Mit Statistik lügen: Das Sportstudio verzerrt die Zuschauerachse

Eins vorweg: Das war gestern eine tolle Sendung des Aktuellen Sportstudios zum Thema Fangewalt und Pyrotechnik. Endlich, gefühlt zum ersten Mal seit Jahren, wurden in einem großen Medium die Argumente in der sonst meist hysterischen Diskussion versachlicht und es fand ein fundierter und gut verfolgbarer Meinungsaustausch statt, in dem meiner Ansicht nach die Vertreter von DFB und Polizei klar unterlegen waren.

Umso ärgerlicher finde ich es, dass an einer Stelle mit unlauteren Mitteln argumentiert wurde. Denn gerade die Partei, die in der öffentlichen Meinung Punkte gut machen muss, also die Fans, muss in ihren Argumenten extrem sauber bleiben und darf die Probleme nicht verschweigen. Insofern leistete die Sportstudioredaktion, die ich ansonsten (überraschenderweise inklusive Michael Steinbrecher) nur loben kann, den Fans mit dem folgenden Diagramm einen Bärendienst.

Statistik der Zuschauer und der Verletzten in der Bundesliga von 1999 bis 2011, Darstellung des Aktuellen Sportstudios
Statistik der Zuschauer und der Verletzten in der Bundesliga von 1999 bis 2011, Darstellung des Aktuellen Sportstudios

Die Grafik wurde eingeblendet, nachdem Bernhard Witthaut, der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, von Michael Steinbrecher mehrfach nach seinen Erfahrungen mit der Entwicklung der Gewalt in Fußballstadien gefragt worden war. Unter anderem hatte Steinbrecher wissen wollen, ob der Anstieg, von dem Witthaut erzählte, mehr „so ein subjektives Gefühl“ sei. Witthauts Antworten blieben qualitativ, und dann rief Steinbrecher den oben gezeigten Zwölf-Jahres-Vergleich auf, weil man die Entwicklung der Zahl der verletzten Personen bei Bundesligaspielen „ja auch damit in Relation setzen“ müsse, dass immer mehr Zuschauer in die Stadion gingen.

Das ist natürlich völlig richtig, nur tut die präsentierte Grafik genau das nicht: Sie setzt nicht in Relation, sondern sie stellt nebeneinander – und das auch noch auf eine tendenzverändernde Weise verzerrt.

Die Grafik scheint auszusagen, dass zwar die Zahl der verletzten Besucher von Bundesligaspielen gestiegen ist, dass aber die Gesamtzahl der Besucher ja viel stärker gestiegen sei: Die blaue Linie „überholt“ die rote Linie sehr suggestiv. Tatsächlich ist diese Aussage aber falsch und das Gegenteil ist richtig.

Der Grund ist einfach: Die linke (rote) Achse der Verletzten fängt bei Null an, während die rechte (blaue) Achse der durchschnittlichen Besucher pro Spiel bei 38.000 beginnt. Eine unverzerrte Darstellung sähe so aus:

Statistik der Zuschauer und der Verletzten von 1999 bis 2011, Darstellung mit unverzerrten Achsen
Statistik der Zuschauer und der Verletzten von 1999 bis 2011, Darstellung mit unverzerrten Achsen

Schon in dieser Darstellung sieht man klar, dass die Zahl der verletzten Personen seit der Saison 99/00 stärker gestiegen ist als die Zahl der Zuschauer pro Spiel, so dass der Anstieg der Besucherzahlen also nicht vollständig für den Anstieg der Verletztenzahlen verantwortlich sein kann.

Allerdings sind die Zahlen immer noch nicht „in Relation gesetzt“, wie Steinbrecher ja angekündigt hatte, sie sind nur nebeneinander gestellt. Nur für die letzte Saison stellte das ZDF anschließend eine erste Relation her: 1,38 Verletzte pro Spiel seien es in 2010/11 gewesen.

Zahl der Verletzten pro Spiel in der Bundesliga-Saison 2010/11, Darstellung des Aktuellen Sportstudios
Zahl der Verletzten pro Spiel in der Bundesliga-Saison 2010/11, Darstellung des Aktuellen Sportstudios

Nun ist die Zahl der Verletzten pro Spiel zwar relevant, denn sie ermöglicht jedem Besucher eine Einschätzung der persönlichen Gefährdungssituation: Durchschnittlich wird in einem Stadion eine Person verletzt. Da muss es schon blöd laufen, dass man da gerade daneben steht und etwas abbekommt. Studiogast Helmut Spahn, ehemaliger Sicherheitsbeauftragter des DFB, zog eine gute Parallele: Die Zahl von Menschen, die bei allen Spielen einer Bundesligasaison verletzt werden, erreicht das Oktoberfest an einem einzigen Tag.

Wenn man aber immer noch das Versprechen im Kopf hat, die Entwicklung der Zahl der verletzten Besucher mit der Entwicklung der Gesamtzahl der Besucher ins Verhältnis setzen zu wollen – dann muss man eben genau das ausrechnen. Es gibt in jeder Bundesligasaison 34 x 9 = 306 Spiele.

An dieser Stelle wird der aufgeweckte Statistiker aber noch aus einem anderen Grund stutzig: 846 Verletzte bei 306 Erstligaspielen? Das würde einen Schnitt von 2,76 Verletzten pro Spiel machen, das ZDF gibt aber 1,38 an – also genau die Hälfte… Und in der Tat: Die Verletztenzahl bezieht sich auf die 1. und 2. Bundesliga, während die Zuschauerentwicklung nur diejenige der 1. Liga ist. Die Zahlen sind also noch in einer weiteren Hinsicht verzerrt!

Ein kurze Recherche der Zuschauerzahlen der 2. Liga ergibt, dass diese natürlich deutlich niedriger sind als die der 1. Liga, dass sie stärker schwanken (was wohl daran liegt, dass von Saison zu Saison stark unterschiedlich attraktive Mannschaften in der Liga sind), und dass sie über die Jahre hinweg nicht so stark gestiegen sind wie die der 1. Bundesliga, zwischenzeitlich fielen sie sogar. Das folgende Diagramm zeigt die Entwicklung der Zuschauerzahlen der 1. und der 2. Liga und die Entwicklung beider Ligen zusammen.

Entwicklung der Zuschauerzahlen in der 1. und 2. Bundesliga von 1999/00 bis 2010/11
Entwicklung der Zuschauerzahlen in der 1. und 2. Bundesliga von 1999/00 bis 2010/11

Nun muss man natürlich die Entwicklung der Verletztenzahlen, wenn sie 1. und 2. Liga zusammenfasst, auch gegen die Entwicklung des gemeinsamen Zuschauerschnitts der 1. und 2. Bundesliga auftragen. Das sieht dann so aus:

Entwicklung der Zahl der Zuschauer und der Verletzten in der 1. und 2. Bundesliga von 1999/00 bis 2010/11
Entwicklung der Zahl der Zuschauer und der Verletzten in der 1. und 2. Bundesliga von 1999/00 bis 2010/11

Nun kann man also schließlich das einzig wirklich relevante Diagramm errechnen: Wie hoch war der Anteil der verletzten Stadienbesucher?

Zahl der Verletzten pro 10.000 Besucher der 1. und 2. Bundesliga in den Saison 99/00 bis 10/11
Zahl der Verletzten pro 10.000 Besucher der 1. und 2. Bundesliga in den Saison 99/00 bis 10/11

Man sieht endlich, dass sich die Zahl der verletzten Personen pro 10.000 Besucher von Bundesligaspielen in den Saisons 99/00 bis 10/11 verdreifacht hat: Der Wert ist von ungefähr 0,13 Verletzten pro 10.000 Besucher auf ungefähr 0,39 gestiegen. Die absolute Zahl der Verletzten hat sich mehr als vervierfacht und wird durch die ebenfalls angestiegenen Besucherzahlen relativiert – aber eben lange nicht in dem Maß, wie es das ZDF mit seiner Darstellung suggerieren möchte.

Gerade im Zusammenhang mit der Entwicklung der Zahl der Verletzten, die von DFB und Polizei immer als wichtiger Beleg für die Notwendigkeit des suppressiven Gegenschlags angeführt wird, ist eine saubere Argumentation extrem notwendig. Im Oktoberheft der 11FREUNDE wurde in einem Artikel das entscheidende Gegenargument gebracht, hier bezogen auf die Zahl der gegen Fußballfans eingeleiteten Strafverfahren:

Anfang des letzten Jahrzehnts stagnierte der Umfang der Fußballeinsätze bei der Polizei, um von der Saison 2003/04 auf die Spielzeit 2004/05 plötzlich zu explodieren. Die Zahl der Arbeitsstunden pro Spiel ging bei der Länderpolizei um ein Drittel hoch (von 914 auf 1213) und bei der Bundespolizei sogar um über die Hälfte (von 266 auf 419 Stunden). […] Zu erklären ist diese Steigerung nicht durch eine Zunahme der Gewalt, sondern durch die nahende Weltmeisterschaft in Deutschland. […] Ergebnisse von Kriminalstatistiken, so erklärt Feltes, »hängen davon ab, wer etwas wie intensiv beobachtet und anzeigt oder registriert.« […]

Genau dieses Syndrom erlebt seit sechs Jahren auch der Fußball. Verstärkt wurde es zudem von einer Bundespolizei, die bis 2005 noch Bundesgrenzschutz hieß. Auf der Suche nach Betätigungsfeldern und ebenfalls zur WM-Vorbereitung nahmen sich die ehemaligen Grenzschützer vermehrt der allerdings auch in deutlich größerer Zahl umherreisenden Fußballfans an. Das Ergebnis des allseits gestiegenen polizeilichen Eifers: Von der Saison 2003/04 auf die anschließende Spielzeit ging die Zahl der eingeleiteten Strafverfahren von 3409 auf 4711 hoch. Die bemerkenswerte Zunahme um ein Drittel entsprach genau den um ein Drittel gesteigerten Arbeitsstunden der Polizei.

Die unversehens vermehrte Zahl der Strafverfahren las sich schockierend, doch nach Ansicht von Feltes kann man aus den Statistiken der ZIS keine Aussage zur tatsächlichen Entwicklung der Gewalt beim Fußball ableiten. »Solche Zahlen sind im Wesentlichen ein Arbeitsnachweis der Polizei«, sagt der Kriminologe, der seit 2010 im wissenschaftlichen Beirat der DFL zum Thema Fans sitzt.

Und dass bereits die bei Polizeieinsätzen durch Pfefferspray versehrten  Fans nennenswert zur Verletztenstatistik beitragen, wurde in der ASS-Sendung gestern deutlich.

Unterm Strich: Es gibt einen relevanten Anstieg von verletzten Personen bei Bundesligaspielen. Um den Ursachen dieser Entwicklung auf die Schliche zu kommen, hilft es aber jedenfalls nicht, sie mit statistischen Tricks verschwinden lassen zu wollen.

[EDIT: Ich habe diesen Artikel am 21.01. in wesentlichen Teilen überarbeitet und die Zuschauerentwicklung der 2. Bundesliga in die Berechnungen einbezogen.]

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2 Gedanken zu “Mit Statistik lügen: Das Sportstudio verzerrt die Zuschauerachse

  1. Manfred Weise schreibt:

    Mit dem Diagramm stimmt in der Tat einiges nicht. Doch auch der Autor des Beitrags macht einen Fehler. Die Grafik „Bundesliga und 2. Bundesliga“ (DFL-Zahlen) enthält sehr wohl die richtigen Zuschauerzahlen (Summe aus Durchschnitt 1. Bundesliga + Durchschnitt 2. Bundesliga pro Spieltag), die Summe lag in der Saison 2010/11 offensichtlich bei rund 58000 Zuschauern. (Saison 2011/12 hatte die 1. Bundesliga rund 45 000 Zuschauer pro Spiel, bisher die höchste Zahl). In der Tabelle „Entwicklung der Zuschauerzahlen“ müsste die grüne Linie eigentlich die blaue sein und die blaue die grüne. Gruss Manfred Weise

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