Ich las, sah, hörte: Medien im Juni 2016

Bücher

Thomas Glavinic: Der Jonas-Komplex

Glavinic fällt gleich mit der Tür ins Haus und zählt im ersten Absatz auf, wie viele Personen jeder von uns ist, nämlich drei:

Erstens die, die er ist, zweitens die, die er zu sein glaubt, und drittens die, für die ihn die anderen halten sollen.

Und so treten in diesem Buch auch drei Hauptpersonen auf: Ein Ich-Erzähler, der viel mit dem erwachsenen Thomas Glavinic gemeinsam hat. Ein Ich-Erzähler, der viel mit dem pubertierenden Thomas Glavinic gemeinsam hat. Und Jonas, die Hauptfigur aus mehreren von Thomas Glavinics Büchern, unter anderem dem letzten. Ob das die drei Personenen sind, in die „Thomas Glavinic“ zerfällt, lässt Glavinic offen, aber der Gedanke liegt natürlich nahe. Ist er der ständig masturbierende jugendliche Schachmeister? Sieht er sich als die erwachsene Koksnase? Und sollen ihn die anderen für Jonas halten, den unerschöpflich reichen, mutigen Abenteurer mit der wunderschönen Freundin?

Jedenfalls erzählt Glavinic Episoden aus den Leben dieser drei Figuren. Und das ist auch das einzige, was ich diesem Buch vorwerfen muss: Es bleibt zu sehr im Episodischen, die großen Linien fehlen, auf jeden Fall hat das Buch zu viele Seiten für diese Erzählweise. Jedes einzelne der kurzen Kapitel ist sehr unterhaltsam, gut geschrieben und hinterlässt ein Bild. Aber dann kommt schon wieder das nächste. Und wieder das nächste. Am Ende finden dann die drei Linien recht nah zueinander, so dass es fast noch ein kleines Finale gibt, aber eben nur fast. Zweihundert Seiten weniger wären auch gegangen.

Doch eins kann man Glavinic nicht vorwerfen: den Leser auch nur eine Sekunde zu langweilen. Da passiert so viel in diesem Buch, es wird gehurt, gesoffen, Menschen werden irgendwo in der Welt ausgesetzt, es wird gewichst, Schach gespielt und Autos werden vor die Wand gesetzt. Nicht alles müsste sein, aber alles macht Spaß. Und am Ende fragt man sich, wie viele man eigentlich selbst ist?

Ich bleibe jedenfalls beinharter Glavinic-Fan!

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh

Ein widerwärtiges Buch. Aber das will es auch sein. Auf jeder Seite springen einen Kotze, Scheiße, Pisse, Gestank, Vaginalsekrete, in Richtung höherer Promillewerte überwundene Volltrunkenheit und mindestens völlige menschliche Verdorbenheit an – und dabei geschehen die Morde des Fritz „Fiete“ Honka erst ganz am Ende, wenn einen das Buch so sehr geschafft hat, dass das bisschen Menschenschlachten auch kaum noch eine Steigerung ist. Wahrscheinlich ist das exakt der gewünschte Effekt, und er gelingt. Aber um welchen Preis? Es ist der Preis der vollständigen Erschöpfung auch des zugeneigten Lesers, die dadurch noch verstärkt wird, dass man spürt, dass Strunk das Buch von über 600 geschriebenen auf 250 gedruckte Seiten kondensiert hat. Die entstandene Dichte ist kaum zu ertragen, aber sie sorgt auch dafür, dass ich beim Skippen durch das Hörbuch auf YouTube jeden einzelnen Satz wiedererkannte.

„Der goldene Handschuh“ ist eine Zumutung und kostet viel Überwindung. Ob es sich lohnt, muss jeder Leser für sich entscheiden. Man muss bereit sein, in die tiefsten menschlichen Abgründe zu tauchen. Wer das so intensiv erleben möchte, wie es einem Literatur ermöglicht, der ist hier richtig.

Film

Sicario

Ein großartig gemachter Film, dem allerdings der Blick für eine politische Einordnung seiner Geschichte fehlt. Die Charaktere sind jedenfalls zu unveränderlich, als dass ihre Geschichte den Film tragen könnte. Dennoch war ich begeistert, denn in einem der DVD-Extras erklärt der Regisseur, dass er so dokumentarisch sein wollte, wie es geht, ohne wirklich einen Dokumentarfilm zu machen. Das ist ihm gelungen.

Erzählt wird die Geschichte der amerikanischen Bundespolizistin Kate Macer, die in eine Spezialeinheit versetzt wird, die gegen die mexikanische Drogenmafia kämpft. Die Methoden dieser Spezialeinheit findet Macer zweifelhaft, schon bevor sie entdeckt, dass einer ihrer Kollegen noch eine persönliche Agenda verfolgt.

Was den Film so sehenswert macht, sind seine Machart und die Spannung. Die Kamera ist so nah an der Handlung, die Sets wirken so echt, die Atmosphäre ist so greifbar, dass dagegen selbst Black Hawk Down oder The Hurt Locker zurück stehen können. Besonders die Kontraste von extremer Nähe, wenn die Kamera im Auto mit durch Juarez rast, und von extremer Weite, wenn dann Luftaufnahmen den Konvoi zeigen, wie er durch die Landschaft und durch die Stadt fährt, funktionieren extrem gut. Regisseur Denis Villeneuve sagt auch, dass er die Landschaft zu einer eigenen Figur des Films machen wollte. Das ist ihm herausragend gelungen.

Ein sehr sehenswerter Film ohne große Moral. Aber vielleicht ist genau das seine Aussage zu diesem seit Jahrzehnten tobenden „Krieg gegen die Drogen“?

Musik

BRKN: Kauft meine Liebe

Andac Berkan Akbiyik, kurz BRKN, hat eine extrem unterhaltsame, deutschsprachige R’n’B-Platte herausgebracht. Besonders charmant ist der konstante Kontrast aus der Sprache und den Themen eines Berliner Vorort-Checkers und der Selbstironie und -reflexion, die die Texte haben. Dazu gute, beschwingte, abwechslungsreiche Melodien, fertig ist die Partyplatte des Jahres. Auf der Bonus-CD „L’Acoustique“ werden zwei Dinge klar: Wie gut die Songs sind, und wie gut die nicht-akustischen Versionen produziert sind – was doppeltes Lob für dieselbe Person ist, denn Berkan hat die Platte quasi im Alleingang gebastelt, inklusive Produktion. Maximale Kaufempfehlung.

Band of Skulls: By Default

Gute Rockplatte, die ihre Wirkung erst nach einem paar Mal Hören entfaltet. Die Melodien von Band of Skulls sind nicht-trivial, krallen sich dann aber umso tiefer ins Mittelohr. Hebt aber letztlich auch nicht entscheidend von vielen anderen guten Rockplatten ab und ist von den Jahres-Top-10 wahrscheinlich doch weiter entfernt, als es die Intro suggerierte.

Dam-Funk: DJ-KICKS

Finde ich, als großer Fan und Alleskäufer der DJ-KICKS-Serie, irgendwie nur mittelmäßig. Dam-Funk springt auf den 80ies-Zug auf, aber etwas zu spät und mit zu mittelmäßigen Stücken. Das ist mir alles zu ausgesucht, zu gewollt offstream, reißt mich einfach nicht mit.

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