Stammelige Gedanken

Zu Sarrazin muss man ja eigentlich nichts mehr kommentieren. Ich habe die ganze Debatte eher nebenbei verfolgt, weil das Thema, über das Sarrazin polemisiert, ja wirklich seit 40 bis 50 Jahren rauf und runter diskutiert wird. Die Diskussion ist wichtig, aber provokative Beiträge interessieren mich einfach nicht.

Gestern abend wollte ich mir dann aber doch mal einen Eindruck machen, wie der Mann so persönlich wirkt und sah mir online die Aufzeichnung von „Hart aber fair“ an. Nach rund 15 Minuten musste ich ausschalten. Zum einen, weil die ganze unsachliche Erregungsdebatte mir fürchterlich auf den Zeiger ging, auch von Seiten der Sarrazin-Gegner. Und zum anderen, weil mir klar geworden war, dass Thilo Sarrazin dem Anschein nach niemand ist, der einen klaren Gedanken fassen kann.

Sarrazin war Berliner Finanzsenator und dann Vorstandsmitglieder der Bundesbank. Jobs, die sich über öffentliche Kommunikation wohl fast definieren. Und so ein Mann sitzt dann in einer Fernsehsendung und kriegt keinen gerade Satz formuliert, stammelt sich durch wirre Faktenfolgen, die Zusammenhänge nur andeuten statt klären. Wenigstens sein geradezu manisch reflexhaftes Einstreuen eines „also“ alle fünf Wörter hätte man ihm doch mal in einer Redeschulung abgewöhnen können, oder?

Vor so jemandem muss ich keine Angst haben. Der Mann ist kein Demagoge, er wird niemanden verführen, sondern erreicht nur diejenigen, die sowieso seiner Meinung sind.

Langweilig, nächstes Thema bitte.

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11 Gedanken zu “Stammelige Gedanken

  1. P.S.: Der tag „Kulturpessimismus“ gefällt mir dazu sehr gut und ist mehr als treffend! Einige Verlagskaufleute können sich von dieser PR einiges abgucken :-(

  2. Dein Hashtag „karl_dall“ ist aber auch nur noch gemein. Ich hab mir die Bemerkung verkniffen, aber natürlich trägt seine schlechte Aussprache, für die Sarrazin wegen einer teilweisen Gesichtslähmung nun wirklich nichts kann, zum unsortierten Gesamteindruck bei.

  3. vonjott schreibt:

    Das Verführungspotential bei polemischen, ausgrenzenden und rassistischen Beiträgen ist aber leider immer da, egal ob jemand Charisma hat oder nicht, ob jemand seine Meinung rhetorisch brilliant rüberbringt oder nicht, egal ob jemand stringent argumentiert oder nicht.
    Ich glaube sogar, das würde dem Erfolg bei der Zielgruppe eher entgegenstehen.
    Einfache Antworten werden von bestimmten Teilen der Bevölkerung gern gehört. Ressentiments und Angst waren schon immer der Hauptmotor extremistischer Bewegungen.
    Ich finde diese Debatte weder ermüdend noch überflüssig. Ich finde gut, dass die mediale Empörung über Sarrazin hohe Wellen schlägt. Und ich finde es erschreckend, dass derartige Hetze immer salonfähiger wird.

  4. Solche Hetze war immer salonfähig. Nur weil sie in den 90ern mal von Political Correctness übertüncht wurde, heißt das nicht, dass es sie nicht gab. Die Reps waren nicht zufällig in mehreren Landes-Parlamenten, die CSU hat sowieso immer am rechten Rand gefischt und Jörg Haider war halt nur kein Deutscher.

    Ich mag das alles nicht, aber ich sehe keine Entwicklung.

    Aber die Süddeutsche ist wohl auch deiner Meinung: http://www.sueddeutsche.de/kultur/debatte-um-sarrazin-alles-fuer-ein-aha-erlebnis-1.995422

  5. vonjott schreibt:

    hmm… eigentlich finde ich, dass sowas gerade seit den 90ern immer salonfähiger wird und „political correctness“ oder vielleicht passender: ein antirassistisches leitbild( ?) seitdem abnimmt.
    in meiner wahrnehmung hat das begonnen mit dem historikerstreit. aber das ist meine subjektive empfindung und nicht „statistisch“ belegt ;-)

  6. Halblinks schreibt:

    Ganz unabhängig davon, ob man Sarrazin Demagogier oder Hetze vorwerfen will, finde ich es dennoch wichtig, dass endlich mal intensiv über die offensichtlichen Probleme diskutiert wird (wenn es denn endlich mal zu einer brauchbaren Diskussion kommen sollte).
    In seinen Analysen wirft er in meinen Augen interessante und wichtige Tatsachen auf, mit denen sich in dieser Deutlichkeit viel zu wenig beschäftigt wird. Warum sind denn die Integrationsprobleme in den Folgegenerationen hauptsächlich bei den Muslimen noch so deutlich nachzuweisen?
    Das reflexhafte Aufzählen von positiven, einzelnen Gegenbeispielen (wie eben auch in der von dir erwähnten Fernsehsendung), ist lächerlich und spielt Sarrazin in die Karten, dass er nur noch volley verwandeln muß!
    Schön, dass man jetzt Sarrazin Hetze vowirft, dabei aber vergisst und unterschlägt, dass Kirsten Heisig und Güner Balci letztlich gleichartige Argumentationen geliefert haben oder Situation beschreiben. Gegen Kirsten Heisig traute sich zuletzt auch zu ihren Lebzeiten niemand mehr zu argumentieren, da ihre Empirie entlarvend und umfassend war.

    Es muß auch mal gehandelt und nicht nur sporadisch geredet werden. Aber das ist in Deutschland ja bei vielen Themen so. Das Handeln war übrigens auch das große Plus von Kirsten Heisig!

  7. vonjott schreibt:

    @ halblinks
    Das ist eine dieser typischen undifferenzierten Argumentationsweisen, die diese Diskussion so wahnsinnig negativ beeinflusst.
    Heisig und Sarrazin kann man nun wirklich nicht miteinander vergleichen, zumal sie empirisch arbeitete und aus ihren Erfahrungen heraus wußte, wovon sie redet. Außerdem bauteHeisig keine Front gegen eine ganze Gruppe auf, sondern berichtete von konkreten Fällen ihrer Arbeit. Und dass sie, bedingt durch ihren Beruf, mit den Extremen konfrontiert war und ihr Buch somit nicht auf alle Muslime übertragen werden kann, dürfte wohl auch klar sein.

  8. vonjott schreibt:

    PS: Sarrazin gibt rassistisches Gedankengut wieder, und das ist ein Fakt der nicht wegzudiskutieren ist. Wenn er zB Muslimen unterstellt, sie seien dümmer, und das ethnisch-biologisch begründet, dann ist und bleibt das rassistisch. Wenn er von einem Judengen palavert und das nicht inhaltlich vollständig zurücknimmt, dann ist das rassistisch. Punkt.

    Wiki:
    „Rassismus deutet „Rasse“ in der einfachsten, biologistischen Bedeutung als grundsätzlichen bestimmenden Faktor menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften. […]
    Rassismus zielt dabei nicht auf subjektiv wahrgenommene Eigenschaften einer Gruppe, sondern stellt deren Gleichrangigkeit und im Extremfall die Existenz der anderen in Frage. „

  9. Halblinks schreibt:

    @vonjott: Du hast mich nicht verstanden: Mir geht es eben nicht darum, ob Sarrazin jetzt rassistisch hetzt oder nicht. Sich damit zu beschäftigen überschattet die Tatsachen, die er anspricht und die auch u.a. Kirsten Heisig angesprochen hat.
    Nur weil seine Judengen-Aussage totaler Unfug ist und er ggf. in der Öffentlichkeit so lange provoziert wird, bis er weiteren Müll von sich gibt, heißt es doch nicht, dass seine grundsätzliche Analyse Nazi-Gedankengut ist. Wenn man seine hanebüchene Genaussagen und Vererbungslehren mal beiseite läßt, bleiben doch noch weitere Dinge, die ich nicht durch Hr. Friedmann wegpoltern lassen kann.
    Wenn seine Analysen so falsch sind, warum ist bis heute keiner aufgetreten, der seine Fehler aufdeckt und die „richtigen“ Schlüsse zieht.

  10. @halblinks
    Wer rassistisch argumentiert, kann sich nicht darauf berufen, dass er, wenn man den Rassismus mal beiseite ließe, eigentlich nur gesellschaftliche Probleme ansprechen wollte, und über die solle man nun doch bitte diskutieren. Dann hätte er die rassistischen Argumente gleich beiseite lassen sollen, wie es sich für zivilisierte und übrigens auch für wissenschaftlich nur halbgebildete Menschen seit einiger Zeit gehört.

    Der Diskurs über Migration und Integration wird von sehr vielen Menschen sehr differenziert und sehr kontrovers geführt. Herrn Sarrazin und seine Pöbeleien braucht es in dieser Diskussion einfach nicht.

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