Kurz reingeschaut: The Revival Tour mit Brian Fallon, Chuck Ragan, Dan Andiano und Dave Hause in Köln

Wenn ich das vorher gewusste, ich bin mir nicht sicher, ob ich hingegangen wäre: Ein Konzert von 3 h 20 min Dauer in der Live Music Hall? Zum einen mag ich es inzwischen, wenn Konzerte nach spätestens 90 Minuten zu Ende sind, schließlich ist mein Rücken auch nicht jünger als ich. Und Karten gekauft hatte ich für ein Konzert im Gloria, Kölns schönster Konzert-Location, nur um dann erleben zu müssen, dass die Show in die Live Music Hall verlegt wurde, eine anonyme, wenn auch halbwegs renommierte, rechteckige Halle ohne irgendeinen Charme. Gerade im plüschigen Gloria hatte ich es mir so zauberhaft vorgestellt zu hören, wie vier Klampfisten gemeinsam ihre Songs auf akustischen Gitarren spielen. Vielleicht war der Umzug ja auch der Tatsache geschuldet, dass der WDR die Show für den Rockpalast aufzeichnete, der schon am kommenden Montag, dem 17.10., sehr spät abends gesendet werden wird?

So war es nun aber die LMH, und am Ende wurde es doch ein schönes Konzert, auch wenn ihm das letzte Funkeln von der Location genommen wurde.

Denn das Lineup war wirklich angenehm: Jeder der vier Hauptprotagonisten hatte ein paar gute Songs vorzutragen, konnte die Gitarre bedienen und mit dem Publikum kommunizieren. Es begann und endete mit einem gemeinsamen Auftritt aller Musiker, und man hätte sich gewünscht, diese Konstellation häufiger zu sehen. Leider gönnte man dann aber den beiden etwas weniger prominenten Dan Andriano und Dave Hauser deutlich zu viel Zeit für ihre Soloauftritte. Erst gegen 22:15 Uhr waren die beiden durch, also nach jeweils knapp einstündigen Auftritten. Und für diese Zeit reichte ihr Songmaterial dann doch nicht, das dem von Ragan und Fallon erkennbar unterlegen ist.

Brian Fallon (von Gaslight Anthem) wurde erwartbar der Hauptstar des Abends: Erst spielte er zusammen mit seinem Kompagnon Ian Perkins eine Handvoll Songs des Duo-Projekts „The Horrible Crowes“. Anschließend legte er noch ein paar TGA-Hits nach.

Chuck Ragan hingegen stellte sich hauptsächlich in den Dienst der gemeinsamen Sache und hatte keine längere Solozeit.

Am Ende, um zwanzig nach elf, war die sehr lange Zeit des pünktlich um 20 Uhr gestarteten Konzerts doch schnell rumgegangen und für 25 Euro hatte es sich unbedingt gelohnt, auch wenn weniger mehr gewesen wäre: Etwas mehr Killer, etwas weniger Filler, und selbst die Live Music Hall hätte sich ein Großraumzelt verwandeln können, auf das man den draußen fallenden Regen hätte prasseln hören und in dem man sich um die Gitarren gekuschelt hätte.

Revival Tour

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Iron & Wine live im Gloria in Köln

Vor fast genau einem Jahr hatte ich DePedro live in Köln gesehen, gestern war ein anderer Künstler aus dem Umfeld von Calexico zu Gast: Sam Beam alias Iron & Wine. Während DePedro sich noch mit dem kleinen Yard Club, einem Nebenraum der „Kantine“ am Rande der Stadt  begnügen musste, durfte Iron & Wine in den schönsten Saal, den Köln zu bieten hat: das ehemalige Kino Gloria, mitten in der Innenstadt gelegen. Der Raum war gut gefüllt, wenn nicht sogar ausverkauft. Man merkt eben doch, wenn einer mal zwei kleinere Hits hatte, weil seine Songs in Soundtracks aufgenommen wurden: „Such Great Heights“, eine Coverversion, in „Garden State“, und „Flightless Bird, American Mouth“ in einem der berüchtigten Twilight-Filme.

Twilight-Fans waren gestern aber keine zu erkennen, stattdessen das übliche Indie-Publikum, vielleicht im Schnitt ein bisschen weiblicher als bei anderen Bands. Ist halt doch ein Kuschelmusiker, quasi der musikpolitisch korrekte Damian Rice.

Beam begann das Konzert in kleiner Besetzung: nur er mit Gitarre, ein Mandolinist, ein Keyboarder und eine Backgroundsängerin. Mit dieser Combo gab er gleich zum Auftakt eine zarte Version von „He Lays In The Reins“, des bekanntesten Stücks, mit Calxico aufgenommen und auf CD fast pathetisch.

Iron & Wine

Nach vier Stücken ergänzten dann vier weitere Musiker die Band und spazierten quer durch die alten und neuen Platten von Iron & Wine.

Iron & Wine

Die Interpretationen waren mal funkig, mal psychedelisch, mal traurig, aber immer präzise und vor allem zutiefst musikalisch und emotional. Sam Beam ist einfach ein toller Musiker, er hat eine gute Band um sich versammelt und er versteht es, einen Saal völlig ohne Worte für sich einzunehmen.

Ein einfach nur schönes Konzert, nicht weltverändernd, aber herzerwärmend. (Setlist)

Iron & Wine

Iron & Wine

[UPDATE am 14.02. mit weiteren Videos des Kölner Konzerts]

Kurz reingeschaut: Girls in der Werkstatt in Köln

Ein seltsamer Auftritt. Die Girls kommen aus San Franciso, und den kalifornischen Sound hört man aus jeder Note, aus jedem Song, den sie spielen; insbesondere die Beach-Boys-Anklänge sind unverkennbar. Der Sound ist poppig, immer leicht surfig verhallt, aber letztlich doch gefällig.

Umso überraschender ist es, wenn der Sänger die Bühne betritt, und seine Haare im wilden 80er-Soft-Metal-Stil trägt, lang, leicht zottelig, einen deutlichen Scheitel weit auf einer Kopfseite. Dazu dann dünne, tätowierte Arme. Sieht erst mal cool aus und weckt Erwartungen – die die Band leider zu keiner Sekunde erfüllt. Das ist alles viel zu brav, die Songs werden lieb runtergespielt, nicht mal besonders emotional, wenn auch technisch sauber und gut gesungen. Auch am Tempo ändert sich nix: Alles Midtempo-Geschrammel, keine Variation in Sicht über viele Strandmeilen. Nach jedem Song gibt es dann ein schüchternes und leises „Thank you“, nächster Titel.

Fast jeder Song der Girls hat das Potenzial zu einer ganz großen Hymne. Aber die Präsentation lässt sowas von zu wünschen übrig, dass es schon weh tut. Und dass ich das mal über ein Konzert sagen muss: Nicht mal die Lautstärke stimmte. Ich freue mich wirklich, wenn der Mischer dir nicht die Ohren bluten lässt. Aber dass man sich während eines Konzerts normaler Zimmerlautstärke unterhalten kann, das geht dann doch auch auf Kosten der Emphase.

Schade, liebe Girls, das hätte so viel sein können, aber das war am Ende leider fast nix außer nett. Bitte kommt wieder, wenn ihr ein bisschen mehr vor dem Spiegel geübt habt und wenn euer Mischer die 10 auf den Reglern nicht nur während eurer völlig unpassenden Feedbackorgie findet. Bis dahin höre ich lieber weiter eure wirklich schöne Platte und hoffe, dass die Apples in Stereo mal vorbei kommen.

Girls

Kurz reingeschaut: Hot Chip in der Live Music Hall in Köln

Es muss ein dumpfes, vermutliches zu leises Geräusch gegeben haben, als mein Kopf auf die Tischplatte aufschlug. Verdammt, dachte ich noch bei mir, als ich die Kneipenholzmaserung näher kommen und schließlich unscharf verschwimmen sah, verdammt SurfGuard, sie haben dich reingelegt. Spätestens hätte ich stutzig werden sollen, als meine Begleiterinnen sich noch einen Schnaps mit Tabasco die eine, und einen eigentlich zu starken Wodka-Cocktail die andere bestellten, während mein Raumquadrant schon lange begonnen hatte, mein Bewusstsein in einen Strudel aus Alkohol und Passivrauch zu quirlen.

Hatten, früher am Abend, die großen Kölsch etwa doch mehr Alkohol gehabt als die in Plastikbecher umgeschenkten Heinekenfläschen, an denen V.J. mit betont spitzem Mund genippt hatte? Doch wahrscheinlich hatte ihr signalroter Lippenstift bereits da die meisten rationalen Gedanken überstrahlt gehabt, die ich mir eigentlich hätte machen sollen.

Es war also meine einzige Hoffnung, dass jemand die kleinen Spuren zu einer Fährte würde kombinieren können, die ich während des Abends unauffällig hinter mich gestreut hatte: Ein kurzer Tweet hier, ein betont großes Trinkgeld für den LMH-Bartender da, und schließlich noch der Deckel, den ich mir in den Hängenden Gärten auf meinen bürgerlichen Vornamen hatte machen lassen, anstatt, wie zunächst gefordert, bar zu zahlen.

Doch das waren alles Gedanken, die in Ruhe zu erwägen ich noch alle Zeit der Welt haben würde, wenn ich mich am nächsten Morgen in einem verlassenen Neu-Ehrenfelder Hinterhof wiederfinden würde, hinter einer mit Graffiti besprühten Stahltür, bewacht von einem blonden Dackel.

Bloß nicht in der Öffentlichkeit schnarchen, schoss es mir noch durch den Kopf. Doch dann ließ ich einfach zu, dass die Nacht mich zum ersten Mal an diesem Abend mit ihrer Schwärze überspülte.

tbc…

Nun mag es also sein, liebe Gelegenheitsleser und Abonnenten, dass mein einseitig schmerzendes Hirn mir nicht mehr das neutralste Bild des gestrigen Abends mit Hot Chip in der Live Music Hall vorspielt. Aber ist elektronische Musik dafür gemacht, nüchtern gehört zu werden? Wohl nicht! Oder wird elektronische Musik dafür erdacht, von CDs gehört zu werden? Unsinn!

So kann ich euch also nur zurufen: Lasst euch nicht täuschen von den schnarchlangweiligen Platten von Hot Chip! Die Jungs können live so viel mehr, die können eigentlich alles: Die können grooven, die können rocken, die können einfach mitreißen!

Und wenn es mir ja, wie regelmäßige Konsumenten wissen, auf Konzerten darum geht, die Seele einer Band zu sehen, dann ist mir gestern sogar das gelungen. Dort, in der Mitte von Hot Chip, sitzen nämlich KISS und strecken dir ihre lange Zunge durch die 90er-Elektrobeats und die zahllosen Schichten aus 80er-Sounds entgegen. These Chips were made for loving you!

Was für ein lohnender Abend, was ein Rausch, was für eine tolle Live-Band! Und wer auf offener Bühne ein Wham!-T-Shirt-trägt, der kann sowieso kein schlechter Mensch sein. Du regelst, Alexis Taylor.

Hot Chip

Kurz reingeschaut: Tocotronic live im E-Werk in Köln

Nach all den Jahren endlich ein Tocotronic-Konzert. In den letzten 17 Jahren war ein Auf und Ab in der musikalischen Beziehung zwischen den Tocos und mir: Zu Beginn widersetzte ich mich dem von der Spex, wie ich fand, völlig hysterisch losgetretenen Hype um drei Hamburger, die ganz witzige Texte und nette Musik machten. Mit der „Wir kommen um uns zu beschweren“ hatten sie dann aber auch mich komplett eingefangen, nur um just nach diesem Zeitpunkt ihren Weg in Richtung eines neuen Sounds einzuschlagen. Bei „K.O.O.K.“ war ich wieder komplett raus aus der Nummer, aber mit „Kapitulation“ und erst recht der letzten Platte saugten mich Tocotronic zurück in ihr Universum.

Wirkliche Erwartungen hatte ich also vor dem Konzert nicht, außer, dass die Jungs genug Übung haben sollten, um zu wissen, was live funktioniert. Diese Erwartungen wurden teilweise erfüllt, teilweise enttäuscht.

Etwas enttäuschend fand ich nämlich die Präsentation vieler Songs: Das waren 1:1-Kopien der Studioaufnahmen, natürlich etwas lauter, aber nicht unbedingt pointierter. Da hätte ich mir mehr versprochen. Ich wollte verstehen, was Tocotronic im Kern ausmacht, wie Tocotronic wirklich ticken. Ich wollte in die Seele von Tocotronic sehen, so wie mir das bei Jochen Distelmeyer gelungen war. (Genau genommen war es natürlich Jochen Distelmeyer gelungen, in meine Seele zu blicken – und mir zu spiegeln, was er dort gesehen hatte.) Dass vor der Show die Halle mit Bohren & Der Club Of Gore beschallt wurde, war zwar schon mal ein kleines Statement, aber das alleine genügt mir nicht.

In der Songauswahl beschränken sich Tocotronic auf die neueren und mittelalten Stücke, ihre Vergangenheit scheinen sie, bis auf ein, zwei Ausnahmen, abgelegt zu haben. Das ist respektabel, wenn auch schade.

Voll erfüllt wurden allerdings meine Erwartungen an die Show als Show. Der Aufbau der Bühne ist klassisch und reduziert: Die drei Gitarristen stehen angemessen breitbeinig an der Rampe, ruhig und doch in sich agil, einfach würdevoll. Dahinter thront leicht erhöht Arne Zank am Drumkit und dynamisiert das Bild mit seinem immer leicht animalesken Spiel.

Ganz, ganz, ganz toll, also wirklich sehr super ist aber das Licht gelungen. Die Bühne des E-Werks wird ständig von zwei rechts und links aufgestellten, nach oben gerichteten Rauchwerfern deutlich oberhalb Kopfhöhe unter Dampf gehalten, was alleine schon einen majestätischen Eindruck macht, wie der Rauch dort langsam wabert. Von oben leuchten simple, aber schön orchestrierte, farbige Spots die Musiker an. Und im Bühnenhintergrund sind über die komlette Breite auf Hüfthöhe gelblich-weiße Scheinwerfer angebracht, die direkt nach vorne ins Publikum leuchten. Dieses Setting passt perfekt zu den Songs, zu der Musik, zum Sound von Tocotronic. Ein schöner Anblick.

Am Ende war es ein okayer Konzert, jedenfalls über dem Durchschnitt, aber auch nicht in der Spitze des Möglichen. Dazu fehlte etwas Tiefe, vielleicht auch etwas Empathie. Aber man kann es auch so sehen: Diese Tocos haben noch Potenzial.

Tocotronic

Kurz reingeschaut: Spoon im Luxor, Köln

Ich weiß auch echt nicht, was ich will: Nach den Good Shoes meckerte ich noch, dass die mir auf der Bühne zu wenig machten. Am Freitag im Luxor machten Spoon noch weniger – und machten vielleicht gerade deswegen einen anhaltenden Eindruck auf mich.

Im Vorprogramm hatten sie die White Rabbits mitgebracht. Auf Platte klingen die zwar auch schon groovig, aber doch noch recht poppig. Live wischen sie den Pop weg, und zum Schein kam ein fast schon tribaler Auftritt: Mit Paukenschlegeln auf den Drums den Rhythmus gedroschen, dazu reduzierte, repetitive Instrumente und ein emotionaler, nachdrücklicher Gesang – fertig ist der halbstündige, überzeugende Auftritt. Ein perfekter Auftakt für Spoon!

White Rabbits

Dann also Spoon. Ich mag’s ja sehr gerne, wenn man aus der Musik, die vor dem Auftritt läuft, etwas über die Band erfährt, sowieso natürlich aus der konkreten Einlaufmusik der Band, wenn sie denn eine ausgewählt hat. So verstand ich etwa schon, was Art Brut mit AC/DC zu tun haben, und warum die so organisch klingenden Air doch nicht weit von Kraftwerk entfernt sind.

Spoon ließen zwischen den White Rabbits und ihrem Auftritt einen repräsentativen Querschnitt von Beatles-Songs spielen, aber gerade nicht die ganz großen Hits. Der anwesende Kollege, der schon mal auf einem (oder mehreren?) Spoon-Konzerten war, war leicht irritiert: Nicht etwa, weil er die Beatles nicht so verehrte, wie das jeder aufrechte Musikfreund tut. Sondern weil er vor Spoon-Auftritten bisher Dub-Musik kannte. Das schien mir weit hergeholt, bis ich es dann doch hörte, als der letzte Beatles-Song vor dem Auftritt ganz leicht verdubbt wurde, und schließlich zum Betreten der Bühne kurz ein 100%iger Dub-Track laut eingespielt wurde. Auch während ihres Auftritts ließen Spoon den Mixer immer wieder mal ganz kurz den Echoregler ganz nach oben ziehen (im zweiten Video unten etwa kurz nach 0:30, etwas ubtiler im ersten ab ca. 0:15) . Und tatsächlich erklärt Dub viel der Methode Spoon: Da ist die Rhythmusorientierung, da ist auch der meist in Viertel- oder Achtelnoten vor sich hin pluckernde, markante Bass, der aber mit kleinen Variationen doch viel Groove macht. Und da ist natürlich überhaupt das Prinzip der Reduktion jedes Songs auf seine Knochen.

Das alles bringen Spoon auf der Bühne vergleichsweise unspektakulär dar: Da ist wenig Bewegung, aber viel Ernsthaftigkeit und Tiefe. Aber ein bisschen ging es mir wie in der Ausstellung von Boris Becker (nicht der Tennis-Spieler): Auch da war die Kunst sehr reduziert und die Präsentation zwar (buchstäblich) breitwandig, aber vordergründig unspektakulär. Und doch ermöglicht es gerade dieser Verzicht auf Effekte, dass der Eindruck viel nachhaltiger ist, den die Bilder von Becker und den die Musik von Spoon macht. Es war eines der ganz wenigen Konzerte, bei denen ich es mich nicht störte, die Band nicht gut zu sehen, weil die Musik so eindringlich war (und übrigens auch sehr ordentlich abgemischt und mit gesunder Lautstärke).

Auch ich halte es jetzt für denkbar, dass Spoon die beste Band der vergangenen 10 Jahre sein könnten. Die können was.

Spoon

Spoon

Kurz reingeschaut: The Delta Fiasco im Luxor, Köln (im Vorprogramm der Good Shoes)

Manchmal geht’s halt so: Da suchst du dir eine Vorband aus, die einfach unendlich viel besser ist als du. Komischerweise dachten gestern im Luxor nicht alle Besucher so, denn bei The Delta Fiasco, die im Vorprogramm auftraten, war doch einiges weniger vor der Bühne des schlecht gefüllten Luxors los als anschließend beim Hauptact, den Good Shoes. Und dabei waren The Delta Fiasco den Good Shoes doch in ausnahmslos allen Aspekten überlegen, was sich meiner kleinen Konzertgängertruppe jedenfalls sofort erschloss.

The Delta Fiasco

Alleine der Style, den die Liverpooler in jeder Faser ihres Seins zu haben scheinen: Der Sänger in cooler Lederjacke und mit pechschwarzem 80er-Wave-Seitenscheitel, der Drummer mit volltätowiertem Arm, der Keyboarder mit durchweg vorgebeugt groovendem Oberkörper. Und überhaupt: Da kommen die auf die Bühne, lassen ein paar Sounds in den Raum schallen, um Leute vor die Bühne zu holen, und spielen dann erst mal 20 Minuten lang einen Megamix von fünf oder sechs Tracks ohne Pause – und zwar in höchster Lautstärke. Nach 10 Sekunden wippte mein Kopf mit, nach 30 Sekunden meine Knie, nach 60 Sekunden mein ganzer Körper. Und wenn ich nicht das Image eines souverän-zurückhaltenden Typen zu wahren hätte, dann hätte ich mich spätestens ab Minute 2 auch in Zuckungen vor der Bühne wälzen können, ohne es musikalisch unangemessen zu finden. (Bitte beim folgenden Video unanständig hohen Bassdruck dazu denken.)

Noch mehr Stylebeweis gefällig? Wie cool ist bitte diese Promo-Sonderauflage der noch nicht im Handel erhältlichen Debüt-CD? Alleine den Titel auf deutsch zu übersetzen ist so unfassbar nerdig, und ihn dann noch mit einer Schreibmaschine (angeblich Jahrgang 1940) auf’s Papp-Cover zu tippen und jeder CD ein individuelles Foto einzustecken… Ohne Worte!

The Delta Fiasco: Blood Will Have Blood (German Promo)

The Delta Fiasco: Blood Will Have Blood (German Promo)

The Delta Fiasco: Blood Will Have Blood (German Promo)

The Delta Fiasco: Blood Will Have Blood (German Promo)

Viel geiler geht’s ja wohl schon mal nicht.

Ach ja, und die Musik: Das ist eine erstaunlich passende Mischung aus Synthie-Grooves, wie sie Underworld in den 80ern gemacht hätten, vergleichsweise melodischem Gesang und einem nervösen Drumming, bei dem der Beat kaum mal fünf Sekunden lang auf dem gleichen Schlaginstrument gespielt wird, immer wieder durchsetzt von original billigen 80er-Handclap-Sounds und Cowbells. Live kommt im Gegensatz zur Platte noch eine einhändig gespielte Gitarrenwand von Jesus-and-Mary-Chain-Qualitäten dazu, die man auf der Platte kaum hört.

Und das alles fährt einem sofort aber sowas von komplett in alle Glieder, wenn man irgendwie auf harte Grooves steht: Unfassbar, Sofortbegeisterung, Coolness galore! (Kann sein, dass ich mich morgen schon wieder abgeregt habe, aber es hat nicht viele Bands gegeben, die mich aus dem Stand mit kaltem Motor so überzeugt haben.)

The Delta Fiasco

Im Gegensatz dazu muss man über die Good Shoes dann wirklich nicht mehr viele Worte verlieren. Schluffige Studenten, die selbst die eigentlich kompetenten Songs ihrer ersten Platte völlig unter Wert verkaufen: Pflichtschuldig runtergespielt, Schlussakkord, knappe, lahme Ansage, nächstes Stück. Der Gitarrist hebt den ganzen Abend über kaum mal den Blick vom Griffbrett, treibt sich gerne in der hintersten Ecke der Bühne rum, auch schon mal mit dem Rücken zum Publikum. Der Drummer trommelt so sein Programm runter. Immerhin der Bassist geht erkennbar mit. Und der Sänger steigt zweimal sogar ins Publikum hinab, doch wenn man gerade den Eindruck hat, jetzt könnte sowas wie ein spontaner Moment kommen, dann hüpft er schon wieder auf die sichere Bühne zurück. Tut mir leid, das ist zu beliebig, zu wenig engagiert, einfach zu wenig Show. Dafür geh ich nicht auf ein Konzert. Nach kaum 60 Minuten ist schon Schluss.

Aber ich habe The Delta Fiasco kennengelernt, und dafür muss ich selbst diesen Good Shoes danke sagen!

Good Shoes

Good Shoes