Bergisch Gladbacher Fahrstil: Beobachtungen eines Zugezogenen

Bergisch Gladbach liegt vor den Toren Kölns, die Städte sind so miteinander verschmolzen, dass die Stadtgrenze oft kaum merklich ist. Einmal falsch abgebogen, schon ist man von Hebborn wieder in Dellbrück gelandet, ein paar Querstraßen weiter ist man in Refrath. Der Kölner schaut auf Bergisch Gladbach als „Schäbbisch Jläbbisch“ herab, der Gladbacher erwidert die Missachtung mit fast vollständiger kultureller Orientierung an Köln, besonders am FC und an der Sprache. Bergisch Gladbacher und Kölsche Mundart sind nur für Eingeweihte auseinander zu halten.

Erstaunlicherweise gibt es aber doch einen himmelweiten Unterschied zwischen beiden Städten, den ich feststellen musste, als ich vor drei Jahren von Köln nach Gladbach zog: den Fahrstil der jeweils eingeborenen Kraftfahrer.

Der Kölner fährt großstädtisch: leicht chaotisch, schon mal drängelig, und im Winter wie auf Glatteis – selbst wenn gerade die ersten Flöckchen vom Himmel fallen.

Der Stil der Bergisch Gladbacher dagegen schwankt zwischen den Extremen. Hier habe ich Aktionen gesehen, die mir in Köln nie untergekommen sind. Und andererseits nimmt man völlig übertriebene Rücksicht aufeinander.

Beispielsweise fährt der Bergisch Gladbacher in den zahlreichen Straßen, die durch auf die Fahrspur gemalte, rechts und links die Seite wechselnde Parkstreifen beruhigt sind, nicht dann, wann es die StVO vorschreibt: also dann, wenn der Entgegenkommende das Hindernis auf seiner Seite hat. Er fährt einfach dann, wenn er meint, dass er dran ist. Ist man erst mal in der Engstelle, wird der andere schon zurückziehen. Sich für dessen Warten zu bedanken, beispielsweise durch ein kurzes Handzeichen: unnötig.

Was ich noch nie anderswo als einmal in Gladbach erlebt habe: Stau über eine Kreuzung hinweg. Ich halte vor der Kreuzung, lasse sie frei, der Wagen vor mir steht noch mit dem Heck darin. Nach zehn Sekunden setzt der hinter mir stehende Wagen zum Überholen an, umkurvt mich lässig und stellt sich vor mich – mitten auf die Kreuzung.

Wenn Schnee fällt, verhält sich der Gladbacher hingegen vorbildlich. Insbesondere kennt hier jeder die stillschweigende Vereinbarung, dass bei Engstellen in einer der zahlreichen Steigungen bei Glätte immer der bergauf Fahrende zuerst darf.

Völlig absurd aber und im krassen Gegensatz zu der sonst gezeigten Ruppigkeit ist das folgende Verhalten, das ich schon dutzendmale beobachten konnte: Der Gladbacher fährt auf einer Vorfahrtstraße. Rechts wartet jemand bspw. in einer Parkplatzausfahrt darauf, auf die Straße abbiegen zu können. Dann tritt der Gladbacher auf die Bremse, hält an und lässt den Wartenden einbiegen. Besonders ulkig wird die Aktion dann, wenn derjenige nach links abbiegen will. Dann warten die Vorfahrtstraße (und der sich hinter dem Überhöflichen bildende Stau) und der Einbiegende darauf, dass der Gegenverkehr eine Lücke lässt. Dass so eine Höflichkeit Auffahrunfälle fast schon erzwingt, ist wohl ohne weitere Erläuterung klar.

Ich habe mir unterm Strich angewöhnt, in Bergisch Gladbach einfach immer mit allem zu rechnen – außer mit Dank, wenn ich dazu gezwungen werde, auf meine Vorfahrt zu verzichten.

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