Geht sterben

Natürlich zuckte es kurz in meinen Fingerspitzen, als ich Jens Uehleckes inzwischen notorisches Twitter-Dissing in der „Zeit“ las. Sollte ich darüber bloggen, eine argumentativ fein ziselierte und mit unterschwelligen Beleidigungen aufgeladene Replik in die Tasten hauen?

Doch abgesehen davon, dass mir dieser Job von anderern Bloggern schon abgenommen wurde, bevor ich selbst Zeit zum Schreiben hatte, fand ich keine rechte Motivation, Uehlecke irgendetwas entgegenzuhalten. Warum überhaupt?

Zu allen Zeiten sorgte sich irgendeine Elite darum, wie sie sich die Werkzeuge ihrer Macht sichern konnte. Ich stelle mir lebhaft vor, wie die Mönche im 15. Jahrhundert gegen die Profanitäten wetterten, die mit dem Buchdruck in die Welt verteilt wurden. Der deutsche Kaiser fragte sich, warum Arbeiter sich bilden wollten, außer um ihn zu stürzen? Und die deutschen Verfassungsorgane hatten bis in die 70er hinein Angst, dass privat betriebene Fernseh- und Radiosender den Umsturz herbeiführen könnten.

Jetzt sind es eben Politiker und Journalisten, denen klar wird, dass das Internet der Buchdruck 2.0 ist, der ihnen gerade ihre Herrschaftsinstrumente entzieht: Gemütliche Wichtigtuerei in geheimen Parlaments-Ausschüssen und die Hoheit über die veröffentlichte Meinung sind ein für alle mal passé, schon heute. Dann schnappt eben auch irgendwann mal einer über und rotzt so einen Artikel raus, ob das jetzt Jens Uehlecke ist oder Richard Wagner oder Mathias Schreiber oder einer von den anderen.

Aber es ist doch so: Auch in der freien Natur gewinnt nicht der Stärkere, sondern derjenige, der weniger Angst hat. Und warum sollte ich Angst vor Jens Uehlecke haben? Sollte ich fürchten, dass sich wegen seines Artikels weniger Menschen für Twitter interessieren? Wenig könnte mir egaler sein. Und dass die Innenministerkonferenz als nächstes Twitter verbietet, ist wohl, bei aller Unberechenbarkeit, unwahrscheinlich.

Jens Uehlecke, ich habe die Angst in deinen Augen gesehen. Und deswegen lehne ich mich einfach zurück, twittere weiter und warte darauf, dass du irgendwann sterben gehst, wenn ich mich mit meinen Freunden und Bekannten über Twitter zur Weltrevolution verabrede. Aber von mir bekommst du nicht die Ehre einer Replik.

P.S.: Wie man im übrigen das Web 2.0 als Machtinstrument einsetzt, das kann man meiner Ansicht nach gerade nirgendwo besser betrachten als im offiziellen Flickr-Photostream des Weißen Hauses. Wie hier ein Bild von Barack Obama propagiert wird, modern, toll fotografiert, harmlos selbstironisch und casual, freundlich und doch mächtig, das ist sehr beeindruckend.

P.P.S.: Da ist mir tatsächlich gerade erst aufgefallen, dass Stefan NIggemeier schon seit längerem eine kleine Reihe von Blogartikeln unter dem Titel „Geht sterben“ schreibt. Die frappierende Ähnlichkeit der Überschrift meines Artikels ist zufällig und unbeabsichtigt.

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Wir sind vom selben Stern

Und genau wegen solcher Erlebnisse heißt das hier immer noch „the boy in the bubble“: Von einem anderen Stern.

Und wenn ich da noch ein Erlebnis ergänzen darf, das sich zwar schon auf einem anderen Verständnisniveau abspielt als die Verwechslung von Web und web.de: Meine Eltern benutzen ausschließlich den T-Online-Browser, meines Wissens nach bei ihnen noch ein IE 6. Aus Anlass irgendeiner Diskussion empfahl ich ihnen, sich doch auch mal Firefox anzusehen.

Meine Eltern: Was das denn sei?
Ich: Naja, eben ein anderer Web-Browser als der, den ihr benutzt.
Meine Eltern: *gucken fragend…
Ich: Na, ihr benutzt ja immer den Internet Explorer, das ist ein sogenannter Browser. Guckt mal, das steht da oben in der Caption Bar Leiste am oberen Bildschirmrand steht Internet Explorer.
Meine Eltern: Ja, aber das ist doch das Internet? Wir haben uns schon immer gefragt, warum da noch „Explorer“ steht?

Und plötzlich verstand ich, weswegen meine Eltern noch nie einen Zusammenhang zwischen dem Erscheinen von anrufbaren Kontakten in Skype und dem Herstellen ihrer Internet-Verbindung gesehen hatten. Und das Verrückte ist: Sie haben ja auch noch Recht. Wie altmodisch ist es bitte, eine Internet-Verbindung herzustellen, anstatt sie einfach zur Verfügung zu haben? Für meine Eltern ist Internet wie Telefon. Und das ist gut so.

Thomas "20er" Knüwer, frisch geweinreicht

Ich hab Thomas Knüwer ja schon lange ausgelistet. Ich wusste selbst gar nicht so genau warum, vielleicht nur wegen seiner zu undifferenzierten und vorhersehbaren Attacken auf alles Öffentlich-Rechtliche, gegen das ich selbst durchaus diverese Bedenken vorbringen könnte.

Vor allem aber fand ich sein Blog einfach langweilig und in der Tat ein bisschen zu „bashy“. Jetzt weiß ich warum: Thomas Knüwers Ende der Debatte.

Bathroom Rotation

Ich habe gerade eine neue Marginalien-Rubrik in diesem Blog eingeführt: die „Bathroom Rotation“, ganz unten in der rechten Spalte.

In meinem Badezimmer steht nämlich ein Ghetto-Blaster, aus dem ich während der Morgentoilette keineswegs Radio dudeln lasse, und nicht mal wegen des schlechten Empfangs, sondern weil ich mein System mit bekannter Musik viel angenehmer hochfahre.

Hier laufen also in der Regel die Best-of-Platten aus meinem CD-Regal, nur ab und an auch die ganz großen Kracher unter den Neuerscheinungen. Der Musikstil sollte aufwachtauglich sein, Iron Maiden oder 1000 Robota wird man hier also seltener finden, dafür aber in der Regel Musik, die entweder zu Unrecht im Regal verstaubt oder jedenfalls mal wieder einen Druck auf die Play-Taste wert ist.

Aktuell rotiert: das White Album der Beatles.

Richard Wagner seine Mutter ist eine Bitch

Wer zur Hölle ist eigentlich Richard Wagner? Natürlich nicht der große Komponist, sondern der kleine Richard Wagner, „riw.“ quasi: Vielleicht einfach nur ein gelangweilter, schnöseliger Schreiberling? Neinneinnein, Richard Wagner ist bestimmt ganz wichtig! So wichtig, dass er schließlich Glossen in die Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schreiben darf (hörthört). So wichtig, dass er dort sogar „amerikanische Spötter“ zitieren darf, die in Deutschland am besten nur studierten Amerikanisten so richtig bekannt sein sollten. Das lässt einen nämlich sogar dann gelehrt klingen, wenn man sich eigentlich gerade nur einen auf die eigene Wichtigkeit runterholt.

Was anders als Wortgewichse soll denn sonst bitte der Kommentar sein („Lauter Blogwarte“), den Wagner heute veröffentlichen durfte? Nicht mal für das schon 29.100 mal gemachte Wortspiel vom „Blogwart“ ist er sich zu schade. Auf Inhalte des Textes einzugehen erübrigt sich fast, schließlich geht es Wagner ganz offensichtlich so wenig um Inhalte wie dem Halbstarken, der einen in der U-Bahn anquatscht: „Ey hast du grad was über meine Mutter gesagt?“

Wagner polemisiert einfach mal anlassfrei gegen Blogs: Neues gibt’s dabei natürlich nicht zu erfahren: Blogs seien halbgare Laberfeste, die nur „Zeug“ verbreiteten, das in „seriösen Publikationen schon rausredigiert wurde“.

Die FAS kann sich nach diesem Kriterium jedenfalls nicht mehr zu den seriösen Publikationen rechnen, schließlich hätte Wagners Polemik fett rausredigiert gehört: Wenn schon nicht wegen erwiesener Substanzlosigkeit, dann alleine wegen dieses einen, wunderbar missglückten Bildes, des Eigentors unter den Metaphern. Wagner schreibt:

Nervig ist auch, dass Internetfreaks [Ich geb dir Freaks, Richie!] … auf die traditionellen Medien herabschauen – ungefähr wie der Floh auf den Hund. Auch der [gemeint ist übrigens der Floh] holt sich seinen Content durch Saugen.

Kann es sein, dass der Kollege da gerade seine ach so hehre Gilde hochwertiger Journalisten mit einem Hund verglichen hat? Und wenn dem so ist, dürfte man dann die Mutter eines sich als Journalist versuchenden, halbstark herumpöbelnden Amerikanisten eigentlich ungestraft eine „Bitch“ nennen?

Jedenfalls ist klar, wer dieser Richard Wagner ist: Einer, der die Welt nicht mehr versteht. Ein böser, verbitterter, alter Mann – und das mit 46.

P.S.: Einen hab ich doch noch. Diesen Satz, der aus Wagners Text nicht „rausredigiert“ wurde, muss man mal kurz mit sprachlich wachem Geist lesen. Etwas, das im Lektorat der FAS offensichtlich niemand für wichtig hielt:

Die Anonymität, das Ungefilterte und von keiner Instanz Geprüfte wird nur von den Netz-Aficionados als Freiheit gefeiert – in Wahrheit hat es dem Blockwart die Hecke bereitet, wo er seine Lust an Denunziation und Diebstahl ausleben kann.

Scheint ein redaktionsinterner Wettbewerb zu sein: Wie viele sprachliche Unsauberkeiten kann man eigentlich in einen einzigen Satz packen?