Rückblick auf meine ESC-Prognose

Teilweise lag ich ja ganz gut, mit meiner gestrigen ESC-Vorhersage, teilweise aber auch katastrophal schlecht. Im Mittelwert wich meine Vorhersage um 8,1 Plätze von der schlussendlichen Platzierung ab, im Median (der die Extremwerte weniger stark berücksichtigt) immer noch um 6 Plätze.

Gut lag ich bei der Vorhersage der Top-Platzierungen von Aserbaidschan und Dänemark sowie beim schlechten Abschneiden von Spanien und dem Abkacken des Wettfavoriten Frankreich.

Komplett daneben lag ich bei Finnland, die ich auf 2 hatte (Resultat: 21), bei Ungarn (ich: 4, Welt: 22), sowie bei Ukraine, Schweden und Griechenland, die ich ans Ende des Tableaus platziert hatte, die von den Anrufern und den Juries hingegen weit nach vorne gewählt wurden. (Aufgeschlüsselter Vergleich von Vorhersage und Ergebnis: am Ende des Beitrags)

Ich glaube, ich habe einen wesentlichen Punkt unterschätzt: In der Spitze der ESC-Tableaus tummelt sich regelmäßig eine ähnliche Mischung von Songs. Da sind:

  • Der Konsens-Sieger
    Ein Titel, auf den sich ganz Europa einigen kann. Das war in diesem Jahr Aserbaidschan, allerdings auf erstaunlich niedrigem Niveau. Immerhin 12 Länder vergaben keine Punkte an Ell und Nikki, „douze points“ erhielten sie nur drei Mal: von Malta, Russland und der Türkei. Zum Vergleich: Lena hatte letztes Jahr neun Mal die Höchstwertung erhalten und nur fünf Mal keine Punkte.  Der norwegische Rekordsieger von 2009 hatte von ausnahmslos jedem Land Punkte erhalten und konnte insgesamt 166 mehr Punkte sammeln als „Running Scared“.
  • Das gute Lied
    Einen Song gibt es jedes Jahr in der Spitze, der musikalisch von hoher Qualität ist, bei dem aber der Sexappeal und der Kracherfaktor fehlen. Dieses Jahr war das wohl Italien.
  • Der Klamauk-Song
    Irgendeinen Titel wählen Menschen, die nicht auf die Musik, sondern nur auf die Show achten. Das war in diesem Jahr der Song aus der Ukraine, der völlig belanglos war, bei dem aber die Sandmalerin im Hintergrund für erinnerbares Eye Candy sorgte.
  • Der Kandidat der Herzen
    Diesen Slot füllte der Roger Whitaker des Balkans, Dino Merlin aus Bosnien & Herzegovina.

Völlig unerklärlich hingegen ist mir die gute Platzierung Griechenlands. Was haben die Menschen an diesem Song gefunden? Der Rapper war so gnadenlos schlecht, der Tenor zwar immerhin gut, aber der Song ohne Erinnerungswert, die LED-Projektion war unauffällig. Wer wählt sowas?

Finnland dagegen ist wohl tatsächlich seiner Startnummer zum Opfer gefallen: Im ersten Halbfinale schaffte der Titel es immerhin noch auf Position 3. Dass er sich im Finale so schlecht platzierte, ist nicht mit musikalischer Qualität oder der Konkurrenz erklärbar.

Blick nach Baku

Nun geht es also nach Baku. Und obwohl das immerhin eine 2-Millionen-Einwohner-Stadt ist, kann ich mir vorstellen, wie die Stimmung der EBU-Veranwortlichen gerade ist. Als ich von 2004 bis 2006 mal drei Jahre für den ESC arbeiten durfte, fiel in diese Zeit auch die Veranstaltung in Kiew. Ich erinnere mich lebhaft, wie schwierig die Vorbereitungen dort waren, so weit ich sie mitbekam – und die Ukraine hat immerhin fünf Mal so viele Einwohner wie Aserbaidschan. (Damals in Kiew zitterte man vor einem Sieg des Neulings Moldawien, der am Ende Siebter wurde. Viel größer als Moldawien ist Aserbaidschan auch nicht.)

Insbesondere problematisch war es 2005 zum einen, den Ukrainern klar zu machen, dass sie für die Durchführung eines solchen Events mit vielen tausend aktiv Beteiligten Hilfe benötigen würden. Und ich kann mir vorstellen, dass das in einem undemokratischen Land wie Aserbaidschan eher noch schwieriger werden wird, weil der politische Wille, sich der Welt als stolze und leistungsfähige Nation zu präsentieren, die ein solches Ereignis alleine stemmen kann, noch größer sein wird als damals in Kiew.

Und dann gibt es da noch die notwendige Halle. Ich kenne Baku nicht, und vielleicht hat man sich dort schon eine Multifuktionsarena gebaut. In Kiew war die Halle jedenfalls von historischem Wert: Wenn man zu den Kommentatorenkabinen ging, die ganz oben rund um den Zuschauerraum lagen, dann gab der Boden unter dem Linoleum immer wieder nach. In der Halle war viel Holz verbaut, und das hatte sich im Lauf der Jahre und Jahrzehnte halt doch hier und da in Moder verwandelt.

Andererseits wird ein ESC in Baku für alle Beteiligten natürlich auch ein sehr besonderes Ereignis werden: Da kommt man sonst nicht unbedingt hin, die Lage der Stadt am kaspischen Meer ist toll, die Aserbaidschaner werden sich sicherlich zerreißen, damit die Gäste sich willkommen fühlen, und ein ESC, der um 1 Uhr nachts Ortszeit beginnt, hat natürlich auch einen ganz besonderen Charme.

Es wird für alle Beteiligten mehr und nervenaufreibendere Arbeit werden, aber am Ende auch das spannendere Erlebnis.

Aufgeschlüsselter Vergleich meiner Tipps mit dem Ergebnis

Rang
Vorhersage
Rang ESC Differenz Land
1 8 7 Ireland
2 21 19 Finland
4 1 3 Azerbaijan
4 5 1 Denmark
4 10 6 Germany
4 22 18 Hungary
7 20 13 Iceland
7 11 4 United Kingdom
10 19 9 Lithuania
10 16 6 Russia
10 14 4 Serbia
13 9 4 Georgia
13 2 11 Italy
13 25 12 Switzerland
15 12 3 Moldova
18 18 0 Austria
18 6 12 Bosnia & Herzegovina
18 15 3 France
18 17 1 Romania
21 24 3 Estonia
21 13 8 Slovenia
21 4 17 Ukraine
23 23 0 Spain
24 4 20 Sweden
25 7 18 Greece
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5 Gedanken zu “Rückblick auf meine ESC-Prognose

  1. Wow. Du hast für den ESC gearbeitet? Wie kommt man denn an sowas? Großartig.
    Die nächste Show wird bestimmt bombastisch. Die haben doch Öl und Geltungsbedürfnis…

  2. Den Job hatte die Agentur, für die ich arbeite, und ich war am Projekt beteiligt. Bei den drei Events war ich dann auch jeweils ein paar Tage vor Ort, meist von Donnerstag bis Sonntag. Und die Vorbesprechungen fanden auch meist am Veranstaltungsort statt.

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