Kurz reingeschaut: Judith Joy Ross in der SK Stiftung Kultur in Köln

Die Photographische Sammlung der SK Stiftung Kultur ist mein Kölner Lieblingsmuseum. Der Sparkasse KölnBonn, die sich sonst im Wesentlichen um die weitere Verfilzung der Kölner Politiklandschaft bemüht, gelingt es mit dieser Stiftung, ihre Karmabilanz wieder leicht zum Guten hin zu verschieben.

In der Photographischen  Sammlung werden in wechselnden Ausstellungen, immer für ein paar Monate, die Werke von Photokünstlern von unbestrittenem Weltrang gezeigt. Gestern ging ich also relativ blind in die aktuelle Präsentation: Judith Joy Ross – Photographien seit 1982 – und wurde eigentlich zum ersten Mal leicht enttäuscht.

Ausgestellt werden noch bis zum 5. Februar ausschließlich Portraits, also das Format, mit dem Judith Joy Ross ihren künstlerischen Rang begründete. Ross fotografiert mit einer altmodischen (antiken?), hölzernen Großformatkamera nur mit Umgebungslicht auf 8 x 10 Zoll große Schwarzweiß-Negative, von denen sie unvergrößerte, leicht getönte Abzüge herstellt. Ihre Motive sind Portraits, Brustbilder oder Ganzkörperfotos von Menschen, die sie an verschiedenen Orten trifft, nie im Studio.

In Köln werden Portraits von Besuchern des Vietnam Memorials ausgestellt, von Friedensdemonstranten, von Schülern, von Kindern und Jugendlichen in einem Park in Ross‘ Heimatstadt, von afrikanischen Auswanderern in Paris, von Vertretern verschiedener Berufe, von amerikanischen Senatoren in ihren Büros.

Technisch sind die Portraits sehr interessant. Durch das Großformat entsteht eine sehr geringe Schärfentiefe, so dass oft nur die Augenebene wirklich scharf abgebildet wird, schon die Wangen und Ohren aber unscharf werden. (Möglicherweise tiltet Ross das Objektiv auch leicht.) Die Fotos haben eine tolle Mischung von Schärfe und Unschärfe, die gut zu Portraits passt. Die Personen in Ross‘ Bildern blicken fast immer relativ ausdruckslos in die Kamera oder an der Kamera vorbei (Beispiele in der Google-Bildersuche nach „Judith Joy Ross“). Nur sehr selten wird gelächelt oder eine erkennbare Pose eingenommen.

Etwas unterwältigend an der Kölner Ausstellung ist nun zum einen die Monotonie dieses Formats: Portrait hängt neben Portrait hängt neben Portrait von ausdruckslosen Menschen. Das sind mal interessantere und mal langweiligere Personen, aber nach dem 30. Bild hat man das Konzept verstanden und würde sich einfach mal Abwechslung wünschen.

Und vielleicht oute ich mich nun als Banause, aber tatsächlich genervt hat mich die konzeptionelle Überhöhung: Ob da nämlich einer am Vietnam Memorial steht oder einfach so in der Gegend rum, das kann man den Bildern wahrlich nicht ansehen. Die Idee der Künstlerin war es aber beispielsweise, der besonderen Traurigkeit des Ortes anhand der Gesichtsausdrücke der Personen nachzuspüren. Dass das nicht gelingt, entlarvt Ross selbst, die kurz nach der Entstehung ihrer Vietnam-Memorial-Serie Menschen auf dem Weg in die Shopping Mall bat, für sie zu posieren. Wenig überraschend schauen auch diese Menschen ausdruckslos und lassen sich höchstens von den Memorialbesuchern unterscheiden, in dem man das Militärabzeichen-Einkaufswagen-Verhältnis misst. Für Ross (oder vielleicht auch nur den Kölner Kurator) ist dieses Nullergebnis aber Beleg dafür, dass auch der Alltag der Menschen von derselben Traurigkeit durchdrungen ist wie der, die sich an einem Kriegsdenkmal einstellt. Eine steile These…

Und so sehr ich die SK Stiftung Kultur zu Beginn lobte, muss ich bei dieser Gelegenheit auch mal eine generelle Kritik anbringen: Die Beleuchtung der Ausstellungsräume ist einfach schlecht. Die fast immer hinter Glas gerahmten Fotos spiegeln stark, wodurch der Kunstgenuss doch beeinträchtigt wird – gerade bei Bildern wie denen von Judith Joy Ross, die wegen der verwendeten Technik manchmal etwas kontrastarm sind und bei denen besonders die dennoch feingezeichneten Details interessant wären.

Am Ende bleibt eine Ausstellung, die hauptsächlich aus technischer Sicht sehenswert ist, deren Motive aber schnell ermüden und erstaunlich wenig Eindruck machen. Die behauptete Traurigkeit und generell emotionale Tiefe konnte ich jedenfalls nicht erkennen. Am besten gefielen mir noch die Portraits von Kindern und Heranwachsenden, was aber auch daran liegt, dass ernst inszenierte Kinder immer ein bisschen verstören, weil ihnen die ungezügelte Lebendigkeit genommen wird, die das Kindsein gerade ausmacht.

Muss man nicht gesehen haben – außer vielleicht, man versteht mehr von Kunst als ich.

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