Kurz reingeschaut: „Die Ratten“ im Schauspielhaus Köln

Ich mag Karin Henkels Inszenierungen, auch wenn sie mich in der Vergangenheit nicht immer begeisterten. Aber sie schaffen es immer, auf offenen Bühnen eine hohe Konzentration auf den Text und das Stück zu zeigen, so auch bei Gerhard Hauptmanns „Ratten“. (Dass es sich wohl um eine Neuauflage einer alten Leipziger Inszenierung von Henkel handelt, ist etwas schade, tut dem Erstseher aber natürlich auch nicht wirklich weh.)

Die Schauspieler sind bereits auf der Bühne, wenn das Publikum seine Plätze einnimmt. Ein alter Trick, der aber in Hauptmanns Stück mal wirklich passend ist, weil es genau das Verhältnis von wirklicher und gespielter Welt behandelt. Während die letzten Besucher noch im Gang stehen, ruft Lina Beckmann als Henriette John in den Saal: „Ich bin fertig, wir können anfangen“ – und Wirklichkeit und Theater sind schon dann auf so vielen Ebenen vermischt, dass sie sich in der Folge nie wieder ganz trennen werden.

Die erste Szene gerät anstrengend, denn Lina Beckmann berlinert, wie alle Darsteller, (mit Absicht!?!) nur mittelmäßig gekonnt. Und Lena Schwarz als Pauline Piperkarcka schreit ihren Text so hysterisch und mit so starkem polnischen Akzent, dass er kaum verständlich ist. Natürlich passt das zur Erregung der Szene, in der die John dem Dienstmädchen sein bald geborenes Kind abschwatzt, aber es erschwert den Einstieg in das Stück.

Schon bald danach wird es aber grandios, wenn die beiden besten Darsteller des Abends die Bühne betreten: Yorck Dippe als Theaterdirektor Hassenreuter und Jan-Peter Kampwirth als Möchtegernschauspieler Erich Spitta. Spitta spricht bei Hassenreuter vor. Wie Yorck Dippe den Hassenreuter belehrend, verbohrt und doch sehr menschlich spielt, das ist schon toll. Aber Jan-Peter Kampwirth gelingt das Kunststück, Erich Spitta gleichzeitig als komische Karikatur eines bemühten Laien zu zeigen, ihm aber doch so viel Tiefe und Wahrheit zu geben, dass Figur und Darstellung zum Kondensat des Themas der „Ratten“ werden: Wie viel spielen wir alle, wie echt sind wir? Ist Echtheit überhaupt etwas, das irgendjemand möchte? Das ist von Dippe und Kampwirth so eindringlich wie teilweise hysterisch lustig dargestellt. Hier verdient sich die Tragikomödie, die Hauptmann im Sinn hatte, ihren Namen in nur einer Szene. Toll!

Auch der übrige Cast überzeugt, nur Lina Beckmann wollte mir als Frau John nicht so recht gefallen. Sie blieb mir etwas zu sehr an der Oberfläche der Figur, die, wie alle des Stücks, eigentlich zutiefst zerrissen ist. Und die unvermeidliche Beckmannsche Brülleinlage nervt inzwischen ein bisschen: Es muss doch auch mal anders gehen?

Wirklich gut ist das Bühnenbild: Ein Kasten aus schlichten schwarzen Klappen, durch die Schauspieler ab und auf treten, mal helle Lichter leuchten, die als Mittel der Inszenierung aber nicht überstrapaziert werden.

Unterm Strich ist „Die Ratten“ einfach eine gute Inszenierung, die das Stück und seine Aussage in den Vordergrund stellt. Nicht überragend, aber auf jeden Fall sehenswert!

Ein Gedanke zu “Kurz reingeschaut: „Die Ratten“ im Schauspielhaus Köln

  1. Ich traue mich ja nach einigen sehr schmerzhaften Erlebnissen nicht mehr ins Theater, denke aber regelmäßig, dass ich Hannover da mal eine Chance geben sollte …
    Irgendwann.

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