Bergisch Gladbacher Fahrstil: Beobachtungen eines Zugezogenen

Bergisch Gladbach liegt vor den Toren Kölns, die Städte sind so miteinander verschmolzen, dass die Stadtgrenze oft kaum merklich ist. Einmal falsch abgebogen, schon ist man von Hebborn wieder in Dellbrück gelandet, ein paar Querstraßen weiter ist man in Refrath. Der Kölner schaut auf Bergisch Gladbach als „Schäbbisch Jläbbisch“ herab, der Gladbacher erwidert die Missachtung mit fast vollständiger kultureller Orientierung an Köln, besonders am FC und an der Sprache. Bergisch Gladbacher und Kölsche Mundart sind nur für Eingeweihte auseinander zu halten.

Erstaunlicherweise gibt es aber doch einen himmelweiten Unterschied zwischen beiden Städten, den ich feststellen musste, als ich vor drei Jahren von Köln nach Gladbach zog: den Fahrstil der jeweils eingeborenen Kraftfahrer.

Der Kölner fährt großstädtisch: leicht chaotisch, schon mal drängelig, und im Winter wie auf Glatteis – selbst wenn gerade die ersten Flöckchen vom Himmel fallen.

Der Stil der Bergisch Gladbacher dagegen schwankt zwischen den Extremen. Hier habe ich Aktionen gesehen, die mir in Köln nie untergekommen sind. Und andererseits nimmt man völlig übertriebene Rücksicht aufeinander.

Beispielsweise fährt der Bergisch Gladbacher in den zahlreichen Straßen, die durch auf die Fahrspur gemalte, rechts und links die Seite wechselnde Parkstreifen beruhigt sind, nicht dann, wann es die StVO vorschreibt: also dann, wenn der Entgegenkommende das Hindernis auf seiner Seite hat. Er fährt einfach dann, wenn er meint, dass er dran ist. Ist man erst mal in der Engstelle, wird der andere schon zurückziehen. Sich für dessen Warten zu bedanken, beispielsweise durch ein kurzes Handzeichen: unnötig.

Was ich noch nie anderswo als einmal in Gladbach erlebt habe: Stau über eine Kreuzung hinweg. Ich halte vor der Kreuzung, lasse sie frei, der Wagen vor mir steht noch mit dem Heck darin. Nach zehn Sekunden setzt der hinter mir stehende Wagen zum Überholen an, umkurvt mich lässig und stellt sich vor mich – mitten auf die Kreuzung.

Wenn Schnee fällt, verhält sich der Gladbacher hingegen vorbildlich. Insbesondere kennt hier jeder die stillschweigende Vereinbarung, dass bei Engstellen in einer der zahlreichen Steigungen bei Glätte immer der bergauf Fahrende zuerst darf.

Völlig absurd aber und im krassen Gegensatz zu der sonst gezeigten Ruppigkeit ist das folgende Verhalten, das ich schon dutzendmale beobachten konnte: Der Gladbacher fährt auf einer Vorfahrtstraße. Rechts wartet jemand bspw. in einer Parkplatzausfahrt darauf, auf die Straße abbiegen zu können. Dann tritt der Gladbacher auf die Bremse, hält an und lässt den Wartenden einbiegen. Besonders ulkig wird die Aktion dann, wenn derjenige nach links abbiegen will. Dann warten die Vorfahrtstraße (und der sich hinter dem Überhöflichen bildende Stau) und der Einbiegende darauf, dass der Gegenverkehr eine Lücke lässt. Dass so eine Höflichkeit Auffahrunfälle fast schon erzwingt, ist wohl ohne weitere Erläuterung klar.

Ich habe mir unterm Strich angewöhnt, in Bergisch Gladbach einfach immer mit allem zu rechnen – außer mit Dank, wenn ich dazu gezwungen werde, auf meine Vorfahrt zu verzichten.

Outlaws in Streifenwagen

Ich bin sehr erfreut, dass der Stadtanzeiger mal zum Thema macht, wie sich Polizisten und andere Angehörige des Ordnungspersonals im Straßenverkehr verhalten: Parken im Halteverbot – Darf die Polizei das?

Ich ärgere mich schon länger, wie sich Fahrzeuge der Polizei, offensichtlich im Missverständnis, sie seien das Gesetz, nicht an die normalen Regeln der StVO halten. Und just heute morgen beobachtete ich diese Szene: Ich fahre in einer kleinen Autoschlange auf eine Ampel zu, die rot wird. Der zuvorderste Fahrer hält vor der Ampel an. Die Polizistin im Einsatzwagen hinter ihm dagegen schert aus, wirft das Blaulicht (ohne Sirene) an, überholt den haltenden Wagen, überfährt die rote Ampel und die Kreuzung – schaltet das Blaulicht nach 50 Metern wieder aus und fährt in gemächlichem Tempo weiter.

Ich will das nicht zu hoch hängen, aber mich wundert nicht, dass sowieso keiner mehr blinkt, wenn sich selbst die Gesetzeshüter wie Verkehrsrowdies verhalten.

Freunde und Helfer

Die Umzugsfalle der Stadt Köln

Ich ziehe dieser Tage um, und wie die meisten Menschen, mache ich das mit einem großen Auto, das am Umzugstag vor der Tür parken muss.

Die Stadt Köln bietet dafür Unterstützung an, wie wahrscheinlich die meisten anderen Gemeinden auch: Man kann eine Ausnahmegenehmigung beantragen, wenn der Umzugswagen nicht problemlos vor dem Haus abgestellt werden kann. Explizit aufgeführt sind diese möglichen „Genehmigungsinhalte“:

  • Das Umzugsfahrzeug soll im Haltverbot, im Fußgängerbereich oder Ähnlichem abgestellt werden.
  • Das Umzugsfahrzeug könnte zwar grundsätzlich ohne Ausnahmegenehmigung abgestellt werden … Tatsächlich ist dies wegen ständig parkender Fahrzeuge oder anderer Ladetätigkeiten aber nicht möglich. Daher soll eine mobile Haltverbotszone eingerichtet werden.

(Hervorhebung von mir)

Unmittelbar vor dem Haus, in dem ich jetzt noch wohne, steht ein Haltverbotsschild. Das haben zwar Besucher des Hauses in der Vergangenheit schon einmal beim Ausparken umgeflext, die Stadt bestand aber darauf, es wieder zu errichten, auch wenn sich wenigstens mir der Sinn eines Halteverbots an dieser Stelle nicht erschließt. Ein eingeschränktes Haltverbot, im Volksmund Parkverbot, ist wegen der Garagenausfahrten unbedingt notwendig, ein Haltverbot nicht unbedingt. Selbst LKW können an haltenden Fahrzeugen problemlos vorbeifahren, eine besondere Gefahrenstelle gibt es auch nicht.

Der Erteilung einer Ausnahmegenehmigung für den Umzugswagen sollte nichts im Weg stehen, dachte ich.

Ich füllte den entsprechenden Antrag (PDF) der Stadt Köln aus und kreuzte ordnungsgemäß an, dass sich vor dem Haus ein „absolutes Haltverbot“ befindet, von dem für einen Tag ausgenommen zu werden ich also beantragte.

Ausnahmegenehmigung Halteverbot
Ausnahmegenehmigung Halteverbot

Den Antrag faxte ich an die Stadt – und hörte nichts mehr davon. Gestern rief ich an, fragte nach, erwischte eine wirklich sehr freundliche Sachbearbeiterin, die meinen Antrag nicht finden konnte und sogar ins Nachbarbüro rannte, um den Kollegen zu fragen. Kein Ergebnis.

Also sollte ich den Antrag einfach noch einmal faxen, meinte sie, bis ihr die Idee kam: Was für eine Ausnahmegenehmigung ich denn erteilt bekommen wolle? Ich: Von einem absoluten Halteverbot. Sie: Ja, das *können* wir ja gar nicht. Dazu müsse ein anderes Amt gefragt werden, was aber anscheinend auch binnen einer Frist von mehreren Wochen oder gar überhaupt nicht denkbar ist.

Ich fasse also zusammen:
Die Stadt Köln bietet an, Ausnahmegenehmigungen zum Parken von Umzugswagen zu erteilen. Wenn ein Antragsteller die vorgesehene Option ankreuzt, eine Ausnahme von einem absoluten Halteverbot erteilt zu bekommen, dann wird sein Antrag vom Sachbearbeiter weggeworfen. Der Antragsteller erhält keine Rückmeldung, warum auch, schließlich kann sein Antrag gar nicht bewilligt werden.

Eine erstaunlich perfekte Falle.

Ich mach euch gleich den zweiten Reiter, ihr Asis!

„Weltuntergang!“ – – –  war nicht das erste, was ich dachte, als ich gestern Nacht um halb eins aufwachte. Mein benebelter Gedankenstrom kreiste eher um einen  thematischen Kern in der Nähe von „Fresse, Arschlöcher!“

Ich lebe in einer reinen Wohnstraße, allerdings nahe einer Bahnhaltestelle. Also kommt es, wie überall, immer wieder vor, dass Betrunkene durch die Straße ziehen, sich lautstark Lebensweisheiten zugröhlend. So etwas ist schnell vorbei. Was hingegen nicht so oft vorkommt ist eine dutzendköpfige Gruppe von Jugendlichen, die auf der Straße vor unserem Haus stehen, einen Kreis bilden, einer spielt Gitarre, die anderen schwingen Plastikrohre heulend über ihren Köpfen, jaulen den Himmel an und versuchen auch sonst angestrengt den Eindruck von Mad-Max-Protagonisten zu erwecken.

Nach zwei Minuten verlor ich die Nerven, stand auf, besah mir das Spektakel aus dem Schlafzimmerfenster, schätzte, dass der Spuk nicht binnen kurzer Zeit vorbei gehen würde, zog mir Hose, Schuhe und Anorak an und betrat festen Schrittes die Straße.

Ich auf den Gitarrenspieler zu, der sich als Frau entpuppt, deren Gesicht mit schwarzer Schminke Beschmutzung simuliert. Ich greife ihr um den Hals, also der Gitarre, um den Sound zu stoppen, und erkläre den Herrschaften, dass sie die Möglichkeiten haben, den Ort des Spektakels sofort zu verlassen, oder mich andernfalls die 110 wählen zu sehen. Aufkeimenden Diskussionen begegne ich mit der eindringlichen Wiederholung des Wortes „SOFORT!“, beschimpfe die Gemeinschaft noch ein bisschen als asozial und erkläre, dass die Spießbürger dieser Straße morgen arbeiten müssten.

Während sich die Bande gutbürgerlicher Erstis gerade unter gesichtswahrendem Gegrummel aufzulösen beginnt, bleibt ein Mädchen stehen, sichtlich bedröppelt. Ich denke, dass ihr gerade dämmert, wie unnötig die Aktion war und wie sehr sie die Gefühle Unschuldiger verletzt haben könnte. Sie hebt den gesenkten Kopf, sieht mich an und spricht: „…aber wenn Sie das in einem anderen Ton sagen könnten…“

Du weißt ja, dass du gewonnen hast, wenn du die anderen duzt und noch schlimmer beschimpfst, sie dich aber zurücksiezen. Doch einen Kampf, das wurde mir gestern klar, scheine ich für immer verloren zu haben: Den um die Empathie in unserer Gesellschaft. Wenn nämlich jetzt schon offenbar gut gebildete, leicht zu beeindruckende 20-Jährige in einer Wohnstraße mutwillig nächtlichen Lärm veranstalten, bei Beschwerden aber um eine freundliche Tonart bitten, dann weißt du, dass hier bald keiner mehr an den anderen denkt, sondern jeder nur noch an sich.

Blinken tut man nur die für die anderen

1.
Vor einigen Monaten, während des Sommers, im Belgischen Viertel: Ich cruise entspannt, das Fenster offen, in Richtung meiner Hemdenreinigung. Man kann im Belgischen Viertel nicht schnell fahren, weil die Straßen eng sind und fast überall rechts vor links gilt. Ich rolle langsam auf die nächste Kreuzung zu. Auf dem Bürgersteig nähert sich von rechts ein hippes 30-Something-Pärchen, das die Straße, auf der ich fahre, offensichtlich überqueren möchte. Als sie am Bordstein angekommen sind, zögern sie keine Sekunde – sondern gehen einfach weiter, und zwingen mich, etwas plötzlich zu bremsen. Als ich sie aus dem offenen Fenster verwundert anspreche, dass ich gar keinen Zebrastreifen sähe, fangen sie an, mich zu beschimpfen: Ich könne doch wohl anhalten? Ich rufe ihnen, die weitergehen, noch nach, sie könnten an der Tatsache, dass ihre Beine nicht gebrochen seien, bemerken, dass ich das auch getan hätte.

2.
In der Nähe meines Büros war während der letzten Monate ein Bürgersteig vor einer Baustelle mit einem Holztunnel geschützt. Der Tunnel war so schmal, dass zwei Fußgänger nur aneinander vorbei gehen konnte, wenn sie ihre Schultern zurücknahmen und sich an die jeweiligen Tunnelwand schlängelten. Wenn ein Radler sein Gefährt durch den Tunnel schob, mussten die Passanten am anderen Eingang des Tunnels warten, bis er ihn durchquert hatte. Von den Radfahrern, die mir entgegen kamen und für die ich wartete, hielt es höchstens jeder zweite für notwendig, sich mit einem Nicken oder gar einem kurzen Wort zu bedanken.

3.
Ich fuhr vor drei Wochen mit der Straßenbahn ins Büro. Eine Radfahrerin überquerte die rot zeigende Fußgängerampel und wollte an den Geländern vorbei, mit denen der Übergang abgegrenzt ist, auch die Bahngleise überqueren, weil sie unsere herannahende Bahn nicht bemerkte. Der Fahrer bremste ab und bimmelte wie wild. Die Frau hielt ihr Rad noch rechtzeitig an – und schimpfte der Bahn wie ein Rohrspatz hinterher. (Die folgende Durchsage des Bahnfahrers über die Außenlautsprecher konnte ich schlecht verstehen, nur dass sie auf „blöde Kuh“ endete.)

4.
Kennt noch jemand einen Autofahrer, der beim Spurwechsel oder Abbiegen blinkt? Warum auch? Blinken tut man schließlich nur für die anderen.

5.
Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal, von rechts kommend, an einer Kreuzung einen von links kommenden Radfahrer getroffen hätte, der meine Vorfahrt auch nur bemerkt hätte.

6.
Und schließlich diese Woche in der U-Bahn. Eine Frau steigt mit Kinderwagen ein. An der Stelle, wo in den modernen Waggons ein paar Sitzplätze fehlen, damit dort eben beispielsweise Kinderwagen abgestellt werden können, lehnt eine Frau, angelegentlich in ihr Smartphone vertieft. Die Mutter versucht, den Kinderwagen irgendwie dennoch dort hin zu rangieren, die Smartphonenutzerin gibt sich unbeeindruckt, hebt den Blick nicht, weicht dem Kinderwagen keinen Zentimeter. Schließlich gelingt das Einparkmanöver doch, die Mutter hat sich am Kinderwagengriff vorbei auch auf den Sitzplatz quetschen können. Fünf Sekunden später wendet sich die direkt vor dem Wagen stehende Smartphonefrau dem Kind zu und macht ein paar Gutschigutschi-Laute.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der alltägliche Umgang der Menschen auf der Straße miteinander verlottert. Immer weniger Menschen halten es für nötig, nett zueinander zu sein. Immer mehr halten sich für eine Insel, die sich um ihre Umgebung nicht kümmern muss, tun nur das, was sie selbst brauchen, aber nichts, was anderen gegenüber auch nur freundlich wäre. Sie gehen davon aus, dass sich die anderen ihrem scheubeklappten Verhalten anpassen und riskieren sogar lieber ihre eigene Sicherheit, als den Blick zu heben und vielleicht mal fünf Sekunden zu warten.

Entweder ich werde ich alt oder früher war das besser.

Schöffe: Tag 1

Da sitze ich also zur Linken des vorsitzenden Richters, nun selbst ein Richter, ein ehrenamtlicher, ein Schöffe. Vor mir sitzen Staatsanwältin, Pflichtverteidiger und der Angeklagte, dessen Wohl und Wehe nun zu einem Drittel auch von meiner Stimme abhängt.

Fast auf den Tag genau vor fünf Jahren hatte ich mich beworben, Schöffe zu werden, und zwar für die Schöffenperiode 2008 – 2013. Zunächst hatte ich gar keine Rückmeldung bekommen, zumal Köln mit Bewerbern um das Schöffenamt mehr als reichlich gesegnet ist. Anfang dieses Jahres wurde ich dann zu meiner großen Überraschung doch noch als Hilfsschöffe verpflichtet, und vor fünf Wochen kam der Bescheid, dass ich für den 26.07. tatsächlich eingeteilt wurde: Eine Schöffin hatte sich in den Urlaub abgemeldet, so dass eine kleine Strafkammer des Landgerichts Köln Ersatz benötigte.

Kurz der Fall:
Der Angeklagte, ein Herr M., hat eine wenig ruhmreiche Karriere als Junkie und Drogendealer hinter sich, hat dafür gesessen und noch zweieinhalb Jahre auf Bewährung offen. Seit fünf Jahren ist er wegen Drogenhandels nicht mehr auffällig geworden. Allerdings ist er wiederholt mit seinem Moped gefahren, ohne die notwendige Fahrerlaubnis zu besitzen. 2010 war er dafür bereits zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Und auch 2011 fuhr er sein Moped mal wieder lieber selbst, anstatt seinen Sozius ranzulassen, der gedurft hätte. Dummerweise fielen die beiden einer Polizeistreife auf und wurden angehalten. Hektisch wechselten sie noch die Plätze, um den Eindruck zu erwecken, der M.  sei nicht selbst gefahren. Der Polizist hatte das aber gesehen und ließ sich auch nicht bequatschen, das Gegenteil zu behaupten, was die beiden Profis noch versuchten.

Im ersten Prozess vor dem Amtsgericht sagte der Sozius als Zeuge dennoch aus, er sei gefahren, wofür er nun selbst einen Prozess wegen Falschaussage am Hals hat. Der M. wurde vom Amtsrichter, dem die Lügengeschichte wohl mächtig auf die Nerven gegangen war, zu vier Monaten ohne Bewährung verurteilt.

Das wäre schlimm genug, wenn diese Strafe für M. nicht zur Folge hätte, dass auch die 31 zur Bewährung stehenden Monate nun fällig werden würden – insgesamt also fast drei Jahre Knast.

Der M. ging angesichts dieser Perspektive in Berufung, die nun vor dem Landgericht und vor mir landete. Eine Woche vor der Verhandlung, auf die er ein Jahr warten musste, konnte ihn sein Pflichtverteidiger wohl überzeugen, dass ihm auch eine höhere Instanz die Story nicht abnehmen würde. Deshalb legte M. schnell noch ein Geständnis ab und beantragte nicht mehr Freispruch sondern nur noch, seine Haftstrafe zur Bewährung auszusetzen, um so um das Absitzen der hohen Freiheitsstrafe herumzukommen.

Letztlich stand also zur Verhandlung, ob man einen Ex-Straftäter wegen folgenlosen, endlich gestandenen, wenn auch immer noch vorsätzlichen Mopedfahrens ohne Fahrerlaubnis für brutto drei Jahre in den Bau schickt.

In der Verhandlung waren sich von Anfang an alle Beteiligten einig, dass drei Monate auf Bewährung auch genügen würden und der Amtsrichter wohl „mal einen rausgehauen“ hätte.

Der Fall war also, wie der Vorsitzende zu mir meinte, „ein sanfter Einstieg“ ins Schöffenamt. Es gab keinen strittigen Sachverhalt, Anklage und Verteidigung stellen gleichlautende Anträge, und der Delinquent gab sich reumütig und konnte eine soziale Perspektive vorweisen.

Trotzdem der Fall für die Profis, zu denen ich mal inklusive der anderen Schöffin und dem Angeklagten alle außer mir zähle, oft geübte Routine war, muss ich gestehen, dass ich beeindruckt von der Gewissenhaftigkeit war, mit der diese Verhandlung geführt wurde: Der vorsitzende Richter fragte dem M. ernsthaft ins Gewissen; der Pflichtverteidiger schob seinem Plädoyer noch einen kleinen Fakt hinterher, den er zunächst vergessen hatte, um nichts unerwähnt zu lassen, das seinem Mandanten nutzen könnte. Und der Vorsitzende bezog uns Schöffen sehr ernsthaft in die Urteilsfindung ein, gestand sogar im Gerichtssaal beim Verlesen des Bundeszentralregisterauszugs des M. ein, dass er einen Fall des Fahrens ohne Fahrerlaubnis vergessen hatte zu erwähnen, als ich ihn in einer Zwischenbesprechung danach gefragt hatte. Von der richterlichen Beratung zur Urteilsfindung darf ich nichts öffentlich machen, aber auch die war vom großen Bemühen nicht zuletzt des Vorsitzenden getragen, ein möglichst gerechtes Urteil zu finden.

Es war auch überhaupt die erste Gerichtsverhandlung, der ich jemals beigewohnt habe. Und letztlich finde ich es beruhigend, mit wie wenig Tamtam und mit doch wie viel Seriösität die Rechtsprechung wenigstens in diesem Fall funktionierte. Da ging es immerhin um eine jahrelange Haftstrafe, die möglicherweise ein Leben endgültig in den Abgrund reißen könnte. Und  das Urteil wird in einem unspektakulären kleinen Saal gesprochen, in dem vier Menschen (Vorsitzender, Staatsanwältin, Verteidiger, Schriftführer) Roben tragen, und alle akzeptieren diese Kleidungsstücke als Ausweis der Gewalt, die der Staat über den Angeklagten hat und die wir drei Richter mit ein paar gesprochenen Worten ausüben konnten. Für mich war es nachgerade spektakulär zu sehen, wie das einfach funktioniert.

Und es war mir buchstäblich eine Ehre, wenigstens dieses eine Mal ein bisschen mitgewirkt zu haben.

Kölnpfad, Etappe 5: Von Merkenich zum Wiener Platz

Wie angekündigt haben wir begonnen, die zwei übersprungenen Etappen des Kölnpfads nachzuholen. Auf der 5. Etappe ging es von Merkenich, der Endhaltestelle der 12, nach Mülheim zum Wiener Platz. Hier die ungefähre Streckenführung.

Vom Startpunkt aus geht es schnell an das Ufer des Fühlinger Sees, immer daran entlang, bis zur Kreuzung mit der Neusser Landstrasse. Der folgt man dann, allerdings auf einem parallel führenden, netten Feldweg, bis man an der Kantine plötzlich wieder im hässlichsten Großstadtverkehr steht. Von dort aus steuert man auf das Niehler Ei zu, das man schon aus dem Auto nur ungerne sieht, unterquert es und stößt endlich auf den Rhein. An dem geht es dann immer weiter entlang, über eine Fußgängerbrücke auch auf die Rheinseite des Niehler Hafens, immer weiter, bis schließlich die Mülheimer Brücke erreicht ist.

Wir hatten angesicht der Streckenführung befürchtet, dass diese Etappe etwas unschöner, asphaltöser und vor allem weniger vor der Sonne geschützt werden würde als die bisherigen. Tatsächlich führt der Weg aber fast durchgängig unter Bäumen entlang, wenn man auch tatsächlich viel über Asphalt läuft, insbesondere das lange Schlussstück am Rhein entlang, was meine Hüfte mich gegen Ende des Wegs auch deutlich spüren ließ.

Der Pilz kennt den Weg

Ansonsten ist diese Etappe wieder mal sehr abwechslungsreich. Man sieht den Fühlinger See mit der Regattastrecke, entdeckt die Felder neben der Neusser Landstraße, quert das Niehler Ei, kommt an der Merzenich-Zentrale und einem Hundeauslaufplatz vorbei und kann die protzigen Wohnhäuser am Rheinufer bestaunen (und mit etwas Glück auch ihre neureichen Bewohner).

Fühlinger See

An Feldern entlang der Neusser Landstraße

Es geht nicht nur über schöne Wege

Am Herzen von Kölns Backwarenversorgun

Der Niehler Hafen bietet dann einiges Augenfutter, und am Ende wartet die Mülheimer Brücke mit einem prächtigen Ausblick auf das Kölner Panorama mit Dom, Colonius und Axa-Hochhaus.

Niehler Hafen

Niehler Hafen

Das ersehnte Ziel: Die Mülheimer Brücke

Blick auf die City

Insgesamt eine solide Etappe, die man in den angegebenen 3,5 Stunden plus Pausen gut bewältigen kann. Vrlaufen haben wir uns nur an einer Stelle, als wir nämlich den Abzweig zur Brücke über den Hafen verpassten. Hier heißt es: Genau hingeschaut! (Immerhin konnten wir unseren Frust dann aber im McDonald’s auf der Amsterdamer Straße bewältigen, dessen goldene Bögen wir auf unserem Irrweg unversehens leuchten sahen.)

Die Golden Arches leuchten nach Erfrischung!

Kölnpfad: I love you!

Alle Fotos von der 5. Etappe.

Mein kleiner Führer zu den restlichen Etappen.