Ich las, sah, hörte: Medien im Oktober 2016

TV/Serie/DVD

Amanda Knox

Ich habe den Fall Amanda Knox und die Prozesse gegen sie, Raffaele Sollecito und Rudy Guede seinerzeit natürlich wahrgenommen, aber nicht besonders aufmerksam verfolgt. Diese Dokumentation schildert den Verlauf der Untersuchungen und der Prozesse, und er tut das großartig. Vermutlich ist es auch für jemanden spannend, der den Ausgang kennt, für mich war es umso packender. Besonders bemerkenswert ist, dass sich nicht nur Amanda Knox und Rafaele Sollecito vor der Kamera äußern, sondern auch der damals leitende Ermittler und ein Daily-Mail-Reporter. Wie der Film diese beiden sich bloßstellen lässt, ohne süffisant oder gar filmisch unredlich zu werden, ist sehenswert. Beide reden sich einfach um Kopf und Kragen, obwohl sie bald zehn Jahre nach dem Beginn des Falls genug Zeit zur Reflektion gehabt hätten. Sehr sehenswert!

Der 13.

Der Film stellt auf eindringliche Weise dar, wie der 13. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung, der die Sklaverei abschaffte, dennoch die Grundlage dafür schuf, dass Schwarze in den USA auch Hundert Jahre später noch kriminalisiert werden – nämlich um über ihre kostenlose Arbeitkraft verfügen zu können. Es geht darum, wie die Nixon-Regierung diese Politik im Verborgenen aktiv betrieb und wie sich noch Bill Clinton von der Tradition leiten ließ, nach der kleine Vergehen mit Gefängnis geahndet werden. Im Ergebnis haben die USA die höchste Zahl von Gefangenen in der Welt, und ein überproportionaler Anteil davon sind Schwarze.

Muss man gesehen haben. Augenöffnend.

Man vs Snake: The Long and Twisted Tale of Nibbler

Eine nerdige, unterhaltsame Dokumentation über die erfolgreichen und auch die erfolglosen Versuche, den Weltrekord im Nibbler-Spielen zu brechen. Nibbler ist im wesentlichen eine Art Snake mit Bonuspunkten in einem Irrgarten. Das Spiel ist nichts besonderes, außer in einer Hinsicht: Es bietet als eines der wenigen (als einziges?) einen neunstelligen Score, der wieder auf Null springt, wenn er voll ausgeschöpft wurde. Das heißt: Man kann bei Nibbler eine Milliarde Punkte erreichen. Kleiner Haken daran: Das dauert ca. 40 Stunden. Einen Nibbler-Weltrekord aufzustellen ist also ein echter Marathon.

Witzig ist, dass sich 27 Jahre lang niemand mehr um den Weltrekord gekümmert hatte, bis der vermeintliche Rekordhalter Tim McVey, ein Amerikaner, erfährt, dass sein Rekord schon kurz nach dem Aufstellen in den 80ern von einem Italiener gebrochen wurde. Er fühlt sich herausgefordert, sich seinen Rekord zurückzuholen. Mittlerweile ist er ein über 40 Jahre alter, wohlbeleibter Vollnerd, der in einer Kleinstadt mit seiner Frau und seinem Hund lebt und immer noch mit dem BMX-Rad durch die Gegend jückelt.

Die Story hat noch deutlich mehr Wendungen und Gegenspieler, aber am Ende ist es einfach eine liebenswerte Doku darüber, wie sich Menschen für völlig unwichtige Dinge begeistern können. Die ironische Überhöhung, die jederzeit mitschwingt, ist vielleicht nicht immer beabsichtigt, aber sie lässt einen den ganzen Film über schmunzeln.

Sehr unterhaltsam!

Frank

Frank ist ein Avantgarde-Pop-Musiker, Kopf einer Band, der eine Maske trägt. Immer. Jon ist ein junger, naiver Keyboarder, der unversehens in Franks Band gerät. Der Film dreht sich darum, die die Band in ein entlegenen Waldhütte ein Jahr lang ihre neue Platte aufnimmt. Der Film wird nicht langweilig und lebt natürlich von dem Geheimnis um die Maske. Wenn es aber darum geht, aus der Metapher eine wahrhaftige Botschaft zu machen, die offensichtlich mit Selbstbewusstsein und schließlich auch mit Selbstentdeckung zu tun hat, springt mir der Film zu kurz. Letztlich bleibt er zu gimmickhaft.

Musik

Wilco: Schmilco

Eine neue Platte von Wilco also. Muss man haben. Lohnt sich auch. Begeistert aber, wie meistens, eher auf der langen Strecke. Besonders gut gefällt mir, dass „Schmilco“ näher an Uncle Tupelo ist als die meisten Platten davor.

Against Me!: Shape Shift With Me

Nun also der Nachfolger des ganz großen „Transgender Dysphoria Blues“ und des Coming-Outs von Laura. Shape Shift With Me ist eine solide Platte geworden, fängt angenehm punkig und sperrig an, hat dann aber doch immer wieder die melodischen Punkrock-Songs, die beim letzten Mal eingeführt wurden. Angenehm, aber nicht weltbewegend.

Conor Oberst: Ruminations

Ist ja wohl nicht das schlechteste, wenn man für Bob Dylan gehalten wird, wenn die Platte beim Treffen mit Freunden im Hintergrund läuft. Klar, die Mundharmonika ist eine etwas überdeutliche Flagge für „Ich bin ein introvertiertes Folk-Album“. Aber wenn dann Songs kommen, die so gut sind wie alles, was Conor Oberst in den letzten zwanzig Jahren gemacht hat, dann gibt es keinen Grund sich über irgendwas zu beschweren. Dann kann man diese Platte nur wieder und wieder und wieder auflegen und sich immer tiefer in die Lieder bohren. Platte des Monats.

The Jayhawks: Paging Mr. Proust

Da sind sie immer noch, die Jayhawks, und kein bisschen vom Glanz ihrer ersten Platten ist verblasst. Einige ihrer Songs gehen immer noch auf Anhieb so ins Ohr, als würde man sie seit Jahren kennen, und bleiben doch konsequenter Alt-Country. Gary Louris Stimme hat auch mit über 60 Jahren immer noch die Höhe und die Kraft und  das schmelzig Schneidende, das Jayhawks-Songs schon immer geadelt hat. Geeignet auch für Jayhawks-Neueinsteiger (dann mit Hollywood Town Hall weitermachen).

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Ich sah und hörte: Medien im August und September 2016

Film/TV/Serie

Victoria

Hab ich jetzt auch endlich gesehen und fand ihn großartiger als gedacht. Meine Befürchtung war, dass hinter dem Gimmick, dass der Film in einem einzigen Take gedreht wurde, die Handlung, die Darstellung oder die Story verblassen. Das Gegenteil ist aber der Fall. Dass der Film keinen Schnitt enthält, spielt eigentlich keine große Rolle. Unterschwellig erhöht es das Gefühl von Dringlichkeit, das der Film schafft, aber schnell werden die Figuren und die Handlung viel wichtiger als alle Technikalitäten. Dass der Plot ein paar Plausibilitätsschwächen hat, spielt auch keine große Rolle, denn der Sog, den besonders auch das teilweise improvisierte Spiel entfaltet, reißt alles mit. Sehr sehenswert!

Deep Web

Deep Web ist eine Dokumentation, die sich vor allem um den Prozess gegen Ross Ulbricht dreht, den angeblichen Kopf hinter der Silk Road, also dem illegalen Marktplatz im „Deep/Dark Web“, auf dem Drogen und angeblich auch Auftragsmorde gehandelt wurden. Ulbricht soll der „Dread Pirate Roberts“ gewesen sein, also hinter dem Pseudonym des Silk-Road-Schöpfers stecken. Tatsächlich ist aber schon fraglich, ob es sich dabei um eine einzige Person handelte. Interessant am Film ist die Darstellung der moralischen Überlegungen hinter der Schaffung eines illegalen Marktplatzes wie der Silk Road. Hier sollten Drogen anonym gehandelt werden können, um der Drogenkriminalität das Wasser abzugraben und weil die Schöpfer Drogenverbote prinzipiell fragwürdig finden. Dinge hingegen, die Menschen Schaden zufügen können, wozu Drogen nach Ansicht der Macher nicht gehören, sollten nicht erlaubt sein. Wurden also wirklich Mordaufträge gehandelt? Weniger interessant hingegen ist, dass der Film stark die Zweifel betont, die es an Ross Ulbrichts Täterschaft gibt. Die Belege dafür waren mir zu schwach, um einen größeren Teil des Films zu tragen, und bei allem Respekt für das persönliche Schicksal, ist es mir am Ende auch egal, ob es Ross Ulbricht oder jemand anders war, der Silk Road geschaffen hat. Die Frage, ob Silk Road überhaupt verurteilenswert ist, finde ich viel interessanter. Dennoch die Zeit wert!

Les Revenants (The Returned)

Les Revenants ist der Film von 2004, aus dem 2012 die gleichnamige Serie entstand, die vor zwei Jahren auf arte gesendet wurde. Die Handlung ist schnell erzählt: Die Toten kehren zurück. Einfach so. Sie sind keine halb verwesten Zombies, sondern äußerlich die Alten, wenn sie auch etwas verwirrt zu sein scheinen und Konzentrationsschwächen haben. Kein Wunder. Der Film ist extrem ruhig und dreht sich letztlich weniger um das vordergründige Spektakel der Rückkehr der Toten, sondern um die Lebenden, um die Beziehungen, um die Gefühle, die von dieser Rückkehr ausgelöst werden. Ich fand die Serie, die ich wegen eines Urlaubs nicht zu Ende gesehen habe, besser als den Film. In einer Serie ist einfach mehr Zeit für das, was auch dem Film das Wichtigste ist: das Menschliche. Muss nicht sein, ist aber ordentlich gemacht.

The Revenant

Den Film und seine Handlung muss ich wohl nicht erklären. Er ist ein verzweifelter und am Ende tatsächlich erfolgreicher Versuch, Leonardo di Caprio endlich seinen Oscar zu verschaffen. Über dem Bemühen, di Caprio Gelegenheit zu geben, oscarreife Gesichter zu machen, vergisst der Film leider vollständig die Figur, die di Caprio spielt. Mitgefühl will sich so nicht einstellen. Schwach.

Indie Game: The Movie

Ein sehr interessanter und einsichtsreicher Film über Entwickler von Indie Games, über ihre Motivation, ihre Arbeit, ihre Ängste, ihre Frustrationen und ihre Erfolge. Letztlich ein großartiges Plädoyer dafür, dass man das machen sollte, was man liebt.

Audrie & Daisy

Ein beeindruckender Film über junge Vergewaltigungsopfer, Cybermobbing und Victim Blaming. In jeder Hinsicht sehenswert.

Musik

The Avalanches: „Wildflower“ und „This is it“

The Avalanches sind ein DJ-Team, das nach 15 Jahren jetzt seine zweite Platte rausgebracht hat. Das Konzept ist es, historische oder obskure Samples mit Big Beat zu verheiraten. Das funktioniert recht gut, balanciert aber auch ständig am Rande der Cheesiness. Unterhaltsam, wenn auch nicht wirklich wichtig. Kann man aber gut zwei Stunden mit verbringen. (Erinnert mich oft an The Go! Team.)

Kiesgroup: Eulen und Meerkatzen

So klingt also Punk, wenn die Punker zu gute Musiker sind. Ich bin auf Kiesgroup durch eine enthusiastische Intro-Rezension aufmerksam geworden. Fast jeder Song auf „Eulen und Meerkatzen“ folgt einem anderen Stil: da sind klassische „Goldene Zitronen“-Songs, der nächste klingt nach „Herr Rossi sucht das Glück“, dann kommt ein komplett dancefloortauglicher Beat a la Andreas Dorau. Klassisch, modern, punkig, fröhlich. Diese Platte hat alles!

Girls Names: My Arms Around A Vision

Geiler Indierock: Gutes Songwriting, amtlich instrumentiert. Verändert die Welt nicht, geht aber sehr gut ins Ohr und hat genug Tiefe, um auch zehn Mal gehört zu werden.

DePedro: El Pasajero

DePedro, eigentlich Jairo Zavala, ist ein spanischer Gitarrist und Sänger, der regelmäßiger Gastmusiker bei Calexico ist. Seine Soloplatten sind von wechselhafter Qualität, nie schlecht, die erste war grandios, diese ist mal wieder richtig gut geworden und erinnert stärker an sein Debut als die zwischenzeitlich etwas zu poppig geratenen Werke. Ich habe private, sehr positive Erinnerungen, die ich mit einem DePedro-Konzert in der Kölner Kantine verknüpfe, aber auch unabhängig davon ist er einfach ein guter Musiker und schreibt so angenehme wie anspruchsvolle und gut gespielte Musik.

Ich las, sah, hörte: Medien im Juli 2016

Bücher

Michael Grewe: „Hoffnung auf Freundschaft“ und „Hunde brauchen klare Grenzen“

Michael Grewe ist, gemeinsam mit der verstorbenen Wolfsforscherlegende Erik Zimen, Gründer des CANIS-Zentrums für Kynologie (Hundekunde). CANIS bietet eine sehr ausführliche Ausbildung an, fast schon ein richtiges Studium mit Abschluss. Die Hundeschule unseres Vertrauens in Bergisch Gladbach, die Hundeschule Rotter, folgt der CANIS-Lehre. Und da ich mit der Art und Weise sehr glücklich gewesen war, wie Christoph Rotter und Charlie Pascoletti uns geholfen hatten, uns mit unserem übernommenen Dackel in die Spur zu bringen, der sozial total verbogen, phasenweise bissig und oft wenig folgsam war, wollte ich mehr über die Grundlagen dieser Lehre wissen.

Michael Grewe beschreibt in beiden Büchern sehr anschaulich, dass CANIS letzlich gerade keine Methode ist. In „Hoffnung auf Freundschaft“ geht es um die Welpenerziehung, in „Hunde brauchen klare Grenzen“ um den generellen Umgang mit Hunden. Grewe propagiert eine einfache Haltung von Menschen gegenüber, oder besser: mit Hunden. Hund und Mensch müssen ein Sozialgefüge haben, das auf Vertrauen und Verlässlichkeit beruht. Verlässlichkeit aus Hundesicht bedeutet, dass der Hund sich das Verhalten seines Menschen erklären kann, auch wenn er getadelt oder bestraft wird. Dann werden klare Regeln etabliert, die der Hund zu befolgen hat, und auf der Grundlage des Vertrauens kann der Hund akzeptieren, dass er diese Regeln einzuhalten hat.

Diese Methode ist sehr einfach, sie kommt ohne Tricks aus, und ist gerade deshalb so auch schwierig. Letztlich muss man als Mensch authentisch und in denselben Situationen immer gleich handeln. Regeln dürfen und sollen dabei durchaus körperlich durchgesetzt werden. Christoph sagt immer: Der Hund bekommt eine faire Chance, ein gegebenes Kommando zu befolgen. Wenn er es nicht tut, wird ihm körperlich klar gemacht, was er tun sollte. Das heißt nicht, das Tier zu verprügeln. Aber das heißt durchaus, das Tier zu packen und dahin zurückzuziehen, wo es bleiben soll, es zu schubsen oder mal zu kneifen oder es bedrohlich aus der Küche zu scheuchen oder den Welpen kurz in den Flur zu verfrachten, wenn er trotz klaren Verbots das Stuhlbein annagt. Gesprochen wird mit dem Hund dabei nur das Nötigste, eben das Kommando, das Durchsetzen erfolgt körperlich und ohne Worte.

Die vertrauensvolle, zuneigungsreiche Beziehung mit einem Welpen soll auch körperlich aufgebaut werden: Spielen mit Anfassen, Streicheln, Knuffen, Knuddeln und auch mal zart zwicken lassen.

Mit Hunden kann man halt nichts besprechen, sondern sie sind körperliche Tiere, die Zuneigung und Abneigung körperlich zeigen und gezeigt bekommen können.

So nimmt man aus Michael Grewes Büchern kein Rezept mit, wie man dem Hund mit Leckerchen, Klickern oder anderen Hilfsmitteln Kunststücke beibringt. Sondern man lernt, dass und wie man eine Beziehung zum Hund herstellt, die den Rahmen für ein gutes Miteinander schafft, bei dem man auch mal unterschiedlicher Meinung sein kann.

Einen Satz fand ich besonders schön, den Grewe in „Hoffnung auf Freundschaft“ fast schon lakonisch an vielen Stellen nachsetzt, in denen er beschreibt, wie Regeln durchgesetzt werden, die der Hund gerade nicht befolgt: „Die Stimmung ist freundlich.“ Hunde sind nicht nachtragend, und Halter, die eine Regel durchsetzen, sollten eben auch nicht sauer auf den Hund sein.

Die Mischung aus Körperlichkeit, Zuneigung, Konsequenz und freundlicher Grundstimmung macht Grewes Lehre aus, gefällt mir sehr gut und hat bei einem von unseren jetzt zwei Hunden schon gute Erfolge gezeigt.

Empfehlenswerte Bücher für alle, die sich wirklich mit ihrem Hund auseinandersetzen wollen.

Gemeinsamer Kontrollgang von Diwi und Magnus

Film/TV/Serie

Next Goal Wins

Eine liebevolle Doku über die bis dahin schlechteste Nationalmannschaft der Welt, die von Amerikanisch-Samoa, bis dahin nur berühmt für die höchste Niederlage, die jemals eine Mannschaft im internationalen Fußball erlitt. Was will man erwarten, wenn ein Land mit der Einwohnerzahl von Eschweiler oder Hameln, das außerdem noch berühmt ist für die Wohlbeleibtheit seiner Bürger, sich in die große Welt aufmacht? Die Rechnung, die anlässlich der EM aufgemacht wurde, dass es in Island abzüglich Frauen, Fischern, zu Alten, zu Jungen, Dicken und des Trainers eh nur 23 Menschen gibt, die als Nationalspieler in Frage kommen, könnte man auf Amerikanisch-Samoa wahrscheinlich ohne Ironie mal durchkalkulieren und käme wohl auf weniger als 23.

Das Herz dieser handwerklich sehr gut gemachten Dokumentation darüber, wie die Samoanoer schließlich ihren ersten Länderspielsieg überhaupt feiern, bilden zwei Hauptpersonen: zum einen der holländische Trainer Thomas Rongen, der Nationaltrainer von Amerikanisch-Samoa und dort vom harten Drill Sergeant zum Menschen wird. Und Jaiyah Saelua, ein/e Fa’afafine, Mitglied des „dritten Geschlechts“ auf Samoa, etwas inkorrekt könnte man Transgender sagen, jedenfalls ein biologischer Mann, der wie eine Frau erzogen wurde und der/die wider alle Erwartung ins Team rutscht und zum Erfolg beiträgt.

„Next Goal Wins“ ist ein Film über Fußball, über die gesellschaftliche Bedeutung von Fußball, über Gewinnen und Verlieren und schlicht über Menschlichkeit. Großartig!

Die Frau, die singt (Incendies)

Ein Film, zu dem ich keinen Zugang gefunden habe. Ein Geschwisterpaar bekommt das Testament ihrer Mutter eröffnet. Um den letzten Willen zu erfüllen, müssen sie in den mittleren Osten reisen und entdecken dort nach und nach schlimme Familiengeheimnisse.

Das war mir alles etwas zu abrupt, ich habe keine Beziehung zu den Figuren aufbauen können und den Film einfach nicht verstanden. Ich denke, es lag an mir und meiner Müdigkeit an dem Abend, aber der Film war mir von Anfang an total egal.

Stranger Things

Kennt ihr wahrscheinlich alle schon, habt ihr jedenfalls von gehört. Stranger Things ist ein Mix aus E.T. und Horrorfilm, handwerklich toll gemacht, aber ein bisschen uninspiriert. Sehr viele Versatzstücke der Serie kennt man schon: Es gibt in Stranger Things eine Parallelwelt wie bei Inarritus „Pans Labyrinth“, das telekinetische Mädchen erinnert an „Stalker“, die Jungs auf ihrem BMX-Rädern natürlich an E.T., dann noch ein bisschen Coming of Age, ein bisschen „Signs“ und ein Monster wie ein Dunewurm mit Armen und Beinen. Spannend war’s, ich habe sieben von acht Folgen an einem Tag weggeguckt, aber am Ende fehlten mir Bedeutung, Metapher, Allegorie, Tiefe. Das war sehr nett, wirklich SEHR nett, aber es blieb reine Unterhaltung, obwohl es leicht mehr hätte werden können.

Der Marsianer

Ich hatte nicht viel erwartet und wurde nicht enttäuscht. Der Film folgt in seiner Dramaturgie vollständig dem Buch: Die Ereignisse passieren Schlag auf Schlag, nur für die Figuren bleibt keine Zeit, die so platt bleiben wie ein holländischer Fahrradweg. Obwohl der Film 2,5 Stunden lang ist, wird eine der größeren Katastrophen, die Mark Watney auf dem Mars im Buch passieren, sogar noch weggelassen. So gehetzt ist die Story. Am Ende wirkt“Der Marsianer“ wie der Film, der Mark Watney kurz vor seinem möglichen Tod vor dem inneren Auge vorbeirauscht: Ganz viele Bilder, viele Situationen, aber kein Zusammenhang und keine Tiefe. Kann man sich sparen.

Musik

Badbadnotgood: IV

Eine sehr gute Jazz-Fusionplatte, die voll auf der Höhe ihrer Zeit ist. Besonders gut gefallen mir „Time Moves Slow“, eine Kooperation mit Sam Herring von Future Islands, mit dem Badbadnotgood auch eine Coverversion des Future-Islands-Hits „Seasons“ gespielt haben (s.u.), und „Confessions Pt II“ mit dem kanadischen Saxophonisten Colin Stetson. Insgesamt ist IV zeitgemäßer Jazz in verschiedenen Spielarten, von klassisch über hiphoppig bis poppig. Sehr gut!

Weaves: Weaves

Mit dem Debüt von Weaves konnte nicht sofort etwas anfangen, bis ich es dann doch mal intensiv und aufmerksam gehört habe. Beim nebenläufigen Hören fühlt man sich schnell an Pavement und die Pixies erinnert, was ja wirklich keine schlechten Referenzen sind – nur dass es Pavement und die Pixies eben schon gab. Bei näherer Betrachtung zeigen sich aber die feinen Unterschiede, die Weaves lohnend machen: insbesondere die große Musikalität, die tanzende Leichtigkeit, die im NPR Tiny Desk Concert unten sofort offensichtlich wird, weil Weaves mit ihrem eingängigsten Song starten. Die Musikalität bleibt aber auch in den bretterndsten Passagen ihrer Musik heraushörbar.

Am Ende einfach eine sehr gute Indierockplatte.

Michael Kiwanuka – Love & Hate

Eine tolle Soulplatte, eigentlich recht klassisch, und dann doch immer wieder subtil über die Grenzen des Genres hinaus gehend. Der elegische Opener „Cold Little Heart“ kommt, vor allem in Live-Versionen, fast schon pinkfloydesk rüber. Im Schlussong „The Final Frame“ meine ich, dass die Kiwanukas Gitarre die Faith-No-More-Version von „Easy“ noch etwas mehr zitiert als das ja ohnehin schon coole Commodores-Original. Letzlich bleibt das aber immer Soul, sehr ruhiger, sehr, naja, eben: seelenvoller Soul. Und: Großartiges Video zur Mitklatschsingle „Black Man In A White World“!

Ich las, sah, hörte: Medien im Juni 2016

Bücher

Thomas Glavinic: Der Jonas-Komplex

Glavinic fällt gleich mit der Tür ins Haus und zählt im ersten Absatz auf, wie viele Personen jeder von uns ist, nämlich drei:

Erstens die, die er ist, zweitens die, die er zu sein glaubt, und drittens die, für die ihn die anderen halten sollen.

Und so treten in diesem Buch auch drei Hauptpersonen auf: Ein Ich-Erzähler, der viel mit dem erwachsenen Thomas Glavinic gemeinsam hat. Ein Ich-Erzähler, der viel mit dem pubertierenden Thomas Glavinic gemeinsam hat. Und Jonas, die Hauptfigur aus mehreren von Thomas Glavinics Büchern, unter anderem dem letzten. Ob das die drei Personenen sind, in die „Thomas Glavinic“ zerfällt, lässt Glavinic offen, aber der Gedanke liegt natürlich nahe. Ist er der ständig masturbierende jugendliche Schachmeister? Sieht er sich als die erwachsene Koksnase? Und sollen ihn die anderen für Jonas halten, den unerschöpflich reichen, mutigen Abenteurer mit der wunderschönen Freundin?

Jedenfalls erzählt Glavinic Episoden aus den Leben dieser drei Figuren. Und das ist auch das einzige, was ich diesem Buch vorwerfen muss: Es bleibt zu sehr im Episodischen, die großen Linien fehlen, auf jeden Fall hat das Buch zu viele Seiten für diese Erzählweise. Jedes einzelne der kurzen Kapitel ist sehr unterhaltsam, gut geschrieben und hinterlässt ein Bild. Aber dann kommt schon wieder das nächste. Und wieder das nächste. Am Ende finden dann die drei Linien recht nah zueinander, so dass es fast noch ein kleines Finale gibt, aber eben nur fast. Zweihundert Seiten weniger wären auch gegangen.

Doch eins kann man Glavinic nicht vorwerfen: den Leser auch nur eine Sekunde zu langweilen. Da passiert so viel in diesem Buch, es wird gehurt, gesoffen, Menschen werden irgendwo in der Welt ausgesetzt, es wird gewichst, Schach gespielt und Autos werden vor die Wand gesetzt. Nicht alles müsste sein, aber alles macht Spaß. Und am Ende fragt man sich, wie viele man eigentlich selbst ist?

Ich bleibe jedenfalls beinharter Glavinic-Fan!

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh

Ein widerwärtiges Buch. Aber das will es auch sein. Auf jeder Seite springen einen Kotze, Scheiße, Pisse, Gestank, Vaginalsekrete, in Richtung höherer Promillewerte überwundene Volltrunkenheit und mindestens völlige menschliche Verdorbenheit an – und dabei geschehen die Morde des Fritz „Fiete“ Honka erst ganz am Ende, wenn einen das Buch so sehr geschafft hat, dass das bisschen Menschenschlachten auch kaum noch eine Steigerung ist. Wahrscheinlich ist das exakt der gewünschte Effekt, und er gelingt. Aber um welchen Preis? Es ist der Preis der vollständigen Erschöpfung auch des zugeneigten Lesers, die dadurch noch verstärkt wird, dass man spürt, dass Strunk das Buch von über 600 geschriebenen auf 250 gedruckte Seiten kondensiert hat. Die entstandene Dichte ist kaum zu ertragen, aber sie sorgt auch dafür, dass ich beim Skippen durch das Hörbuch auf YouTube jeden einzelnen Satz wiedererkannte.

„Der goldene Handschuh“ ist eine Zumutung und kostet viel Überwindung. Ob es sich lohnt, muss jeder Leser für sich entscheiden. Man muss bereit sein, in die tiefsten menschlichen Abgründe zu tauchen. Wer das so intensiv erleben möchte, wie es einem Literatur ermöglicht, der ist hier richtig.

Film

Sicario

Ein großartig gemachter Film, dem allerdings der Blick für eine politische Einordnung seiner Geschichte fehlt. Die Charaktere sind jedenfalls zu unveränderlich, als dass ihre Geschichte den Film tragen könnte. Dennoch war ich begeistert, denn in einem der DVD-Extras erklärt der Regisseur, dass er so dokumentarisch sein wollte, wie es geht, ohne wirklich einen Dokumentarfilm zu machen. Das ist ihm gelungen.

Erzählt wird die Geschichte der amerikanischen Bundespolizistin Kate Macer, die in eine Spezialeinheit versetzt wird, die gegen die mexikanische Drogenmafia kämpft. Die Methoden dieser Spezialeinheit findet Macer zweifelhaft, schon bevor sie entdeckt, dass einer ihrer Kollegen noch eine persönliche Agenda verfolgt.

Was den Film so sehenswert macht, sind seine Machart und die Spannung. Die Kamera ist so nah an der Handlung, die Sets wirken so echt, die Atmosphäre ist so greifbar, dass dagegen selbst Black Hawk Down oder The Hurt Locker zurück stehen können. Besonders die Kontraste von extremer Nähe, wenn die Kamera im Auto mit durch Juarez rast, und von extremer Weite, wenn dann Luftaufnahmen den Konvoi zeigen, wie er durch die Landschaft und durch die Stadt fährt, funktionieren extrem gut. Regisseur Denis Villeneuve sagt auch, dass er die Landschaft zu einer eigenen Figur des Films machen wollte. Das ist ihm herausragend gelungen.

Ein sehr sehenswerter Film ohne große Moral. Aber vielleicht ist genau das seine Aussage zu diesem seit Jahrzehnten tobenden „Krieg gegen die Drogen“?

Musik

BRKN: Kauft meine Liebe

Andac Berkan Akbiyik, kurz BRKN, hat eine extrem unterhaltsame, deutschsprachige R’n’B-Platte herausgebracht. Besonders charmant ist der konstante Kontrast aus der Sprache und den Themen eines Berliner Vorort-Checkers und der Selbstironie und -reflexion, die die Texte haben. Dazu gute, beschwingte, abwechslungsreiche Melodien, fertig ist die Partyplatte des Jahres. Auf der Bonus-CD „L’Acoustique“ werden zwei Dinge klar: Wie gut die Songs sind, und wie gut die nicht-akustischen Versionen produziert sind – was doppeltes Lob für dieselbe Person ist, denn Berkan hat die Platte quasi im Alleingang gebastelt, inklusive Produktion. Maximale Kaufempfehlung.

Band of Skulls: By Default

Gute Rockplatte, die ihre Wirkung erst nach einem paar Mal Hören entfaltet. Die Melodien von Band of Skulls sind nicht-trivial, krallen sich dann aber umso tiefer ins Mittelohr. Hebt aber letztlich auch nicht entscheidend von vielen anderen guten Rockplatten ab und ist von den Jahres-Top-10 wahrscheinlich doch weiter entfernt, als es die Intro suggerierte.

Dam-Funk: DJ-KICKS

Finde ich, als großer Fan und Alleskäufer der DJ-KICKS-Serie, irgendwie nur mittelmäßig. Dam-Funk springt auf den 80ies-Zug auf, aber etwas zu spät und mit zu mittelmäßigen Stücken. Das ist mir alles zu ausgesucht, zu gewollt offstream, reißt mich einfach nicht mit.

Ich las, ich sah, ich hörte: Medien im Mai 2016

Bücher

Adrian Tomine: Eindringlinge

Der Erzählungsband unter den Graphic Novels. Adrian Tomine fasst hier sechs Geschichten zusammen, die er in teilweise recht unterschiedlichen Stilen über mehrere Jahre hinweg gezeichnet und veröffentlicht hat. Alle Geschichten sind episodisch, erzählen jeweils nur einen kurzen oder speziellen Aspekt aus dem Leben ihrer Hauptfiguren. Da ist beispielsweise ein Gärtner, der die „Hortiskulptur“ erfindet und damit zu Erfolg kommen möchte. Eine Studentin sieht einer Pornodarstellerin ähnlich und wird laufend mit ihr verwechselt.

Die Geschichten haben offene Enden, sind nicht auserzählt, bleiben mehr erzählerische Skizzen – aber nicht zeichnerische. Tomine ist ein großartiger Zeichner, bringt die melancholische Stimmung der Geschichten auf den Punkt.

Besonders erwähnenswert ist noch das sehr, sehr schöne Cover, das der Reprodukt-Verlag dem Buch spendiert hat: der Schutzeinband ist aus durchsichtigem Plastik und hat den Titel aufgedruckt, das Titelbild ist auf das eigentliche Hardcover gedruckt. Das macht einen schönen Effekt, ist sehr wertig und originell.

Filme / TV / Serie

Der Plan – The Adjustment Bureau

Die Liebste wählt die Filme ihres DVD-Abos auch mal nach Schauspielern auf. Nachdem ich mit der Ankündigung, die hätte da noch einen Bourne-Film mit seltsamem Titel auf die Couch gelockt worden war, stellte sich heraus, dass nicht jeder Film mit Matt Damon aus der Bourne-Reihe ist. Hier spielt Damon den Politiker David Norris, der sich in eine Tänzerin verliebt. Da läuft aber entgegen den aktuellen Plänen des Schicksals – und dieses Schicksal ist hier eine real existierende Agentur mit Agenten, die dafür sorgen, dass alles der Vorsehung folgt. Norris bekommt das mit, widersetzt sich aber zugunsten der Liebe seiner Vorsehung und wird vom Adjustment Bureau gejagt.

Der Grundgedanke ist so absurd, dass man sich schon fast wieder auf ihn einlassen kann. Leider sind die Agenten des Schicksals aber zu überzeichnet dargestellt, fast schon albern, aber auch wiederum nicht so, dass sie quasi märchenhaft als Graue Herren durchgehen würden. Am Ende wirkt der Film zu beliebig zusammengeklaut: etwas romantische Komödie, etwas Momo, etwas Inception, etwas Bruce Allmächtig. Ich war zwischendurch kurz weggenickt und habe es nicht bedauert.

Musik

Melt Yourself Down: Melt yourself down

Ich bin über eine Rezension der neuen Platte dieser Band auf ihre erste gekommen. Melt Yourself Down erinnern mich an Balkan Beat Box und ähnliche Bands, die einen Mix aus Punk, Jazz und Folklore machen. Bei MYD dominiert das Saxophon viele Songs, darunter nervöse, nordafrikanisch inspirierte Rythmen, darüber ein hochenergetischer Dance-Punk-Gesang, der teilweise wie bei Radio 4 oder The Rapture klingt. Insgesamt eine sehr gelungene Platte.

Golf: Playa Holz

Als Golf anfangen, in  „Coconut“ italienisch zu singen, frage ich mich kurz, ob Tele vielleicht einfach nur plötzlich wieder cool geworden sind? Tatsächlich ist Golf die Band aus Köln, die den Ruhm verdient hätte, den die gräßliche Platte von AnnenMayKantereit bekommt.

Alleine „Macaulay Culkin“ ist das Lied, das bitte bitte der Indie-Sommerhit dieses Jahres wird und für das sich er Kauf der Platte lohnt. Aber auch die anderen Songs sind einfach gut: gut getextet, und auf angenehme Art und Weise zwischen elektronisch und handgemacht changierend. Platte des Monats.

Medien im April 2016

Bücher

William Eggleston’s Guide

Ein grandioser, lange vergriffener, jetzt wieder verfügbarer Band eines der Pioniere der Farbfotografie. Das Vorwort ist sehr interessant, weil ich die Probleme, die sich nach der Erfindung der Farbfotografie für die Fotografen stellten und die hier geschildert werden, heute kaum noch nachvollziehen kann. Man sah sich der Herausforderung gegenüber, dass ein Himmel blau ist, dass das Blau im Bild aber kein Selbstzweck sein, sondern eben ganz natürlich zum Himmel gehören sollte. Ich kann zwar verstehen, dass Fotografen, deren Blick für Schwarzweiß-Bilder geschult war, erst mal umlernen mussten. Aber Bilder in Farbe zu haben, war kunstgeschichtlich ja nichts grundsätzlich Neues, schließlich wurden Bilder seit Jahrhunderten in Farbe gemalt.

Jedenfalls macht William Eggleston in diesem Band vor, wie Farbe in der Gestaltung von Fotografien eingesetzt werden kann, und er tut das so meisterhaft, dass der Ruf dieses Buchs kein bisschen übertrieben ist. Egglestons Motive sind oft banal oder sogar belanglos: Es geht um die Farbe. Aber natürlich zeigte auch die Wahl der Motive eine Haltung, die er bspw. mit Stephen Shore gemeinsam hatte, und die den Weg für die moderne, künslerische Fotografie ebnete.

Ein weiterer Grund, diesen Band zu erwerben, ist, seine großartige Machart: Das Papier ist sehr hochwertig, die Fotos wurden alle neu von den Negativen eingescannt, und der Einband ist ein kleines, leicht cheesiges Kunswerk aus Lederstruktur, einem aufgeklebten Foto und dem goldgeprägten Titel. Großartig!

Traumschönes Cover: Lederstruktur, Goldprägung und aufgeklebtes Foto! #eggleston

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Film/TV/Serie

American Crime Story, Season 1: The People vs. O.J. Simpson

Eine okaye Nacherzählung des OJ-Simpson-Gerichtsprozesses. Die Serie bezieht ihre Spannung aus dem unfassbaren Verlauf der Handlung, für die sie aber ja nichts kann. Die Machart ist sehr konventionell, die schauspielerischen Leistungen sind wechselhaft: Sarah Paulson als Staatsanwältin Marcia Clark ist großartig, Kenneth Choi als Richter Ito und Cuba Gooding Jr. als OJ sind in Ordnung, John Travolta gibt den Verteidiger Robert Shapiro als grimassierende Knallcharge. Ich war in den Details des Falls nicht mehr drin, so dass sich die Serie für mich gelohnt hat. Wenn man sich für die Sache nicht so interessiert, kann man sich auch die Serie sparen.

The Walking Dead, Season 6.2

Die zweite Hälfte der Staffel war etwas besser als die erste, Aber die letzte Folge riss mit dem Arsch ein, was die Serie sich bis dahin an Kredit wieder erarbeitet hatte. Die war nämlich unglaublich zäh, gestreckt. Besonders die abschließende Rede, mit der der neue Oberbösewicht Negan eingeführt wird, will nicht enden. Das hätte jeder James-Bond-Bösewicht kürzer gemacht. Natürlich werde ich Staffel 7 wieder einschalten, aber wenn es so weitergeht wie jetzt, dann sehe ich mein Interesse schwinden.

Fear The Walking Dead, Staffel 2, Folge 1

Weiter als bis zur ersten Folge der zweiten Staffel habe ich es nicht geschaft. Das ist alles fürchterlich uninspiriert und interessiert mich nicht die Bohne. Insbesondere haben es die Macher nicht geschafft, dass ich, obwohl ich die komplette erste Staffel gesehen habe, auch nur mit einer einzigen Figur mitfühle. Die gehen mir alle komplett am Arsch vorbei, ich erkenne sie nicht mal wieder, so farblos sind sie.

Ex-Machina

Großartiger Film, wenn auch mit etwas vorhersehbarer Story. Das ist aber egal, weil der Film eine tolle Atmosphäre transportiert, seine Visual Effects sparsam und sinnvoll einsetzt und durch ihre Perfektion nicht in den Vordergrund stellt. Wie Alicia Vikander einen Roboter mit menschlichem Bewusstsein entstehen lässt, ist sehr beeindruckend. Es sind nur ganz kleine Bewegungen, nur Andeutungen, mit denen sie Ava vom vollends Menschlichen distanziert. Sehr sehenswert!

Musik

Jonathan Richman & The Modern Lovers: The Beserkley Collection

Ich kannte Jonathan Richman nicht, obwohl mir der „Egyptian Reggae“ natürlich geläufig war. Aber was für ein großartiger Künstler da bisher an mir vorbei gegangen war, wurde mir erst klar, als ich „Dodge Veg-O-Matic“ hörte: Da war ein Song, der ganz offensichtlich den großartigen, von mir sehr geschätzten Violent Femmes für eine ganze Karriere reichte. Richman aber ist viel breiter aufgestellt, begann unter dem Einfluss der Velvet Underground, machte kindliche Lieder und Texte („Ice Cream Man„) und begründete den Anti-Folk. Ich bin sehr froh, Richman jetzt auch zu kennen!

Masha Qrella: Keys

Eine ganz, ganz tolle Pop-Platte!

Diverse: The Ladies of Too Slow To Disco

Ist mir egal, ob Ladies oder Gentlemen singen, aber die „Too Slow To Disco“-Serie trägt auch in der dritten Ausgabe und kann von mir aus noch lange so weitergehen!

Udo Lindenberg: Ball Pompös

Nachdem die Liebste Udo Lindenberg entdeckt und begeistert in ihr Leben aufgenommen hat, habe auch ich ein paar frühe Platten von Udo studiert. Bisher besaß ich persönlich nur die „Intensivstationen“ und liebe sie bis heute. Die „Ball Pompös“ steht jetzt gleichrangig daneben. Was für ein großartiger Texter Lindenberg ist, merkt man vor allem dann, wenn er ernste Themen beschreibt: „Leider nur ein Vakuum“ kann mich fast zu Tränen rühren. Lindenberg braucht nur ein paar Zeilen, um die ganze Leere einer gescheiterten Existenz zu beschreiben, und das Bild von den „schnellen Stiefeln“ hakt sich sofort für immer in eine Kleinhirnwindung ein.

Medien im März 2016

Film/DVD/Serie

American Crime, Season 2

Ganz, ganz großartiges Fernsehen, das etwas hat, das vielen anderen Serien fehlt: Relevanz. Gesellschaftliche Relevanz. Zeitgeschichtliche Relevanz. Menschliche Relevanz. Ich kann American Crime wirklich nicht hoch genug loben!

Die zugrunde liegende Handlung hatte ich im Januar schon angerissen: Ein männlicher Teenager wird angeblich von seinen Mitschülern einer elitären Privatschule vergewaltigt. Die Serie verhandelt die sich darum rankenden gesellschaftlichen Themen: Von der Akzeptanz von Homosexualität über die Frage, ob es Vergewaltigungen an Männern überhaupt geben kann bis hin zu Rassismus, der schon die erste Staffel prägte, und zu Gewalt an Schulen, auch Waffengewalt.

Ihren größten Moment hat die Serie, als einer spätere Folge mit echten Interviews mit Lehrern aus Columbine beginnt, oder mit einer Mutter, deren Sohn sich umbrachte, weil er wegen seiner Homosexualität an der Schule gemobbt wurde. Auf ihren Vorschlag, dass er die Schule wechseln könne, antwortete er ihr: „Es ist nirgendwo okay, schwul zu sein.“ Dieser plötzliche Einbruch der echten Welt in die Fiktion ist nicht so weit her geholt, wie er das in manch anderer Serie wäre. Er liegt eigentlich sogar sehr nahe.

Und er macht noch einmal deutlich, wie herausragend die Schauspieler in American Crime sind. Denn man kann sich erst nach den Einblendungen halbwegs sicher sein, dass es sich hier um echte Menschen in echten Interviews handelt. An der Darstellung merkt man es nicht. Man möchte fast keinen der Schauspieler für seine Leistung hervorheben, lediglich Lili Taylor als Mutter, Connor Jessup als vergewaltigter Teenager und Joey Pollari als Kapitän des Basketballteams und einer der Verdächtigen haben sich ein sechstes Sternchen verdient, alle anderen Darsteller kommen eh locker auf fünf.

Angeblich ist es fraglich, ob es eine dritte Staffel von American Crime geben wird. Also könnte die Serie das Schicksal von „Boss“ teilen und nach der zweiten, großartigen, inhaltlich deprimierenden Staffel abgesetzt werden. Ich hoffe aber noch.

Baskets, Season 1

Ich wollte Baskets wirklich so gerne mögen. Aber ich finde die Folgen einfach langweilig, ihnen fehlt Handlung, ihnen fehlt auch dramaturgische Struktur, mal ein Höhepunkt, mal eine ruhige Phase. Die echten Lacher sind zu selten, um die Serie zu tragen, die Handlung eben auch. Am Ende bleibt mir da nicht genug.

Borgen, Staffel 2

Habe ich am langen Osterwochenende weggeguckt. Borgen ist tatsächlich das dänische West Wing, auch von der Machart her: topmodern ist das nämlich nicht, auch wenn die zweite Staffel Borgen von 2011 ist. Die Folgen bleiben sehr im Episodischen. Folgenübergreifende Handlungen gibt es zwar auch, aber sie betreffen nicht das Kernthema der Serie, sondern eigentlich ausschließlich das Privatleben der Figuren: Beziehungen, Liebesgeschichten, Familiäres. Das war bei Liebling Kreuzberg vor 30 Jahren auch nicht anders.

Die Stories, die in den Episoden erzählt werden, sind allerdings so packend, die einzelnen Folgen so mitreißend erzählt, dass man Borgen diesen Makel problemlos verzeiht. Obwohl es keine Cliffhanger gibt, nicht mal am Ende des ersten Teils der einzigen Doppelfolge, wollte ich die nächste Folge immer sofort sehen, einfach weil sie wieder vergleichbar gute Unterhaltung versprach.

Ich freue mich auf Staffel 3, auch wenn es schon die letzte ist, die von Borgen gedreht wurde.

Prisoners

Der Film war 2013 völlig an mir vorbei gegangen, ich hatte noch nie von ihm gehört, bevor er an Ostern im Fernsehen lief. Die Story gefiel mir gut, bis auf das Ende.

Es wäre grundsätzlich eine klassische, etwas ausgelutschte Selbstjustizgeschichte, vermischt mit einem Spritzerchen Gruselthriller – wenn hier nicht der eine Vater der vermissten Kinder, gespielt von Hugh Jackman, der das Recht in die eigene Hand nehmen möchte, so ein ausgemachter Unsympath wäre. Vielleicht auch durch seine verzweifelte Lage dazu gemacht wird. Und wenn das Objekt seiner vermeintlichen Gerechtigkeit nicht möglicherweise unschuldig, jedenfalls aber selbst hilfsbedürftig wäre. So ist man hin und her gerissen zwischen Mitgefühl mit einem Vater, der seine entführte Tochter finden möchte, und einem Grenzsadisten, der in seiner Verzweiflungn zu weit geht.

Bis 15 Minuten vor dem Ende ist das toll gemacht, mit großer Spannung. Doch dann kommt eben dieses Ende, und es ergibt sich eine Auflösung, die leider schon in zu vielen Derrick-Episoden verwendet wurde. Und die letzten 60 Sekunden sind dann noch mal unglaubwürdiger. Das Ende kann den guten Film nicht ganz verhunzen, lässt einen aber erst mal enttäuscht zurück. Wenn man vorgewarnt ist, lohnen sich die guten, satten 2 1/4 Stunden davor trotzdem.

Bücher

Jean-Philippe Toussaint: Fußball

Ein dünnes Bändchen, auch noch groß gedruckt, in dem der belgische Autor, der hierzulande nicht so berühmt ist wie in seiner Heimat, von seine Hinwendung zum Fußball und von seiner Liebe zum Spiel als Fan berichtet. Aufgehängt ist das Buch an den letzten Fußball-Weltmeisterschaften, anhand derer Toussaint seine Erlebnisse beschreibt, die er teilweise vor Ort, teilweise zuhause vor der Glotze erfährt.

Da gibt es schöne Passagen, beispielweise seine Erlebnisse in Japan. Da gibt es eine herausragende Passage, die auch in allen Rezensionen hervorgehoben wird, wie er eine WM in seinem Haus auf Korsika eigentlich ignorieren möchte, um an einem Buch zu arbeiten, dann aber doch die Nerven verliert, sich ein Online-Abo besorgt, nachts auf dem Laptop Fußball guckt, bis bei einem Unwetter erst das Internet, dann komplett der Strom ausfällt und er am Ende mit einem batteriebetriebenen Transistorradio da sitzt. Das ist eine sehr, sehr schöne Schilderung echten Fanseins, in der ich mich auch schriftstellerisch hohem Niveau voll wiedergefunden habe. Alleine für dieses Kapitel lohnt sich das Buch schon.

Ltoussainteider gibt es aber auch Stellen, die trotz des ohnehin geringen Umfangs des Buchs, gestreckt wirken: Passagen über eine nicht besuchte WM, die nichts mit Fußball zu tun haben.

Als echter Fußballfan lohnt sich „Fußball“, man muss aber für die paar Seiten die verlangten 17,90 € auch wirklich ausgeben wollen und darf nicht auf Masse, dafür auf punktuell große Klasse hoffen.

Sehr schönes Cover übrigens!

Marc-Antoine Mathieu: 3 Sekunden

Eine Graphic Novel, die sich nur schwer erklären lässt. Man folgt als Leser quasi dem Weg eines Lichtstrahls. Jedes Bild ist so ein bisschen weiter in die beobachtete Szenerie reingezoomt. Einen besonderen Dreh bekommt das ganze dadurch, dass jeder Zoom irgendwann auf einer spiegelnden Oberfläche landet und dann weiter in die Reflexion eintaucht, dann in die Reflexion in der Reflexion und so weiter. So kommt der Lichtstrahl aus jeweils verschiedenen Blickwinkeln an mehreren Szenen vorbei, die durch die hohe Geschwindigkeit des Lichtstrahls Standbilder sind, und sich erst dann ein ganz kleines bisschen weiter bewegt haben, wenn sie der Lichtstrahl evtl. nach zehntausenden von Kilometern noch einmal passiert. Wie gesagt: schwer zu erklären.

Einen erzählerischen Dreh bekommt das Buch dadurch, dass alle Szenen zusammen die Geschichte eines Verbrechens erzählen, das sich erst nach und nach enthüllt, dessen Zusammenhänge und Hintergünde erst im Verlauf des Buchs klar werden.

Vielleicht ist das alles auch etwas überkonstruiert, aber es ist mit viel Liebe und zeichnerischem Können gemacht. Ein Buch, das man mehrmals lesen muss, um es voll zu verstehen.

(Danke für’s Ausleihen, Dirk!)

Randall Munroe: Der Dinge-Erklärer

Meinen Lesern muss ich zu diesem Buch wahrscheinlich nicht viel erzählen: Randall Munroe erklärt komplizierte Dinge ausschließlich mit den 1.000 meistbenutzten Wörtern der englischen Sprache. In der deutschen Ausgabe gibt es eine lesenwerte Erläuterung der Übersetzer. Nimmt man die 1.000 häufigsten deutschen Wörter? Ist es dann noch eine Übersetzung, wenn doch ein Wort wie „power“ mal als Energie, dann als Strom, dann als Macht übersetzt werden muss,  die aber nicht unbedingt alle unter den 1.000 gebräuchlichsten deutsche Wörtern sind?

Auch sehr witzig ist, dass „nine“ als einzige Zahl zwischen ein und zehn nicht zu den 1.000 häufigsten englischen Wörtern gehört. „Neun“ wäre im Deutschen erlaubt gewesen, die Übersetzer haben sich aber entschieden, darauf zu verzichten, um Munroes Umschreibungen als Running Gag zu retten. Ich habe mich gefragt, ob evtl. das Benfordsche Gesetz für diese Seltsamkeit verantwortlich ist?

Am Ende gibt es im Dinge-Erklärer Gegenstände, bei denen das Konzept nicht unbedingt trägt, die durch die Beschränkung eher schwerer zu verstehen sind. Andere Dinge gewinnen großen Witz, bspw. die Beschreibung eines Baums mit darin wohnendem „Baum-Springer“.

Aber natürlich lohnt sich ein Munroe-Buch am Ende immer!

Musik

Brian Fallon: Painkillers

Solo-CD des Frontmanns von The Gaslight Anthem. Leider offenbart die Platte, dass es Fallon ist, der dafür verantwortlich ist, dass The Gaslight Anthem über die Jahre immer seichter wurden. Painkillers ist Mainstream-Radio-Mucke. Gut zum Autofahren, aber auch nicht zu mehr.

Moodymann: DJ-Kicks

Neue DJ-Kicks kaufe ich ja blind, so auch diese, und ich bin wieder nicht enttäuscht worden. Moodymann ist ein House-DJ, der hier entspannte Mucke verschiedener Stilrichtungen zusammenmischt: viel Soul, ein bisschen Hip-Hop, ein bisschen House, Trip-Hop und Genreübergreifendes. Niveauvoll und entspannt.

AnnenMayKanterei: Alles Nix Konkretes

Ich wurde stutzig, als ich die CD in den Computer legte, um sie zu rippen, und mir die CDDB als Genre anzeigte: „Blues“. Das könnte natürlich ein Scherz gewesen sein, aber ich befürchte, dass das Zielpublikum von AnnenMayKantereit das ernst meint. Für BWL-Erstsemester ist das Blues. Und für Menschen, deren größtes Problem im Leben es ist, im neuen WG-Zimmer die Umzugskisten noch nicht ausgepackt zu haben, auch.

Ich bin auf AnnenMayKantereit hereingefallen. In ihren YouTube-Videos ist unglaublich beeindruckend, wie diese Stimme aus diesem schmalen Jünglein herauskommt. Singen kann der. Aber komponieren nicht, und seine Kollegen leider auch nicht. Das bleibt völlig beliebig, belanglos, unoriginell. Drei, vier gute Textzeilen auf der kompletten CD reißen es auch nicht raus.

Schon wieder verkauft. Don’t believe the hype.