Kurz reingeschaut: „Werner Schlaffhorst“ im Schauspielhaus Köln

Eine der lebhaftesten Erinnerungen an meine Grundschulzeit ist die, wie ich mit Freunden im Sonnenschein den ca. 15 Minuten langen Weg nach Hause gehe, dabei Spaßrezepte erfinde und sich alle kaputtlachen. Das Witzige an den Rezepten war, dass die Zutaten oft nicht eigentlich gut essbar waren, und dass die Mengenangaben ins Absurde gesteigert waren. Ein Rezept bestand dann beispielsweise aus sieben Schubkarren feinem Gras, man füge ein paar Regenwürmer hinzu, fünf Flaschen Ketchup drei Eimern schärfster Peperoni, kleingeschnitten, und koche das ganze für zwei Stunden in einer Badewanne. Oder so in der Art.

Hysterisch lustig, oder? Für Grundschulkinder schon – und anscheinend für Besucher des Kölner Schauspielhauses.

Werner Schlaffhorst ist die erfundene Titelfigur des Stücks von Clemens Sienknecht. Schlaffhorst ist seit 1998 tot, ein verkanntes Genie, und auf der Bühne wird seiner gedacht. Dazu wird die Geschichte der Musik und ein paar alberner Erfindungen kurzerhand umgedichtet und Schlaffhorst zugeschrieben. Supertramp singen dann nicht „Dreamer“ sondern „Werner“, und Jimi Hendrix nicht „Hey, Joe“, sondern „Hey, Werner“. Lustig! Oder höre ich wieder nur die Grundschüler lachen?

Dabei hatte es noch ganz nett begonnen, als „Gimme Shelter“ der Rolling Stones live auf der Bühne zusammen geloopt wird, Instrument für Instrument, Track für Track. Doch schon diese Aktion war handwerklich gut gemacht, so wie auch später der Parforce-Ritt von Michael Wittenborn, der die zahllosen Länder herunterrasselt, die Schlaffhorst während seines Lebens bereist hatte. Aber sie war seltsam belanglos.

Eine Frage stellt sich nämlich immer drängender, je länger der Abend dauert: Watt soll dä Quatsch? Manches ist lustig, manches nur pennälerhaft albern. Manches gut gesungen, anderes leicht nervig. Aber mir wird nie klar, warum ich mir diese Nummernrevue eigentlich ansehen soll? Was lernt uns das? Wo berührt uns das?

Denn obwohl die Dramaturgie an den richtigen Stellen ruhige Momente einbaut, wenn beispielsweise eine englische, mittelalterlich anmutende Melodie im zweistimmigen Männerkanon gesungen wird, durchaus toll gemacht und für den Moment ergreifend, so gewinnt der Abend zu keinem Zeitpunkt echte Tiefe. Zu einer wirklich guten Komödie, wenn „Werner Schlaffhorst“ die denn überhaupt sein soll, gehört immer auch die Fallhöhe der Figuren – und der Fall selbst. Der Clown muss traurig sein, sonst ist er nur der lustige August.

In „Werner Schlaffhorst“ fehlt diese Tiefe, und so bleibt der Abend vollständig oberflächlich, eine kalauernde Nummernrevue, die nicht in ein städtisches Schauspielhaus gehört, sondern gerne in ein privat finanziertes Boulevardtheater. Das Volk ist nämlich anderer Meinung als ich: Es jubelt!

So stehe ich gerne als Miesepeter in der Ecke. Aber ich erinnere mich, dass Karin Beier zu Beginn ihrer Kölner Intendanz einmal sagte, dass es unter ihr keine Singspiele mehr geben werde, sondern dass sie relevantes Theater machen wolle. Ich hätte mich drüber gefreut.

P.S.: Nachdem ich vor ziemlich exakt vier Jahren die erste Inszenierung eines Liederabends von Clemens Sienknecht in Köln gesehen hatte, „Radio Ro“, hatte ich übrigens schon ganz ähnliche Gedanken zu der Frage, ob man sowas von Steuergeldern finanzieren muss. Und dabei hatte mir Radio Ro sogar noch richtig gut gefallen. Mein Text von damals: https://surfguard.wordpress.com/2008/11/12/kurz-reingeschaut-radio-ro-in-der-schlosserei/

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