Piratenwähler sind keine Protestwähler

Es wurde nach der Saarwahl immer wieder betont, dass ein hoher Anteil der Piraten-Wähler Protestwähler seien, die damit ihre Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien ausdrücken wollten. Das stimmt wohl, allerdings ist der damit implizit verbundene Schluss falsch, dass die Etablierten jetzt ja nur noch die Themen der Piraten besetzen müssten, um deren Wähler wieder einzufangen.

Wenn die Theorie stimmt, dass sich Partien immer beidseits von Wertegrenzen bilden, dann ist die Piratenpartei tatsächlich die einzige, die sowohl libertär, wie auch progressiv und kollektivistisch ist. Keine andere Partei kann diese Wertemenge glaubhaft vertreten, so dass sie die Themen der Piratenpartei nicht auf die gleiche Weise besetzen können, ohne ihre Stammwählerschaft zu vergrätzen.

Die Unzufriedenheit der Piratenwähler hat danach keine tagespolitischen, sondern strukturelle Gründe. Die Piraten besetzen, wie übrigens auch seinerzeit die Grünen, ein Feld, das erst in den letzten Jahren entstanden ist, weil erst mit dem Internet eine Kombination aus libertär und kollektivistisch überhaupt gesellschaftlich relevant wurde.

Diese „Protestwähler“ haben plötzlich eine Heimat gefunden, wie in den 80ern die ersten Grünenwähler, die sich von den SPD-Wählern vor allem dadurch unterschieden, dass sie eine postmaterialistische Einstellung hatten, weil sie materiell gesichert waren.

Je komplexer unsere Welt wird, in der auf der einen Seite Schlecker-Mitarbeiter/innen gerettet werden müssen und auf der anderen Seite Copyright-Fragen verhandelt werden wollen, desto mehr Parteien müssen diese Themen in den Parlamenten vertreten. Ich glaube nicht, dass die Piraten verschwinden werden.

P.S.: Das Argument, dass die Piraten eine Lücke besetzen, wird übrigens gestärkt durch die Analyse der Frage, was die Wähler der Piraten im Saarland noch 2009 wählten: Die Piraten – jetzt mehr als eine Protestpartei: Wer wählt die Piraten – und warum? Die Piratenwähler haben 2009 quer alle anderen Parteien gewählt, 28% waren Nichtwähler. Das kann man, wenn man es negativ formuliert, so deuten, dass sich hier „Politikverdrossene“ sammeln. Man kann es aber positiv auch so lesen, dass Wähler eine neue politische Heimat gefunden haben, die sich bislang für eine andere Partei entscheiden mussten, weil die Nische der Piratenpartei noch unbesetzt war.

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