Test der Chips von myChipsBox

Gerade bekam ich eine Mail vom Service von myChipsBox.de: Es war eine Entschuldigung, dass myChipsBox mit dem Ausliefern in den letzten Wochen nicht hinterher kommt, seit ihr Produkt im Chipstest in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung klarer Testsieger wurde.

Versandpakete von myChipsBox
Aktuelle Tagesfuhre von myChipsBox (Foto: myChipsBox)

Auch ich war über den Test gestolpert (s.u.), hätte aber nie gedacht, dass er so eine Wirkung hat: Im neuen „Stil“-Buch der Wochenendausgabe der SZ findet sich jedes Mal ein Produkttest, von Handcreme und Spaghetti über Olivenöl bis vor zwei Wochen eben auch Chips. Die Rubrik scheinen dann doch trotz der Platzierung weit hinten viele Menschen zu lesen, und anscheinend sind die SZ-Leser auch noch chipsaffin oder myChipsBox (noch) so klein oder beides.

Meine Lieferung kam Anfang der Woche an, ich hatte gleich eine ganze Batterie an verschiedenen Sorten bestellt. Gestern Abend habe ich dann den ersten Test gemacht, mit dem Klassiker, Paprikageschmack, bei myChipsBox heißt das „Smoked Paprika“.

Erst mal auffällig ist die Box, die der Firma den Namen gibt. Die Chips sind in einer gewohnten Plastiktüte verpackt, die dann aber noch mal in eine Pappschachtel eingebettet ist, so dass die Chips nicht zerdrücken können. Die Box kann man auch als Schale nutzen, um die Chips auf den Tisch zu stellen. So richtig öko ist das Doppelverpacken allerdings nicht.

Smoked Paprika

Sofort auffällig beim Öffnen der Tüte: Da sind getrocknete (fritierte?) Paprikastücke drin, und zwar recht große, die größten vielleicht so 3 cm im Durchmesser, quasi buchstäbliche Paprikachips.

Die eigentlichen Kartoffelchips sind dann tatsächlich sehr lecker, dezent aber merklich gewürzt, nicht so stark wie Standardsorten. Ich fand sie ein bisschen fettiger und ein bisschen weniger knusprig als die der Konkurrenz, bspw. die Lorenz Naturals. Aber insgesamt war das schon ein sehr gutes Geschmackserlebnis.

Rosmarin & Schwarzer Pfeffer

Der Pfeffer war mir zu dominant, weniger wäre mehr gewesen. Der Rosmarin-Geschmack war angenehm, aber auch nicht besser als bei Konkurrenzprodukten. Die Chips in dieser Tüte waren ziemlich zerkrümelt, da hat die Umverpackung auch nicht geholfen. Gerade bei dieser stark gewürzten Sorte war das besonders negativ, denn von bröseligen Chips nimmt man kompaktere, konzentrierte Mengen in den Mund, so dass der Geschmack intensiver wird. Fettigkeit und Knusprigkeit waren erwartungsgemäß wie bei Smoked Paprika. Die Sorte konnte mich nicht vom Hocker reißen.

Preis und Lieferung

Für 110 g Chips muss man bei myChipsBox je nach Sorte 2,99 € (bspw. Salt & Vinegar) oder 3,99 € (bspw. Smoked Paprika oder Rote Beete) berappen. Ab 20 € Bestellwert ist der Versand kostenlos. Münchner können auch nach Obersendling fahren und ihre Chips selbst abholen.

Ich finde es schön, dass der Manufaktur-Gedanke, klein aber sehr fein, nach Bier jetzt auch bei Chips ankommt. Fehlt eigentlich nur noch Fußball.

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Iss meine Agfa Click, Instagram!

Das erste Foto, das ich je schoss, ist verschollen. Es muss einen Papagei gezeigt haben; jedenfalls behauptet das jenes kleine Inhaltsverzeichnis, das ich als Grundschüler in meiner besten, krakeligen Handschrift auf die letzte Seite des einfachen Einsteckalbums schrieb, in dem ich die Abzüge immer noch bewahre.

Ich habe keine Ahnung, wo dieses erste Foto abgeblieben ist. Die anderen 10 Bilder des Films sind aber erhalten. Das zweite Bild zeigt zwei Enten einer wohl ausstellungswürdigen Art.

Enten

Auch die anderen Fotos zeigen, bis auf eines, Tiere. Ich nahm nämlich an einem Ausflug teil, den meine Mutter, eine Grundschullehrerin, mit ihrer Klasse in den Kölner Zoo unternahm.

Über die fotografische Qualität der Bilder kann man sich natürlich unterhalten, auch wenn sie heutzutage in keinem Instagram-Wettbewerb negativ auffallen würden. Was die Fotos aber besonders macht, das ist, dass sie mit einer MIttelformatskamera aufgenommen wurden. Zugegeben, die ebenso gültige Bezeichnung „Rollfilm“ (120er) für dasselbe Format klingt schon etwas weniger spektakulär. Aber Mittelformat bleibt Mittelformat, und das war auch um 1980 schon weitgehend vom Kleinbild verdrängt worden.

Umso tragischer, dass ich die Negative nicht mehr besitze, sondern nur noch Abzüge im Format 9×9 cm, also fast unvergrößert. Mich würde sehr interessieren, was man aus den Negativen heute noch herausholen könnte, zumal einzelne Bilder durchaus einen naiven Charme haben, den ich mir auch in 50×50 cm an meiner Wohnzimmerwand vorstellen könnte.

Elefant

Warum aber überhaupt Mittelformat? Ich hatte damals noch keine eigene Kamera, die bekam ich wohl erst im mittleren Teenager-Alter, sondern verwendete Geräte meiner Eltern. Und das simpelste und robusteste, das meine Eltern zur Verfügung hatten, war die wiederum erste Kamera meiner Mutter: eine Agfa Click II.

Agfa Click II

Dieses wundervoll einfache Gerät hat neben dem Auslöser genau einen Hebel, mit dem man zwischen drei Einstellungen wählen kann: Fokus 4 m bis unendlich bei sonnigem Wetter, dasselbe für bewölkt, und ein sozusagen wetterunabhängiger Fokusbereich von 2,5 bis 4 m.

Einstellung von Entfernung und Blende

Das mechanische System ist genial einfach: Der Hebel bewegt ohne irgendeine Übersetzung unterschiedliche Blenden hinter der vorderen Objektiv-Linse. Die Blende für sonniges Wetter ist etwas kleiner als die für Bewölkung, und sie hat außerdem noch einen Blaufilter aus gelbem Glas. Für die sogenannte „Portraiteinstellung“ mit kürzerem Fokus wird einfach eine Zusatzlinse in den Lichtweg geschoben.

Blaufilter für Aufnahmen bei Sonne

Der Auslöser ist ein einfacher Hebel, mit dem man den Verschluss in einer Bewegung zunächst spannt und dann auslöst.

Objektiv

Und diese Agfa Click II, mit der ich dunnemals im Kölner Zoo unterwegs war, schluckt nun eben 120er-Rollfilm, den sie quadratisch belichtet, sodass 12 Fotos auf einen Film gehen.

Filmfach

Jenes Schätzchen (und sogar noch ein anderes mit einem ausfahrenden Faltenbalg-Objektiv, dazu vielleicht später mal) holten meine Eltern an Weihnachten wie selbstverständlich aus dem Keller, als meine Freundin und ich stolz ihre neue Holga vorführten und von den Vorzügen des professionellen Mittelformats schwärmten. Heute ist es tatsächlich so, dass man mit der Abgabe eines Diafilms im Mittelformat selbst in Fachgeschäften Eindruck machen kann, wenigstens in Bensberg. Damals war das ein Film, der wegen seiner geringen Bilderzahl auf dem absteigenden Ast war.

Ich habe mir die Agfa Click II meiner Mutter ausgeliehen und werde demnächst mal ein paar Fotos schießen. Ich bin gespannt, welche Qualität man aus der doch schon recht mitgenommenen Linse herausholen kann. Vor allem aber bin ich gespannt, welchen vielleicht speziellen Charme die mit ihr gemachten Fotos haben werden.

Ich halte euch auf dem Laufenden.

Ein niedlicher Gruß

Ich bin ja keineswegs alleine darin, ein großer Bewunderer der Kunst von Felix Reidenbach zu sein. Natürlich kenne ich ihn wegen seiner „Niedlichen“, die viele Jahre lang die letzte Seite der Spex veredelten (hier auf „20. Jahrhundert“ klicken). Aber seine übrigen Arbeiten zeigen, dass die Niedlichen nur das philosphischste Werk eines tollen und kreativen Illustrators waren: http://www.2d3d4d.de/

Dennoch: Die Niedlichen vermisste ich jahrelang so schmerzlich wie täglich. Da war es schon ein wahrer Festtag, als zu Beginn dieses Jahres Reidenbach selbst bei mir im Blog kommentierte, dass die Niedlichen eine zeitgemäße Wiederbelebung erfahren: Unter www.dieniedlichen.de postet Reidenbach in unregelmäßigen (und viel zu großen) Abständen neue Erlebnisse der Niedlichen.

Natürlich war es auch Ehrensache, im neuen Niedlichen-Shop ein Exemplar der „Schlecht besuchten Elphilharmonie Hamburg“ zu bestellen, das seitdem schon, sehr würdig gerahmt, meine Wand ziert und dem ich jeden Tag zulächle.

Schlecht besuchte Elbphilharmonie

Schlecht besuchte Elbphilharmonie

Schlecht besuchte Elbphilharmonie

Seit Freitag allerdings habe ich etwas noch viel Tolleres. Denn meine Freundin hat erfreulich gut aufgepasst, als ich ihr von den Niedlichen vorschwärmte: Wie die gerade durch ihre durch Überabstraktion die dargestellten Situationen in völlig klarem Licht zeigen. Und wie sehr Felix Reidenbach mein Lebensgefühl trifft, eine leichte, freundlich lächelnde Entfremdung von der Welt.

Und so blieb sie vor zwei Wochen beim Cover von Hans Nieswandts neuem Buch hängen, als sie, Buchhändlerin, den Prospekt mit den KiWi-Neuankündigungen durchblätterte: „DJ Dionysos„. Das Cover war nämlich unzweifelhaft von Felix Reidenbach gestaltet! Ein neues Werk der Niedlichen! Ihrer spontanen Eingebung, dass das ein tolles Geschenk für mich sein könnte, folgte sie völlig zurecht, und so bin ich nach einem freundlichen Mailwechsel meiner Freundin mit Felix Reidenbach jetzt im sehr, sehr stolzen Besitz des voraussichtlich einzigen keilgerahmten Leinwanddrucks, den es von „DJ Dionysos“ je geben wird, vom Künstler selbst bei der Druckerei in Auftrag gegeben und mit einem Echtheitszertifikat versehen. Mir gefällt besonders der Kontrast von Motiv und Medium.

Leinwanddruck des Covers zu "DJ Dionysos"

Leinwanddruck des Covers zu "DJ Dionysos"

Leinwanddruck des Covers zu "DJ Dionysos"

Echtheitszertifikat

Leinwanddruck des Covers zu "DJ Dionysos"

Und wenn es jetzt noch irgendetwas von Felix Reidenbach geben könnte, das ich noch sehr, sehr gerne haben möchte, dann ist das genau der handgeschriebene niedliche Gruß, den Felix Reidenbach der Sendung beilegte, und den meine Freundin partout selbst behalten will. Ich würd’s nicht anders tun.

Ein niedlicher Gruß

Ein niedlicher Gruß

Noch ein paar mehr Fotos meiner Felix-Reidenbach-Werke: http://www.flickr.com/photos/surfguard/sets/72157624622928884/detail/

The next Best thing

Schon klar: We’ve come a long way, babies. Was so alles an evolutionärem Erbe in uns drinsteckt, das will man manchmal gar nicht wissen. Bis zu den Echsen, ja sogar bis zu den Insekten (gegliederter Körperbau) zurück haben frühere Entwicklungsstufen ihr Vermächtnis in uns hinterlassen. Und natürlich weiß man, dass die Evolution nicht enden wird, bis wir alle Guiness-Trinker geworden sind.

Dass es jetzt aber gerade einem Produzenten von Dentaltechnik für den Hausgebrauch gelingen würde, die nächste Evolutionsstufe einzuläuten: Wer hätte das gedacht? Es ist nämlich Dr. Best, der in seinem jüngsten Produkt ganz offensichtlich Genfragmente von Zahnbürsten, 5ε×spielzeugen und insektischen Jungstadien zu einem harmonischen Ganzen hat wachsen lassen.

Wer diese Bürste nicht hat, der ist nicht Mann, der ist nicht Nerd.

Dr. Best X-Zwischenzahn

Dr. Best X-Zwischenzahn

Dr. Best X-Zwischenzahn

Dr. Best X-Zwischenzahn

Dr. Best X-Zwischenzahn

Dr. Best X-Zwischenzahn

Dr. Best X-Zwischenzahn

Ich bin SurfGuard! (Zur Verteidigung der Anonymität gegen Jaron Lanier)

Netzpessimismus scheint gerade einen Aufschwung zu erleben: Schirrmacher, Gaschke, Lanier. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass sich der Aufschrei in den Blogs in Grenzen hielt. Auf Susanne Gaschkes Buch schrieb Felix eine schöne, fundierte Kritik, auf Jaron Laniers FAZ-Artikel antwortete Marcel Weiss auf netzwertig.com. Darin legte Marcel schon völlig richtig dar, dass der zentrale Anwurf Laniers, die „Digitalisten“ (Gaschke) hätten eine Agenda, unbegründet ist, jedenfalls von Lanier mehr als rhetorischer Trick verwendet wird, als dass er zur Klärung der Sache beitrüge.

Auf ein nachfolgendes Interview, das Lanier dem Spiegel gab, gibt es bislang erst eine Antwort – dabei finde ich dieses Interview viel interessanter als Laniers FAZ-Essay. Denn hier offenbart sich, wer in dem Streit zwischen Internetoptimisten und –pessimisten denn derjenige mit der Agenda ist.

Wer schließlich die schon seit vielen Jahren erkennbare Richtung positiv bewertet, in die sich das Web und ein paar angeschlossene Branchen entwickeln, der braucht nicht wirklich eine Agenda: Er kann sich stattdessen einfach zurücklehnen und den Dingen ihren Lauf lassen. Natürlich gibt es Menschen, die sich trotzdem bemühen, einen theoretischen Überbau zu schaffen, und zu denen würde ich mich auch zählen. Aber man darf hier Ursache und Wirkung nicht verwechseln: Die Ursache ist eine tatsächlich stattfindende Entwicklung, die Wirkung sind die nachträglichen Versuche ihrer Rechtfertigung. Diejenigen hingegen, die Gefahren oder auch nur Probleme beispielsweise im Social Web und in P2P-Technologien sehen, müssen eine gut begründete Agenda haben, weil sie den absehbaren Lauf der Welt ändern wollen.

Daran ist erst mal nichts Schlechtes, aber es gehört zur Redlichkeit dazu, zu dieser Wahrheit auch zu stehen. In dem Interview mit Jaron Lanier, der mir zuvor übrigens kein Begriff war, werden die Punkte seiner eigenen Agenda nun aber deutlich klarer als in seinem Essay, der sich noch zu sehr damit beschäftigt, die vermeintlichen Ziele seiner Gegner erst zu konstruieren und dann zu zerlegen.

Es beginnt mit einem Punkt, zu dem zu äußern mich schon lange drängte. Denn der Vorwurf ist immer derselbe, und er wird mit großer moralischer Pose vorgetragen, dabei ist er doch so einfach zu entkräften. Es geht um „Anonymität“. Man beachte die Anführungszeichen, denn tatsächlich ist das, was von Webpessimisten als „Anonymität“ bezeichnet wird, gar keine. Es gibt im Web echte Anonymität, beispielsweise auf 4chan, über deren Berechtigung man noch tatsächlich streiten kann. Diese Form von echter Anonymität ist aber in der Regel gar nicht gemeint, wenn Lanier sagt:

Die Anonymität spielt eine große Rolle. Wer anonym ist, muss keine Konsequenzen fürchten und erhält dennoch unmittelbare Genugtuung. Da wird ein biologischer Schalter umgelegt, und es entsteht eine richtige Meute. Das lässt sich auch in anderen Lebensbereichen beobachten. Wann immer sich Menschen mit einem starken gemeinsamen Glaubenssystem zusammenschließen, tritt meistens das Schlechteste zutage.

Mal abgesehen davon, dass hier mal wieder auf so perfide wie unbelegte Art und Weise eine phänomenologische Beobachtung (Menschen wollen im Internet „anonym“ sein) als Wirkung einer Absicht, sogar eines „Glaubens“ diskreditiert werden soll, vernachlässigt Lanier völlig die hinter der Anonymität stehende gesellschaftliche Notwendigkeit und das persönliche Bedürfnis.

Warum schreibe zum Beispiel ich in diesem Blog als SurfGuard und nicht unter meinem bürgerlichen Namen? Ganz einfach: Weil dieses Blog meine Ansichten als Privatperson wiedergibt. Das Pseudonym ermöglicht es mir, mit einer persönlichen Meinung öffentlich aufzutreten, diese Meinung aber von der anderen wichtigen Sphäre meines Lebens getrennt zu halten: dem Arbeitsleben.

Wenn ich zu einem Kunden fahre und mit ihm vor einem Termin noch etwas Smalltalk mache, dann werde ich  ihm nicht meine Ansichten über Privacy oder die Piratenpartei oder die Auswirkungen von Testosteron auf das Sozialverhalten von Menschen ausbreiten. Überhaupt werde ich mich mit Kunden oder auch anderen Menschen, zu denen ich keine persönliche Beziehung habe oder aufbauen will, nicht über politische, religiöse oder gesellschaftliche Themen unterhalten. Das lehrt schon der kleine Knigge. Mit meinen Freunden dagegen tue ich das natürlich sehr wohl.

Das Pseudonym „SurfGuard“ ermöglicht es mir, meine private und meine berufliche Sphäre auch im Web getrennt zu halten. Ich halte es für eine gesellschaftliche Notwendigkeit, dieses Bedürfnis, das Menschen immer schon hatten, auch im Web abzubilden. Wenn es zukünftig ein besseres Konzept geben sollte als die Wahl eines Pseudonyms, dann bin ich möglicherweise dabei. Um das aber vorwegzunehmen: Auch eine strukturell offene, technologische Etablierung des „Freundschafts“-Konzepts, wie man es aus sozialen Netzwerken kennt, kann nur dann eine Lösung dieses Problems sein, wenn sie beispielsweise dem Bloggen oder Mikrobloggen nicht eine wichtige Qualität nimmt: nämlich die Offenheit, neue „Freunde“ zu finden, die einfach das lesen wollen, was dieser SurfGuard schreibt. Geschlossene Freundschaftsgruppen a la Facebook haben eine andere Qualität als offene Systeme wie Twitter. (Nicht besser, nicht schlechter, aber anders.)

Für einen Menschen wie Jaron Lanier ist das Problem wahrscheinlich gar nicht existent: Wer damit sein Geld verdient, über das Web zu schreiben und Beratungsleistungen anzubieten, für den sind die beiden Sphären so weit überschnitten, dass sie zu trennen weniger notwendig erscheint.

Erst die Wahl eines Pseudonyms ermöglicht es aber potenziell allen Menschen, zur Wunderwelt des Internets beizutragen. Nur, wenn ich mir sicher sein kann, dass der nächste Kunde, den ich zum Beispiel am Bankschalter berate, mich nicht für einen durchgeknallten Nerd hält, kann ich es mir leisten, etwa zur Katalogisierung der Ü-Ei-Welt beizutragen, zur Eignung verschiedener Teleobjektive beim Trainspotting-Einsatz oder von mir aus zur Publikation von Forschungsergebnissen der Ehrenfelder Ortsgruppe der Deutschen Chichliden-Züchter.

Solange also Jaron Lanier statt Lösungen zum Problem der Trennung von Lebens-, Privatheits- und Intimitätssphären im Web nur Diffamierungen anzubieten hat, empfehle ich: Fresse halten.

Und ganz schlussendlich wird von den „Anonymitäts“-Gegnern ja auch ein wesentlicher Punkt vernachlässigt: „SurfGuard“ ist keine wertlose Ansammlung von Buchstaben, „SurfGuard“ ist eben nicht ein 4chan-„Anonymous“. SurfGuard enthält sehr viele, wenn auch nicht alle Aspekte meiner Persönlichkeit, die sich mit geschriebenen Texten überhaupt vermitteln lassen. SurfGuard ist eine seit inzwischen 14 Jahren existierende Marke, die ich nicht leichten Herzens aufgeben würde. SurfGuard hat eine Reputation. SurfGuard ist nicht anonym. Übrigens ist die Übersetzung von anonym: namenlos.

Wie Lanier sich die Kommunikation im Internet jedenfalls nicht vorstellt, kann man kurz später lesen:

Soziale Netzwerke wie Facebook versuchen, diesen Erfolg nachzuahmen [den Google mit Werbung hat]. Das Problem ist nur, dass sie dabei soziale Strukturen im Netz zerstören, die anfangs ziemlich gut funktionierten. Die Leute haben ja auch schon vor Facebook über das Internet miteinander kommuniziert.

An dieser Stelle kann ich, wenn auch vielleicht aus anderen Gründen, mit Lanier sogar noch übereinstimmen. Etwas verwunderlich wirkt dieser Absatz allerdings dann, wenn man etwas später von ihm lesen muss, dass „die Regeln des Netzes von Technikfreaks geschrieben [wurden], die nicht viel mit menschlicher Ausdrucksweise am Hut hatten.“ Ja was denn jetzt? Gab es anfangs gut funktionierende Kommunikationsstrukturen im Netz, die jetzt von Facebook zerstört werden, oder waren das anfangs nur autistische Freaks vor ihren Akustikkopplern? Oder kann ich mir das aussuchen, je nachdem, welchen Punkt ich gerade machen möchte, den gegen Werbung oder den gegen Crowd Wisdom?

Doch als wenn es nicht schon albern genug wäre, sich selbst so offen zu widersprechen, belegt das weitere Gerede von Lanier, dass er sich im Internet einfach nicht auskennt.

Ältere Leute nutzen Facebook tatsächlich, um wieder Kontakt zu alten Freunden aufzunehmen. Diese Beziehungen sind zuvor in der realen Welt entstanden. Ihnen ist bewusst, was echt ist und was nicht. Das Problem haben eher die Jungen. Auf sie kann das Facebook-Modell, was ein Freund ist und worum es im Leben geht, einen großen Einfluss haben.

Ja, es ist so, dass Facebook einen Einfluss auf die Freundschaften Jugendlicher hat – allerdings, wie die neuere psychologisch-soziologische Forschung meint, einen positiven.

Vollends inkompetent wird es, wenn Lanier meint:

Das Netz lässt nur Konformismus zu. Es belohnt Leute, die in soziale Normen passen.

Das ist einfach grob falsch. Oder kennt irgendwer auch nur ein populäres Blog, dessen Autor/in konformistisch ist? Abweichende, interessante, sogar polarisierende Meinungen und Personen werden im Web belohnt, nicht bestraft. Problematisch wird es nur dort, wo die wirkliche Welt sich mit der virtuellen überschneidet. Denn hier werden alle Vorurteile ausgelebt, die Menschen im echten Leben gegen Homosexuelle, gegen Frauen, gegen BWLer oder gegen wen auch immer haben. Es ist aber nicht so, dass das Netz hier Konformismus fördert. Im Gegenteil ermöglicht einem das Netz, auch Aspekte seiner Persönlichkeit auszuleben, die man im wahren Leben eben nicht zeigen darf, weil das Risiko entdeckt und diskriminiert zu werden viel zu hoch ist.

Perverse Randnote: Gerade Laniers Versuch, Menschen im Web aus der „Anonymität“ zu treiben, würde im Erfolgsfall den von ihm selbst beklagten Konformismus fördern. Denn wie Lanier sagt:

Hinzu kommt, dass es das Netz nicht erlaubt, sich selbst neu zu erfinden. Es vergisst nichts.

Doch, das Netz erlaubt es sehr wohl, sich neu zu erfinden (oder unbekannte Aspekte seiner selbst zu zeigen). Man muss nur ein Pseudonym benutzen.

Es geht konfus weiter, wenn es um geistiges Eigentum geht:

Wenn man aber eine dynamische Welt will, in der jeder noch selbst erfinden, denken und seinen eigenen Weg suchen darf, brauchen wir Kapitalismus – gerade auch für den Geist. Intellektuelle Leistung muss wieder belohnt werden, und zwar individuell.

Aha. Es geht also darum, den das Individuum betonenden Kapitalismus hochzuhalten. Könnte man ja noch okay finden. Aber was Lanier unter Kapitalismus versteht, sagt er einige Sätze später sehr explizit:

Die erste Idee war die beste, wurde aber leider nicht umgesetzt. Ted Nelson […] schlug vor, ein universelles Mikrobezahlsystem zu schaffen und gleichzeitig jede Datei nur einmal im Netz bereitzustellen. Das hätte viele Vorteile. Der Markt würde Angebot und Nachfrage regeln, und Musik, Bücher oder Zeitungsartikel würden sehr schnell einen vernünftigen, angemessenen Preis bekommen.

Was für ein „Markt“ wäre das bitte, in dem es ausschließlich Monopole gäbe? Wie würde dieser Markt „Angebot und Nachfrage regeln“, wenn jedes Angebot nach den Regeln dieses Marktes nur einmal existieren darf? Was solche „Märkte“ schaffen, kann man bei jeder Fußball-Weltmeisterschaft beobachten: einen blühenden Schwarzmarkt mit völlig überhöhten Preisen.

Es ist das Konzept Kunstauktion gegen das Konzept Lumas. Während die monopolisierten, zertifizierten, selten vervielfältigten Kunstwerke, die in Auktionshäusern verkauft werden, hohe Preise erzielen und normalverdienenden Menschen eher unzugänglich sind, sorgt eine Firma wie Lumas dafür, dass normale Menschen sich Kunst ins Wohnzimmer hängen, auch wenn man darüber streiten kann, ob die eine Kunst besser als die andere ist. Das Lanier-Konzept führt zu reichen Künstlern, deren Kunst aber wenig verbreitet ist. Das Lumas-Konzept dagegen verlangt implizit von Künstlern eine gewisse, zeitlich andauernde Produktivität, führt aber tendenziell zu einer höheren kulturellen Bildung aller Menschen, weil sie überhaupt die Möglichkeit bekommen, sich mit Kunst auseinanderzusetzen.

Jaron Lanier würde Lumas schließen.

Witzigerweise würde er im Gegenzug aber Google sozialisieren. Lanier sagt:

Vielleicht müssen wir Monopole zerschlagen, so dass wir beispielsweise nicht mehr nur ein Google haben, sondern mehrere. […] Wenn wir Internetsuche und Werbung entkoppeln würden, bekämen wir eine ehrlichere und wahrhaftigere Welt.

Aha? Privatisierte und gleichzeitig monopolisierte Kunst führt zu einer besseren Welt, eine marktwirtschaftlich entstandene Suchmaschine aber zu einer schlechteren? Ich verkenne keineswegs die Gefahren, die gewachsene Monopole wie die von Google oder Microsoft für die Welt haben. Aber mir will und will nicht klar werden, warum Lanier seine Freunde, die schaffenden Künstler, nach anderen Prinzipien behandeln möchte als seine Gegner, Facebook und Google.

Was Lanier so vor sich hin redet, wirkt einfach nicht durchdacht. Es entspringt keinem in sich schlüssigen Konstrukt der Welt, sondern es sind Sound Bites, die von seinen Mitapologeten  verwendet werden sollen, um einfache Punkte zu machen. Aber gerade wegen dieser mangelnden Schlüssigkeit in Kombination mit Laniers großem, missionarischem Mitteilungsbedürfnis erwacht in mir der Verdacht, dass es gerade Lanier ist, der eine Agenda hat, während die von ihm angefeindeten Internetnutzer einfach fröhlich Musik verbreiten. (An dieser Stelle bitte ein paar Blümchen werfen.)

Warum Bloggen glücklich macht

Die Lied ist bekannt aus uralten Zeiten, und es wurde schon immer von Leuten gesungen, die sich mit dem Internet nicht auskennen: Surfen macht einsam, heißt es darin vereinfacht. Wer sich vor die Kiste hänge, könne nicht am echten Leben teilnehmen, also ab auf den Spielplatz, in die Großraumdisko oder zu Speed-Dating-Events! Jedenfalls raus in die wahre Welt!

Das war zum einen immer schon falsch, ich bin ein lebendes Gegenbeispiel: Ich bin Patenonkel eines Kindes, dessen Eltern ich ohne das Internet nicht kennen würde. Die Silvesterfeste der letzten Jahre habe ich mit Freunden aus Ostdeutschland verbracht, die ich ohne Amazon (!) nicht hätte.  Und ich habe schon von Menschen mit Gläsern nach mir werfen lassen, die besser Buchstaben in einem Chatraum geblieben wären.

Gestern nun stolperte ich in meiner Gelegenheitslektüre „Psychologie Heute“ über einen Artikel, der konstatiert, dass inzwischen auch die psychologische (oder ist es soziologische?) Forschung anerkennt, dass das Internet keine negativen Auswirkungen auf die Sozialbeziehungen von Jugendlichen hat – sondern positive! (Der Originalartikel von Patti Valkenburg und Jochen Peter: „Social Consequences of the Internet for Adolescents“ (PDF))

Konkret postuliert der Artikel diese Kausalkette: Online Communication –> Online Self-Disclosure –> Quality Relationships –> Well-being. Man könnte verkürzt auch sagen: Bloggen (oder facebooken) macht glücklich, weil es nämlich dafür sorgt, dass andere mehr von einem erfahren.

Eine Kritik muss ich an dem Text aber trotzdem üben, denn ich vermute einen gerne genommenen Anfängerfehler. Zitat:

However, these positive results are only found for adolescents who use the Internet predominantly to maintain existing friendships. When they use it primarily to form new contacts and talk with strangers, the positive effects do not hold.

Letztlich steht da: Nur, wer schon Freunde hat, wenn er das Internet betritt, wird vom Internet in der Pflege dieser Freundschaften unterstützt. Wer dagegen arm an Freundschaften ist und sich im Internet plötzlich auf Kontaktjagd begibt, der wird auch dort nicht erfolgreich sein.

Für mich ist offensichtlich, dass die Untersuchungen, früher wie heute, die herausfinden wollten, ob das Internet einsam macht oder nicht, nie eine Kausalität beobachtet haben – sondern nur eine Korrelation. Nicht das Internet hat früher dafür gesorgt, dass Menschen vor dem Bildschirm vereinsamen, wenn man diese Pauschalisierung überhaupt als gegeben akzeptiert. Nein, vielmehr hat das früher weniger als heute soziale Internet Menschen angezogen, die an Sozialkontakten nicht so interessiert waren wie andere. Jetzt dagegen, wo das Internet auch sozial hoch aktiven Menschen konkrete Plattformen bietet, ihr Wesen auszuleben, strömen auch sie ins Internet.

Jetzt ist eigentlich nur noch die Frage offen, wer den Herren Schünemann und Pfeiffer diese Studie zumailt?

Scheitern als Chance: Die 4. Stromberg-Staffel vorab auf DVD

Das Fernsehlexikon-Blog führte gestern viele Argumente auf, warum die Veröffentlichung der kompletten neuen Stromberg-Staffel auf DVD bereits nach Ausstrahlung der ersten Folge eine gute Idee ist.

Ich möchte gerne ergänzen, dass ich es auch für das Fernsehen als einen Vorteil ansehe, wenn Filme und Serien demnächst zu großen Teilen über DVDs und VoD-Angebot verbreitet werden würden. Die verbleibenden Fernsehsender könnten und müssten sich nämlich endlich auf die Qualitäten konzentrieren, die Fernsehen generisch bietet und die DVDs eben nicht haben:

  • Aktualität, inklusive Diskussionen und Hintergrundberichten,
  • insbesondere auch Aktualität in Form des namengebenden „Fern-Sehens“, also Liveübertragungen von Sport, Parlamentssitzungen, Konzerten oder von mir aus vom Wetter,
  • Interaktion, leider inklusive Call-In-Shows,
  • seichte Zwischendurch-Unterhaltung,
  • das Schaffen von Events, wie zum Beispiel durch eine Wetten-dass- oder Schlag-den-Raab-Sendung.

Früher hatten auch Fernsehfilme den gleichen Eventcharakter, aber schon seit 30 Jahren, seit VHS bröckelte dieser Status unaufhaltsam.

Es gibt keinen dem Medium innewohnenden Grund dafür, dass Kinofilme über DVB ausgestrahlt werden sollten. Die Serie war eine Weile noch die Rettung des Erzählten im Fernsehen, aber spätestens mit der Ankunft von TiVo war klar, dass diese Zeit zu Ende gehen würde. Denn für TiVo-Besitzer hat die Originalausstrahlung kaum noch eine andere Bedeutung als die Veröffentlichung eines XML-Feeds.

Ein Fernsehen aber, das sich auf die Dinge konzentriert, die nur es selbst kann, könnte es schaffen, eine völlig neue Bedeutung zu gewinnen.