Des Widerspenstigen Zähmung: Erziehung eines erwachsenen Dackels

Wenn wir mehr über den Dackel gewusst hätten, bevor er zu uns kam, hätten wir uns das Ganze möglicherweise überlegt. Und möglicherweise wäre es dann auch schon deswegen nicht so vergleichsweise gut gelaufen, wie es am Ende gelaufen ist. Denn das erste was das Tierchen ganz zwanglos zu spüren bekam, als es hier ankam, war: Hier bestimmen wir.

Diwi

In seinem alten Zuhause war das anders gewesen. „Diwi“ (Di*eser Wi*nzling) ist ein Kaninchendackel, der im Oktober 2013 im Alter von drei Jahren zu uns kam, zunächst als Pflegehund. Sein Frauchen, eine ältere Dame, war erkrankt, und sie hatte meine Liebste, die sie nur als Kundin aus deren Geschäft kannte, gefragt, ob sie mal für eine Weile auf den Hund aufpassen könnte, während sie im Krankenhaus war. Während der ersten Woche hatte eine andere Bekannte aufgepasst, und die gab den Hund entnervt bei uns ab.

Mein erstes Bild vom Dackel: Meine Liebste trägt ihn auf dem Arm die Treppen runter.

Was wir zu dem Zeitpunkt wussten:

  • Das Tier ist irgendwie schwierig. Seine Besitzerin kam nicht gut mit ihm klar und vermutete, das läge daran, dass er ein Rüde ist, während sie vorher immer Hündinnen gehabt hatte.

Was wir zu dem Zeitpunkt nicht wussten:

  • Der Dackel hatte, seit er mit ein paar Wochen vom Züchter gekommen war, nie sozialen Kontakt zu Artgenossen gehabt, auch nicht während der wichtigen Prägephase zwischen ½ und 1 Jahr. Alle anderen Hunde waren für ihn eine Gefahr.
  • Der Dackel hatte während seines Lebens keinen positiven Kontakt zu Menschen gehabt. Besucher der Dame wurden verbellt und gebissen, deshalb wurde er dann weggesperrt.
  • Der Dackel war nie frei gelaufen.
  • Sein Frauchen konnte ihm am Ende in der Wohnung sein Halsband nicht mehr abnehmen, weil er sie dann biss. Er schleifte zuhause die Leine hinter sich her.
  • Wenn Frauchen auf’s Sofa ging, sprang er auf ihren Schoß. Sie durfte dann erst wieder aufstehen, wenn er es erlaubte, anderfalls biss er sie.
  • Er jagte in ihrer Wohnung von Fenster zu Fenster und verbellte jeden Vogel, der draußen vorbei flog. Den ganzen Tag.
  • Nachts sperrte sie ihn unter die Spüle, wo sie ihm ein Lager eingerichtet hatte. Die Spülentür verriegelte sie.

Kurzum: Sein Frauchen führte ihn nicht, aber einer muss ja, also übernahm der Dackel selbst die Führungsrolle, war damit aber komplett überfordert und reagierte mit Bissigkeit.

So gesehen war das, was die Liebste machte, das erste deutliche Zeichen für ihn: Der Dackel merkt natürlich, dass er fremd ist, alles riecht nach uns, er ist seit einer Woche von seinem Frauchen getrennt – und dann nimmt ihn die neue fremde Frau erst mal ungefragt auf den Arm. Da war schon klar, wer Herr und wer Hund ist. Hätte die Liebste sich das getraut, wenn sie alles gewusst hätte? Vermutlich nicht.

Aber auch ohne das umfassende Hintergrundwissen implementierten wir sofort ein paar Regeln, um die Dominanzverhältnisse ständig deutlich zu machen:

  • Sofa und Sessel waren tabu.
  • Ungefragt auf den Schoß klettern sowieso.
  • Betteln am Tisch wurde vollständig ignoriert.
  • Vor dem Gassigehen werden Geschirr und Leine angelegt und nachher wieder ausgezogen. (Das war für uns damals gar keine bewusste Regel, sondern eine Selbstverständlichkeit. Wie wir aber erfuhren, siehe oben, war es für den Hund eine große Umstellung, der er auch immer zu entgehen versuchte. Aber wir blieben beharrlich.)
  • Wenn sein Essen fertig war, musste der Hund die Küche erst mal verlassen, dann wurde der Napf dort auf den Boden gestellt, und erst nach ausdrücklicher Erlaubnis durfte er hingehen.

Die härtesten Kämpfe gab es anfangs um’s nächtliche Gassigehen. Der Hund ist eine Schlafmütze: Nach dem Abendessen geht er gegen 20 Uhr ins Körbchen und würde dort bis mindestens 10 Uhr am nächsten Morgen bleiben. Wir wollten aber, weil wir sein Durchhaltevermögen nicht kannten, dass er so zwischen 23 und 24 Uhr noch einmal kurz vor der Tür das Bein hebt – also setzten wir es durch. Der Hund kannte die Übung nicht (siehe „Lager unter der Spüle“) und wollte sie nicht. Also blieb er liegen. Und ich rief. Und er blieb liegen. Und ich lockte ihn mit Leckerchen. Aber der Hund ist schlau und erkannte die Scheinheiligkeit in meiner Stimme. Also redete ich streng mit ihm, bis er irgendwann, gaaaanz, gaaanz langsam zu mir geschlichen kam. Dann versuchte ich ihn auf den Arm zu nehmen – und hatte zwei Eckzähne im Handrücken. (Zum Glück ist das Tierchen sehr klein, so dass sein Biss nur weh tut, aber nicht ernsthaft verletzt.) Also alles wieder von vorne, bis es irgendwann gelang.

Nach ein paar Monaten, spätestens zur WM 2014, hatten wir diese Übung, die auch viel mit Dominanz zu tun hatte, dann endlich so intus, dass der Hund sich in sein Schicksal ergab und einfach mitkam.

In der Zwischenzeit war sein Frauchen leider gestorben und wir hatten ihn fest zu uns genommen.

Seit Anfang 2014 waren wir außerdem in einer Hundschule mit ihm. Diese erste Schule verließen wir zwar nach einiger Zeit, weil wir keine Fortschritte erkannten, aber die Trainerin kannte ihn von früher, konnte uns viel über sein altes Wesen und Verhalten erzählen und betonte immer wieder, was für einen anderen Hund alleine der Halterwechsel aus ihm gemacht hätte.

Wir aber waren mit einigen Dingen noch sehr unzufrieden, insbesondere seinem Verhalten beim Spazierengehen. Da zog er wie wahnsinnig an der Leine und verkläffte alle Hunde. An Freilauf war gar nicht zu denken.

Die Liebste entdeckte dann die freundliche und coole Hundeschule Rotter. Christoph Rotter hat die dreijährige „Canis“-Ausbildung nach Erik Zimen absolviert, einem der anerkanntesten Wolfs- und Hundforscher Deutschlands. Das Training in einer solchen Hundeschule hat also den Anspruch, sich fundiert an der Natur und dem Wesen des Hundes zu orientieren. Und das war sofort spürbar.

Nach den Kennenlernterminen gehörte es eigentlich zu den ersten Maßnahmen von Christoph, dass wir Diwi im Gruppentraining im Wald mit einer Meute anderer Hundeschüler ableinen sollten. Wir hatten das noch nie getan. Christoph: „Ach, schaun wir mal, was passiert!“ Okay, abgeleint. Christoph: „Jeder Hund hat so seine Wohlfühldistanz. Wenn er die überschreitet, bleibt er stehen und schaut sich um. Bei Diwi denke ich, dass die Distanz groß ist, vielleicht so 30 Meter.“ Diwi läuft. „Okay, jetzt ist er bei 30 m. Na, dann sind es vielleicht eher 50 m. Jetzt ist er bei 50. Jetzt bei 70. Okay, ich glaube, jetzt ist er weg.“ Sprint hinter dem Hund her und ihn wieder eingefangen.

Das war zwar einerseits eine Fehleinschätzung, aber andererseits eine entspannte Herangehensweise an das Training. Kann eben auch mal was schief gehen. Und danach haute Diwi in der Gruppe auch nicht mehr ab.

Wir lernten von Christoph den Rückruf des Hundes („Löst meist schon 80% aller Probleme.“) und vor allem das artgerechte und für das Tier verständliche Bestrafen. Die Bestrafungslektionen waren zwei meiner eindringlichsten Erlebnisse.

Beim ersten Mal wollten wir dem Hund abgewöhnen, hinter Fahrradfahrern, Joggern & Co herzusprinten. Also stellten wir eine solche Situation, der Hund sprintete hinter der Radfahrerin her, ich rief ihn einmal zurück, er ignorierte das, ich rannte hinterher, die eingeweihte Radfahrerin hielt an, der Hund auch – und ich stürmte wortlos (!) auf ihn zu, stampfte vor ihm auf den Boden, peitschte mit der Leine neben ihm auf den Boden und trieb ihn so vor mir her, bis der Hund sich flach auf den Boden drückte. Dann ließ ich ihn in Ruhe und stellte mich in drei Meter Entfernung ohne Blickkontakt hin – und sofort wollte der Hund zu mir kommen. Ich wieder kurz stampfend auf ihn zu, dann wieder Abstand. Das alles so lange, bis der Hund verstanden hatte, dass er nicht zu mir kommen durfte. Nach einer Minute wurde die Situation aufgelöst, der Hund durfte kommen und war sofort maximal anhänglich.

Ich fand das sehr beeindruckend, denn der Hund hatte haargenau verstanden, was ich ihm sagen wollte. Er hatte insbesondere auch verstanden, dass er keine grundsätzliche Angst vor mir haben muss, sondern dass es bei Wohlverhalten auch gleich wieder gut ist.

Das Fahrradjagen war nach dieser einen Aktion vorbei. (Ein paar Mal musste ich die Maßnahme noch wiederholen, wenn er Krähen auf dem Feld aufscheuchte.)

Ein anderes Erlebnis war es, dem Hund abzugewöhnen, beim Spazierengehen an der Leine zu ziehen: Einfach nur dem Hund kurz und kräftig ins Fell vor der Schwanzwurzel gegriffen und ohne Blickkontakt weitergegangen. Hund schreckt herum, knurrt ein bisschen. Nach dem zweiten Mal war die Sache verstanden.

Beide Strafen waren einfach so zugeschnitten, dass der Hund sofort verstand, was gemeint war.

Übrigens ist die Erziehung von Hunden bei Christoph nicht generell gewaltfrei. Wenn der Hund nach einem schnappt, dann darf er (aber nur sofort und ohne Zögern!) das bekommen, was Christoph „eine dynamische Antwort“ nennt, also beispielsweise eine Ohrfeige. Ich weiß, dass das manche Hundebesitzer nicht gerne sehen, aber ich denke, dass es hundegerecht ist, jedenfalls verstehen die Hunde die Antwort sofort. Und man wird in keiner Weise dazu angehalten, seinen Hund zu prügeln.

Manchmal reicht es auch bereits, den Hund zu berühren, also bspw. mit der Hand ganz leicht zu schieben. Es ist erstaunlich, was für eine Verstärkung des Kommandos das sein kann.

Generell lehrt Christoph, nicht viel mit den Hunden zu reden. Kommandos werden verbal gegeben und dann nonverbal durchgesetzt. Wenn der Hund nicht bleibt, wo er bleiben soll, geht man wortlos zu ihm, packt ihn am Halsband, führt ihn an die Stelle, an der er bleiben soll und geht weg. Alles ohne große Kontaktaufnahme, vor allem ohne jegliches Reden, auch ohne Wiederholung des Kommandos.

Nach ungefähr 20 Schulstunden hatte das Tierchen das Wichtigste gelernt. Was wir ihm dann noch in einer Einzelstunde und anschließend selbstständigem Üben des Gelernten austreiben konnten, das waren seine Scheinangriffe auf andere Hunde, wenn er frei lief.

Jetzt haben wir einen kleinen Dackel, der uns als Führungspersonen vollständig akzeptiert hat und der bald gemerkt hat, dass er sich bei uns entspannen kann. Er kuschelt jetzt auf dem Sofa mit uns und respektiert, wenn wir ihn runterschicken – so wie wir respektieren, wenn er mal nicht angefasst werden will. Er bleibt ein Hund mit einer Vergangenheit. Aber wir haben gelernt, auch stressige Situationen durch Ruhe und Bestimmtheit zu entspannen oder die Situation aufzulösen. Als der Hund sich bspw. an Weihnachten, auf der Rückreise von der Familienfeier, nicht anschnallen lassen wollte, obwohl wir das immer machen, und er mich sogar anknurrte, nahm ich ihn einfach an die Leine, ging einmal auf die andere Straßenseite mit ihm, wieder zurück – und für ihn war die Situation wieder auf Anfang gestellt und er konnte sich auf einmal so verhalten, wie er sich sonst immer verhält, geduldig und kooperativ.

Vielleicht konnte ich dem ein oder anderen, der auf der Suche nach Hilfe bei der Hundeerziehung ist, ein paar Hinweise geben. Insbesondere Hundeschulen mit Canis-Ausbildung kann ich nur empfehlen, auch wenn es bestimmt noch auf den konkreten Trainer ankommt.

Diwi im Sprint

2 Gedanken zu “Des Widerspenstigen Zähmung: Erziehung eines erwachsenen Dackels

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