Von der Kunst des Alleinseins, oder: Wie ein paar mehr Burkas den öffentlichen Raum verbessern würden

Ich blogge seit einiger Zeit auch deshalb so wenig bis gar nicht mehr, weil das, was ich sagen möchte, nach ein paar Stunden oder Tagen schon jemand anders aufgeschrieben hat und ich dann nur noch den Link twittern muss.

Ähnlich geht es mir mit dem (prinzipiell erfreulich differenzierten) Artikel von Johan Schloemann gestern in der Süddeutschen Zeitung, in dem er sich mit dem Burka-Urteil des EuGH auseinandersetzt. Die Argumente für das Burkaverbot, die Schloemann entgegen seiner eigentlichen Überzeugung vorträgt, halte ich für wenig tragfähig. Und so geht es auch Maximilian Steinbeis, der in Schloemanns Artikel ausdrücklich erwähnt wird und nun im Verfassungsblog antwortet: „Ich darf für mich sein. Ihr müsst das aushalten.

Ich möchte zu Maxmilian Steinbeis‘ Ausführungen nur einen Lesetipp ergänzen, der mir in solchen Zusammenhängen immer wieder einfällt: Jonathan Franzens wunderbares Buch „How to be alone“. Franzen fügte der Privacy-Diskussion schon 2002 einen sehr wichtigen Aspekt hinzu:

Franzen is chief mourner for the loss of public space. He sees American – our – culture not as a place in which privacy has been eclipsed, but as an arena in which it has exploded to fill every civilised area: an autocracy of confession and emotion. ‚Privacy is protected as both a commodity and a right; public forums are protected as neither…‘

Und so sehe ich das auch. Die Öffentlichkeit war mal ein Raum, in den man Privates nicht, oder nur sehr dosiert getragen hat. Das aber ändert sich seit nunmehr zehn, zwanzig Jahren: Die Öffentlichkeit wird mit Privatem zugemüllt, mit Handytelefonaten, mit sich schminkenden Frauen in der Straßenbahn, mit Public Viewing, mit Dauerparties auf dem Brüsseler Platz. Es gibt keine gesellschaftliche Tendenz, nur noch für sich zu sein, der man nun entgegenwirken müsste, schon gar nicht mit einem Gesetz. Genau das Gegenteil ist der Fall.

Und angesichts dieser Entwicklung würde ich mir wünschen, dass im öffentlichen Raum ein paar mehr Burkas getragen werden würden.

P.S. zum Vorbeugen von Missverständnissen: „Burka“ meine ich hier polemisch als Symbol für eine Kommunikationsverweigerung. Dass Frauen, sei es auch „nur“ durch religiöse Konventionen, verpflichtet werden (im Gegensatz zu: aus eigener Entscheidung), sich zu verhüllen, halte ich für verachtenswert.

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