Ich mach euch gleich den zweiten Reiter, ihr Asis!

„Weltuntergang!“ – – –  war nicht das erste, was ich dachte, als ich gestern Nacht um halb eins aufwachte. Mein benebelter Gedankenstrom kreiste eher um einen  thematischen Kern in der Nähe von „Fresse, Arschlöcher!“

Ich lebe in einer reinen Wohnstraße, allerdings nahe einer Bahnhaltestelle. Also kommt es, wie überall, immer wieder vor, dass Betrunkene durch die Straße ziehen, sich lautstark Lebensweisheiten zugröhlend. So etwas ist schnell vorbei. Was hingegen nicht so oft vorkommt ist eine dutzendköpfige Gruppe von Jugendlichen, die auf der Straße vor unserem Haus stehen, einen Kreis bilden, einer spielt Gitarre, die anderen schwingen Plastikrohre heulend über ihren Köpfen, jaulen den Himmel an und versuchen auch sonst angestrengt den Eindruck von Mad-Max-Protagonisten zu erwecken.

Nach zwei Minuten verlor ich die Nerven, stand auf, besah mir das Spektakel aus dem Schlafzimmerfenster, schätzte, dass der Spuk nicht binnen kurzer Zeit vorbei gehen würde, zog mir Hose, Schuhe und Anorak an und betrat festen Schrittes die Straße.

Ich auf den Gitarrenspieler zu, der sich als Frau entpuppt, deren Gesicht mit schwarzer Schminke Beschmutzung simuliert. Ich greife ihr um den Hals, also der Gitarre, um den Sound zu stoppen, und erkläre den Herrschaften, dass sie die Möglichkeiten haben, den Ort des Spektakels sofort zu verlassen, oder mich andernfalls die 110 wählen zu sehen. Aufkeimenden Diskussionen begegne ich mit der eindringlichen Wiederholung des Wortes „SOFORT!“, beschimpfe die Gemeinschaft noch ein bisschen als asozial und erkläre, dass die Spießbürger dieser Straße morgen arbeiten müssten.

Während sich die Bande gutbürgerlicher Erstis gerade unter gesichtswahrendem Gegrummel aufzulösen beginnt, bleibt ein Mädchen stehen, sichtlich bedröppelt. Ich denke, dass ihr gerade dämmert, wie unnötig die Aktion war und wie sehr sie die Gefühle Unschuldiger verletzt haben könnte. Sie hebt den gesenkten Kopf, sieht mich an und spricht: „…aber wenn Sie das in einem anderen Ton sagen könnten…“

Du weißt ja, dass du gewonnen hast, wenn du die anderen duzt und noch schlimmer beschimpfst, sie dich aber zurücksiezen. Doch einen Kampf, das wurde mir gestern klar, scheine ich für immer verloren zu haben: Den um die Empathie in unserer Gesellschaft. Wenn nämlich jetzt schon offenbar gut gebildete, leicht zu beeindruckende 20-Jährige in einer Wohnstraße mutwillig nächtlichen Lärm veranstalten, bei Beschwerden aber um eine freundliche Tonart bitten, dann weißt du, dass hier bald keiner mehr an den anderen denkt, sondern jeder nur noch an sich.

3 Gedanken zu “Ich mach euch gleich den zweiten Reiter, ihr Asis!

  1. Hm… Ich bin ja ein bisschen hin und her gerissen, weil mir dein Post einerseits insgesamt immens sympathisch ist, ich aber andererseits zu der Auffassung neige, dass das Mädchen gar nicht so Unrecht hat.

  2. Ich bin kritikfähig und weiß, was du meinst. Normalerweise bin ich auch in solchen Situationen immer höflich, zumal ich weiß, dass man damit mehr erreicht. Aber mitten in der Nacht und außerhalb der Session hört bei mir der Spaß auf.

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