Die neue Technik und ihr Feind Rettig

In der Süddeutschen Zeitung wird heute Andreas Rettig interviewt, Geschäftsführer der DFL. Thema: Die Einführung (oder nicht) der Torlinientechnologie. Das Gespräch ist geradezu ein Lehrbeispiel für die geistigen Hindernisse, die Innovationen überwinden müssen, um die Closed Minds und am Ende vielleicht sogar die Antagonisten überzeugen zu können. Das Modell der unterschiedlichen Typen von Innovationsfreunden und -gegnern hat Gunther Dueck nicht erfunden, aber in seinem Buch „Das Neue und seine Feinde“ kürzlich  noch einmal griffig aufgeschrieben.

Wie also äußert sich der Antagonismus gegenüber der Torlinientechnologie bei Andreas Rettig? Vor allem darin, dass es Rettig auf einer 2/3-Seite der SZ gelingt, immer neue Bedenken gegen die Technologie zu finden und immer absurdere Ablenkungsmanöver zu platzieren, nur um an Ende nicht sagen zu müssen: „Ich will das nicht. Ich bin dagegen. Mir ist das nicht geheuer!“ Obwohl genau diese Sätze aus allen seinen Antworten herausklingen.

Rettig beginnt sofort mit einem klassischen Catch 22. Er will (Antwort auf Frage 1) zunächst die Erfahrungen abwarten, die anderswo mit der Torlinientechnologie bereits gemacht werden, nämlich bei der FIFA und in der Premier League. Und obwohl das nun wirklich beides keine Versuchsfelder aus der karpatischen Regionalliga sind, betont Rettig in seiner Antwort auf Frage  2, dass die Erfahrungen, die dort gesammelt werden und die er abwarten will, natürlich nicht auf die Bundesliga übertragbar sind.

Eine perfekte Antagonistentaktik: Es vergeht Zeit, aber man verpflichtet sich zu nichts. (Und die Taktik lässt sich sogar beliebig in die Länge ziehen: Man kann immer *noch* mehr Erfahrungen sammeln wollen. Nur ein Hasardeur könnte dafür sein, einfach mal was zu machen!)

Übrigens ist es die Tatsache, dass es in der Bundesliga Stadien mit Laufbahn gibt, die nach Rettigs Ansicht die englischen Erfahrungen nicht übertragbar machen. Und wenn man vielleicht irgendwann die Technik im Berliner Olympiastadion getestet hätte, könnte man immer noch sagen, dass das ja nur eine blaue Laufbahn war und keine Erfahrungen in Stadien mit roter Laufbahn vorliegen. Wer weiß, welchen Einfluss das hat? Will man da ein Risiko eingehen?

Rettigs nächstes Argument ist das klassischste aller Antagonisten: Das Horrorszenario! Rettig sagt:

Nehmen Sie dieses Beispiel: Der Ball geht knapp und für den Schiedsrichter nicht erkennbar hinter die Linie, wird aber direkt zurückgeblockt und danach bugsiert ihn der Stürmer mit der Hand ins Tor. Das System zeigt Tor an, aber der Schiedsrichter weiß nicht, ob der Ball in der ersten oder in der zweiten Aktion drin war.

Oh mein Gott! Es kann Fälle geben, in denen die Torlinientechnologie keine eindeutige Entscheidung ermöglicht? Es könnten Fälle übrig bleiben, in denen der Schiedsrichter mit der Kraft seiner Augen und vor allem seiner Einschätzung beurteilen muss, ob er ein Tor gibt? Das wäre ja… schluck… GENAUSO WIE HEUTE! Das kann man natürlich wirklich nicht akzeptieren…

Auch der nächste Punkt, den ich von Rettig schon häufiger gehört habe, fällt in die Kategorie des Trickarguments: Rettig meint, die Toleranzgrenze von 3 cm für die Torlinientechnologie sei nicht akzeptabel, und es sei gut, dass die FIFA diese Grenze jetzt auf 1,5 cm gesenkt habe. Aber sofort fragt er selbst: „Können wir 1,5 Zentimeter akzeptieren?“

Die Taktik ist erkennbar: Verunsicherung stiften, indem darauf verwiesen wird, dass die neue Technik nicht perfekt ist. Aber das ist deswegen ein Trick, weil der richtige Maßstab für die Beurteilung nicht derjenige der Perfektion ist – sondern der aktuelle Status Quo.

Es ist doch so: Wenn der Schiedsrichter heute mit bloßem Auge sicherer erkennen kann, ob ein Ball weniger als drei Zentimeter hinter der Linie ist, bleiben wir besser bei dessen Beurteilung. Und wenn es eine andere Technologie gibt, mit der man der Torlinientechnologie nachweisen könnte, einen Fehler im Bereich unter 3 cm gemacht zu haben – dann nehmen wir doch einfach diese Technologie! Und wenn die am Ende „Videobeweis“ hieße…?

Auch die SZ ist ja manchmal nicht doof, hakt im Interview überhaupt oft genau mit den passenden Fragen nach und spricht Rettig als nächstes eben auf den Videobeweis an. Doch nun vollführt Rettig eine Volte, die in Sachen Öffentlichkeitsarbeit nachgerade genial ist: Zunächst erwähnt er pflichtschuldig, dass die Fifa den Videobeweis eh nicht zulässt. Und dann kommt es: Man solle doch zum Beispiel Google Glass nehmen, meint Rettig. Das komme schon 2014 auf den Markt, und vielleicht sei das ja eine viel bessere Lösung als die Torlinientechnologie?!

Wirklich! Das sagt der! Andreas Rettig! Und die SZ geht ihm voll auf den Leim und macht ihre Zusammenfassung des Interviews genau damit auf: „Rettig bringt Google-Brillen für Schiedsrichter ins Gespräch„.

Dabei ist natürlich gerade dieses Argument der in alle Ewigkeit wiederholbare antagonistische Monstertrick: Wer weiß, ob die vorgeschlagene Technologie denn auch *optimal* ist? Vielleicht kommt schon morgen jemand und erfindet etwas viel, viel Besseres? Da warten wir doch lieber auf morgen, bevor wir heute etwas Halbgares installieren!

Das ist nichts anderes als das Rhetorik gewordene, uralte Witzschild, das in jeder schlechten Kneipe hängt: „Free Drinks tomorrow“.

Ganz am Ende versucht die SZ dann ein letztes Mal, und fragt Rettig, was er denn nicht als Funktionär, sondern als Fußballfan will. Und was will der Fußballfan Rettig?

Ein Höchstmaß an Gerechtigkeit im Sinne des Sports.

Und Friede auf Erden. Und den Menschen ein Wohlgefallen.

Andreas Rettig ist schlicht und einfach ein Feind des Neuen, wenn auch ein rhetorisch gut geschulter. Sein Vertrag als DFL-Geschäftsführer läuft bis 2015, analog zur Amtsperiode des gewählten Vorstands. Und auch, wenn Rettig nicht als Alleinherrscher über die Einführung der Torlinientechnologie entscheiden kann, so darf man sich fragen, wie progressiv eine Vereinigung ist, die so jemanden öffentlich zu Innovationsthemen sprechen lässt.

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