Kurz reingeschaut: „Kippenberger!“ im Schauspielhaus Köln

Ich gebe zu: Ich kannte Martin Kippenberger nicht. Nie von ihm gehört. Komplett ahnungslos, hätte für mich auch ein Arbeiterführer aus dem Pott sein können. Nach dieser Aufführung aber weiß ich: Kippenberger war ein charismatischer Typ, der sich nehmen durfte, was er begehrte, und der tat, was er wollte – einschließlich, sich zu Tode zu saufen. Außerdem war er ein hoch anerkannter, als Krawallbruder gefürchteter Künstler, den die Stadt Köln, in der er ein paar Jahre seines kurzen Lebens verbrachte, in ihrer vereinnahmenden Art als einen der Ihren annektiert hat.

Die Aufführung von Angela Richter will Kippenberger zeigen, indem sie Zeitgenossen, die ihn kannten, von ihm berichten lässt, ab und an meldet sich der Künstler auch selbst: alles durch die Münder und Körper von fünf Schauspielern. Die sprechen in wechselnden Rollen, meist ohne den Sprechenden auszuweisen, ungeglättete Texte aus Interviews. Alleine das ist schon unterhaltsam, denn ich finde, es gibt wenig Kurzweiligeres, als wenn im Theater echte Sprache gesprochen wird, keine hohe Dichtkunst, sondern Wörter, wie sie normalen Menschen aus dem Mund purzeln. Und es gibt wenige Schauspieler, die solche Texte überzeugend sprechen können. Den fünfen dieser Inszenierung gelingt es, auch wenn es bei dem ein oder anderen ein Weilchen dauert, bis das Deklamieren einem ungezwungenen Gequatsche gewichen ist.

Aber spätestens, wenn ganz am Ende jeder ein paar Sätze zum Tod Kippenbergers in eine Kamera spricht, das Gesicht auf eine große Leinwand projiziert, dann sind die Darsteller vollkommen in ihren Figuren angekommen.

Dieses Ende rührt fast zu Tränen. Während der Aufführung sind die ruhigen Momente hingegen seltener. Meist wird schnell gesprochen oder zu lauter Musik getanzt. Einmal erzählt Yuri Englert als Kippenberger einen Witz, den er endlos in die Länge zieht, auf Abwege gerät, noch einmal von vorne beginnt, sich wieder verirrt, die angeblich grandiose Pointe  umschweifig ankündigt, sich wiederholt und wiederholt – bis ein genervter, älterer Zuschauer tatsächlich lautstark seinen Unmut äußert und von den Umsitzenden verbal gebändigt werden muss. Interessanterweise erzählt im anschließenden Zuschauergespräch ein Besucher, ein Kölner Radiologe, der Kippenberger tatsächlich gut gekannt hatte, dass Kippenberger wirklich eben diesen Witz erzählt hatte, und wenn er meinte, nicht genug Aufmerksamkeit zu bekommen, wieder und wieder von vorne anfing, bis alle genervt waren.

Die Regisseurin sagte im Gespräch, dass es ihr größtes Ziel sei, mit der Aufführung nicht zu langweilen, und dass diese Fähigkeit gemeinhin unterschätzt werde. Das jedenfalls ist ihr gelungen: Ich habe mich zu jeder Zeit gut unterhalten gefühlt, und ich habe etwas darüber gelernt, wer Martin Kippenberger war.

Als meine erste Aufführung der Intendanz von Stefan Bachmann konnte sich „Kippenberger!“ sehen lassen. Das war vielleicht noch nicht das ganz große Theatererlebnis, aber es hat mir Lust auf mehr gemacht.

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