Statistik ist keine Hirnchirurgie: Ben Carson und die bedingte Wahrscheinlichkeit

Nach dem Tod von Judge Scalia, einem der Richter am Obersten Gerichtshof der USA, tappte Ben Carson, Gehirnchirurg und Präsidentschaftsbewerber, in eine der klassischen Fallen der Statistik, als er argumentierte, dass die Ernennung der obersten Richter auf Lebenszeit heute anders geregelt werden müsse als sie 1789 in der Verfassung der USA niedergeschrieben wurde:

“When the Constitution was put in place, the average aged of death was 47. So a lifetime appointment for a federal judge was not as long,” Carson said. “Now that has changed rather substantially and we have not made the adjustments to it. And there has to be some mechanism of oversight.”

Die Falle ist diese: Die durchschnittliche Lebenserwartung ist für Carsons Aussage von geringer Bedeutung. Jedes Baby, das im Alter von 0,25 Jahren stirbt, geht nämlich in diese Statistik ein. Jedes jugendliche Gangmitglied, das im Alter von 20 Jahren in einem Streit erschlagen wird, geht in die Statistik ein. Und jeder Minenarbeiter, der mit 35 an einer Staublunge stirbt. Alle diese Menschen hatten aber weder eine theoretische noch praktische Chance, zum Richter am Obersten Gerichtshof berufen zu werden.

Zum Richter am Obersten Gerichtshof berufen wurden auch damals schon Juristen aus gebildeten Schichten, die ein gewisses Lebensalter erreicht und damit die notwendige Erfahrung vorzuweisen hatten. Die relevante Lebenserwartung wäre also etwa die eines weißen, 50-jährigen, männlichen Mitglieds der gesellschaftlichen Oberschicht im Jahr 1789.

Man nennt das „bedingte Wahrscheinlichkeit“: Wenn ich schon weiß, dass jemand 50 Jahre alt, männlich, gebildet und weiß ist, wie groß ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass er 60, 70 oder 80 Jahre alt wird?

Einen wie großen Unterschied macht das überhaupt aus?

In 1850, life expectancy at birth was 37 for males, but life expectancy at 1 was 48, according to research by Colgate University professor of economics Michael Haines.

(Quelle: http://blogs.wsj.com/numbers/pope-benedict-xvi-supreme-court-lifespan-math-1212/)

Das erste Lebensjahr zu überstehen, bringt also schon mal 11 Jahre mehr durchschnittliche Lebenserwartung. Und wenn diese Zahl dieselbe ist wie die von Carson, dann hätte er immerhin schon mal die durchschnittliche Lebenserwartung einjähriger Kinder genannt. (Ich gehe eher von unterschiedlichen Statistiken aus.) Aber da sind wir immer noch nicht beim 50jährigen weißen Oberschichtler.

Derselbe Artikel gibt an:

“Average life expectancy for a 50-year-old in 1789 was probably somewhere around 65 years.”

Und auch diese Aussage differenziert immer noch nicht nach Geschlecht oder nach gesellschaftlicher Stellung.

Nach dem Gesagten hat Ben Carson immerhin ein bisschen recht, denn ein 50-Jähriger hätte nach den zitierten Zahlen im Jahr 1789 noch durchschnittliche 15 Lebensjahre zu erwarten gehabt. Heute sind es ca. 30. Aber der Unterschied ist lange nicht so drastisch, wie ihn der indirekt gezogene Vergleich vermuten lässt, den Carson zwischen den durchschnittlichen 47 Lebensjahren im Jahr 1789 (für Einjährige) und den fast 80 Lebensjahren zieht, die Judge Scalia erreichte.

Outlaws in Streifenwagen

Ich bin sehr erfreut, dass der Stadtanzeiger mal zum Thema macht, wie sich Polizisten und andere Angehörige des Ordnungspersonals im Straßenverkehr verhalten: Parken im Halteverbot – Darf die Polizei das?

Ich ärgere mich schon länger, wie sich Fahrzeuge der Polizei, offensichtlich im Missverständnis, sie seien das Gesetz, nicht an die normalen Regeln der StVO halten. Und just heute morgen beobachtete ich diese Szene: Ich fahre in einer kleinen Autoschlange auf eine Ampel zu, die rot wird. Der zuvorderste Fahrer hält vor der Ampel an. Die Polizistin im Einsatzwagen hinter ihm dagegen schert aus, wirft das Blaulicht (ohne Sirene) an, überholt den haltenden Wagen, überfährt die rote Ampel und die Kreuzung – schaltet das Blaulicht nach 50 Metern wieder aus und fährt in gemächlichem Tempo weiter.

Ich will das nicht zu hoch hängen, aber mich wundert nicht, dass sowieso keiner mehr blinkt, wenn sich selbst die Gesetzeshüter wie Verkehrsrowdies verhalten.

Freunde und Helfer

Ein Furz, der sich Artikel nennt: Timo Frasch pfeift dünn

Über die „Berichterstattung“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zum #Aufschrei sollte eigentlich geschwiegen werden: Sie richtet sich selbst. Doch schon weil in der Diskussion über alltäglichen Sexismus in Deutschland immer wieder oberflächliche Trickargumente vorgebracht werden, muss man wohl explizit benennen, warum diese Argumente falsch sind, ganz im Sinne von: Kein Fußbreit den Sexisten!

Claudius Seidls vorgebliche Textanalyse des auslösenden „Stern“-Artikels von Laura Himmelreich hat schon Muriel in seinem Blog als die Drecksscheiße demaskiert, die sie ist: Post von Seidl. Muriels Artikel ist toll, lustig, intelligent und generell lesenswert, auch wenn schon die Überschrift von Seidls Pamphlet verrät, wes Geistes Kind er ist: „Prüder in Waffen“. Prüder? Wirklich? Den ältesten, dämlichsten, primitivsten Anwurf gegen feministische Argumentationen, für den sich heutzutage selbst Stammtischbrüder erst ab zwei Promille nicht mehr zu schade wären: dass nämlich die Schlampe nur mal ordentlich durchgevögelt gehöre – diesen Anwurf verwendet Seidl in seiner Überschrift, spielt wenigstens damit? WIRKLICH? Ich breche.

Die aber fast noch größere Widerlichkeit leistet sich FAZ-Redakteur Timo Frasch auf Seite 6, also im Ressort Politik (doch, echt!): „Was wurde aus Brüderles Kuh?“ Laura Himmelreich hatte in ihrem Artikel unter anderem von einer Äußerung Rainer Brüderles bei einem gemeinsamen Besuch auf einem Bauernhof berichtet. In Himmelreichs Gegenwart habe Brüderle die Euter einer Kuh kommentiert: die hingen und hätten Körbchengröße 90 L.

Dass diese Bemerkung in Gegenwart einer fremden Frau irgendwas zwischen anzüglich, widerlich, sexistisch und übergriffig ist, bedarf wohl keiner Erläuterung. (Ich gebe sie weiter unten dennoch.)

Timo Frasch darf sich nun auf einer halben Politikseite der FAS einen darauf runterholen, wie das nun mit der Mast von Kühen, ihrer Laktation und Eutergröße genau sei. Das geistige Ejakulat seiner Exploration liest sich so:

Dass die Kühe Brüderles Bemerkungen als diskriminierend empfunden oder dadurch gar Schaden genommen haben könnten, wird dennoch klar verneint […]. Auch gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass sich die Kuh, über deren Euter sich Brüderle ausließ, besonders aufreizend verhalten hat.

Ich vermute, dass Timo Frasch seinen Artikel gegen Angriffe als Satire verteidigen würde. Allein: Sie ist nicht lustig, Herr Frasch, ihre Satire! Eine Satire ist eine Spottschrift. Lustig ist sie, wenn ein Schwacher einen Starken verspottet, der Narr den König, der Kabarettist die Regierung. Nicht lustig hingegen ist es, wenn eine Frau, die schon verletzt oder wenigstens gering geachtet wurde, nun auch noch verspottet wird.

Die Verwerflichkeit von Brüderles Bemerkung bestand ja unbestreitbar darin, über die Nennung einer BH-Größe das Euter einer Kuh mit den Brüsten einer Frau gleichzusetzen, also auch die Frau mit der Kuh. Indem Timo Fraschs Artikel nun vorgibt, dass man sich ausführlich um das Wohl der Kuh sorgen müsse, dass die Kuh durch Brüderles Bemerkung überhaupt diskriminiert werden könnte, wird diese Gleichsetzung auf die Spitze getrieben. Durch die Zuspitzung wird Laura Himmelreich zum zweiten Mal verspottet. Adding insult to injury, so wird diese Verbalkampftechnik auf englisch beschrieben.

Nun kann man sich dank YouTube einen oberflächlichen Eindruck von Timo Frasch machen: Timo Frasch im Interview anlässlich der Verleihung des Ernst-Robert-Curtius-Förderpreises für jüngere Schriftsteller an ihn. Gewollte Hipsterfrisur trifft schnöselig gestelzten Ausdruck. Aus einem traurigen Arsch kommt halt kein lustiger Furz, was wohl zu beweisen war, und so wäre ich fast bereit, Timo Frasch seinen Furz von Artikel zu verzeihen und einfach über ihn (den Frasch, nicht den Furz) zu lachen.

Doch viel schlimmer ist ja, dass Frasch nicht einfach in sein privates Blog gepupst hat, falls Politikredakteure der FAZ so etwas überhaupt täten. Nein, sein Text ist in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen. Auf Seite 6. Eine halbe Seite lang. Und gerade die Redaktion der FAS würde sich ja bestimmt zu Gute halten, dass ihre Publikation im Gegensatz zu Blogs journalistischen Standards genügt, dass also insbesondere Texte gecheckt, double-gecheckt und again gecheckt werden. Dass mindestens ein Chefredakteur oder Ressortchef oder CvD entscheidet, welche Artikel in welcher Form ins Blatt gehoben werden und welche unter den Schneidetisch fallen.

Wenn es ein Artikel wie der von Timo Frasch also in eine Qualitätswochenzeitung schafft, dann lässt das nur drei Schlüsse zu:
Entweder die Qualitätssicherung der FAS hat in Fraschs und mindestens auch Seidls Fall vollständig versagt. Oder die verantwortlichen Redakteure der FAS, möglicherweise sogar ihre Herausgeber, diejenigen einer Zeitung mit einer verbreiteten Auflage von über 350.000 Exemplaren, glauben, mit Artikeln, die Sexismus verharmlosen, ihre Leserschaft zu erreichen. Oder sie sind selbst zutiefst sexistisch. (Oder alles davon.)

Falls es also noch überhaupt ein Indiz dafür brauchte, wie notwendig die Debatte um Alltagssexismus ist, dann war es die Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 27. Januar 2013. Zwei. Tausend. Dreizehn.

P.S: Ich bitte um Entschuldigung für die etwas unüblich derbe Sprache dieses Postings. Aber auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.

P.P.S.: Ich hoffe, ich habe ungefähr die richtige Keyworddichte getroffen, um dieses Posting bei einer Suche nach Herrn Frasch auf eine vordere Ergebnisposition zu bringen und ihm so zu verdeutlichen, wie es sich anfühlt, öffentlich beschämt zu werden.

P.P.P.S.: Eventuell, nur ganz eventuell, ist der FAS-Redaktion doch im Rückblick noch klar geworden, was für eine journalistische Peinlichkeit der Artikel von Timo Frasch war, denn online findet sich sehr wohl der Text von Claudius Seidl, aber der von Frasch ist nirgendwo verfügbar, auch nicht im digitalen FAZ-Archiv.

Ich mach euch gleich den zweiten Reiter, ihr Asis!

„Weltuntergang!“ – – –  war nicht das erste, was ich dachte, als ich gestern Nacht um halb eins aufwachte. Mein benebelter Gedankenstrom kreiste eher um einen  thematischen Kern in der Nähe von „Fresse, Arschlöcher!“

Ich lebe in einer reinen Wohnstraße, allerdings nahe einer Bahnhaltestelle. Also kommt es, wie überall, immer wieder vor, dass Betrunkene durch die Straße ziehen, sich lautstark Lebensweisheiten zugröhlend. So etwas ist schnell vorbei. Was hingegen nicht so oft vorkommt ist eine dutzendköpfige Gruppe von Jugendlichen, die auf der Straße vor unserem Haus stehen, einen Kreis bilden, einer spielt Gitarre, die anderen schwingen Plastikrohre heulend über ihren Köpfen, jaulen den Himmel an und versuchen auch sonst angestrengt den Eindruck von Mad-Max-Protagonisten zu erwecken.

Nach zwei Minuten verlor ich die Nerven, stand auf, besah mir das Spektakel aus dem Schlafzimmerfenster, schätzte, dass der Spuk nicht binnen kurzer Zeit vorbei gehen würde, zog mir Hose, Schuhe und Anorak an und betrat festen Schrittes die Straße.

Ich auf den Gitarrenspieler zu, der sich als Frau entpuppt, deren Gesicht mit schwarzer Schminke Beschmutzung simuliert. Ich greife ihr um den Hals, also der Gitarre, um den Sound zu stoppen, und erkläre den Herrschaften, dass sie die Möglichkeiten haben, den Ort des Spektakels sofort zu verlassen, oder mich andernfalls die 110 wählen zu sehen. Aufkeimenden Diskussionen begegne ich mit der eindringlichen Wiederholung des Wortes „SOFORT!“, beschimpfe die Gemeinschaft noch ein bisschen als asozial und erkläre, dass die Spießbürger dieser Straße morgen arbeiten müssten.

Während sich die Bande gutbürgerlicher Erstis gerade unter gesichtswahrendem Gegrummel aufzulösen beginnt, bleibt ein Mädchen stehen, sichtlich bedröppelt. Ich denke, dass ihr gerade dämmert, wie unnötig die Aktion war und wie sehr sie die Gefühle Unschuldiger verletzt haben könnte. Sie hebt den gesenkten Kopf, sieht mich an und spricht: „…aber wenn Sie das in einem anderen Ton sagen könnten…“

Du weißt ja, dass du gewonnen hast, wenn du die anderen duzt und noch schlimmer beschimpfst, sie dich aber zurücksiezen. Doch einen Kampf, das wurde mir gestern klar, scheine ich für immer verloren zu haben: Den um die Empathie in unserer Gesellschaft. Wenn nämlich jetzt schon offenbar gut gebildete, leicht zu beeindruckende 20-Jährige in einer Wohnstraße mutwillig nächtlichen Lärm veranstalten, bei Beschwerden aber um eine freundliche Tonart bitten, dann weißt du, dass hier bald keiner mehr an den anderen denkt, sondern jeder nur noch an sich.

Blinken tut man nur die für die anderen

1.
Vor einigen Monaten, während des Sommers, im Belgischen Viertel: Ich cruise entspannt, das Fenster offen, in Richtung meiner Hemdenreinigung. Man kann im Belgischen Viertel nicht schnell fahren, weil die Straßen eng sind und fast überall rechts vor links gilt. Ich rolle langsam auf die nächste Kreuzung zu. Auf dem Bürgersteig nähert sich von rechts ein hippes 30-Something-Pärchen, das die Straße, auf der ich fahre, offensichtlich überqueren möchte. Als sie am Bordstein angekommen sind, zögern sie keine Sekunde – sondern gehen einfach weiter, und zwingen mich, etwas plötzlich zu bremsen. Als ich sie aus dem offenen Fenster verwundert anspreche, dass ich gar keinen Zebrastreifen sähe, fangen sie an, mich zu beschimpfen: Ich könne doch wohl anhalten? Ich rufe ihnen, die weitergehen, noch nach, sie könnten an der Tatsache, dass ihre Beine nicht gebrochen seien, bemerken, dass ich das auch getan hätte.

2.
In der Nähe meines Büros war während der letzten Monate ein Bürgersteig vor einer Baustelle mit einem Holztunnel geschützt. Der Tunnel war so schmal, dass zwei Fußgänger nur aneinander vorbei gehen konnte, wenn sie ihre Schultern zurücknahmen und sich an die jeweiligen Tunnelwand schlängelten. Wenn ein Radler sein Gefährt durch den Tunnel schob, mussten die Passanten am anderen Eingang des Tunnels warten, bis er ihn durchquert hatte. Von den Radfahrern, die mir entgegen kamen und für die ich wartete, hielt es höchstens jeder zweite für notwendig, sich mit einem Nicken oder gar einem kurzen Wort zu bedanken.

3.
Ich fuhr vor drei Wochen mit der Straßenbahn ins Büro. Eine Radfahrerin überquerte die rot zeigende Fußgängerampel und wollte an den Geländern vorbei, mit denen der Übergang abgegrenzt ist, auch die Bahngleise überqueren, weil sie unsere herannahende Bahn nicht bemerkte. Der Fahrer bremste ab und bimmelte wie wild. Die Frau hielt ihr Rad noch rechtzeitig an – und schimpfte der Bahn wie ein Rohrspatz hinterher. (Die folgende Durchsage des Bahnfahrers über die Außenlautsprecher konnte ich schlecht verstehen, nur dass sie auf „blöde Kuh“ endete.)

4.
Kennt noch jemand einen Autofahrer, der beim Spurwechsel oder Abbiegen blinkt? Warum auch? Blinken tut man schließlich nur für die anderen.

5.
Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal, von rechts kommend, an einer Kreuzung einen von links kommenden Radfahrer getroffen hätte, der meine Vorfahrt auch nur bemerkt hätte.

6.
Und schließlich diese Woche in der U-Bahn. Eine Frau steigt mit Kinderwagen ein. An der Stelle, wo in den modernen Waggons ein paar Sitzplätze fehlen, damit dort eben beispielsweise Kinderwagen abgestellt werden können, lehnt eine Frau, angelegentlich in ihr Smartphone vertieft. Die Mutter versucht, den Kinderwagen irgendwie dennoch dort hin zu rangieren, die Smartphonenutzerin gibt sich unbeeindruckt, hebt den Blick nicht, weicht dem Kinderwagen keinen Zentimeter. Schließlich gelingt das Einparkmanöver doch, die Mutter hat sich am Kinderwagengriff vorbei auch auf den Sitzplatz quetschen können. Fünf Sekunden später wendet sich die direkt vor dem Wagen stehende Smartphonefrau dem Kind zu und macht ein paar Gutschigutschi-Laute.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der alltägliche Umgang der Menschen auf der Straße miteinander verlottert. Immer weniger Menschen halten es für nötig, nett zueinander zu sein. Immer mehr halten sich für eine Insel, die sich um ihre Umgebung nicht kümmern muss, tun nur das, was sie selbst brauchen, aber nichts, was anderen gegenüber auch nur freundlich wäre. Sie gehen davon aus, dass sich die anderen ihrem scheubeklappten Verhalten anpassen und riskieren sogar lieber ihre eigene Sicherheit, als den Blick zu heben und vielleicht mal fünf Sekunden zu warten.

Entweder ich werde ich alt oder früher war das besser.

Ein Wort sagt mehr als tausend Bilder

Es muss Otl Aicher im Jahr 1972 gewesen sein, der der Welt den Floh ins Ohr gesetzt hat, dass Icons das Nonplusultra knackiger Kommunikation sind. Aber nur, weil elegant abstrahierte Athleten als Illustration für ihre Sportarten stehen können, bedeutet das noch lange nicht, dass Icons gute Kommunikationswerkzeuge sind.

Wer sich davon letztgültig überzeugen will, der sollte einfach mal ein Flugzeug mit offenen Augen besteigen. In Flugzeugen werden Warnhinweise an keiner Stelle durch Icons ausgedrückt, sondern immer durch Text. Da steht dann einfach „Remove before flight“ an irgendeinem Pin. An einem Verschluss auf einer Tragfläche steht „No step“. And the emergency exits are clearly marked with a symbolic icon of a running person. Ach nee.

< EXIT >
Flickr-Foto unter CC-Lizenz von zeus1642

Wenn es um Menschenleben geht, dann verlässt sich der Profi also lieber auf Wörter als auf Icons.

Und warum soll für eine Webapplikation schlecht sein, was für Menschenleben gut ist? Jetzt ist auch Google auf den Trichter gekommen, dass die tollen neuen Icons, die sie beim GMail-Rebrush eingeführt hatten, vielleicht doch nicht sooo klar verständlich sind. Jedenfalls gibt es jetzt die Option, wieder auf Schriftlabels umzusteigen.

Die Pein der Twentysomethings

Gestern, während ich meine samstägliche Besorgungsrunde drehte, unterhielt sich auf Koelncampus, den Kölner Uniradio, eine Moderatorin mit einer Mitarbeiterin einer Konzertagentur. Aufgrund der Stimmen, der im Web auffindbaren  Bilder und der Tatsache, dass es sich eben um ein Uniradio handelt, nehme ich einfach mal an, dass beide Gesprächspartnerinnen um die 25 Jahre alt waren.

In der Sendung wünscht sich der jeweilige Gast seine fünf Songs des vergangenen Jahres. Der letzte Track dieser Runde war von Wugazi, die in der Aussprache der Moderatorin, das nur nebenbei, penetrant mit den musikalisch weit entfernten Fugazi zusammen fielen.

Ein Hip-Hop-Song also. Und plötzlich, ich hatte mich kurz auf die Straße konzentrieren müssen, ging es um die Mütter der beiden Gesprächspartnerinnen. Die eine meinte, dass Wugazi ja sogar ihrer Mutter gefallen könne, schließlich sei die eine „alte Hip-Hop-Schnalle“ (oder irgendein vergleichbar schnodderiges Wesen). Die andere ergänzte, ihre Mutter ginge auf Rammstein-Konzerte. Einvernehmliches, leicht kopfschüttelndes Kichern, mit einem Anstrich von Mama-du-bist-so-peinlich.

Da war er also, einer der ersten Momente meines Lebens, in dem ich dachte: Moment mal, die Damen! Ich könnte euer Vater sein! Knapp zwar vielleicht nur, aber eben doch.

Und dann fiel mir auf, wie schwierig es für die Twentysomethings von heute sein muss, sich musikalisch von ihren Eltern zu distanzieren. Denn eure Generation, liebe Geborene der späten 80er und frühen 90er Jahre, hat einfach noch keinen eigenen Musikstil hervorgebracht. Ihr entwickelt immer noch die Stile weiter, die eben die Generation eurer Eltern in den 80ern und 90ern erfand: Hip Hop, und dann noch Techno und Jungle. Ihr könnt das ja gerne Halfstep nennen, wie es der Gast der nächsten Take-Five-Runde dann tat, aber es bleibt doch Jungle.

Meine Generation suchte Distanz zum Rhythm & Blues, zum Rock & Roll, den unsere Eltern-Generation aus dem Blues adaptiert hatte, auch wenn diese Stile natürlich zusätzlich weiterlebten. (Bei Grunge waren es höchstens die Klamotten und die Slacker-Attitüde, die zur Differenzierung taugten.) Also gab es Sprechgesang und die Techno-Reduktion auf Rhythmus und Sound.

Ich gebe zu, dass damit schon ein paar Stilmittel verbraucht sind und mir auch nicht einfallen würde, wo man denn heute noch seine Stilnische finden könnte. Emo ist es jedenfalls nicht, denn Shoegazing haben ja auch wir schon vor 25 Jahren erfunden.

Am Ende bleiben jedenfalls Eltern, die die gleiche Musik hören, wie ihre Kinder. Es muss so peinlich sein.