Blinken tut man nur die für die anderen

1.
Vor einigen Monaten, während des Sommers, im Belgischen Viertel: Ich cruise entspannt, das Fenster offen, in Richtung meiner Hemdenreinigung. Man kann im Belgischen Viertel nicht schnell fahren, weil die Straßen eng sind und fast überall rechts vor links gilt. Ich rolle langsam auf die nächste Kreuzung zu. Auf dem Bürgersteig nähert sich von rechts ein hippes 30-Something-Pärchen, das die Straße, auf der ich fahre, offensichtlich überqueren möchte. Als sie am Bordstein angekommen sind, zögern sie keine Sekunde – sondern gehen einfach weiter, und zwingen mich, etwas plötzlich zu bremsen. Als ich sie aus dem offenen Fenster verwundert anspreche, dass ich gar keinen Zebrastreifen sähe, fangen sie an, mich zu beschimpfen: Ich könne doch wohl anhalten? Ich rufe ihnen, die weitergehen, noch nach, sie könnten an der Tatsache, dass ihre Beine nicht gebrochen seien, bemerken, dass ich das auch getan hätte.

2.
In der Nähe meines Büros war während der letzten Monate ein Bürgersteig vor einer Baustelle mit einem Holztunnel geschützt. Der Tunnel war so schmal, dass zwei Fußgänger nur aneinander vorbei gehen konnte, wenn sie ihre Schultern zurücknahmen und sich an die jeweiligen Tunnelwand schlängelten. Wenn ein Radler sein Gefährt durch den Tunnel schob, mussten die Passanten am anderen Eingang des Tunnels warten, bis er ihn durchquert hatte. Von den Radfahrern, die mir entgegen kamen und für die ich wartete, hielt es höchstens jeder zweite für notwendig, sich mit einem Nicken oder gar einem kurzen Wort zu bedanken.

3.
Ich fuhr vor drei Wochen mit der Straßenbahn ins Büro. Eine Radfahrerin überquerte die rot zeigende Fußgängerampel und wollte an den Geländern vorbei, mit denen der Übergang abgegrenzt ist, auch die Bahngleise überqueren, weil sie unsere herannahende Bahn nicht bemerkte. Der Fahrer bremste ab und bimmelte wie wild. Die Frau hielt ihr Rad noch rechtzeitig an – und schimpfte der Bahn wie ein Rohrspatz hinterher. (Die folgende Durchsage des Bahnfahrers über die Außenlautsprecher konnte ich schlecht verstehen, nur dass sie auf „blöde Kuh“ endete.)

4.
Kennt noch jemand einen Autofahrer, der beim Spurwechsel oder Abbiegen blinkt? Warum auch? Blinken tut man schließlich nur für die anderen.

5.
Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal, von rechts kommend, an einer Kreuzung einen von links kommenden Radfahrer getroffen hätte, der meine Vorfahrt auch nur bemerkt hätte.

6.
Und schließlich diese Woche in der U-Bahn. Eine Frau steigt mit Kinderwagen ein. An der Stelle, wo in den modernen Waggons ein paar Sitzplätze fehlen, damit dort eben beispielsweise Kinderwagen abgestellt werden können, lehnt eine Frau, angelegentlich in ihr Smartphone vertieft. Die Mutter versucht, den Kinderwagen irgendwie dennoch dort hin zu rangieren, die Smartphonenutzerin gibt sich unbeeindruckt, hebt den Blick nicht, weicht dem Kinderwagen keinen Zentimeter. Schließlich gelingt das Einparkmanöver doch, die Mutter hat sich am Kinderwagengriff vorbei auch auf den Sitzplatz quetschen können. Fünf Sekunden später wendet sich die direkt vor dem Wagen stehende Smartphonefrau dem Kind zu und macht ein paar Gutschigutschi-Laute.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der alltägliche Umgang der Menschen auf der Straße miteinander verlottert. Immer weniger Menschen halten es für nötig, nett zueinander zu sein. Immer mehr halten sich für eine Insel, die sich um ihre Umgebung nicht kümmern muss, tun nur das, was sie selbst brauchen, aber nichts, was anderen gegenüber auch nur freundlich wäre. Sie gehen davon aus, dass sich die anderen ihrem scheubeklappten Verhalten anpassen und riskieren sogar lieber ihre eigene Sicherheit, als den Blick zu heben und vielleicht mal fünf Sekunden zu warten.

Entweder ich werde ich alt oder früher war das besser.

4 Gedanken zu “Blinken tut man nur die für die anderen

  1. mayra schreibt:

    beides und beides nicht — früher – ach, früher — war der (im grunde zu begrüssende) individualismus nicht so ausgeprägt, die pflichten einer wie auch immer zusammengesetzten gemeinschaft mehr im vordergrund – heute sind es mehr die individuellen rechte, die allerdings zu lasten einer sozialen gemeinschaft gehen — ich „älter werdene“ bleib bei einer „gesunden balance“ — nehme Rück-sicht durch voraussicht, bleibe aber auch standhaft, wenn mich z.b. radfahrer*innen über den haufen fahren wollen —

  2. Kurt-Georg schreibt:

    Du wirst nur alt. Ich auch. Kleine Kinder und andere Teenager verstehen das Konzept noch nicht, daß man erst die Leute aus der Bahn steigen läßt, bevor man einsteigt. Da kann ein freundliches(!) Wort zu einem Erkenntnisgewinn beitragen. Umso älter sie werden, umso eher kann man statt von (entschuldbarer) Dummheit von Rücksichtsloskeit ausgehen.

    Mein Liebling ist übrigens dummes Parken. Die Fahrertür bis an (oder über) die Linie bringen und das Problem dann anderen überlassen. Wenn der Nachbar überhaupt noch in die Lücke kommt. Damit habe ich wohl 8 und 9 geliefert.

  3. @ Kurt-Georg: Habe ich 7 verpasst? Egal: Ja, wir werden älter, aber die Rücksichtslosen auch. Zu 4: Ihr werdet mich erkennen. Ich bin der, der blinkt oder auf dem Beifahrersitz hockt, während meine Tochter blinkt. Zu 5: Ich kenne hier bei mir ein paar Rechtsvorlinksecken, an denen ich mit dem Fahrrad von rechts kommend alle paar Monate mal regelrecht zusammenzucke, weil ein von links kommendes Auto tatsächlich ganz plötzlich und unerwartet stehenbleibt. Hier in Bayern heißt die ungeschriebene Regel bekanntlich: Auto hat Vorfahrt vor Radfahrer vor Fußgänger vor Rollifahrer vor Kind.

  4. Lev-Marco schreibt:

    Klasse sind auch die 25km/h-Roller-Fahrer, die sich rechts an vor der Ampel wartenden Autos vorbei mogeln, sich vor die Kolonne setzen und dann mit „Höchstgeschwindigkeit“ niemanden vorbeilassen, also alle aufhalten. A-Loch, denke ich mir jedes Mal!

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