Kurz reingeschaut: "Das Werk / Im Bus / Ein Sturz" im Schauspielhaus Köln

Ich war gewarnt worden: vor Elfriede Jelinek. Ich war andererseits gelockt worden: von begeisterten Rezensionen, die dieser Inszenierung von drei Texten Elfriede Jelineks große Kraft und politische Wichtigkeit attestierten. Beides stimmte.

Die drei Texte von Elfriede Jelinek beschäftigen sich mit dem Verlust von Menschenleben, die von der Errichtung von Bauwerken verursacht wurden: Mit dem Tod von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen während des Dritten Reichs bei der Fertigstellung des Tauernkraftwerks bei Kaprun in Österreich; mit dem Sturz eines Linienbusses in einen Krater, der sich aufgrund des Baus einer U-Bahnlinie 1994 in München auftat; und mit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs.

Das könnte spannender Stoff sein, doch Jelinek gelingt es, jede Tragik wegzutexten, jede Emotion zu verquasen. Ihre Texte sind einfach nicht spannend. Genau genommen kann man ihnen nicht einmal folgen, wenn man sich anstrengt. Aber es entsteht auch kein Geist, der über den Worten schweben könnte, wenn Jelineks Texte ausreichend lyrische Qualität hätten. Das ist alles einerseits zu verkopft und andererseits zu platt, immer wieder mit feministischen Anspielungen durchsetzt, die aber aufgesetzt und verkrampft wirken.

Ganz anders die Inszenierung von Karin Beier: Die holt aus aus dem Text das meiste noch dann heraus, wenn sie ihn einfach ignoriert, zur bloßen Soundkulisse degradiert, wenn sie auf die guten, sehr präzisen Darsteller setzt oder einfach nur ein Spektakel auf die Bühne bringt.

Die Höhepunkte sind zweifellos die Tanzeinlage mit anschließendem Auftritt eines großen Männerchores zum Ende des ersten Aktes. Es ist zwar unklar, was das alles sagen soll, aber es ist einfach gut dargeboten und eine willkommene Ablenkung nach über einer Stunde schweren Sprechtextes.

Im letzten Akt, wenn es um den Einsturz des Stadtarchivs in einem Text geht, den Jelinek als Auftragsarbeit für diese Aufführung schrieb, setzt Karin Beier die Bühne nach und nach unter Wasser, bis es knöcheltief steht und zwei Tänzer als Mutter Erde und als Geist des Wassers darin einen gewaltsam-erotischen Kopulationstanz platschen.

Doch gerade dieser letzte Akt führt vor, warum solch ein Unglück, mit all seiner Entstehungsgeschichte, kaum irgendwohin besser als nach Köln passt: Das Publikum johlt bei jeder Textpassage, die mal verständlich ist. Dass es sich dabei immer um die allerplattesten Gesinnungs-Aussagen handelt, stört nicht. Man hat den Eindruck, dass sich der Kölner daran ergötzt, sich selbst auf der Bühne zu sehen, und wenn es anlässlich des Verlusts von unschätzbarem Kulturgut ist. Hauptsache, man kann sich noch mal darin versichern, dass wir kleinen Bildungsbürger ja schon immer die da oben doof fanden. Dass wir sie gewählt haben, dass wir Teil des Systems sind? So viel Einsicht muss jetzt auch nicht sein. Also wird auch in die stillen Passagen hörbar hineingekichert, um jeden Ansatz von Schmerz und Einsicht im ewigen Karneval aufgehen zu lassen. Wie schön, dass man im Nachhinein wohlfeil klatschen kann und sich nicht im Vorhinein aktiv einmischen muss.

Und so bedient dann auch diese Inszenierung, so toll sie ist, letztlich den Willen des Kölner Bürgertums, sich buchstäblich zu Tode zu amüsieren, sich dabei aber für ach so überlegen und selbstironisch und selbstdistanziert zu halten. Und was für ein wichtiges Theater wir auch noch haben, guck mal, wir kommen sogar selbst drin vor, im Theater des Jahres.

Wenn das zu zeigen die Absicht der Regisseurin war, dann ist es genial. Wenn nicht, dann weiß sie jetzt, dass sie in Köln an der falschen Adresse ist, wenn sie Selbstreflexion erreichen möchte. Wir finden doch immer was, um uns einzureden, dass wir uns amüsieren, nicht wahr? Ja ja, wir sind Zauberer.

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2 Gedanken zu “Kurz reingeschaut: "Das Werk / Im Bus / Ein Sturz" im Schauspielhaus Köln

  1. Hm. Ich bin seit ewigen Zeiten weit weg von Theater und Schauspiel aber von Beier hört man ja tatsächlich nur Gutes, so dass ich schon ’ne ganze Zeit neugierig bin und dieses Stück (grade wg. Beier / TdJ / aktueller Kölnbezug)hatte sich eigentlich angeboten. Jetzt les ich Deinen Text und weiß nicht mehr ob ich noch Bock hab. Was denn jetzt? Ja oder Nein? Schreckt mich das eher ab oder macht es Lust auf mehr?

  2. Ich finde die Inszenierungen von Karin Beier wirklich gut. Aber das Stück ist einfach schwach. Unterm Strich würde ich in diesem Fall den Daumen knapp nach unten senken. Nur, wenn du bereit bist, die erste Stunde durchzustehen und anschließend keine inhaltlichen Erwartungen hast, lohnt sich der Besuch wegen des Spektakels.

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