Bayern München U23 – Fortuna Köln 2-1: Warum die Fortuna aufstieg.

Vielleicht hätte Ylli Sallahi das Tor nicht schießen sollen, sein zweites in diesem Spiel, locker aus dem Unterschenkel ins Tor gekickt, aus 25 Metern Entfernung. Vielleicht wäre es besser für Bayern II gewesen, wenn es in die Verlängerung gegangen wäre: Hohe Temperaturen, ein bis dahin schon überlegenes Spiel der U23, die Spieler der Fortuna hatten viel laufen müssen und waren seit der 80. Minute in Unterzahl.

Oliver Laux köpft das Tor zum Aufstieg für Fortuna Köln
Oliver Laux köpft das Tor zum Aufstieg für Fortuna Köln

Jedenfalls hätte Sebastian Zinke dann nicht diesen letzten langen Ball geschlagen, und wahrscheinlich hätte Oliver Laux, hauptberuflich Innenverteidiger, dann auch nicht am gegnerischen Strafraum gestanden. Lukas Raeder hätte diesen Ball nicht durch die Hände gleiten lassen, Oliver Laux hätte ihn nicht über die Linie gewuchtet. Und vielleicht wäre dann am Ende die U23 des ruhmreichen FC Bayern München aufgestiegen, und nicht die 1. Herrenmannschaft des ewig kleinen, leisen, leidgeplagten, des auf immer schängschen SC Fortuna Köln.

Aber andererseits gibt es so Momente, auf die, rückblickend betrachtet, eine ganze Saison hin steuert, vielleicht sogar eine ganze Ära: nämlich die von Uwe Koschinat bei der Fortuna. Dieses Tor war Ausdruck der Philosophie, die Uwe Koschinat dem Team seit drei Jahren aufprägt. Nicht besser sein wollen als der Gegner, nicht den schöneren Fußball spielen wollen, sondern mit Geradlinigkeit, Dynamik und Einsatz vor allem eins tun: gewinnen.

Ich kann meine Bayern-Timeline bei Twitter natürlich in gewisser Hinsicht verstehen: Von einem so späten und entscheidenden Tor kann man nur geschockt sein, gerade als Fan dieses Vereins. Das war 1999 und 2012 all over again. (Aus Fortuna-Sicht war es eher Hamburg 2001.) Aber nachdem ich das Hinspiel im Südstadion mit eigenen Augen sah, hinterher die Pressekonferenz und Interviews mit Bayern-Spielern, nachdem ich das Rückspiel auf FCB.tv sah und den Kommentator hörte, kann ich eines ganz sicher sagen: Keiner von denen hat mein Blog gelesen ;-) Hätten sie nämlich, dann wären sie gewarnt gewesen, dass diese Fortuna eine herausragende Qualität hat: Spiele zu gewinnen, in denen sie die vermeintlich schlechtere Mannschaft war. Zuletzt im März beim 3-1 gegen Schalke II.

Aber was heißt das schon: die „schlechtere“ Mannschaft gewesen zu sein, wenn man am Ende den Platz als Sieger verlässt, und zwar nicht ein Mal, sondern immer wieder: 2,1 Punkte im Durchschnitt pro Ligaspiel, der beste Angriff der Regionalliga West. Ralf Rangnick sagte einmal, dass es nicht auf die Quantität des Ballbesitzes ankäme, sondern auf die Qualität. Über beide Relegationsspiele gegen Bayern hinweg muss man am Ende konstatieren, dass beide Mannschaften ungefähr die gleiche Zahl sehr guter Tormöglichkeiten hatten. Ich zähle

  • sechs Chancen für Fortuna: Drei 1:1-Situationen gegen den Torwart in HZ 1 des Hinspiels, das Tor aus HZ 2, im Rückspiel dann der Lattenschuss von Pazurek und natürlich das Tor von Laux,
  • und fünf Chancen für Bayern II: Im Hinspiel Friesenbichlers Pfostenschuss, im Rückspiel die beiden Tore von Sallahi, der Schuss von Friesenbichler in HZ 1 und die Chance von Chassa, die Hörnig von der Linie kratzt.

Klar hatte Bayern wesentlich mehr Ballbesitz und auch mehr Fast-Möglichkeiten, die von einem Fortunen vereitelt wurden, kurz bevor sie wirklich gefährlich werden konnten. Aber über zwei Partien kann es kein Zufall sein, wenn das immer wieder gelingt, sondern Einsatz, Kampfkraft und schierer Willen.

Aus meiner Sicht erkannte Bayern die Qualität der Fortuna nie an. Man wiegte sich, angeführt vom Trainer, im sicheren Bewusstsein, die bessere Mannschaft zu sein und es deswegen sowieso verdient zu haben, wenn man nur auftreten würde wie eine Männermannschaft. Erst nach dem Hinspiel erkannte Bayern, dass die Fortuna eine echte Chance hat, aber selbst da war man im Bayern-Lager noch der Meinung, dass die Niederlage ungerecht gewesen sei und dass der Schiedsrichter, den übrigens auch die Fortuna-Fans massiv kritisierten, schlecht gepfiffen habe. Irgendwie habe der die Bayern-Spieler nicht aureichend geschützt, dabei zähle ich über beide Spiele hinweg nur drei harte Fouls der Kölner. Ansonsten ging Fortuna durchaus robust und nach Jeremies-Art in die Zweikämpfe: Der andere sollte wissen, dass jeder Ballbesitz weh tun kann. Aber wirklich unfair war das selten.

Bayern trat implizit auf dem Platz und expressis verbis abseits des Platzes auf, als müsse man nur auf sich schauen. Die Fortuna dagegen wusste um die Stärken des Gegners und stellte ihr Spiel darauf ein. Am Ende war das ein bisschen wie Atlético gegen Real im CL-Finale – nur dass am Sonntag das Atlético des Westens kurz vor Schluss das Tor schoss. Ein solches Tor ist immer glücklich, das würde ich nie abstreiten. Aber dass sich die Fortuna über zwei Spiele betrachtet durchsetzte, war nicht unverdient. Bayern hätte es natürlich auch schaffen können, die Auseinandersetzung stand in jedem Moment Spitz auf Knopf. Am Ende konnte es aber (Warum eigentlich, DFB?) nur einen geben, und das war eben die Fortuna.

Ich kann kaum beschreiben, wie tief zufrieden mich dieser Sieg macht. Nicht nur, weil das Glück dieses letzten Balls angefangen hat, das Pech aus vergangenen Jahrzehnten auszugleichen.

Sondern eben weil dieser Sieg der vorläufige Endpunkt einer Entwicklung ist, die mit einem Mann begann, dem ich hier seine verdiente Würdigung zukommen lassen will: Dirk-Daniel Stoeveken. So sehr ich immer die Halbwahrheiten und die Pseudodemokratie kritisiert habe, mit denen sein DFC die zahlenden Kunden betrog, so sehr erkannte ich immer an, dass Stoeveken als DFC-Macher die unterklassigen Finanzstümpereien der damaligen Vereinsoberen beendete.

Aber das war nur der erste Schritt. Den viel wichtigeren Beitrag leistete Stoeveken, als er Michael Schwetje ins Fortuna-Boot holte: Einen Mann, der das hatte, was der Fortuna noch fehlte: a) Geld und b) Ahnung davon, wie man es nüchtern und gut anlegt. Weil der Mann außerdem noch ein Fortuna-Herz hat, ist es umso schöner, dass die einzige Entscheidung, die er nicht mit wirtschaftlicher Perspektive im Kopf traf, sondern einfach mit dem rotweißen Herzen, jetzt so vergoldet wird: die Entscheidung, nach dem verpassten Aufstieg der letzten Saison, aber dem gewonnenen Pokalfinale noch eine Saison als Investor dran zu hängen.

Weil das Tor von Oliver Laux also der Endpunkt dieser Entwicklung ist, bei der seit 2008 aus einem rumwurschtelnden Verbandsligisten ein in jeder Hinsicht klar und zielstrebig agierender Favorit für den Drittligaaufstieg gemacht wurde: Darum bin ich so zufrieden.

Wenn irgendjemand noch verstehen möchte, wie dieser Verein inzwischen tickt, dann muss er sich nur das Video der Pressekonferenz nach dem Spiel bei Bayern ansehen: Da sitzt Uwe Koschinat, wird um sein Statement gebeten. Einige Spieler kommen reingehüpft und fordern ihn auf, ein Lied zu singen. Koschinat sitzt da, er freut sich, lacht, weiß aber nicht so recht, was er tun soll. Dann fängt er, noch im Sitzen, das Mailand-Lied zu gröhlen, springt auf, hüpft, die Faust geballt wie ein Hooligan, mit den Spielern auf und ab. Und dann setzt er sich wieder hin und konstatiert 30 Sekunden später staubtrocken, dass Bayern die Fortuna in der ersten Hälfte an die Wand gespielt hat. Es ist genau dieses Miteinander von überschäumender Emotionalität und nüchterner Wirklichkeitsbetrachtung, das diese Fortuna auf jeder Ebene auszeichnet.

Ich freue mich jetzt wie Bolle auf Spiele gegen die Stuttgarter Kickers, gegen Preußen Münster, den Meidericher Sportverein, Arminia Bielefeld, Haching – und weil ich dort Freunde habe ganz besonders auch auf die Partien gegen Dresden und Cottbus. Ich bin wirklich sehr glücklich, dass wir in der 3. Bundesliga spielen.

Danke an alle, die dazu beigetragen haben, dass dieser Sonntag möglich wurde. Ihr wurdet zu Legenden.

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Fortuna Köln – Bayern München II 1-0

Ein großes Spiel im Südstadion: Zum ersten Mal seit über 30 Jahren ausverkauftes Haus (so sieht das aus), ein ganz großer Name zu Gast (wenn auch nur die Jugendabteilung), und für die Fortuna die ganz große Chance, endlich das Ziel zu erreichen, von dem seit vielen Jahren gesprochen wird – wieder den bezahlten Fußball zu erreichen.

Auflaufen der Mannschaften

Und wie die Mannschaft diese Aufgabe anging, das verdient höchsten Respekt. Jeder Spieler schien perfekt auf seine Aufgabe auf dem Spielfeld fokussiert, jeder machte genau das, was ihm der Trainer aufgetragen hatte, und wenn überhaupt Nervosität sichtbar war, dann „nur“ bei den drei vergebenen hunderprozentigen Torchancen in Halbzeit 1.

Schon nach sechs Minuten hätte Hamdi „Hamdienicht“ Dahmani treffen und seine Rückkehr zur Fortuna krönen können. Und auch wenn der Linke nicht sein stärkster Fuß ist, hätte der Ball doch wenigstens zwei Meter niedriger über’s Tor streichen dürfen, nachdem er alleine und frei vor Raeder zum Schuss kam.

Ercan Aydogmus dagegen merkte man 20 Minuten später die Erfahrung an, die man mit bald 35 Jahren halt hat: Überlegt schob er den Ball mit dem Innenrist auf’s kurze Eck, am Torwart vorbei. Die zehn Zentimeter, die dann fehlten, um nicht den Vollpfosten zu treffen, sondern den Ball vom Innenpfosten ins Netz trudeln zu lassen, will ich ihm nicht vorwerfen. Das passiert.

Tobias Steffen dagegen verließ, wiederum etwas später, sichtbar der Mut: Wer den Anspruch hat, in einer höheren Liga zu spielen, weil er so ein überragender Techniker ist, der muss in einer solchen Situation den Ball entweder entschlossen mit dem Vollspann reindreschen, oder wenigstens einen präzisen Querpass spielen. Das harmlose Heberchen auf den mitgelaufenen Kameraden konnte der Bayerische Abwehrspieler locker abfangen.

Fortuna Köln - FC Bayern München II

Alle diese Situationen entstanden aus Ballverlusten, die sich Bayern II in der Mitte der eigenen Hälfte leistete. Aber als Trainer ter Hag in der Pressekonferenz sagte, dass Torchancen in der ersten Hälfte ja nur aus Fehlern entstanden seien, hatte er zwar sachlich recht. Aber der Unterton war falsch.

Denn die Fortuna hatte eine glasklar zu erkennende Taktik, die eben genau solche Situationen heraufbeschwören und dann ausnutzen wollte. Der Beschwörungsteil gelang, der Nutzen blieb leider aus. Uwe Koschinat hatte eine Viererkette aufgestellt, die aber jeweils auf der ballfernen Seite von entweder Kraus oder Steffen zu einer Fünferkette ergänzt wurde. Wie er erklärte, wollte er so verhindern, dass die Abwehrreihe von den Bayern mit Diagonalbällen zu schnell hin und her geschoben werden konnte. Bei Ballgewinnen war es dann die klare Devise, schnellstmöglich steil nach vorne zu spielen. Das resultierte zwar auch manches Mal in langen Bällen, was nicht imemr attraktiv aussah. Aber zum einen hielt man so den Gegner vom eigenen Tor fern, vermied, eben gerade anders als Bayern, Ballverluste in einem gefährlichen Bereich und konnte vor allem mit der körperlichen Überlegenheit im Angriff (Kraus. Dahmani! Aydogmus!!) versuchen, diese langen Bälle zu behaupten.

Fortuna Köln - FC Bayern München II

Dass auch Bayern sich der eigenen körperlichen Unterlegenheit sehr bewusst war, wurde bei Eckbällen für Fortuna offensichtlich, wenn wirklich jeder Bayernspieler im und am eigenen Strafraum stand. Sievers hatte als letzter Mann an der Mittellinie dann oft 30 Meter freies Feld vor sich.

Die erste Hälfte endete mit einem Pfostentreffer für Bayern nach einem groben Abwehrfehler. Ich hatte schon abgeschaltet und woanders hin gesehen, als der Ball doch noch ans Aluminium klatschte. Das sollte über das ganze Spiel hinweg aber die einzige ganz klare Torchance für Bayern bleiben.

Pause

In Halbzeit 2 bekam das Spiel einen etwas anderen Charakter. Bayern vermied die defensiven Ballverluste, auch weil sie nun häufiger zu ihrem Keeper zurückpassten. Das Spiel wogte nicht mehr ganz so schnell hin und her, es gab längere Ballbesitzphasen auf beiden Seiten. Und dann sah es auch bei der Fortuna gar nicht schlecht aus, was sie anstellte: Klares und sicheres Passpiel mit Andersen als Fixpunkt. Sievers hatte auf rechts ein paar gute Dribblingansätze, kam aber nur einmal bis zur Grundlinie durch. Von Steffen auf links kam mir etwas zu wenig, aber unterm Strich sah das immer sicher aus.

Bayern zeigte zwar, dass sie die technisch bessere Mannschaft waren, aber sie konnten sich keine guten Torchancen erarbeiten, immer war ein Kölner Bein dazwischen, die meisten Angriffe wurden schon zehn Meter vor dem eigenen Strafraum gestoppt.

Die Entscheidung fiel dann durch eine einstudierte Einwurfvariante: Flach an den Fünfmeterraum, Aydogmus verlängert, Kraus nickt ein.

Jubel nach dem Siegtreffer

Aufgrund der Überzahl klarer Torchancen war dieses Ergebnis verdient, wie auch ter Hag hinterher zugestand. Ein 1-0 ist ein sehr gutes, aber kein überragendes Ergebnis. In München wird eine mindestens genauso konzentrierte Leistung notwendig sein, die dieser Truppe aber auf jeden Fall zuzutrauen ist. Ich kann mir, wie vor dem gestrigen Spiel, alles vorstellen: Ein 3-0 für Bayern, und ein 2-0 für Fortuna. Mein Tipp wäre ein 1-1.

Jedenfalls weiß ich,d ass ich mich darauf verlassen kann, dass die Mannschaft nichts unversucht lassen wird, diese ganz, ganz, ganz große Chance zu nutzen, die Fortuna wieder auf die bundesweite Fußballlandkarte zu schreiben.

Auflaufen der Mannschaften

Hermann Gerland

Michael Schwetje im Interview mit dem WDR

Jubel nach dem Spiel

Endergebnis

Wie es aussieht, wenn sich der FC Bayern 2012/13 schwer tut

Von großen Teilen der Medienlandschaft wird der FC Bayern als der etwas glückliche Gewinner des gestrigen Spiel gegen die SG Eintracht Frankfurt dargestellt. Bayern habe müde gewirkt, sich schwer getan, nicht geglänzt. Im Gegensatz dazu habe die Eintracht mutig und frech gespielt, die Partie zeitweise im Griff gehabt und die Ausrufezeichen gesetzt.

Wie stellt sich das in der Statistik dar?

  • Gewonnene Zweikämpfe: 52,7 % Bayern
  • angekommene Pässe: 424 Bayern, 237 Eintracht.
  • Ballkontakte: 58,7 % Bayern.
  • Torschüsse: 20 Bayern, 13 Eintracht.

Mann, da scheinen die Bayern ja aber wirklich so gerade noch einmal davon gekommen zu sein. Nicht.

Auch, wenn ich mich an die Großchancen erinnere: Robben, der ihn am langen Pfosten reinmachen muss, Ribéry mit seiner gerade noch gehaltenen Volleyabnahme, dann auch nach der mit hoher Präzision herausgespielten Führung der Kopfball von Ribéry und der Flachschuss von Kroos, nach der Pause die Tausendprozentige von Robben.

Ja, auch die Eintracht hatte zwei gute Kopfballchancen, von denen eine an die Latte ging, eine lächerlich vergeben wurde. Aber unterm Strich war die Eintracht ein Gegner, der sich nicht kampflos ergab, jedoch verdient verlor. Ein Tor für Frankfurt wäre verdient gewesen, eins mehr für die Bayern auch.

Am Ende war das für mich einer der befriedigendsten Siege der letzten Jahre, denn er zeigte, dass Bayern diese Saison in der Lage ist, auch mal samstags, nach einem (wenn auch nicht sehr fordernden) CL-Spieltag am Mittwoch, mit ökonomischen Mitteln gegen einen Gegner zu gewinnen, der fußballerisch gut ist und nicht schon freiwillig die Kehle anbietet.

Das Zeichen des Kapitänchens

Darüber, was beim FC Bayern aktuell schief läuft, ist genug geschrieben worden. Und ich bin wahrlich der Letzte, der sich die Zeiten zurück wünscht, in denen Michi Ballack versuchte, den Mittelfeld-Macho ins 21. Jahrhundert zu retten, indem er in schlechten Spielen wahllos Gegner zu verletzten versuchte.

Aber wenn ich sehe, dass der FC Bayern in Basel schon in der ersten Halbzeit defensiv arg schwimmt und offensiv nur noch wenig auf die Kette bekommt, dann bleibt mir der Mund offen stehen, wenn ich sehe, dass unser Kapitänchen in dieser Phase dem Schiedsrichter flüstert, dass er gerade einen Abstoß verursacht hat, obwohl der Unparteiische zu Eckball tendiert hatte.

Was ist das bitte für ein Zeichen an die Mannschaft? Läuft gerade nicht, wir müssten uns ins Spiel reinbeißen, um die Chancen im sportlich wichtigsten Wettbewerb des Jahres zu erhalten – aber Wichtiger bleibt doch, dass wir die Fairplay-Wertung gewinnen? Wenn wir schon abkacken, dann wollen aber einen netten Eindruck hinterlassen?

Ich hätte ja nicht das geringste Problem mit diesem Zeichen, wenn Philipp Lahm in der Lage wäre, andere zu setzen. Wenn er sich Robben und Rafinha zur Brust nähme, um ihnen ihre Laufwege zu erklären. Wenn er einen Offensivdrang versprühen könnte, der die Mannschaft mitreißt. Wenn er Gustavo nach seinem soundsovielten unnötigen Foul zusammenfaltet.

Nichts davon aber tut der Gutbürger Lahm. Und deswegen will ich, neben einigen anderen Dingen, die sich beim FC Bayern ändern dürfen, dass die Mannschaft einen Kapitän bekommt, der die Fahne mit sportlichen und menschlichen Qualitäten voran trägt und an dem sich alle aufrichten können, wenn es mal nicht so läuft.

Mittelmäßig überdurchschnittlich

Bis ich ein Blog hatte, war ich Leserbriefschreiber. Nicht wahnsinnig oft, aber so rund zweimal im Jahr schrieb ich, immer zum leicht mokierten Amüsemang meiner Freunde und Bekannten, an Zeitungen und Zeitschriften, um meine Meinung zu einem Artikel abzugeben.

In dieser Karriere konnte ich es als größten Erfolg verzeichnen, dass einmal der Spiegel eine meiner Zuschriften abdruckte. Dort hatte man nämlich in einem Artikel über die Unterschiede in den Geistesleistungen von Männern und Frauen geschrieben, dass bei einer bestimmten Geistesleistung nur die Hälfte aller Frauen den Mittelwert der Männer erreiche. Ich stellte in meinem Leserbrief klar, dass das wohl auch für die Männer gelte, schließlich handele es sich eben um den Mittelwert. (Die feine Unterscheidung von arithmetischem Mittel und Median schenke ich uns jetzt mal.)

Leider wurde mein Leserbrief wohl nicht von jedem Spox-Redakteur, jedenfalls aber auch nicht von Otmar Hitzfeld gelesen. Letzterer sollte das eigentlich nicht mal nötig haben, ist er doch schließlich Lehramtsmathematiker. Dennoch äußert er sich im Gespräch mit spox.com über die Reifung des Bastian  Schweini Schweinsteigers wie folgt:

„83 Prozent seiner Pässe kommen an, der Durchschnitt der Bundesliga liegt bei 75 Prozent. Er hat die richtige Dosierung zwischen Defensivaufgaben und dem Spiel nach vorne gefunden“, sagt Ottmar Hitzfeld im Gespräch mit SPOX.

Der Fehler, den Hitzfeld macht, ist zugegeben nicht so grob wie der damalige  der Spiegel-Redakteure, eigentlich ist es mehr eine Impräzision. Aber eins gilt auch hier: Der Vergleich mit dem Durchschnitt ist interessant, aber wenig aussagekräftig. Denn selbstverständlich gibt es bei jedem Durchschnittswert Spieler, die besser sind als der Durchschnitt. Dass Schweinsteigers Passquote besser ist als der Durchschnittswert, sagt also erst mal nur aus, dass er zu den besseren 50% der Bundesligaspieler in dieser Disziplin gehört. ich sag mal: Besser als wie nix, aber zu einem Sonderlob reicht das noch nicht.

Eine viel aussagekräftigere Zahl wäre es etwa, zu erfahren, im wievielten Perzentil Schweini mit seinem Wert gehört. Sind also 1%, 10%, 30% oder wie viele Prozent der Bundesligaspieler besser als er? Außerdem wäre interessant zu wissen, ob er in der generell sehr passicheren Bayernmannschaft oben oder unten liegt? Wenn ich mich recht entsinne, hat Bayern in der Champions League eine Passquote von 82%. Damit läge Schweini, falls dieser Wert auch für die Bundesliga gilt, mit seiner Quote gerade mal im Mittelfeld seiner Mannschaftskameraden, die ja sein Maßstab sein sollten – auch wenn andererseits keiner mehr Pässe spielt als er.

Was lehrt uns das jedenfalls mal wieder? Mit Statistik kann man alles beweisen.

Auswärtsfans pfeifen auf Kalles Almosen

Es ist immer wieder traurig zu lesen, wie der große FC Bayern mit seinen und gegnerischen Fans umgeht. Ich muss die Schikane ja nicht persönlich erleiden, bin ohnehin ein Tribünensitzer, aber es deprimiert mich trotzdem, wie die Vereinsführung die Stimmung in der Arena verschenkt, indem sie eigene und generische Fangruppen vergrätzt.

Jetzt berichtet das Mingablog vom vielleicht deutlichsten Zeichen, wie weit sich der Vorstand des FCB von den Fans entfernt hat. Denn einige Auswärtsfans (!) haben sich zusammengeschlossen und einen Brief an Killerkalle geschrieben, in dem sie ihm zu verstehen geben, dass sie auf seine Almosen pfeifen, die er auch noch als großartiges Zeichen für Fantoleranz verstanden wissen will. Auswärtsmannschaften dürfen jetzt vor Spielen in München nämlich  ihre Fahne auf dem Rasen schwenken. Ein Zusammenschluss von Fans verschiedener Erst- und Zweitligaclubs dazu:

Sie offenbaren, keinerlei Ahnung zu haben, was Fans eigentlich wollen.Auswärtige Fans wollen nicht pauschal von der Münchner Polizei und dem dazugehörigen USK wie Schwerverbrecher behandelt werden. Sie wollen ihre Fahnen in uneingeschränkter Größe IN ihrem Block schwenken und nicht auf dem Spielfeld. Sie wollen Choreographien mit Materialien ihrer Wahl durchführen, ihr Bier und ihre Stadionwurst mit Bargeld kaufen und diese IM Block anstatt davor verzehren, um auch etwas vom Spiel mit zu bekommen. Sie wollen ein Megaphon zur Koordination ihrer Unterstützung erlaubt bekommen anstatt sich von der Münchner Polizei anhören zu müssen, dass der Einsatz eines Megaphons sicherheitsgefährdend sei.

Anders ausgedrückt: auswärtige Fans möchten die Mindeststandards, die in fast allen Bundesligastadien herrschen, auch in München, dem selbst ernannten Vorreiter in Sachen Respekt und Toleranz, vorfinden.

Es ist doch offensichtlich: Fans wollen kreativ sein und eben gerade nicht in einen offiziellen Ablauf eingebunden werden.

Dabei wäre es so einfach. Wenn der Vorstand des FCB Respekt vor dem Gegner zeigen wollte, dann sollte er einfach bei sich selbst anfangen. Ich empfehle das spanische Beispiel, das mir wirklich gelungen vorkommt, ob es jetzt perfekt nach Deutschland passt oder nicht: Bei spanischen Ligaspielen sitzen die Präsidenten der beider Clubs nebeneinander auf der Tribüne, sie jubeln nicht demonstrativ über die Tore ihrer Mannschaft und geben sich nach dem Spiel die Hand. Der Mannschaft hat man das schon verordnet, die verabschieden sich jetzt mit Handschlag vom Gegner, was ich sehr positiv finde. Doch warum fasst sich der Vorstand nicht an die eigene Nase?

Es wäre ein klares Zeichen – für das man nicht die Kreativität der Fans beschneiden muss.

Scholli for President

Wenn es von irgendeinem Ex-Fußballprofi immer Spaß macht, etwas zu hören, dann von Mehmet Scholl. Am heutigen Samstag druckt die Süddeutsche ein Interview mit ihm über seinen neuen Job beim Fernsehen. Das Interview ist unspektakulär und doch interessant, denn Scholl gibt sich mal wieder so unprätenziös, wie er wohl auch wirklich ist, gepaart mit großer Flapsigkeit. Das ist einfach immer unterhaltsam zu lesen.

Ein paar Auszüge:

Über seinen Job als Jugendtrainer beim FCB:
Die sind fast 13. Da macht’s noch ein bisschen Spaß. Die kann man wegdrücken vom Ball. Nach Fußball mit Gleichwertigen habe ich kein Verlangen mehr.

Auf die Frage, ob er sich nicht wundere, dass mit Kahn und ihm ausgerechnet die beiden ehemaliger Karlsruher beim FC Bayern den Deutschen die Fußballspiele erklären sollen:
Wenn wir beim Karslruher SC geblieben wären, dann würde ich mich wundern.

Über Günther Netzer als Fernsehkommentator:
Mein Respekt vor ihm ist gewachsen. Ich habe das Gefühl, das Allermeiste, was er sagt, trifft zu. Ich könnte ihm nicht widersprechen. Ich denke immer: So einer müsste doch eigentlich beim FC Bayern gespielt haben, so viel, wie der weiß.

Über einen möglichen Job beim FC Bayern:
Jetzt bin ich dabei, den Sprung ins zweite Leben zu schaffen und habe kein Problem damit, einem Profi ins Gesicht zu sagen, warum es bei ihm nicht läuft. Eines verträgt jeder Profi: die Wahrheit.

Interview mit Mehmet Scholl
SZ-Interview mit Mehmet Scholl