war mir gestern oder vorgestern schon bewusst geworden, als ich darüber stolperte, dass Mario Sixtus schon lesenswert darüber geschrieben hat, warum StreetView gut ist: Weil es nämlich dafür sorgt, dass die Öffentlichkeit weiterhin Öffentlichkeit bleiben, vielleicht sogar erst sein kann.

Ein interessanter Effekt des Netzes ist es, theoretische Rechte in praktische zu verwandeln. Das allgemeine Grundrecht auf freie Meinungsäußerung machte sich beispielsweise in der Pre-Netz-Ära sehr hübsch im Grundgesetz und in Sonntagsreden. Abgesehen von Flugblättern, Leserbriefen und Stammtischansprachen hatte der gemeine Bürger allerdings kaum eine Möglichkeit, von diesem Recht Gebrauch zu machen. Das Netz hat nun dieses theoretische Recht in ein praktisches verwandelt. …

Mit dem öffentlichen Raum verhält es sich ähnlich. Sich frei durch Straßen und über Plätze zu bewegen ist unser aller gutes Recht und dazu gehört auch, die darumstehenden Gebäude anzuschauen. Wem das nicht passt, der kann sein Haus mit einem hohen Zaun oder einer Mauer umgeben. … Das Netz gibt uns nun in Form von Diensten wie Flickr-Maps, PanoramioSightwalk oder eben Street View die Möglichkeit, wenigstens virtuell auf Wanderschaft zu gehen, also endlich ausgiebig von unserem Recht Gebrauch zu machen.

Erst Street View und Konsorten machen den öffentlichen Raum wirklich öffentlich.

Ich möchte noch einen weiteren Aspekt hinzufügen. Denn es gilt nicht nur, die Öffentlichkeit des öffentlichen Raums zu verstärken, sie auf ein Niveau zu heben, das sie vielelicht shcon lange haben sollte. Nein, es gilt vielmehr noch, allen Bemühungen entgegen zu wirken, die dem öffentlichen Raum seine Öffentlichkeit nehmen wollen.

Vorhin führte ich den Hund meiner Freundin vor die Tür. Das Tier ist a) alt und b) Dackel, was in der Kombinaion dazu führt, dass hier mehr der Hund mit dem Frauchenvertreter spazieren geht als umgekehrt. Er schnüffelt ausgiebig hier und dort, guckt immer wieder, ob es wirklich weitergeht, wenn ja, in welche Richtung und dackelt dann gemütlich hinterher. Jedenfalls ist er langsam. Gar kein Problem für mich, ich bin ja kein hektischer Typ.

Doch dann kam der Moment, als ich vor dem Sonnenstudio zwei Türen weiter stand. Davor saß die Sonnenstudiowärterin auf einem Stuhl auf der Straße und telefonierte. Es ging um Privates, wer mit wem, und warum sie denn ihm nicht einfach gesagt habe, dass er dieses oder jenes bitte tun oder lassen könne. Ich stand auf der Straße, direkt vor ihr, wartete auf den Dackel und hatte das Gefühl, in die Privatsphäre der Sonnenstudiotussi einzudringen – bis mir schlagartig bewusst wurde, dass es natürlich genau umgekehrt ist: Wie kommt diese Frau dazu, mein Recht einzuschränken, mit dem Hund meiner Freundin langsam über die Straße zu gehen? Wie unverschämt muss man eigentlich sein, meine schöne Öffentlichkeit mit seinem unwichtigen Privatgedöns einzuschränken?

Es gab einen kurzen Moment, da hätte ich mir gewünscht, der Hund wäre vor ihr stehen geblieben und hätte ihr ans Bein gepinkelt. Wenn du dich so benimmst, als sei die Straße deine Wohnung, dann benehme ich mich eben so, als seist du eine Laterne.

P.S.: Das schon mehrfach erwähnte Buch zum Thema: How To Be Alone.

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