Mein Grand-Prix-Tipp für 2012

Jungejunge, eines kann ich jetzt schon sagen: Über den ESC-Jahrgang 2012 werden sich alle ESC-Gegner freuen. Er ist nämlich so schlecht, dass man mit ihm wunderbar begründen kann, warum der Grand Prix eine verzichtbare Sendung ist.

Da ist wirklich eine sehr, sehr große Menge sehr mittelmäßigen Mittelmaßes dabei. Positiv auffallen tun aus meiner Sicht nur vier Songs:

Anschließend beginnt auch schon das breite Mittelfeld, in dem sich ein paar ganz nette, aber eben auch nur nette Songs tummeln. Am Ende findet sich noch der übliche Volldreck, der sich bei insgesamt 42 Beiträgen kaum vermeiden lässt. Ruhmloses Schlusslicht ist bei mir der zypriotische Beitrag, der sich immerhin noch als Musterbeispiel für vollständige musikalische Belanglosigkeit verwenden lässt.

Meine komplette Bewertung habe ich in eine Google-Docs-Tabelle geschrieben, die ihr hier finden könnt. Darin sind auch Links zu allen Videos enthalten: https://docs.google.com/spreadsheet/ccc?key=0At2CECT0ctHgdG1qUTlkWTZWY0dwZ3N4LUFFQXZsMEE

Nach den Halbfinals werde ich die Tabelle noch einmal aktualisieren, die bis dahin ausgeschiedenen Teilnehmer entfernen und die verbliebenen Songs im Lichte der Performances möglicherweise noch einmal neu bewerten.

ESC 2011: Vergleich von Jury- und Televoting

Die EBU hat in dieser Woche die aufgesplitteten Votings von Juries und Televoting des Düsseldorfer ESCs veröffentlicht (s. Tabelle unten). Die beiden Bewertungen gingen jeweils zu 50% in die Gesamtbewertung eines Landes ein.

Am massivsten hat Italien vom Jury-Voting profitiert. Bei einem reinen Jury-Voting hätte Italien sogar mit 69 Punkten Vorsprung vor Aserbaidschan gewonnen. Nach den vergebenen Punkten am weitesten runtergezogen wurde Schweden, allerdings langte es immer noch für den dritten Platz, hätte nur das Publikum abgestimmt, wäre es auch nur der zweite geworden, allerdings nur sehr knapp hinter Aserbaidschan.

So sehr ich gute Musik zu schätzen weiß, muss ich hier aber mal eine dicke Lanze für das Televoting brechen: Es kann im 21. Jahrhundert einfach nicht sein, dass die Zuschauer des Eurovision Song Contests von den Juries fast einen zwar musikalisch respektablen, aber letztlich völlig unmodischen und zutiefst konventionellen Pianojazz-Song als Sieger vorgesetzt bekommen hätten, den sie selbst gerade mal auf den 11. Platz gewählt hätten.

Die Legende vom Nachbarschaftsvoting ist inzwischen ja wohl ohnehin als nationalistische Panikmache der Bild-Zeitung entlarvt, so dass man sich ernsthaft fragen muss: Wer braucht eigentlich das Jury-Voting? Und das sage ich im vollen Bewusstsein der Tatsache, dass er Volldreck aus Griechenland von den Televotern auf das musikalische Treppchen gewählt wurde.

Außerdem wage ich es, als Kontrapunkt eine alternative Verschwörungstheorie zu entwickeln: Haben die von den teilnehmenden Sendern ausgewählten Juries Raphael Gualazzi vielleicht deswegen nach oben gepunktet, damit Italien als fünftgrößter Geldgeber des Wettbewerbs nach jahrelanger Abwesenheit nicht sofort wieder abspringt, sondern von einem Erfolg ermutigt wird?

Platz Land Gesamtergebnis Jury Televoting
1 Aserbaidschan 221 182 223
2 Italien 189 251 99
3 Schweden 185 106 221
4 Ukraine 159 117 168
5 Dänemark 134 168 61
6 Bosnien-Herzegowina 125 90 151
7 Griechenland 120 84 176
8 Irland 119 119 101
9 Georgien 110 79 138
10 Deutschland 107 104 113
11 Großbritannien 100 57 166
12 Moldau 97 82 98
13 Slowenien 96 160 39
14 Serbien 85 111 89
15 Frankreich 82 90 76
16 Russland 77 25 138
17 Rumänien 77 86 79
18 Österreich 64 145 25
19 Litauen 63 66 55
20 Island 61 72 60
21 Finnland 57 75 47
22 Ungarn 53 60 64
23 Spanien 50 38 73
24 Estland 44 74 32
25 Schweiz 19 53 2

(Tabelle kopiert von eurovision.de)

Rückblick auf meine ESC-Prognose

Teilweise lag ich ja ganz gut, mit meiner gestrigen ESC-Vorhersage, teilweise aber auch katastrophal schlecht. Im Mittelwert wich meine Vorhersage um 8,1 Plätze von der schlussendlichen Platzierung ab, im Median (der die Extremwerte weniger stark berücksichtigt) immer noch um 6 Plätze.

Gut lag ich bei der Vorhersage der Top-Platzierungen von Aserbaidschan und Dänemark sowie beim schlechten Abschneiden von Spanien und dem Abkacken des Wettfavoriten Frankreich.

Komplett daneben lag ich bei Finnland, die ich auf 2 hatte (Resultat: 21), bei Ungarn (ich: 4, Welt: 22), sowie bei Ukraine, Schweden und Griechenland, die ich ans Ende des Tableaus platziert hatte, die von den Anrufern und den Juries hingegen weit nach vorne gewählt wurden. (Aufgeschlüsselter Vergleich von Vorhersage und Ergebnis: am Ende des Beitrags)

Ich glaube, ich habe einen wesentlichen Punkt unterschätzt: In der Spitze der ESC-Tableaus tummelt sich regelmäßig eine ähnliche Mischung von Songs. Da sind:

  • Der Konsens-Sieger
    Ein Titel, auf den sich ganz Europa einigen kann. Das war in diesem Jahr Aserbaidschan, allerdings auf erstaunlich niedrigem Niveau. Immerhin 12 Länder vergaben keine Punkte an Ell und Nikki, „douze points“ erhielten sie nur drei Mal: von Malta, Russland und der Türkei. Zum Vergleich: Lena hatte letztes Jahr neun Mal die Höchstwertung erhalten und nur fünf Mal keine Punkte.  Der norwegische Rekordsieger von 2009 hatte von ausnahmslos jedem Land Punkte erhalten und konnte insgesamt 166 mehr Punkte sammeln als „Running Scared“.
  • Das gute Lied
    Einen Song gibt es jedes Jahr in der Spitze, der musikalisch von hoher Qualität ist, bei dem aber der Sexappeal und der Kracherfaktor fehlen. Dieses Jahr war das wohl Italien.
  • Der Klamauk-Song
    Irgendeinen Titel wählen Menschen, die nicht auf die Musik, sondern nur auf die Show achten. Das war in diesem Jahr der Song aus der Ukraine, der völlig belanglos war, bei dem aber die Sandmalerin im Hintergrund für erinnerbares Eye Candy sorgte.
  • Der Kandidat der Herzen
    Diesen Slot füllte der Roger Whitaker des Balkans, Dino Merlin aus Bosnien & Herzegovina.

Völlig unerklärlich hingegen ist mir die gute Platzierung Griechenlands. Was haben die Menschen an diesem Song gefunden? Der Rapper war so gnadenlos schlecht, der Tenor zwar immerhin gut, aber der Song ohne Erinnerungswert, die LED-Projektion war unauffällig. Wer wählt sowas?

Finnland dagegen ist wohl tatsächlich seiner Startnummer zum Opfer gefallen: Im ersten Halbfinale schaffte der Titel es immerhin noch auf Position 3. Dass er sich im Finale so schlecht platzierte, ist nicht mit musikalischer Qualität oder der Konkurrenz erklärbar.

Blick nach Baku

Nun geht es also nach Baku. Und obwohl das immerhin eine 2-Millionen-Einwohner-Stadt ist, kann ich mir vorstellen, wie die Stimmung der EBU-Veranwortlichen gerade ist. Als ich von 2004 bis 2006 mal drei Jahre für den ESC arbeiten durfte, fiel in diese Zeit auch die Veranstaltung in Kiew. Ich erinnere mich lebhaft, wie schwierig die Vorbereitungen dort waren, so weit ich sie mitbekam – und die Ukraine hat immerhin fünf Mal so viele Einwohner wie Aserbaidschan. (Damals in Kiew zitterte man vor einem Sieg des Neulings Moldawien, der am Ende Siebter wurde. Viel größer als Moldawien ist Aserbaidschan auch nicht.)

Insbesondere problematisch war es 2005 zum einen, den Ukrainern klar zu machen, dass sie für die Durchführung eines solchen Events mit vielen tausend aktiv Beteiligten Hilfe benötigen würden. Und ich kann mir vorstellen, dass das in einem undemokratischen Land wie Aserbaidschan eher noch schwieriger werden wird, weil der politische Wille, sich der Welt als stolze und leistungsfähige Nation zu präsentieren, die ein solches Ereignis alleine stemmen kann, noch größer sein wird als damals in Kiew.

Und dann gibt es da noch die notwendige Halle. Ich kenne Baku nicht, und vielleicht hat man sich dort schon eine Multifuktionsarena gebaut. In Kiew war die Halle jedenfalls von historischem Wert: Wenn man zu den Kommentatorenkabinen ging, die ganz oben rund um den Zuschauerraum lagen, dann gab der Boden unter dem Linoleum immer wieder nach. In der Halle war viel Holz verbaut, und das hatte sich im Lauf der Jahre und Jahrzehnte halt doch hier und da in Moder verwandelt.

Andererseits wird ein ESC in Baku für alle Beteiligten natürlich auch ein sehr besonderes Ereignis werden: Da kommt man sonst nicht unbedingt hin, die Lage der Stadt am kaspischen Meer ist toll, die Aserbaidschaner werden sich sicherlich zerreißen, damit die Gäste sich willkommen fühlen, und ein ESC, der um 1 Uhr nachts Ortszeit beginnt, hat natürlich auch einen ganz besonderen Charme.

Es wird für alle Beteiligten mehr und nervenaufreibendere Arbeit werden, aber am Ende auch das spannendere Erlebnis.

Aufgeschlüsselter Vergleich meiner Tipps mit dem Ergebnis

Rang
Vorhersage
Rang ESC Differenz Land
1 8 7 Ireland
2 21 19 Finland
4 1 3 Azerbaijan
4 5 1 Denmark
4 10 6 Germany
4 22 18 Hungary
7 20 13 Iceland
7 11 4 United Kingdom
10 19 9 Lithuania
10 16 6 Russia
10 14 4 Serbia
13 9 4 Georgia
13 2 11 Italy
13 25 12 Switzerland
15 12 3 Moldova
18 18 0 Austria
18 6 12 Bosnia & Herzegovina
18 15 3 France
18 17 1 Romania
21 24 3 Estonia
21 13 8 Slovenia
21 4 17 Ukraine
23 23 0 Spain
24 4 20 Sweden
25 7 18 Greece

Meine ESC-Vorhersage für 2011

Im Schnelldurchlauf habe ich mir gerade die Videos der Titel des heutigen ESC-Finales angesehen und ihnen in fünf Kategorien Punkte von 1 bis 5 gegeben: Musikalische Qualität, Catchiness, Ost-Appeal, West-Appeal, Auffälligkeit.

Ich komme in der Summe auf die folgenden Vorhersagen, die sich von den Quoten der Buchmacher in der Spitze nicht unterscheiden, bis auf die Tatsache, dass ich Frankreich eher am Ende des Feldes sehe als weit vorne.

Dem Finnen würde ich sogar den Sieg zutrauen, wenn er denn einen besseren Startplatz hätte: Auf Position 1 zu eröffnen tut seinem Lied nicht gut, das extrem catchy ist und mit einer wunderschönen LED-Projektion daherkommt. Aber weiter hinten, als Erholung von vorangegeangenem Overkill, würde er bestimmt besser wirken.

So glaube auch ich an einen Sieg der irischen Flummizwillinge.

Punkte-Debakel sage ich hingegen für Spanien, Schweden und Griechenland voraus.

Wir werden sehen!

Rang Land Titel Punkte
1 Ireland Jedward – Lipstick 21
2 Finland Paradise Oskar – Da Da Dam 20
3 Azerbaijan Ell & Nikki – Running Scared 17
3 Denmark A friend in London – New tomorrow 17
3 Germany Lena – Taken by a stranger 17
3 Hungary Kati Wolf – What about my dreams 17
7 Iceland Sjonni’s Friends – Coming Home 16
7 United Kingdom Blue – I Can 16
9 Lithuania Evelina Sašenko – C’est ma vie 15
9 Russia Alexej Vorobjov – Get You 15
9 Serbia Nina – Caroban 15
12 Georgia Eldrine – One More Day 14
12 Italy Raphael Gualazzi – Madness of love 14
12 Switzerland Anna Rossinelli – In love for a while 14
15 Moldova Zdob si Zdub – So Lucky 13
16 Austria Nadine Beiler – The secret is love 12
16 Bosnia & Herzegovina Dino Merlin – Love in rewind 12
16 France Amaury Vassili – Sognu 12
16 Romania Hotel FM – Change 12
20 Estonia Getter Jaani – Rockefeller Street 11
20 Slovenia Maja Keuc – No one 11
20 Ukraine Mika Newton – Angel 11
23 Spain Lucia Perez – Que me quiten lo bailao 9
24 Sweden Eric Saade – Popular 8
25 Greece Loucas Yiorkas Feat. Stereo Mike – Watch my
dance
7

Meine Vorhersage im Detail mit allen Punkten als Excel-Sheet: http://dl.dropbox.com/u/1254632/esc-2011_scoring_xls.xls

Nachtrag: Hier der Vergleich meines Tipps mit dem Ergebnis.

Eurovision 2009: Vergleich von Jury-Vote und Gesamt-Vote

Auf eurovision.tv wurde in dieser Woche die aggregierte Punktevergabe der professionellen Jurys veröffentlicht, die 50% der Stimmen jedes Landes ausmachten. Zwar wird aus guten Gründen nicht publiziert, welche Jury genau wie abstimmte, aber aus dem Abgleich von Jury-Vote und Gesamtvote kann man einen Rückschluss ziehen, welche Länder gegenüber dem bisherigen Stimmverfahren profitiert haben oder benachteiligt wurden.

Die Ergebnisse der professionellen Jurys:

Norway 312
Iceland 260
United Kingdom 223
France 164
Estonia 124
Denmark 120
Turkey 114
Azerbaijan 112
Israel 107
Moldova 93
Greece 93
Bosnia and Herzegovina 90
Malta 87
Germany 73
Armenia 71
Ukraine 68
Russia 67
Portugal 64
Croatia 58
Lithuania 31
Romania 31
Sweden 27
Albania 26
Finland 12
Spain 9

Norwegen hätte also auch so gewonnen, und Spanien wäre nicht nur fast, sondern wirklich Letzter geworden. In der Spitzengruppe kam dagegen England bei den Jurys deutlich besser und die Türkei deutlich schlechter an als beim abstimmenden Publikum. Ein detaillierter Vergleich sortiert nach Abweichung der Jury-Punkten von den Gesamt-Punkten:

Und derselbe Vergleich, sortiert nach prozentualer Abweichung von den  Gesamtpunkten:

(Hier die Daten zum Download: esc2009.pdf. Leider lässt WordPress mich keine xls-, csv- oder zip-Files hochladen, weil das die Sicherheitsrichtlinien verletzt.)

Wir stellen fest:

  • Prozentual sind Malta, Deutschland und Israel von den Jurys am stärksten bevorteilt worden, hätten mehr als doppelt so viele Punkte bekommen, allerdings auf weiterhin niedrigem Niveau.
  • Von den Ländern der Top 10 hätte Frankreich bei einer reinen Publikumsabstimmung am deutlichsten schlechter abgeschnitten, gefolgt von UK und Island.
  • Griechenland dagegen hätte profitiert, wenn die Jurys nicht eingesetzt worden wären, und wer weiß, wo vor allem auch der Dritte gelandet wäre, Aserbaidschan, das von den Jurys fast 50% weniger Punkte erhielt als von Jurys und Publikum gemeinsam.
  • Zu einem Sieg hätte es allerdings für Aserbaidschan nicht gereicht, denn der Norweger hat offensichtlich beim Publikum noch viel deutlicher abgeräumt, als es im Gesamt-Ergebnis zum Ausdruck kam. Von den Jurys hätte er jedenfalls weniger Punkte bekommen.
  • Wenn man den Ost-West-Vergleich bewertet, dann erkennt man, dass die Jurys die Songs der „klassischen“ Grand-Prix-Länder doch höher bewerten als das Gesamtpublikum. Von den 11 Ländern, die von einem reinen Jury-Voting profitiert hätten, sind nur 3 Länder aus Osteuropa: Moldau, Kroatien, Litauen. Dagegen liegen von den 14 Ländern, die von den Jurys schlechter beurteilt wurden als vom Publikum, 8 in Osteuropa.

Die Abweichungen, die sich in den Final-Platzierungen ergeben, wenn nur die Jurys abgestimmt hätten, sind nicht extrem dramatisch, wenn auch im einzelnen schon bemerkenswert:

Land Platz

gesamt

Platz

Jury

Abweichung

bei Jury-Vote

Norway 1 1 0
Iceland 2 2 0
Azerbaijan 3 8 -5
Turkey 4 7 -3
United Kingdom 5 3 2
Estonia 6 5 1
Greece 7 11 -4
France 8 4 4
Bosnia and Herzegovina 9 12 -3
Armenia 10 15 -5
Russia 11 17 -6
Ukraine 12 16 -4
Denmark 13 6 7
Moldova 14 10 4
Portugal 15 18 -3
Israel 16 9 7
Albania 17 23 -6
Croatia 18 19 -1
Romania 19 21 -2
Germany 20 14 6
Sweden 21 22 -1
Malta 22 13 9
Lithuania 23 20 3
Spain 24 25 -1
Finland 25 24 1

Vor allem die Mainstream-Popsongs aus Dänemark, Israel, Deutschland und Malta haben im Ergebnis ihrer Platzierung von der Einbeziehung der Jurys in diesem Jahr profitiert. Aserbaidschan, Russland, Albanien und mit Abstrichen Griechenland und die Ukraine hätten sich lieber eine reine Publikumsabstimmung gewünscht.

Unterm Strich bleibt die wenig überraschende Erkenntnis: Die professionellen Jurys bevorzugen klassische Popsongs, während das Publikum Disco-Tunes mit Showeffekten etwas mehr gustiert. Es ist aber nicht etwa so, dass ein breiter Graben zwischen beiden Lagern verläuft. Vielmehr sind die Unterschiede graduell.

Man kann also sagen, dass das Eurovision-Ergebnis in diesem Jahr nicht dramatisch anders ausgefallen wäre, wenn wie in den vergangenen Jahren nur das Publikum abgestimmt hätte.

I hope we have a little bit lucky

Dieses Mal hatte ich mich im Vorfeld überhaupt nicht mit dem Eurovision Song Contest beschäftigt. Hauptsächlich, weil meine letzten Wochenenden mit Fußball, Konzerten und Vorlesungen ausgebucht waren und ich nicht die 3-4 Stunden Zeit fand, mich mit allen Beiträgen wertend auseinanderzusetzen. So setzte ich mich gestern also einfach mit Snacks und Starkbier vor die Glotze und wartete auf das, was da kam.

Und ich muss sagen: Das war der ausgeglichenste Eurovisions-Jahrgang seit langem, wenn auch nicht unbedingt der stärkste. In den vergangenen Jahren hatte es für meinen Geschmack mehr große Einzelhits gegeben, außer im letzten Jahr, als im wesentlichen Grütze am Start war.

Dieses Jahr konnte man allerdings eindrucksvoll beobachten, wie alle deutschen Verschwörungstheorien ins Leere liefen, weil der Song Contest schlicht und einfach von der Qualität und vom Zufall regiert wird.

Die ohnehin unglaubwürdige Theorie von der nicht zu schlagenden Abstimmungsverschwörung der Ostblockländer ist mit einem haushohen Sieger Norwegen, einem zweiten Platz von Island und vor allem mit dem fünften Platz für eine Lloyd-Webber-Schnulze, die schon vor 25 Jahren als traditionell gegolten hätte, hoffentlich ein für allemal widerlegt. Auch ein anderes Big-4-Land hatte mit einer getragenen, schlichten Ballade relativen Erfolg: Frankreich kramte Patricia Kaas aus dem Archiv und ließ sie im schwarzen Kleid einen schlichten, schönen Chanson ins Mikro singen, der fast schon reaktionär war, so traditionell kam er daher. Immerhin Achter!

Im Gegensatz dazu landeten die von mir nach ihrem ultraenergetischen Auftritt sehr hoch eingeschätzten Ukrainer abgeschlagen auf dem 12. Rang. Auch die wie immer schöne bosnische Ballade konnte diese Mal nur noch die einstelligen Ränge sichern: Neunter. Ebenso unter Wert geschlagen: Die bunt-fröhlichen Portugiesen (15.) und die ewige Chiara für Malta (22.).

Richtige Grütze lieferten eigentlich nur Litauen (komplett belanglose Multi-Song-Kopie aus We Are The Champions und Fallin‘), Finnland (WTF?) und Spanien (gähn) ab und landeten verdient auf den letzten Plätzen.

Das deutsche Liedchen ging da einfach nur unter, hätte ein paar Plätze höher und auch noch zwei Plätze tiefer als auf dem 20. Rang landen können, ohne dass sich jemand beschweren könnte. Da helfen eben auch keine amerikanischen Kauftitten, zumal dann, wenn sie von der russischen Regie weitgehend ausgeblendet und anschließend zu langsam geschüttelt werden.

Man muss immer wieder mal daran erinnern, was die letzten deutschen Grand-Prix-Erfolge waren: Max, Michelle, Stefan Raab, Sürpriz, Guildo Horn, MeKaDo sowie Chris Kempers und Daniel Kovac konnten in den letzten 20 Jahren einstellige Platzierungen für Deutschland holen. Und ich denke Sie sehen, dass sie nichts sehen: Kein Muster, kein Schema in diesen Songs. Es gehört einfach ein guter Song dazu, der in die Zeit passt und gut performt wird. Und dann auch ein bisschen Glück.

Eurovision-Gastbeitrag: O tempora, o mores!

Wahnsinn, mein zweiter Gastbeitrag! axel von Lost in Nippes hatte dereinst gegen mich um die Platzierung der No Angels gewettet. Wetteinsatz: Ein Gastbeitrag für das Blog des anderen.

Das besonders erwähnenswerte ist, dass ich seinerzeit die No Angels in Unkenntnis der Konkurrenz noch auf den 19. Platz tippte, axel hielt mit Position 22 dagegen – lag also damals deutlich näher am wirklich Ergebnis als ich. Erst mein letzter Final-Tipp vom Freitag, nach Wettabschluss abgegeben, nannte korrekt den 23. Platz. Mit unvergleichlich sportlichem Geist hat axel die Wette für sich trotzdem als verloren gewertet und mir darum den folgenden Gastbeitrag geschickt, den ich voller Dankbarkeit hiermit wiedergebe!

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Achja, der GrandPrix.

Was waren das damals noch fest gebuchte Feiertage. Als Kind saß man mit den Eltern vor dem Fernseher, hoffte inständig nicht vor der Punktevergabe ins Bett geschickt zu werden (was immer gelang, weil es ja Samstag war und der Tag -von der Wichtigkeit her- nur mit einem WM-Finale zu vergleichen war) fieberte bei jeder Punktevergabe mit, egal ob eine sowjetische (o.ä.) Betonfrisur im Bild war und grade der erstaunten Welt mitteilte daß der rote Knopf bereits gedrückt wurde oder aber eine aparte Schönheit aus Frankreich nonchalant erklärte daß die Deutschen durch die unendliche Gnade der Grand Nation zwei Punkte ergattert hatten. Hach.

Damals gab es kein „Televoting“, der Pöbel hatte keine Chance sich durchzusetzten, denn die Punkte wurden von einer Fachjury vergeben die in erster Linie die „songwriting-skills“ (hihi) bewerteten. Ergo hatte auch Deutschland jedes Jahr die Chance zu gewinnen. Das taten dann zwar immer die Iren (Johnny Logan!) aber trotzdem war es aufregend vor allem wegen der „Gruppe Wind“ und derem unerhörtem Schicksal.

Irgendwann wurden die Regeln geändert und man selbst wurde genauso flügge wie Osteuropa. Während Kasachstan und Lettland Mütterchen Rußland den Rücken kehrten machten wir es genauso und veranstalteten pubertäre Partys zum GrandPrix die meistens schon vor 23 Uhr zu deutlichen Wahrnehmungsschwierigkeiten führten. Trotzdem war die Abstimmung immer noch ein Höhepunkt und es wurde aufrichtig mitgefiebert. Und was mußten wir alles schlucken:„Wind“, „Müchener Freiheit“, „Stone & Stone“…es wurde immer schlimmer. Dann kam 1996: Deutschlands Titel („Leon“ mit „Blauer Planet“) wurde ausgeladen! Wegen zuvielen Teilnehmern! Halloooo? Damals hatte man die historische Chancen dem GrandPrix den Rücken zu kehren und zu sagen: „Dann macht euren Driss doch selber. Von uns gibts keinen Pfennig(!) mehr“. Da fehltem dem NDR aber die Cochones für und man ergab sich still in sein Schicksal.

Mit diesem ganzen neuen Firlefanz, der Telefonabstimmung und dem Wust an Ländern wurde die Veranstaltung für mich immer mehr zur „kann-man-machen-wenn-grad nix-anderes-anliegt“-Veranstaltung.Das ist es eigentlich bis heute geblieben nur kurz unterbrochen von Guildo Horn, Stefan Raab und Roger Cicero, dessen Lied ich wirklich stark und für siegeswürdig hielt. Die Geschichte mußte mich eines besseren belehren.Die restlichen Jahre sind spurlos an mir vorbei gegangen.

Ich hatte mir ja eigentlich geschworen der Belgrader Ausgabe gestern fernzubleiben und zur Not das TV kaputt zu hauen, aber da der Freitag hochexplosiv war und ich anscheinend zuviele masochistische Tendenzen habe, hab ich dann doch mal reingeschaut. O tempora, o mores! Wär ich doch ausgegangen! Hätt ich doch meinen faulen Hintern von der Couch bewegt! Zwischen den Innings (Baseball auf NASN war dann doch mein „Hauptprogramm“) hab ich immer mal wieder umgeschaltet und konnte nur staunen. Ich weiß jetzt nicht ob ich ein völliger Ignorant bin aber ich fand orginal jeden einzelnen Song unfassbar schlecht. Da hat mir nix gefallen. Nada.

Gesehen hab ich die Türken, die Russen, die Engländer, die Deutschen, die Spanier, die Ukraine und die Franzosen. Ähm. Da fällt mir nix zu ein. Daß die Russen das Ding gewinnen kann nur heißen daß alle außer mir keinen Geschmack haben. Da gibt es auch keine zwei Meinungen drüber. Obwohl…wenn ich so drüber nachdenke…einen besseren Sieger kann ich auch nicht nennen…vielleicht die Isländer allein weil das ein kuscheliges und schrulliges Volk ist aber das kann ich nicht beurteilen, denn das Lied hab ich nicht gehört und ich werd einen Teufel tun und youtube befragen. Soweit geht es dann doch nicht.

Was mir aber wirklich komplett die (eh schon miese) Stimmung versaut hat war dann die Punktevergabe. Also der offene Kanal Bielefeld hätte das wohl stimmungsvoller inszeniert.
Jeder, absolut J-E-D-E-R der 43 Köpfe lobte die „großartige Show“ und stammelte dann die Punkte von drei Ländern in die Kamera nachdem er erstmal zehn Sekunden ins Leere lächelte weil man ihm anscheinend keinen Monitor zur Verfügung gestellt hatte und er nur raten konnte wann die Einblendung der niedrigeren Wertungen aus dem Bild war. Da kann man es auch ganz sein lassen und einfach das Ergebnis aller Länder einbenden, dann wär die Veranstaltung wenigstens schneller vorbei. Da ist aber auch wirklich gar nichts mehr übrig geblieben von dem Flair was den GrandPrix (jedenfalls für mich) mal ausgemacht hat. Unsäglich.

Zu dem deutschen Beitrag wiederhole ich gerne, was ich in in meinem Blog bei der Vorausscheidung geschrieben habe: Unwürdig. Keine Klasse. Anbiederei. Zum Glück mit völliger Ignoranz abgestraft worden.

Normalerweise könnte man ja hoffen daß dieses Ergebnis ein Art „Hallo-wach!“ sein könnte, aber ich glaube, der NDR und vor allen Dingen die „TeleVoter“ sind da beratungsresistent.

Und während ich mich noch ärgere, daß die Engländer und die Polen nicht ein Pünktchen mehr haben holen können und auf Spiel 1 des StanleyCups aus HockeyTown warte, grinst mich Thomas Her(r?)mann in bester „Galopper des Jahres“-Manier von der „großen GrandPrix Party auf der Reeperbahn“ an macht das, was Thomas Her(r?)mann halt macht, nämlich unlustige zotige Belanglosigkeiten in ein entmündigtes Publikum zu schreien und das war dann doch eine Spur zu viel für mich auch wenn ich als Katastrophengaffer schon gern ein Statement der „No Angles“ gehört hätte aber ich mußte kapitulieren und hab die nächsten 20 Minuten mit der neuen „11 Freunde“ und den „Cocteau Twins“ verbracht nur um mir dann anzusehen wie Sidney Crosby mit den Pens schön von den Red Wings auf die Mütze bekommt.

Hätte ich doch die blaue Pille geschluckt!