Ein Furz, der sich Artikel nennt: Timo Frasch pfeift dünn

Über die „Berichterstattung“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zum #Aufschrei sollte eigentlich geschwiegen werden: Sie richtet sich selbst. Doch schon weil in der Diskussion über alltäglichen Sexismus in Deutschland immer wieder oberflächliche Trickargumente vorgebracht werden, muss man wohl explizit benennen, warum diese Argumente falsch sind, ganz im Sinne von: Kein Fußbreit den Sexisten!

Claudius Seidls vorgebliche Textanalyse des auslösenden „Stern“-Artikels von Laura Himmelreich hat schon Muriel in seinem Blog als die Drecksscheiße demaskiert, die sie ist: Post von Seidl. Muriels Artikel ist toll, lustig, intelligent und generell lesenswert, auch wenn schon die Überschrift von Seidls Pamphlet verrät, wes Geistes Kind er ist: „Prüder in Waffen“. Prüder? Wirklich? Den ältesten, dämlichsten, primitivsten Anwurf gegen feministische Argumentationen, für den sich heutzutage selbst Stammtischbrüder erst ab zwei Promille nicht mehr zu schade wären: dass nämlich die Schlampe nur mal ordentlich durchgevögelt gehöre – diesen Anwurf verwendet Seidl in seiner Überschrift, spielt wenigstens damit? WIRKLICH? Ich breche.

Die aber fast noch größere Widerlichkeit leistet sich FAZ-Redakteur Timo Frasch auf Seite 6, also im Ressort Politik (doch, echt!): „Was wurde aus Brüderles Kuh?“ Laura Himmelreich hatte in ihrem Artikel unter anderem von einer Äußerung Rainer Brüderles bei einem gemeinsamen Besuch auf einem Bauernhof berichtet. In Himmelreichs Gegenwart habe Brüderle die Euter einer Kuh kommentiert: die hingen und hätten Körbchengröße 90 L.

Dass diese Bemerkung in Gegenwart einer fremden Frau irgendwas zwischen anzüglich, widerlich, sexistisch und übergriffig ist, bedarf wohl keiner Erläuterung. (Ich gebe sie weiter unten dennoch.)

Timo Frasch darf sich nun auf einer halben Politikseite der FAS einen darauf runterholen, wie das nun mit der Mast von Kühen, ihrer Laktation und Eutergröße genau sei. Das geistige Ejakulat seiner Exploration liest sich so:

Dass die Kühe Brüderles Bemerkungen als diskriminierend empfunden oder dadurch gar Schaden genommen haben könnten, wird dennoch klar verneint […]. Auch gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass sich die Kuh, über deren Euter sich Brüderle ausließ, besonders aufreizend verhalten hat.

Ich vermute, dass Timo Frasch seinen Artikel gegen Angriffe als Satire verteidigen würde. Allein: Sie ist nicht lustig, Herr Frasch, ihre Satire! Eine Satire ist eine Spottschrift. Lustig ist sie, wenn ein Schwacher einen Starken verspottet, der Narr den König, der Kabarettist die Regierung. Nicht lustig hingegen ist es, wenn eine Frau, die schon verletzt oder wenigstens gering geachtet wurde, nun auch noch verspottet wird.

Die Verwerflichkeit von Brüderles Bemerkung bestand ja unbestreitbar darin, über die Nennung einer BH-Größe das Euter einer Kuh mit den Brüsten einer Frau gleichzusetzen, also auch die Frau mit der Kuh. Indem Timo Fraschs Artikel nun vorgibt, dass man sich ausführlich um das Wohl der Kuh sorgen müsse, dass die Kuh durch Brüderles Bemerkung überhaupt diskriminiert werden könnte, wird diese Gleichsetzung auf die Spitze getrieben. Durch die Zuspitzung wird Laura Himmelreich zum zweiten Mal verspottet. Adding insult to injury, so wird diese Verbalkampftechnik auf englisch beschrieben.

Nun kann man sich dank YouTube einen oberflächlichen Eindruck von Timo Frasch machen: Timo Frasch im Interview anlässlich der Verleihung des Ernst-Robert-Curtius-Förderpreises für jüngere Schriftsteller an ihn. Gewollte Hipsterfrisur trifft schnöselig gestelzten Ausdruck. Aus einem traurigen Arsch kommt halt kein lustiger Furz, was wohl zu beweisen war, und so wäre ich fast bereit, Timo Frasch seinen Furz von Artikel zu verzeihen und einfach über ihn (den Frasch, nicht den Furz) zu lachen.

Doch viel schlimmer ist ja, dass Frasch nicht einfach in sein privates Blog gepupst hat, falls Politikredakteure der FAZ so etwas überhaupt täten. Nein, sein Text ist in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen. Auf Seite 6. Eine halbe Seite lang. Und gerade die Redaktion der FAS würde sich ja bestimmt zu Gute halten, dass ihre Publikation im Gegensatz zu Blogs journalistischen Standards genügt, dass also insbesondere Texte gecheckt, double-gecheckt und again gecheckt werden. Dass mindestens ein Chefredakteur oder Ressortchef oder CvD entscheidet, welche Artikel in welcher Form ins Blatt gehoben werden und welche unter den Schneidetisch fallen.

Wenn es ein Artikel wie der von Timo Frasch also in eine Qualitätswochenzeitung schafft, dann lässt das nur drei Schlüsse zu:
Entweder die Qualitätssicherung der FAS hat in Fraschs und mindestens auch Seidls Fall vollständig versagt. Oder die verantwortlichen Redakteure der FAS, möglicherweise sogar ihre Herausgeber, diejenigen einer Zeitung mit einer verbreiteten Auflage von über 350.000 Exemplaren, glauben, mit Artikeln, die Sexismus verharmlosen, ihre Leserschaft zu erreichen. Oder sie sind selbst zutiefst sexistisch. (Oder alles davon.)

Falls es also noch überhaupt ein Indiz dafür brauchte, wie notwendig die Debatte um Alltagssexismus ist, dann war es die Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 27. Januar 2013. Zwei. Tausend. Dreizehn.

P.S: Ich bitte um Entschuldigung für die etwas unüblich derbe Sprache dieses Postings. Aber auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.

P.P.S.: Ich hoffe, ich habe ungefähr die richtige Keyworddichte getroffen, um dieses Posting bei einer Suche nach Herrn Frasch auf eine vordere Ergebnisposition zu bringen und ihm so zu verdeutlichen, wie es sich anfühlt, öffentlich beschämt zu werden.

P.P.P.S.: Eventuell, nur ganz eventuell, ist der FAS-Redaktion doch im Rückblick noch klar geworden, was für eine journalistische Peinlichkeit der Artikel von Timo Frasch war, denn online findet sich sehr wohl der Text von Claudius Seidl, aber der von Frasch ist nirgendwo verfügbar, auch nicht im digitalen FAZ-Archiv.

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5 Gedanken zu “Ein Furz, der sich Artikel nennt: Timo Frasch pfeift dünn

  1. Ich würde zwar vorsichtig widersprechen bei der These, dass die Lustigkeit von Spott vorrangig davon abhänge, wer wen verspottet, bin aber sonst weitgehend bei dir und bedanke mich natürlich für die äußerst freundliche Bemerkung zu meinem Post.

  2. Tatsächlich? Das würde mich interessieren, ich bin da eigentlich recht überzeugt: Wenn ein Mitarbeiter auf der Weihnachstfeier einer Bank eine Rede hält, und dabei den Chef im gebotenen Rahmen verspottet, ist das (abhängig vom Humorniveau) lustig. Weil sich da jemand was traut. Wenn der Chef hingegen dasselbe mit dem Mitarbeiter täte, dann würde er wohl nicht so viele Lacher bekommen, vielmehr würden sich die Kollegen fragen, ob er da jemand auf dem Kieker hat.

    1. Wenn ein mächtiger Mensch einen Untergebenen verspottet, mag das aufgrund der bedrohlichen Assoziationen manchen weniger zum Lachen reizen als wenn es umgekehrt wäre, zumindest wenn die Atmosphäre durch den gewohnheitsmäßigen Missbrauch dieser Macht schon so angstgesättigt ist, dass Bedrohung im Träum steht.
      Aber für mich (und mehr kann man bei dem Thema ja nun mal nicht sagen) ist Humor, der nur auf „Ui, da traut sich jemand was!“ beruht, keiner, und wenn wer noch auf anderem beruht, ist er definitionsgemäß auch unabhängig davon lustig. Aber vielleicht ist das nur eine Besonderheit von mir. Ich konnte zum Beispiel über politisches Kabarett auch noch nie lachen.

  3. alphachamber schreibt:

    Sie und die anderen politisch korrekten, liberalen, angepassten Demutsakrobaten brauchen dringendst ein ernsthaftes Hobby!
    Sie sind es, der bei den vielen Adjektiven und Schmuddelsprache ein paar Stunden Psychoanalyse braucht.

  4. Lieber alphachamber, von Menschen wie Ihnen lasse ich mich gerne angreifen. Es zeigt mir, dass ich auf der richtigen Seite stehe. Ihr Beitrag zum Thema fasst jedenfalls die Geisteshaltung wunderbar zusammen, die ich immer bekämpfen werde, weswegen ich ihn hier gerne verlinke: http://liberalerfaschismus.wordpress.com/2013/01/27/der-bizarre-sexismus-streit/ (Ich gehe zumindestens schwer davon aus, dass Sie der Autor dieses Textes sind? Das Pseudonym ist identisch, die Haltung zum Sexismusdebatte auch. Falls das nur ein großes Zufall sein solte, bitte ich um Entschuldigung.)

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