Fortuna Köln – Viktoria Köln 4-2 (1-2)

„Viktoria, du Ausgeburt eines Finanzdienstleisters, hör die Stimme des kommenden Meisters!“ (Bitte jetzt auf den folgenden Play-Button klicken. Ich sagte: Jetzt!)

Was war das bitte für ein Spiel? Im Nachhinein könnte man fast vermuten, dass die ruhmreiche Fortuna aus Zollstock der Höhenberger Steuerberatungstruppe mit der gekauften Lizenz zeigen wollte, dass sie nur eine Halbzeit braucht, um klar zu machen, wer die Nummer zwei im Kölner Fußball ist. Wie die Rotweißen in den ersten 30 Minuten auftraten, war mir jedenfalls nur so erklärbar: Den Fusionierten mal ein paar Tore Vorsprung zu lassen, um dann mit Handycap um so triumphaler zu siegen.

Im Ernst: Dieses Derby stand einerseits auf Messers Schneide, hätte gut auch für Viktoria ausgehen können, zeigte andererseits aber überdeutlich den Unterschied zwischen den beiden Mannschaften. Und der besteht aus einem Wort: Herz. Wie die Fortuna nach der verkackten ersten halben Stunde zurückkam, vor allem in der zweiten Halbzeit, wie sie Viktoria den Schneid abkaufte und in die eigene Hälfte zurückdrängte, wie sie auf einmal ihr Spiel spielte und dann zielstrebig Tore schoss – das war genauso bemerkenswert wie das komplette Zerbröseln des Höhenberger Spiels, dem das winzige bisschen Zusammenhalt verloren ging, das ihre sehr guten Einzelspieler vorher zu so etwas ähnlichem wie einer Mannschaft gemacht hatte. Und ich glaube, ich übertreibe nicht.

Uwe Koschinat hatte dieser Startelf das Vertrauen geschenkt: Poggenborg – Sievers, Flottmann, Laux, Kwame – Hörnig, Zinke – Kraus, Andersen, Kessel – Aydogmus. Andersen also hinter den Spitzen, Thomas Kraus rannte sich seine Lunge vor allem in der rechten Hälfte des Spielfelds aus dem Leib, Aydogmus wieder von Anfang an.

Und wie schon erwähnt, ging zu Beginn nichts, aber auch gar nichts. Der Spielaufbau der Fortuna bestand ausschließlich aus langen Bällen in die Spitze, die dort allerdings prompt verloren gingen. Zwar konnte man den Gegner so halbwegs erfolgreich vom eigenen Tor hinhalten, andererseits entstanden beide Gegentore zum Zwischenstand von 0-2 aus Kontern, so dass man sich fragen durfte, ob man nach langen Bällen nicht wenigstens hinten sicher stehen kann? Besonders das 0-2 war ein Offenbarungseid: Ein steiler Flachpass genau in die Mitte des Spielfelds, wo Candan die dreispurige Autobahn hinunterpreschte, die beide Fortuna-Innenverteidiger ihm zwischen sich frei gelassen hatten. Das sah wirklich schlecht aus.

Im Anschluss aber begann die Fortuna endlich, den Druck aufzubauen, den man in einem Derby machen muss, bei einem Rückstand sowieso. Das 1-2 fiel nach einem gut geschlagenen Freistoß, den Aydogmus auf den kurzen Pfosten nickte und den der Höhenberger Torwart nur noch ins eigene Netz abfälschen konnte. Kurz darauf hätte Aydogmus sogar fast den Ausgleich geschossen, doch seine Direktabnahme strich am Lattenkreuz vorbei.

Auch körperlich nutzten die rotweißen Spieler nach dem 0-2 endlich den nicht gerade kleinen Spielraum aus, den ihnen Schiedsrichter Thorben Siewer ließ. Diese Ansetzung war durchaus mutig vom Verband, denn Siewer hat zwar Erfahrung in der 3. Liga, aber viele heißere Spiele als dieses Kölner Derby gibt es in der Regionalliga wohl nicht. Unterm Strich machte er seine Sache aber nicht schlecht, insbesondere fand er eine Linie, die einem Derby angemessen ist: Durchaus großzügig in der Zweikampfbewertung, aber dann doch mit konsequenten und unaufgeregten Pfiffen, wenn er die Grenze überschritten sah. Dass er das ein oder andere Mal Aktionen laufen ließ, die auch in England wohl immer gepfiffen würden, trug jedenfalls zum Erlebniswert der Partie bei. Mindestens zwei klare Fehlentscheidungen leistete der Schiedsrichter sich aber doch, beide zugunsten der Fortuna: Vor dem 4-2 riss Andersen seinen Gegenspieler an der Außenlinie mit beiden Händen um. Und ein Foul, das Siewer kurz vor Schluss für Viktoria pfiff, passierte eindeutig innerhalb des Fortuna-Strafraums.

Trotzdem konnte wohl kein Viktorianer behaupten, er sei um einen Punkt geprellt worden zu sein, denn die Unterlegenheit in der zweiten Hälfte war zu eindeutig. Aus der Pause kam nämlich eine völlig andere Fortuna, die sich in der gegnerischen Hälfte festsetzte, auf einmal auch spielerisch glänzte, sich auf den Außenbahnen immer wieder durchkombinierte und zu Chancen kam.

Und doch hätte Silvio Pagano das Spiel vielleicht schon entscheiden können, als er, nur Sekunden vor dem 2-2, einen steil geschlagenen Ball erlief, aber völlig freistehend nicht an Poggenborg vorbei bringen konnte.

Das machte Tobias Steffen (für den verletzten Laux eingewechselt) kurz darauf besser, nachdem Aydogmus ihn angespielt hatte, lief er, so schlicht wie erfolgreich, an der Strafraumgrenze einfach zwischen zwei Verteidigern hindurch und versenkte sicher im langen Eck.

Auch das 3-2 durch Käptn Flottmann fiel seltsam unspektakulär: Bei einer Ecke von der linken Seite stand Flottmann völlig unbewacht im gegnerischen Strafraum, der Ball fiel ihm quasi auf den Kopf, er musste nicht einmal springen oder eine aktive Kopfbewegung machen, und doch segelte der Ball in Zeitlupe ins Toreck.

Vom 4-2 hatte ich schon berichtet, dass ihm ein Foul von Andersen voraus ging, der mich heute insgesamt nicht überzeugte. Viel zu oft waren seine Aktionen hektisch, obwohl doch gerade er die Technik hat, die ihm die nötige Zeit für einen gezielteren Ball geben sollte. Den ermogelten Ball spielte er jedenfalls den rechten Flügel hinunter auf Steffen, der dann quer durch den Strafraum zu Aydogmus passte, der gewohnt sicher zu seinem 11. Saisontor vollstreckte.

Unterm Strich war es ein unfassbar geiles Derby, natürlich gerade wegen des schlimmen Rückstands und weil unser Rheinseitenwechsler Aydogmus die Tore erzielte, die Pagano und Nottbeck auf der anderen Seite verwehrt blieben.

Aufgrund der mehr erzielten Tore ist die Fortuna bei gleicher Punktzahl und Tordifferenz jetzt Spitzenreiter der Regionalliga West, hat aber noch ein Spiel weniger als Lotte absolviert. Schon am kommenden Wochenende, wenn Lotte spielfrei hat, könnte sie beim Tabellenletzten in Wiedenbrück die Tabelle noch eindrucksvoller gestalten. Aber gerade das sind ja oft die schwersten Spiele. (Phrasenschwein, bitte übernehmen Sie! Nachtrag: Und gerade lese ich, dass Wiedenbrück heute sein erstes Saisonspiel gewonnen hat, sogar bei Schalke II. Die Warnung kommt rechtzeitig für Fortuna.)

Und viel wichtiger: Auch im letzten Jahr waren wir Wintermeister, bevor Lotte dann noch unaufhaltsam vorbeizog. Aber bislang ist diese Saison wirklich sehr, sehr viel versprechend, gerade weil die Siege der Fortuna nicht mit großer Leichtigkeit zustande kommen, sondern sie ihr Glück wieder und wieder zwingt.

Derbysieger! Spitzenreiter! Hey! Hey!

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