Bayern München U23 – Fortuna Köln 2-1: Warum die Fortuna aufstieg.

Vielleicht hätte Ylli Sallahi das Tor nicht schießen sollen, sein zweites in diesem Spiel, locker aus dem Unterschenkel ins Tor gekickt, aus 25 Metern Entfernung. Vielleicht wäre es besser für Bayern II gewesen, wenn es in die Verlängerung gegangen wäre: Hohe Temperaturen, ein bis dahin schon überlegenes Spiel der U23, die Spieler der Fortuna hatten viel laufen müssen und waren seit der 80. Minute in Unterzahl.

Oliver Laux köpft das Tor zum Aufstieg für Fortuna Köln
Oliver Laux köpft das Tor zum Aufstieg für Fortuna Köln

Jedenfalls hätte Sebastian Zinke dann nicht diesen letzten langen Ball geschlagen, und wahrscheinlich hätte Oliver Laux, hauptberuflich Innenverteidiger, dann auch nicht am gegnerischen Strafraum gestanden. Lukas Raeder hätte diesen Ball nicht durch die Hände gleiten lassen, Oliver Laux hätte ihn nicht über die Linie gewuchtet. Und vielleicht wäre dann am Ende die U23 des ruhmreichen FC Bayern München aufgestiegen, und nicht die 1. Herrenmannschaft des ewig kleinen, leisen, leidgeplagten, des auf immer schängschen SC Fortuna Köln.

Aber andererseits gibt es so Momente, auf die, rückblickend betrachtet, eine ganze Saison hin steuert, vielleicht sogar eine ganze Ära: nämlich die von Uwe Koschinat bei der Fortuna. Dieses Tor war Ausdruck der Philosophie, die Uwe Koschinat dem Team seit drei Jahren aufprägt. Nicht besser sein wollen als der Gegner, nicht den schöneren Fußball spielen wollen, sondern mit Geradlinigkeit, Dynamik und Einsatz vor allem eins tun: gewinnen.

Ich kann meine Bayern-Timeline bei Twitter natürlich in gewisser Hinsicht verstehen: Von einem so späten und entscheidenden Tor kann man nur geschockt sein, gerade als Fan dieses Vereins. Das war 1999 und 2012 all over again. (Aus Fortuna-Sicht war es eher Hamburg 2001.) Aber nachdem ich das Hinspiel im Südstadion mit eigenen Augen sah, hinterher die Pressekonferenz und Interviews mit Bayern-Spielern, nachdem ich das Rückspiel auf FCB.tv sah und den Kommentator hörte, kann ich eines ganz sicher sagen: Keiner von denen hat mein Blog gelesen ;-) Hätten sie nämlich, dann wären sie gewarnt gewesen, dass diese Fortuna eine herausragende Qualität hat: Spiele zu gewinnen, in denen sie die vermeintlich schlechtere Mannschaft war. Zuletzt im März beim 3-1 gegen Schalke II.

Aber was heißt das schon: die „schlechtere“ Mannschaft gewesen zu sein, wenn man am Ende den Platz als Sieger verlässt, und zwar nicht ein Mal, sondern immer wieder: 2,1 Punkte im Durchschnitt pro Ligaspiel, der beste Angriff der Regionalliga West. Ralf Rangnick sagte einmal, dass es nicht auf die Quantität des Ballbesitzes ankäme, sondern auf die Qualität. Über beide Relegationsspiele gegen Bayern hinweg muss man am Ende konstatieren, dass beide Mannschaften ungefähr die gleiche Zahl sehr guter Tormöglichkeiten hatten. Ich zähle

  • sechs Chancen für Fortuna: Drei 1:1-Situationen gegen den Torwart in HZ 1 des Hinspiels, das Tor aus HZ 2, im Rückspiel dann der Lattenschuss von Pazurek und natürlich das Tor von Laux,
  • und fünf Chancen für Bayern II: Im Hinspiel Friesenbichlers Pfostenschuss, im Rückspiel die beiden Tore von Sallahi, der Schuss von Friesenbichler in HZ 1 und die Chance von Chassa, die Hörnig von der Linie kratzt.

Klar hatte Bayern wesentlich mehr Ballbesitz und auch mehr Fast-Möglichkeiten, die von einem Fortunen vereitelt wurden, kurz bevor sie wirklich gefährlich werden konnten. Aber über zwei Partien kann es kein Zufall sein, wenn das immer wieder gelingt, sondern Einsatz, Kampfkraft und schierer Willen.

Aus meiner Sicht erkannte Bayern die Qualität der Fortuna nie an. Man wiegte sich, angeführt vom Trainer, im sicheren Bewusstsein, die bessere Mannschaft zu sein und es deswegen sowieso verdient zu haben, wenn man nur auftreten würde wie eine Männermannschaft. Erst nach dem Hinspiel erkannte Bayern, dass die Fortuna eine echte Chance hat, aber selbst da war man im Bayern-Lager noch der Meinung, dass die Niederlage ungerecht gewesen sei und dass der Schiedsrichter, den übrigens auch die Fortuna-Fans massiv kritisierten, schlecht gepfiffen habe. Irgendwie habe der die Bayern-Spieler nicht aureichend geschützt, dabei zähle ich über beide Spiele hinweg nur drei harte Fouls der Kölner. Ansonsten ging Fortuna durchaus robust und nach Jeremies-Art in die Zweikämpfe: Der andere sollte wissen, dass jeder Ballbesitz weh tun kann. Aber wirklich unfair war das selten.

Bayern trat implizit auf dem Platz und expressis verbis abseits des Platzes auf, als müsse man nur auf sich schauen. Die Fortuna dagegen wusste um die Stärken des Gegners und stellte ihr Spiel darauf ein. Am Ende war das ein bisschen wie Atlético gegen Real im CL-Finale – nur dass am Sonntag das Atlético des Westens kurz vor Schluss das Tor schoss. Ein solches Tor ist immer glücklich, das würde ich nie abstreiten. Aber dass sich die Fortuna über zwei Spiele betrachtet durchsetzte, war nicht unverdient. Bayern hätte es natürlich auch schaffen können, die Auseinandersetzung stand in jedem Moment Spitz auf Knopf. Am Ende konnte es aber (Warum eigentlich, DFB?) nur einen geben, und das war eben die Fortuna.

Ich kann kaum beschreiben, wie tief zufrieden mich dieser Sieg macht. Nicht nur, weil das Glück dieses letzten Balls angefangen hat, das Pech aus vergangenen Jahrzehnten auszugleichen.

Sondern eben weil dieser Sieg der vorläufige Endpunkt einer Entwicklung ist, die mit einem Mann begann, dem ich hier seine verdiente Würdigung zukommen lassen will: Dirk-Daniel Stoeveken. So sehr ich immer die Halbwahrheiten und die Pseudodemokratie kritisiert habe, mit denen sein DFC die zahlenden Kunden betrog, so sehr erkannte ich immer an, dass Stoeveken als DFC-Macher die unterklassigen Finanzstümpereien der damaligen Vereinsoberen beendete.

Aber das war nur der erste Schritt. Den viel wichtigeren Beitrag leistete Stoeveken, als er Michael Schwetje ins Fortuna-Boot holte: Einen Mann, der das hatte, was der Fortuna noch fehlte: a) Geld und b) Ahnung davon, wie man es nüchtern und gut anlegt. Weil der Mann außerdem noch ein Fortuna-Herz hat, ist es umso schöner, dass die einzige Entscheidung, die er nicht mit wirtschaftlicher Perspektive im Kopf traf, sondern einfach mit dem rotweißen Herzen, jetzt so vergoldet wird: die Entscheidung, nach dem verpassten Aufstieg der letzten Saison, aber dem gewonnenen Pokalfinale noch eine Saison als Investor dran zu hängen.

Weil das Tor von Oliver Laux also der Endpunkt dieser Entwicklung ist, bei der seit 2008 aus einem rumwurschtelnden Verbandsligisten ein in jeder Hinsicht klar und zielstrebig agierender Favorit für den Drittligaaufstieg gemacht wurde: Darum bin ich so zufrieden.

Wenn irgendjemand noch verstehen möchte, wie dieser Verein inzwischen tickt, dann muss er sich nur das Video der Pressekonferenz nach dem Spiel bei Bayern ansehen: Da sitzt Uwe Koschinat, wird um sein Statement gebeten. Einige Spieler kommen reingehüpft und fordern ihn auf, ein Lied zu singen. Koschinat sitzt da, er freut sich, lacht, weiß aber nicht so recht, was er tun soll. Dann fängt er, noch im Sitzen, das Mailand-Lied zu gröhlen, springt auf, hüpft, die Faust geballt wie ein Hooligan, mit den Spielern auf und ab. Und dann setzt er sich wieder hin und konstatiert 30 Sekunden später staubtrocken, dass Bayern die Fortuna in der ersten Hälfte an die Wand gespielt hat. Es ist genau dieses Miteinander von überschäumender Emotionalität und nüchterner Wirklichkeitsbetrachtung, das diese Fortuna auf jeder Ebene auszeichnet.

Ich freue mich jetzt wie Bolle auf Spiele gegen die Stuttgarter Kickers, gegen Preußen Münster, den Meidericher Sportverein, Arminia Bielefeld, Haching – und weil ich dort Freunde habe ganz besonders auch auf die Partien gegen Dresden und Cottbus. Ich bin wirklich sehr glücklich, dass wir in der 3. Bundesliga spielen.

Danke an alle, die dazu beigetragen haben, dass dieser Sonntag möglich wurde. Ihr wurdet zu Legenden.

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