Ich sah und hörte: Medien im August und September 2016

Film/TV/Serie

Victoria

Hab ich jetzt auch endlich gesehen und fand ihn großartiger als gedacht. Meine Befürchtung war, dass hinter dem Gimmick, dass der Film in einem einzigen Take gedreht wurde, die Handlung, die Darstellung oder die Story verblassen. Das Gegenteil ist aber der Fall. Dass der Film keinen Schnitt enthält, spielt eigentlich keine große Rolle. Unterschwellig erhöht es das Gefühl von Dringlichkeit, das der Film schafft, aber schnell werden die Figuren und die Handlung viel wichtiger als alle Technikalitäten. Dass der Plot ein paar Plausibilitätsschwächen hat, spielt auch keine große Rolle, denn der Sog, den besonders auch das teilweise improvisierte Spiel entfaltet, reißt alles mit. Sehr sehenswert!

Deep Web

Deep Web ist eine Dokumentation, die sich vor allem um den Prozess gegen Ross Ulbricht dreht, den angeblichen Kopf hinter der Silk Road, also dem illegalen Marktplatz im „Deep/Dark Web“, auf dem Drogen und angeblich auch Auftragsmorde gehandelt wurden. Ulbricht soll der „Dread Pirate Roberts“ gewesen sein, also hinter dem Pseudonym des Silk-Road-Schöpfers stecken. Tatsächlich ist aber schon fraglich, ob es sich dabei um eine einzige Person handelte. Interessant am Film ist die Darstellung der moralischen Überlegungen hinter der Schaffung eines illegalen Marktplatzes wie der Silk Road. Hier sollten Drogen anonym gehandelt werden können, um der Drogenkriminalität das Wasser abzugraben und weil die Schöpfer Drogenverbote prinzipiell fragwürdig finden. Dinge hingegen, die Menschen Schaden zufügen können, wozu Drogen nach Ansicht der Macher nicht gehören, sollten nicht erlaubt sein. Wurden also wirklich Mordaufträge gehandelt? Weniger interessant hingegen ist, dass der Film stark die Zweifel betont, die es an Ross Ulbrichts Täterschaft gibt. Die Belege dafür waren mir zu schwach, um einen größeren Teil des Films zu tragen, und bei allem Respekt für das persönliche Schicksal, ist es mir am Ende auch egal, ob es Ross Ulbricht oder jemand anders war, der Silk Road geschaffen hat. Die Frage, ob Silk Road überhaupt verurteilenswert ist, finde ich viel interessanter. Dennoch die Zeit wert!

Les Revenants (The Returned)

Les Revenants ist der Film von 2004, aus dem 2012 die gleichnamige Serie entstand, die vor zwei Jahren auf arte gesendet wurde. Die Handlung ist schnell erzählt: Die Toten kehren zurück. Einfach so. Sie sind keine halb verwesten Zombies, sondern äußerlich die Alten, wenn sie auch etwas verwirrt zu sein scheinen und Konzentrationsschwächen haben. Kein Wunder. Der Film ist extrem ruhig und dreht sich letztlich weniger um das vordergründige Spektakel der Rückkehr der Toten, sondern um die Lebenden, um die Beziehungen, um die Gefühle, die von dieser Rückkehr ausgelöst werden. Ich fand die Serie, die ich wegen eines Urlaubs nicht zu Ende gesehen habe, besser als den Film. In einer Serie ist einfach mehr Zeit für das, was auch dem Film das Wichtigste ist: das Menschliche. Muss nicht sein, ist aber ordentlich gemacht.

The Revenant

Den Film und seine Handlung muss ich wohl nicht erklären. Er ist ein verzweifelter und am Ende tatsächlich erfolgreicher Versuch, Leonardo di Caprio endlich seinen Oscar zu verschaffen. Über dem Bemühen, di Caprio Gelegenheit zu geben, oscarreife Gesichter zu machen, vergisst der Film leider vollständig die Figur, die di Caprio spielt. Mitgefühl will sich so nicht einstellen. Schwach.

Indie Game: The Movie

Ein sehr interessanter und einsichtsreicher Film über Entwickler von Indie Games, über ihre Motivation, ihre Arbeit, ihre Ängste, ihre Frustrationen und ihre Erfolge. Letztlich ein großartiges Plädoyer dafür, dass man das machen sollte, was man liebt.

Audrie & Daisy

Ein beeindruckender Film über junge Vergewaltigungsopfer, Cybermobbing und Victim Blaming. In jeder Hinsicht sehenswert.

Musik

The Avalanches: „Wildflower“ und „This is it“

The Avalanches sind ein DJ-Team, das nach 15 Jahren jetzt seine zweite Platte rausgebracht hat. Das Konzept ist es, historische oder obskure Samples mit Big Beat zu verheiraten. Das funktioniert recht gut, balanciert aber auch ständig am Rande der Cheesiness. Unterhaltsam, wenn auch nicht wirklich wichtig. Kann man aber gut zwei Stunden mit verbringen. (Erinnert mich oft an The Go! Team.)

Kiesgroup: Eulen und Meerkatzen

So klingt also Punk, wenn die Punker zu gute Musiker sind. Ich bin auf Kiesgroup durch eine enthusiastische Intro-Rezension aufmerksam geworden. Fast jeder Song auf „Eulen und Meerkatzen“ folgt einem anderen Stil: da sind klassische „Goldene Zitronen“-Songs, der nächste klingt nach „Herr Rossi sucht das Glück“, dann kommt ein komplett dancefloortauglicher Beat a la Andreas Dorau. Klassisch, modern, punkig, fröhlich. Diese Platte hat alles!

Girls Names: My Arms Around A Vision

Geiler Indierock: Gutes Songwriting, amtlich instrumentiert. Verändert die Welt nicht, geht aber sehr gut ins Ohr und hat genug Tiefe, um auch zehn Mal gehört zu werden.

DePedro: El Pasajero

DePedro, eigentlich Jairo Zavala, ist ein spanischer Gitarrist und Sänger, der regelmäßiger Gastmusiker bei Calexico ist. Seine Soloplatten sind von wechselhafter Qualität, nie schlecht, die erste war grandios, diese ist mal wieder richtig gut geworden und erinnert stärker an sein Debut als die zwischenzeitlich etwas zu poppig geratenen Werke. Ich habe private, sehr positive Erinnerungen, die ich mit einem DePedro-Konzert in der Kölner Kantine verknüpfe, aber auch unabhängig davon ist er einfach ein guter Musiker und schreibt so angenehme wie anspruchsvolle und gut gespielte Musik.

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