Thomas Middelhoff, oder der Mann, für den nur noch falsche Dichotomien sprechen

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung versucht sich heute Rainer Hank  an einer vorsichtigen Verteidigung des Management-Stils von Thomas Middelhoff: Nach dem Middelhoff-Urteil: Die Stunde der Langweiler. Rainer Hank ist nicht irgendwer, er leitet immerhin den Wirtschafts- und Finanzteil der FAS. Und eines ist nach der Lektüre seines Artikels sicher: Wenn selbst dem Kopf der Wirtschaftsredaktion einer konservativen Zeitung nur noch falsche Dichototmien einfallen, um Middelhoff zu verteidigen, dann hat der seine drei Jahre Knast vermutlich verdient.

Es beginnt schon in der Einleitung des Textes: Entweder Middelhoffs Großmannssucht oder Duckmäuser, stellt Hank gegenüber. Ist das wirklich die einzige Wahl?

Der Artikel führt die größten Verfehlungen Midelhoffs auf: Er hat Arcandor 95.000 € berechnet, die für An- und Abreise zu einem Nebenjob fällig wurden. Und er hat Aufwendungen von 180.000 € abgerechnet, um einen Bertelsmann-Manager in einer Festschrift zu loben. Ich kann mir ja noch vorstellen, wie man die Hubschrauberflüge zwischen dem Familienheim und dem Arbeitsort vor sich selbst rechtfertigen kann. Für die beiden Posten oben fehlt mir aber tatsächlich jede Phantasie, Rainer Hank auch.

Dann jedoch verteidigt er das selbst von ihm so genannte „Statusgeprotze“ heutiger Unternehmer mit dem schwächstmöglichen Argument: Es sei nicht strafbar. Die Strafbarkeit aber, so Hank andererseits, sei eine Keule, mit der die Gesellschaft in letzter Zeit immer häufiger zuschlage. Und was der Richter uns sagen wolle, „wenn er erwähnt, dass ausgerechnet in Saint Tropez ‚bei einem Glas Wein der Abbau von 4000 Arbeitsplätzen beschlossen wurde‘? Hätte man das besser in Essen-Altendorf bei einem Glas Wasser tun sollen?“

Ja, ich denke, genau das wollte der Richter sagen. Und ich auch. Es ist nämlich eine Scheinwahl, zwischen dem Abbau von 4.000 Arbeitsplätzen bei Wasser und Brot und dem Abbau von 4.000 Arbeitsplätzen bei Rotwein und Tapas wählen zu müssen. Vielmehr darf man vermuten, dass die Distanz zu den Betroffenen einer Entscheidung diese Entscheidung leichter macht. Hätte Middelhoff die Entscheidung im Büro des Geschäftsführers des Karstadt-Stammhauses treffen und anschließend jedem der 4.000 seine Entlassung persönlich mitteilen müssen, wäre die Entscheidung dann möglicherweise anders ausgefallen?

Ja, kann man das Vorgehen verteidigen, und genau deshalb will man, dass ein Unternehmenschef seine Entscheidung mit Distanz, zum Wohl des Unternehmens und unabhängig von Einzelschicksalen trifft. Aber auch dann bricht Hanks Argumentation zusammen.

Ich habe es persönlich erlebt, wie in schwierigen Zeiten, als in meinem Unternehmen und Betrieb Leute entlassen wurden, der damalige Vorstandsvorsitzende die Sitzungen des Vorstands auf Mallorca abhielt. Gleichzeitig wurde bei uns um entlassene Kollegen geweint und um jeden einzelnen gekämpft. Uns fehlte ein klitzekleines bisschen Verständnis und dem Vorstand bald jeder Rückhalt in der Belegschaft. Seine unehrenhafte Entlassung wurde mit Befriedigung aufgenommen.

Es gehört sich nicht, Wein zu trinken, und Wasser zu predigen. Es nimmt der Unternehmensführung die Legitmität. Es ist unmoralisch.

Aber schließlich schreibt Rainer Hank: „Der neue Moralismus vertreibt die Exzentriker und Charismatiker.“ Wirklich? Sind Charismatiker immer unmoralisch? Sind es Exzentriker? Man muss nicht den notorischen Wolfgang Grupp anführen, um zu verdeutlichen, dass Exzentrik (Dreiteiler, Werbung mit Affe, Hausdiener!) und moralische Verantwortung sehr wohl Hand in Hand gehen können.

Man muss sich nur mal vorstellen, wie die Angestellten von Karstadt es Middelhoff gedankt hätte, wenn er Arcandor vor der Pleite bewahrt hätte. DAS wäre nämlich moralisch gewesen: Etwas Gutes für andere Menschen tun, für die Gesellschaft. Wie man ihm die Hubschrauberflüge gegönnt hätte!

Dass Exzentrik mit Leistung einher gehen muss, halte ich nicht für moralinsauer. Niemand will Duckmäuser in Vorstandsetagen – sondern Menschen, die Leistung bringen, dabei gerne exzentrisch sind, und die hinterher, falls nötig, zu ihrem Versagen stehen. Echte Unternehmer eben. Keine Kriegsgewinnler, keine Pleiteprofiteure, keine Kapitäne, die als erste von Bord gehen – mit einem Glas Rotwein in der Hand.

[Update am 17.11.] Heute bläst Marc Beise in einem Kommentar der SZ in ein ähnliches Horn wie Rainer Hank. Dabei hantiert er unter anderem mit der Behauptung, drei Jahre seien ein hartes Strafmaß, mancher Totschläger bekomme weniger. Als ich allerdings das letzte Mal ins Gesetz schaute, stand da noch, dass Totschläger nicht unter fünf Jahren bekommen. Tatsächlich gibt es schuldmindernde Gründe, auf Grund derer eine Kammer auch unter das Mindestmaß gehen kann, beispielsweise wenn der Täter während der Tat sturztrunken war. Ich finde es persönlich zwar falsch, Trunkenheit schuldmindernd zu werten, schließlich ist das Trinken von Alkohol eine bewusste Entscheidung des Täters gewesen. Aber vielleicht könnte aus dem Middelhoffschen Rotwein so doch noch ein unerwartet wichtiger Aspekt der Schuldfindung werden…

Schreibe einen Kommentar:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s