Für die Sozialisierung Sozialer Medien

Es ging eine Welle der Empörung durch’s Web, als Twitter erklärte, dass es sich vorbehält, die Nutzung seiner API einzuschränken, wenn und für wen es ihm gefällt. Für eine unterstützenswerte Alternative zu Twitter wird nun verschiedentlich app.net gehalten, weil sich der Betreiber als Plattformanbieter versteht und nicht als Dienstanbieter.

Doch letztlich greift auch das zu kurz. Denn es ist meiner Ansicht nach klar: Die Infrastruktur zur Vermittlung von Diensten gehört, pathetisch gesprochen, in die Hände des Volkes.

Eine Analogie: Twitter verhält sich wie ein privater Anbieter von kostenlosen Straßen, der selbst auch ein Auto herstellt. Irgendwann hat er keinen Bock mehr auf die ganzen Volkswagen und Opel auf seinen Straßen, also schränkt er die Nutzung auf 100 VW und 50 Opel pro Stunde ein, damit mehr Menschen seine eigenen Autos kaufen. Außerdem verlangt er, dass die Radios aller Autos auf seinen Straßen die von ihm ausgestrahlten Werbesendungen wiedergeben.

App.net ist im Gegensatz dazu ein privater Straßenanbieter, der verspricht, niemals selbst ein Auto herzustellen. Das freut die Autohersteller, die sich auf diese Zusage aber nicht verlassen können. App.net verlangt im Gegensatz zu Twitter eine Gebühr für die Nutzung seiner Straßen. Diese Gebühr kann sich in Zukunft erhöhen, das Modell kann sich ändern, oder App.net schließt die Straße komplett, spätestens wenn das Unternehmen pleite geht.

In der echten Welt machen wir es anders: Unsere Straßen gehören allen, sie können von allen genutzt werden und sind aus Steuermitteln bezahlt. (Im Ausland werden Straßen teilweise für bestimmte Zeiträume an private Anbieter vermietet, die dann Nutzungsgebühren erheben dürfen. Sie müssen aber dafür sorgen, dass die Straße erhalten bleibt und können sie nicht einfach schließen. Und ginge so ein Maut-Unternehmen pleite, bliebe die Straße dennoch erhalten und fiele dann eben zurück an den Staat, also an die Gesellschaft.)

Ich plädiere dafür, dass wir mit der Vermittlung von Social-Media-Aktivitäten genauso umgehen wie mit Straßen und wie mit der Vermittlung von Informationen im Internet generell: Die Infrastruktur sollte allen gehören. Und alles, was es dazu meiner Ansicht nach braucht, ist ein Konsens der Nutzer zur Einführung einer Social Markup Language (SML). Die Infrastruktur gibt es nämlich schon: Sie heißt Internet, und sie gehört uns allen.

Wie ist die Vermittlung von Social-Media-Aktivitäten im Moment organisiert? Verschiedene Anbieter bauen zentrale Server auf. Die Nutzer bauen zu jedem dieser zentralen Server Verbindungen auf, um Nachrichten zu senden oder zu empfangen.

Zentrale Serverstruktur zur Vermittlung von Social-Media-Aktivitäten
Zentrale Serverstruktur zur Vermittlung von Social-Media-Aktivitäten

Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre es, wenn die Nutzer sozialer Netzwerke nicht mehr auf zentrale Server angewiesen wären, sondern wenn sie selbst Server aufbauen könnten, mit denen sie beispielsweise Twitter-, Facebook- oder G+-Nachrichten vermitteln.

Dezentrale Serverstruktur zur Vermittlung von Social-Media-Aktivitäten
Dezentrale Serverstruktur zur Vermittlung von Social-Media-Aktivitäten

Aber natürlich wäre das nur der halbe Weg (und würde von Twitter und Co vermutlich nicht unterstützt werden). Gäbe es nämlich eine Social Markup Language, mit der Social-Media-Aktivitäten einheitlich beschrieben werden könnten, dann könnte jeder Nutzer prinzipiell einen eigenen Social-Media-Server betreiben, der diese Sprache spricht und auf dem beliebige Dienste laufen könnten, möglicherweise auch selbstgeschriebene. Und alle diese Dienste könnten die Aktivitäten des Nutzers aggregiert und in einer einheitlichen Sprache formuliert an den Server jedes anderen Nutzers vermitteln, der darauf zugreifen möchte und ggf. zugelassen wird.

Dezentrale Serverstruktur mit einheitlicher Sprache zur Vermittlung von Social-Media-Aktivitäten
Dezentrale Serverstruktur mit einheitlicher Sprache zur Vermittlung von Social-Media-Aktivitäten

Natürlich muss der SM-Server jedes Nutzers nicht ein eigenes Blech sein, sondern jeder Webprovider könnte Endnutzern diesen Service anbieten, wie es heute mit HTTP- oder Mailservern geschieht.

Zusätzlich benötigt es dann nur noch eine einheitliche Art und Weise, diese Social-Media-Server und die möglicherweise verschiedenen Nutzer darauf zu adressieren. Mein Wissen über Protokolle reicht nicht aus, um zu beurteilen, ob dazu bestehende Email-Adressen verwendet werden könnten. Extrem praktisch wäre das jedenfalls.

Insgesamt würden Social-Media-Aktivitäten so dem Betrieb privater Anbieter entzogen, vielmehr würde der Austausch von Social-Media-Nachrichten den gleichen Status erhalten wie der Austausch von Emails, der auch nicht an einzelne Anbieter gebunden ist, sondern dezentral auf Servern läuft, die jeder Webmaster leicht aufsetzen kann.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich bei diesem Vorschlag entscheidende Aspekte übersehen habe. Beispielsweise weiß ich nicht, ob eine dezentrale Struktur nicht deutlich mehr Traffic verursachen würde als eine zentrale Struktur, und ob so nicht die Last auf dem SM-Server oder auf den Leitungen ungebührlich hoch werden könnte.  Ich bitte herzlich um Kommentare!

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Wie Bwin die Daytrader ausbremst

Während des heutigen Spiels von Fortuna Köln in der Regionalliga West saß neben mir ein junger Mann, der über die komplette Spielzeit in sein Handy sprach. Das hörte sich dann ungefähr so an: “Away attack. Home save. Home attack. Home offside. Away freekick . Taken. Away attack. Home save. Home attack. Home danger. Home shot wide, away goal kick, standby. Taken. Away attack.” Er beschrieb also seinem Gesprächspartner schematisch die Spielsituationen: Wer greift gerade an, wer bekommt einen Freistoß zugsprochen, wer hat sich dem gegnerischen Tor gefährlich genähert.

Ich fragte mich neugierig, für welche asiatische Wettmafia der Kollege wohl unterwegs sei, also sprach ich ihn nach dem Spiel an: Ganz falsch hatte ich nicht gelegen, allerdings arbeitete er für die andere Seite, nämlich die Wettanbieter, in diesem Fall Bwin. Die bieten nämlich während laufender Spiele Live-Wetten an, beispielsweise kann man tippen, wer das nächste Tor schießt. In der Vergangenheit hatten sich nun wohl Wetter mit Laptop und UMTS-Karte ins Stadion gesetzt, auf eine Spielsituation gewartet, in der etwa ein Spieler frei auf das Tor zuläuft – und just in diesem Moment darauf gewettet, dass seine Mannschaft das nächste Tor schießt.

Eines der entscheidenden Worte im Spielkommentar meine Sitznachbarn war also „danger“: In diesem Moment sperrt nämlich Bwin die Torwette und zerstört so den „Daytradern“ der Wettbranche die Geschäftsgrundlage. So wie Daytrader an der Börse versuchen, sehr oft am Tag kleinste Kursschwankungen auszunutzen, anstatt auf langfristige Kursentwicklungen zu spekulieren, so versuchen diese Spieler nicht, ihren Gewinn über das Vorhersagen von Ergebnissen zu machen, sondern aus den Mikroschwankungen des Spielgeschehens einen Vorteil zu ziehen.

Bwin bietet Wetten bis hinunter zu Oberligaspielen an. An jedem Wochenende können sich also wohl viele Dutzend Studenten ein Zubrot verdienen, indem sie Wettanbietern dabei helfen, ihre Gewinne zu optimieren.

Wenn die Taxi-Trolle kommen

Es scheint ein sicheres Rezept zu sein: Schreib etwas über Taxi-Apps, und die Taxi-Trolle sind dir sicher.

Da ist zunächst der Taxi.eu-Troll: Er wirbt relativ offen und durch die Auflistung von Städten auch suchmaschinenoptimiert für seine App. Auch wenn er sich nicht als Lobbyist von Taxi.eu zu erkennen gibt (seine IP stammt von Versatel): Damit könnte ich fast leben.

Und dann ist da noch ein Kommentar einer „Bianca F.“ von einer IP, die, soweit sie dort veröffentlicht ist, identisch mit derjenigen ist, die bereits bei netzwertig.com auffiel, als von ihr aus mehrere myTaxi-kritische Kommentare unter verschiedenen Pseudonymen abgegeben wurden. Die IP-Adresse von Bianca F. verweist über eine GmbH auf die Berliner Konkurrenz vom „Quality Taxi“.

Und nun ein Fun Fact: Für Quality Taxi und Taxi.eu zeichnet derselbe Betreiber verantwortlich, die Taxi Pay GmbH.

Die Emailadresse schließlich, die von „Bianca F.“ angegeben wird und in der WordPress-Administration sichtbar ist, enthält einen vollständigen Namen. (Von mir ist nicht verifizierbar, ob es sich um den tatsächlichen Namen der Kommentatorin handelt). Unter diesem Namen gibt es einen (von mir ebenfalls nicht als zu einer echten Person gehörig verifizierbaren) Facebook-Account einer selbständigen „Social Media Mangerin“ aus Berlin.

Wenn man aus dem Ganzen eine Schlussfolgerung ziehen will, dann wohl diese: Im Taximarkt ist noch Geld zu holen, und dieses Geld will die Taxi Pay GmbH mindestens der Konkurrenz von myTaxi streitig machen.

UPDATE: Hinter der Taxi Pay GmbH steht die große Berliner Taxifunkzentrale. Jedenfalls bitte die hier darum, Zahlungen an sie auf ein Konto zu tätigen, das der Taxi Pay GmbH gehört: http://www.taxifunkberlin.de/intern/gebuehren.php

Mein myTaxi

Felix hat heute Nacht zum ersten Mal myTaxi ausprobiert und berichtet, wie zufrieden er war, dass es einfach geklappt hat. Vorgestern habe auch ich meine erste myTaxi-Bestellung aufgegeben – allerdings nur, weil es mir vorgestern nicht gelang.

Ich war von Donnerstag auf Freitag in Berlin gewesen (When in Rome, formulier as the Romans do), wollte mir am Donnerstag Abend ein Taxi ins Hotel bestellen und bei dieser Gelegenheit die myTaxi-App auf meinem Android-Fon ausprobieren, die ich bereits vorher installiert gehabt hatte. (Was nimmt der Berliner denn eigentlich, wenn tatsächlich das Plusquamperfekt nötig ist?) Es gelang mir nicht und ich fand es auch kompliziert und buggy.

Zunächst musste ich, klar, den eigenen Standort angeben: Dazu bekommt man als Default-Methode vorgeschlagen, einen Punkt auf einer Karte zu verschieben, was in einer fremden Stadt schwierig ist, in der man sich nicht auskennt. Die Variante, den Standort durch Eingabe der Adresse zu ändern, funktionierte bei mir einfach nicht. Also irgendwann doch orientiert und die Karte an die richtige Stelle verschoben, was schon nervig genug war, zudem auch noch, weil sich der aktuell markierte Standort beim Zoomen der Karte immer wieder verschiebt. Dann ging ich auf „Bestellen“ – und bekam erst mal ein Optionsmenü, in dem ich meinen Namen angeben sollte. Das tat ich, allerdings wurde mir kein Weg angeboten, auf dem es nun wieder zur Bestellung gehen sollte. Zurück brachte mich auch nicht zur Bestellung, da war einfach kein passender Button.

An dieser Stelle brach ich die Scheiße ab und ging den Alternativweg: „Taxiruf Berlin“ googlen, die 030 202020 wählen, bei einer sehr freundlichen Telefonistin ein Taxi zu meiner Adresse bestellen, das nach 4 Minuten vor Ort war. Zwischendrin bekam ich sogar noch eine SMS, dass das Taxi nun noch 2 Minuten brauchen werde. Eingestiegen, ins Hotel gefahren, angenehmes Transaktionserlebnis gehabt!

Am Freitag, ich wollte zum Flughafen, probierte ich es dann noch einmal mit myTaxi. Ich stellte meine Abholadresse ein, ging auf Bestellen und wählte in den Optionen „Flughafenfahrt“ und „Kreditkartenzahlung“. Nach dem Klick auf den Zurückbutton (eine explizite Bestätigungstaste bietet der Dialog nicht) sah ich den Spinner, weiter den Spinner, und weiter. Irgendwann beendete ich die Applikation, begann erneut, quittierte irgendwann tatsächlich die Verbindlichkeit meiner Bestellung – und bekam ca. 10 Sekunden später eine Nachricht, dass mein Fahrer angekommen sei. Ich blickte aus dem Fenster, sah ein Taxi vorbeifahren und fluchte. Auf dem Weg nach unten versuchte ich, die bei mir immer noch aktive Bestellugn zu stornieren, wählte „abbrechen“, hatte aus dem Augenwinkel gesehen, dass sich da auf der Kartenansicht doch ein Taxisymbol näherte, und bestätigte den Bestell-Abbruch nicht, sondern cancelte. Anschließend war meine myTaxi-App in einer Endlos-Schleife gefangen, nichts ging mehr außer dem Spinner, die Karte verharrte in Kreuzberg, bis ich gerade eben, lange wieder in Köln, das Telefon neu startete.

Tatsächlich war die Nachricht, dass mein Taxi angekommen sei, nämlich einfach falsch, möglicherweise auch durch einen Bedienfehler des Fahrers. Der kam dann, brachte uns zum Flughafen und akzeptierte meine Kreditkarte, obwohl sein elektronisches Gerät kaputt war und er die Nummer von Hand in ein Formular übertragen musste. (Das hatr noch kein Kölner Taxifahrer jemals für mich gemacht, bei denen das Ritschratsch-Teil angeblich immer kaputt ist und die dann auf Barzahlung bestehen.)

Mich hat die myTaxi-App unterm Strich kein bisschen überzeugt. Mir ist auch nicht klar, was der Vorteil gegenüber einer Telefonbestellung sein soll, mit der einzigen Ausnahme, dass ich die Anfahrt des Taxis live verfolgen kann. Wenn ich aber die Dauer bis zur Ankunft des Wagens mit hinreichender Präzision mitgeteilt bekomme, reicht mir das eigentlich. Der Rest ist Spielerei.

Außerdem hat die App weitere Probleme: Das Tooltip an meinem Location-Icon überlagert die Icons von Taxis in der Umgebung und geht auch nicht weg. Und wenn ich bei meinem HTC Desire Z die Tastatur öffne, um meine Adresse einzugeben, dann stelle ich fest, dss die App nicht in den Landscape-Modus umschaltet, ist wahrscheinlich einfach nicht vorgesehen.

Ich bleibe vorerst bei der Telefonbestellung.

Ich bin SurfGuard! (Zur Verteidigung der Anonymität gegen Jaron Lanier)

Netzpessimismus scheint gerade einen Aufschwung zu erleben: Schirrmacher, Gaschke, Lanier. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass sich der Aufschrei in den Blogs in Grenzen hielt. Auf Susanne Gaschkes Buch schrieb Felix eine schöne, fundierte Kritik, auf Jaron Laniers FAZ-Artikel antwortete Marcel Weiss auf netzwertig.com. Darin legte Marcel schon völlig richtig dar, dass der zentrale Anwurf Laniers, die „Digitalisten“ (Gaschke) hätten eine Agenda, unbegründet ist, jedenfalls von Lanier mehr als rhetorischer Trick verwendet wird, als dass er zur Klärung der Sache beitrüge.

Auf ein nachfolgendes Interview, das Lanier dem Spiegel gab, gibt es bislang erst eine Antwort – dabei finde ich dieses Interview viel interessanter als Laniers FAZ-Essay. Denn hier offenbart sich, wer in dem Streit zwischen Internetoptimisten und –pessimisten denn derjenige mit der Agenda ist.

Wer schließlich die schon seit vielen Jahren erkennbare Richtung positiv bewertet, in die sich das Web und ein paar angeschlossene Branchen entwickeln, der braucht nicht wirklich eine Agenda: Er kann sich stattdessen einfach zurücklehnen und den Dingen ihren Lauf lassen. Natürlich gibt es Menschen, die sich trotzdem bemühen, einen theoretischen Überbau zu schaffen, und zu denen würde ich mich auch zählen. Aber man darf hier Ursache und Wirkung nicht verwechseln: Die Ursache ist eine tatsächlich stattfindende Entwicklung, die Wirkung sind die nachträglichen Versuche ihrer Rechtfertigung. Diejenigen hingegen, die Gefahren oder auch nur Probleme beispielsweise im Social Web und in P2P-Technologien sehen, müssen eine gut begründete Agenda haben, weil sie den absehbaren Lauf der Welt ändern wollen.

Daran ist erst mal nichts Schlechtes, aber es gehört zur Redlichkeit dazu, zu dieser Wahrheit auch zu stehen. In dem Interview mit Jaron Lanier, der mir zuvor übrigens kein Begriff war, werden die Punkte seiner eigenen Agenda nun aber deutlich klarer als in seinem Essay, der sich noch zu sehr damit beschäftigt, die vermeintlichen Ziele seiner Gegner erst zu konstruieren und dann zu zerlegen.

Es beginnt mit einem Punkt, zu dem zu äußern mich schon lange drängte. Denn der Vorwurf ist immer derselbe, und er wird mit großer moralischer Pose vorgetragen, dabei ist er doch so einfach zu entkräften. Es geht um „Anonymität“. Man beachte die Anführungszeichen, denn tatsächlich ist das, was von Webpessimisten als „Anonymität“ bezeichnet wird, gar keine. Es gibt im Web echte Anonymität, beispielsweise auf 4chan, über deren Berechtigung man noch tatsächlich streiten kann. Diese Form von echter Anonymität ist aber in der Regel gar nicht gemeint, wenn Lanier sagt:

Die Anonymität spielt eine große Rolle. Wer anonym ist, muss keine Konsequenzen fürchten und erhält dennoch unmittelbare Genugtuung. Da wird ein biologischer Schalter umgelegt, und es entsteht eine richtige Meute. Das lässt sich auch in anderen Lebensbereichen beobachten. Wann immer sich Menschen mit einem starken gemeinsamen Glaubenssystem zusammenschließen, tritt meistens das Schlechteste zutage.

Mal abgesehen davon, dass hier mal wieder auf so perfide wie unbelegte Art und Weise eine phänomenologische Beobachtung (Menschen wollen im Internet „anonym“ sein) als Wirkung einer Absicht, sogar eines „Glaubens“ diskreditiert werden soll, vernachlässigt Lanier völlig die hinter der Anonymität stehende gesellschaftliche Notwendigkeit und das persönliche Bedürfnis.

Warum schreibe zum Beispiel ich in diesem Blog als SurfGuard und nicht unter meinem bürgerlichen Namen? Ganz einfach: Weil dieses Blog meine Ansichten als Privatperson wiedergibt. Das Pseudonym ermöglicht es mir, mit einer persönlichen Meinung öffentlich aufzutreten, diese Meinung aber von der anderen wichtigen Sphäre meines Lebens getrennt zu halten: dem Arbeitsleben.

Wenn ich zu einem Kunden fahre und mit ihm vor einem Termin noch etwas Smalltalk mache, dann werde ich  ihm nicht meine Ansichten über Privacy oder die Piratenpartei oder die Auswirkungen von Testosteron auf das Sozialverhalten von Menschen ausbreiten. Überhaupt werde ich mich mit Kunden oder auch anderen Menschen, zu denen ich keine persönliche Beziehung habe oder aufbauen will, nicht über politische, religiöse oder gesellschaftliche Themen unterhalten. Das lehrt schon der kleine Knigge. Mit meinen Freunden dagegen tue ich das natürlich sehr wohl.

Das Pseudonym „SurfGuard“ ermöglicht es mir, meine private und meine berufliche Sphäre auch im Web getrennt zu halten. Ich halte es für eine gesellschaftliche Notwendigkeit, dieses Bedürfnis, das Menschen immer schon hatten, auch im Web abzubilden. Wenn es zukünftig ein besseres Konzept geben sollte als die Wahl eines Pseudonyms, dann bin ich möglicherweise dabei. Um das aber vorwegzunehmen: Auch eine strukturell offene, technologische Etablierung des „Freundschafts“-Konzepts, wie man es aus sozialen Netzwerken kennt, kann nur dann eine Lösung dieses Problems sein, wenn sie beispielsweise dem Bloggen oder Mikrobloggen nicht eine wichtige Qualität nimmt: nämlich die Offenheit, neue „Freunde“ zu finden, die einfach das lesen wollen, was dieser SurfGuard schreibt. Geschlossene Freundschaftsgruppen a la Facebook haben eine andere Qualität als offene Systeme wie Twitter. (Nicht besser, nicht schlechter, aber anders.)

Für einen Menschen wie Jaron Lanier ist das Problem wahrscheinlich gar nicht existent: Wer damit sein Geld verdient, über das Web zu schreiben und Beratungsleistungen anzubieten, für den sind die beiden Sphären so weit überschnitten, dass sie zu trennen weniger notwendig erscheint.

Erst die Wahl eines Pseudonyms ermöglicht es aber potenziell allen Menschen, zur Wunderwelt des Internets beizutragen. Nur, wenn ich mir sicher sein kann, dass der nächste Kunde, den ich zum Beispiel am Bankschalter berate, mich nicht für einen durchgeknallten Nerd hält, kann ich es mir leisten, etwa zur Katalogisierung der Ü-Ei-Welt beizutragen, zur Eignung verschiedener Teleobjektive beim Trainspotting-Einsatz oder von mir aus zur Publikation von Forschungsergebnissen der Ehrenfelder Ortsgruppe der Deutschen Chichliden-Züchter.

Solange also Jaron Lanier statt Lösungen zum Problem der Trennung von Lebens-, Privatheits- und Intimitätssphären im Web nur Diffamierungen anzubieten hat, empfehle ich: Fresse halten.

Und ganz schlussendlich wird von den „Anonymitäts“-Gegnern ja auch ein wesentlicher Punkt vernachlässigt: „SurfGuard“ ist keine wertlose Ansammlung von Buchstaben, „SurfGuard“ ist eben nicht ein 4chan-„Anonymous“. SurfGuard enthält sehr viele, wenn auch nicht alle Aspekte meiner Persönlichkeit, die sich mit geschriebenen Texten überhaupt vermitteln lassen. SurfGuard ist eine seit inzwischen 14 Jahren existierende Marke, die ich nicht leichten Herzens aufgeben würde. SurfGuard hat eine Reputation. SurfGuard ist nicht anonym. Übrigens ist die Übersetzung von anonym: namenlos.

Wie Lanier sich die Kommunikation im Internet jedenfalls nicht vorstellt, kann man kurz später lesen:

Soziale Netzwerke wie Facebook versuchen, diesen Erfolg nachzuahmen [den Google mit Werbung hat]. Das Problem ist nur, dass sie dabei soziale Strukturen im Netz zerstören, die anfangs ziemlich gut funktionierten. Die Leute haben ja auch schon vor Facebook über das Internet miteinander kommuniziert.

An dieser Stelle kann ich, wenn auch vielleicht aus anderen Gründen, mit Lanier sogar noch übereinstimmen. Etwas verwunderlich wirkt dieser Absatz allerdings dann, wenn man etwas später von ihm lesen muss, dass „die Regeln des Netzes von Technikfreaks geschrieben [wurden], die nicht viel mit menschlicher Ausdrucksweise am Hut hatten.“ Ja was denn jetzt? Gab es anfangs gut funktionierende Kommunikationsstrukturen im Netz, die jetzt von Facebook zerstört werden, oder waren das anfangs nur autistische Freaks vor ihren Akustikkopplern? Oder kann ich mir das aussuchen, je nachdem, welchen Punkt ich gerade machen möchte, den gegen Werbung oder den gegen Crowd Wisdom?

Doch als wenn es nicht schon albern genug wäre, sich selbst so offen zu widersprechen, belegt das weitere Gerede von Lanier, dass er sich im Internet einfach nicht auskennt.

Ältere Leute nutzen Facebook tatsächlich, um wieder Kontakt zu alten Freunden aufzunehmen. Diese Beziehungen sind zuvor in der realen Welt entstanden. Ihnen ist bewusst, was echt ist und was nicht. Das Problem haben eher die Jungen. Auf sie kann das Facebook-Modell, was ein Freund ist und worum es im Leben geht, einen großen Einfluss haben.

Ja, es ist so, dass Facebook einen Einfluss auf die Freundschaften Jugendlicher hat – allerdings, wie die neuere psychologisch-soziologische Forschung meint, einen positiven.

Vollends inkompetent wird es, wenn Lanier meint:

Das Netz lässt nur Konformismus zu. Es belohnt Leute, die in soziale Normen passen.

Das ist einfach grob falsch. Oder kennt irgendwer auch nur ein populäres Blog, dessen Autor/in konformistisch ist? Abweichende, interessante, sogar polarisierende Meinungen und Personen werden im Web belohnt, nicht bestraft. Problematisch wird es nur dort, wo die wirkliche Welt sich mit der virtuellen überschneidet. Denn hier werden alle Vorurteile ausgelebt, die Menschen im echten Leben gegen Homosexuelle, gegen Frauen, gegen BWLer oder gegen wen auch immer haben. Es ist aber nicht so, dass das Netz hier Konformismus fördert. Im Gegenteil ermöglicht einem das Netz, auch Aspekte seiner Persönlichkeit auszuleben, die man im wahren Leben eben nicht zeigen darf, weil das Risiko entdeckt und diskriminiert zu werden viel zu hoch ist.

Perverse Randnote: Gerade Laniers Versuch, Menschen im Web aus der „Anonymität“ zu treiben, würde im Erfolgsfall den von ihm selbst beklagten Konformismus fördern. Denn wie Lanier sagt:

Hinzu kommt, dass es das Netz nicht erlaubt, sich selbst neu zu erfinden. Es vergisst nichts.

Doch, das Netz erlaubt es sehr wohl, sich neu zu erfinden (oder unbekannte Aspekte seiner selbst zu zeigen). Man muss nur ein Pseudonym benutzen.

Es geht konfus weiter, wenn es um geistiges Eigentum geht:

Wenn man aber eine dynamische Welt will, in der jeder noch selbst erfinden, denken und seinen eigenen Weg suchen darf, brauchen wir Kapitalismus – gerade auch für den Geist. Intellektuelle Leistung muss wieder belohnt werden, und zwar individuell.

Aha. Es geht also darum, den das Individuum betonenden Kapitalismus hochzuhalten. Könnte man ja noch okay finden. Aber was Lanier unter Kapitalismus versteht, sagt er einige Sätze später sehr explizit:

Die erste Idee war die beste, wurde aber leider nicht umgesetzt. Ted Nelson […] schlug vor, ein universelles Mikrobezahlsystem zu schaffen und gleichzeitig jede Datei nur einmal im Netz bereitzustellen. Das hätte viele Vorteile. Der Markt würde Angebot und Nachfrage regeln, und Musik, Bücher oder Zeitungsartikel würden sehr schnell einen vernünftigen, angemessenen Preis bekommen.

Was für ein „Markt“ wäre das bitte, in dem es ausschließlich Monopole gäbe? Wie würde dieser Markt „Angebot und Nachfrage regeln“, wenn jedes Angebot nach den Regeln dieses Marktes nur einmal existieren darf? Was solche „Märkte“ schaffen, kann man bei jeder Fußball-Weltmeisterschaft beobachten: einen blühenden Schwarzmarkt mit völlig überhöhten Preisen.

Es ist das Konzept Kunstauktion gegen das Konzept Lumas. Während die monopolisierten, zertifizierten, selten vervielfältigten Kunstwerke, die in Auktionshäusern verkauft werden, hohe Preise erzielen und normalverdienenden Menschen eher unzugänglich sind, sorgt eine Firma wie Lumas dafür, dass normale Menschen sich Kunst ins Wohnzimmer hängen, auch wenn man darüber streiten kann, ob die eine Kunst besser als die andere ist. Das Lanier-Konzept führt zu reichen Künstlern, deren Kunst aber wenig verbreitet ist. Das Lumas-Konzept dagegen verlangt implizit von Künstlern eine gewisse, zeitlich andauernde Produktivität, führt aber tendenziell zu einer höheren kulturellen Bildung aller Menschen, weil sie überhaupt die Möglichkeit bekommen, sich mit Kunst auseinanderzusetzen.

Jaron Lanier würde Lumas schließen.

Witzigerweise würde er im Gegenzug aber Google sozialisieren. Lanier sagt:

Vielleicht müssen wir Monopole zerschlagen, so dass wir beispielsweise nicht mehr nur ein Google haben, sondern mehrere. […] Wenn wir Internetsuche und Werbung entkoppeln würden, bekämen wir eine ehrlichere und wahrhaftigere Welt.

Aha? Privatisierte und gleichzeitig monopolisierte Kunst führt zu einer besseren Welt, eine marktwirtschaftlich entstandene Suchmaschine aber zu einer schlechteren? Ich verkenne keineswegs die Gefahren, die gewachsene Monopole wie die von Google oder Microsoft für die Welt haben. Aber mir will und will nicht klar werden, warum Lanier seine Freunde, die schaffenden Künstler, nach anderen Prinzipien behandeln möchte als seine Gegner, Facebook und Google.

Was Lanier so vor sich hin redet, wirkt einfach nicht durchdacht. Es entspringt keinem in sich schlüssigen Konstrukt der Welt, sondern es sind Sound Bites, die von seinen Mitapologeten  verwendet werden sollen, um einfache Punkte zu machen. Aber gerade wegen dieser mangelnden Schlüssigkeit in Kombination mit Laniers großem, missionarischem Mitteilungsbedürfnis erwacht in mir der Verdacht, dass es gerade Lanier ist, der eine Agenda hat, während die von ihm angefeindeten Internetnutzer einfach fröhlich Musik verbreiten. (An dieser Stelle bitte ein paar Blümchen werfen.)

Bedingt abstimmbereit: DFC und die Demokratie

(Achtung: Laaaanges Posting!)

Ich bin DFC-Mitglied Nr. 21. Als ich im Frühjahr 2008 davon erfuhr, dass es die Möglichkeit geben würde, Fortuna Köln durch die Mitgliedschaft am kommerziellen Fanbeteiligungsprojekt „deinfussballclub.de“ (DFC) zu unterstützen, war ich sofort Feuer und Flamme. Schließlich war die Fortuna seit längerer Zeit mein geliebter Kiezclub, und ich hatte schon oft mit dem Gedanken gespielt, dem Verein beizutreten. Nun versprach DFC, dass Fans die ersten Herrenmannschaft nicht nur finanziell unterstützen, sondern dass sie durch basisdemokratische Abstimmungen auch Einfluss auf das Management und auf das sportliche Geschehen würden nehmen können. Also wurde ich eines der ersten von inzwischen rund 10.000 MItgliedern.

Kritik an DFC gab es relativ früh, denn über die Allgemeinen Geschäftsbedingungen erhalten die Mitglieder rein formal erst mal nur sehr wenige Rechte. Zum einen erwerben sie explizit keine Anteile an der deinfussballclub.de DFC GmbH oder gar an der Fortuna Köln Spielbetriebsgesellschaft mbH, die wiederum zu 49% der DFC GmbH und zu 51% dem Fortuna Köln e.V. gehört und den Spielbetrieb der ersten Herrenmannschaft zum Geschäftszweck hat.

Zum anderen verpflichtet sich DFC seinen Mitgliedern gegenüber keineswegs zur Mitbestimmung. Falls es zu einer Abstimmung kommt, hat zwar jedes Mitglied ein garantiertes Stimmrecht. Doch ob eine Entscheidung den Mitgliedern überhaupt vorgelegt wird, das bestimmt alleine die Geschäftsführung des DFC. Es gibt kein Themen- oder Geschäftsfeld, für das den Mitgliedern garantiert wird, dass sie befragt werden.

All das rührte mich beim Abschluss meiner DFC-Mitgliedschaft wenig an. Denn zum einen war das Investment von 39,95 € pro Jahr überschaubar. Und zum anderen ging ich davon aus, dass DFC sich dem öffentlichen Versprechen, den Fans das „Management eines echten Fußballteams“ zu ermöglichen und „einfach alles über den Schreibtisch ihres virtuellen Büros“ gehen zu lassen, nicht würde entziehen können und wollen. Co-Trainer für 39,95 €! Basisdemokratie bei Fortuna Köln! One Fan, one vote! Das stand und steht immer noch im Raum.

Nach inzwischen über einem Jahr mit DFC, darunter einer kompletten NRW-Liga-Saison, zeigen sich allerdings die Sollbruchstellen im Umgang mit diesem Versprechen recht deutlich: Ignorierte und neu interpretierte Abstimmungsergebnisse und nun sogar ein kleiner finanzieller Verlust sind die Kollateralschäden der Abwägung zwischen Fan- und DFC-Interessen.

Es beginnt, wie so oft, am Anfang.

Wer bin ich, und wenn ja: wie viele? Ein Maskottchen mit Persönlichkeitsspaltung

Gleich wenige Wochen nach der Gründung von DFC wurde die erste Abstimmung vom Zaun gebrochen. Die DFC-Mitglieder waren genau genommen noch gar keine, mussten noch keine Beiträge zahlen und die Spielbetriebsgesellschaft war noch lange nicht gegründet. Aber die Mitgliederakquise lief auf vollen Touren, und so suchte DFC ein harmloses Abstimmungsobjekt, anhand dessen man Interessenten demonstrieren konnte, wie wunderbar die neue Fanwelt sein würde. Also lautete die erste Frage an die Mitglieder: „Soll es ein Fortuna Köln Maskottchen geben?“ Für die dringend notwendigen Bindestriche war anscheinend noch kein Geld da, und dass die alteingesessenen Fortuna-Fans ein Maskottchen für unnötigen Schischi hielten, störte auch nicht besonders. 80% der angehenden DFC-Mitglieder stimmten mit „ja“.

Bei der zweiten Abstimmung zum konkreten Motiv siegte deutlich die Glücksgöttin Fortuna, die bei insgesamt fünf Wahlmöglichkeiten etwas mehr die Hälfte aller Stimmen erhielt und auch bei einer eigentlich unnötigen Stichwahl gegen das zweitbeliebteste Motiv gewann Fortuna noch einmal deutlich. Also war klar: Ein Maskottchen soll her, und es soll eine Fortuna sein.

Ein Jahr ging anschließend ins Land. Doch als Anfang Juni die von Studenten der KISD entworfenen Design-Vorschläge für das neue Maskottchen vorgestellt wurden, traute mancher Fan seinen Augen nicht, war da doch eine Fortuna zu sehen – und drei andere Wesen. Wofür hatte DFC die Mitglieder drei Mal abstimmen lassen, ob und welches Maskottchen es denn werden solle, um dann doch völlig beliebige Vorschläge zu machen, die sich ganz offensichtlich nicht an die Abstimmungsergebnisse gebunden fühlten? Burkhard Mathiak, Pressesprecher von DFC, erklärt, dass „die Studenten genau an dem gleichen Problem gescheitert waren, wie wir oder die DFC-Mitglieder“, die man auch um Vorschläge gebeten hatte. Eine Glücksgöttin sei einfach ein undankbares Motiv, also habe man auch die anderen Entwürfe zur Wahl gestellt, zumal man sie für „äußerst gelungen“ hielt.

Das sahen manche Fans zwar schon anders, aber bei der tatsächlichen Abstimmung kam es noch besser, denn DFC zog zusätzlich zu den vier vorab präsentierten Vorschlägen ein fünftes Kaninchen aus dem Hut. Obwohl: Es hätte auch ein anderes Tier werden können, Hauptsache eines aus dem Tierheim. Das war nämlich die fünfte Abstimmungsoption, die niemandem angekündigt worden und natürlich erst recht nicht mit dem Ergebnis der ursprünglichen Mitgliederabstimmung konform war. Auf entsprechend kritische Nachfragen von einigen Mitgliedern im internen Forum reagierte DFC erst ausweichend und dann gar nicht mehr. Ein leider immer wieder beobachtetes Verhaltensmuster.

Immerhin reagierten die Mitglieder, die bis dahin oft recht gemütlich alles abgenickt hatten, was ihnen zur Entscheidung vorgeschlagen worden war, mit einer Abfuhr: Alle Vorschläge wurden abgelehnt und DFC wurde aufgefordert, neue zu präsentieren.

Nun kann man natürlich eine Abstimmung über ein Maskottchen für harmlos und unwichtig halten, und das ist sie auch. Aber sie war ein erstes Zeichen, dass die DFC-Leitung sich nicht wirklich an das Votum ihrer Mitglieder gebunden fühlt, wenn es ihr denn nicht in den Kram passt oder es anders gerade bequemer ist.

Für ein, zwei Handvoll Euro: Transparenz bei den Spielergehältern?

Ein schon etwas größeres Ei hatte sich DFC mit einer anderen Abstimmung in der Winterpause gelegt. Damals wurden zwei neue Spieler angeheuert, über deren endgültige Anstellung die DFC-Mitglieder entscheiden sollten: Tatsächlich ein Paradebeispiel für das große Versprechen, die Fans zu Managern zu machen! Nach einer kontroversen internen Diskussion wurden die Mitglieder gefragt, ob denn bei diesen und bei zukünftigen „Abstimmungen über Spielertransfers Informationen zu Gehältern veröffentlicht werden“ sollten. Mit 63% stimmten die DFC-Mitglieder dafür, und so wurden die konkreten Grundgehälter und Prämien der beiden Spieler im Abstimmungstext offen gelegt. Bis dahin alles paletti.

In den vergangenen Monaten stellte die Fortuna ihren Kader für die neue Saison zusammen, und wie oft in unteren Ligen gab es ein großes Kommen und Gehen. Die Mitglieder durften über rund 20 neue oder zu verlängernde Spielerverträge abstimmen – bekamen nun aber die konkreten Gehaltsangaben vorenthalten. Es wurde zwar noch die Einstufung des jeweiligen Spielers in eine von drei Gehaltskategorien angegeben, allerdings lagen das obere und untere Ende jeder dieser Kategorien bis zum Faktor 2,5 auseinander. Ein Spieler hätte also mehr als das Doppelte eines anderen verdienen können, ohne dass dies den Mitgliedern offengelegt worden wäre.

Aber hatte es da nicht ein anderslautendes Votum gegeben? Nein, argumentierte DFC, schließlich sei damals nur abgestimmt worden, dass „Informationen zu Gehältern“ veröffentlicht werden müssten. Und „Informationen“ habe es ja schließlich gegeben. Dieser Argumentation zufolge hätten die Fans sich freilich selbst mit der Angabe der Nachkommastellen des Spielergehalts zufrieden geben müssen: Ist ja  auch eine Information. Alle Proteste blieben wirkungslos.

Im Endeffekt interpretierte die DFC-Leitung in diesem Fall den Text einer Abstimmung bis zur Grenze der Rabulistik, und das auch noch an einer Stelle, die den Kern der DFC-Philosophie betrifft: Die Fans am Management des Vereins zu beteiligen steht schließlich ganz oben auf der Liste der DFC-Werbesprüche. Wie allerdings Management ohne genaue Zahlen möglich sein soll, erschließt sich mir nicht, der ich mit meinen Mitarbeitern Tag für Tag Projekte leite, deren Volumen über das Jahr hinweg locker um eine Größenordnung über dem Etat der Fortuna liegt.

Auf meine Nachfrage antwortet Burkhard Mathiak, dass es sich bei dieser Entscheidung tatsächlich um einen Kompromiss zwischen den Interessen der DFC-MItglieder und der Spieler gehandelt habe: „Schließlich war es u.a. Kapitän Stephan Glaser, der uns – auch im Namen des gesamten Teams – darum bat, eine andere Vorgehensweise zu finden.“ Der Konflikt ist durchaus nachvollziehbar, man hätte ihn aber vielleicht auch, begleitet von einem engagierten und nachvollziehbaren Statement des Rechtsreferendars Glaser, einfach noch mal zur Abstimmung bringen können.

Basis unbekannt: Die Suche nach einem Merchandisingpartner

Der negative Höhepunkt ereignete sich in den vergangenen Tagen, und erst durch ihn fühle ich mich genötigt, dieses Thema in die Öffentlichkeit zu tragen: Ein Schritt, den ich lange vermieden hatte, weil ich der Fortuna nicht schaden wollte. Nun jedoch wird durch eine mindestens unpräzise Abstimmungsvorbereitung der DFC-Leitung und durch ihren neu entdeckten Unwillen, eine getroffene, unscharfe Entscheidungen zu revidieren oder auch nur zu den Gunsten der Fortuna auszulegen, der Spielbetriebsgesellschaft finanzieller Schaden zugefügt – auch wenn der nur im sehr niedrigen  Prozentbereich des Jahresetats liegen wird.

Was ist geschehen?

Die DFC-Mitglieder hatten über den Merchandisingpartner für die nächsten zwei Jahre zu entscheiden. Zwei Kandidaten standen zur Wahl, die Firmen KölnTotal und Kardian. Beide legten in kurzen Anschreiben dar, warum sie den Job gerne machen würden und dass sie der Spielbetriebsgesellschaft eine Lizenzgebühr von 25% an den verkauften Artikeln abführen würden. Die Mitglieder entschieden sich für KölnTotal.

Nach der Abstimmung entstand aber plötzlich Verwirrung. Auf Nachfrage einiger Mitglieder, die das anders verstanden hatten, wurde bekannt, dass sich der prozentuale Anteil, den KölnTotal an die Spielbetriebsgesellschaft abführen würde, auf den Abgabepreis an die Händler bezog. Kardian dagegen teilte im Forum mit, dass sie denselben prozentualen Anteil von einer anderen Basis zahlen wollten, nämlich dem Ladenverkaufspreis – was natürlich ein exakt so substanzieller Unterschied ist, wie sich EK und VK für einen Einzelhändler bei Merchandisingartikeln unterscheiden.

Die Mitglieder hatten also eine Abstimmung vorgelegt bekommen, bei der die Konditionen nur scheinbar identisch waren, sich tatsächlich aber deutlich unterschieden. Ich selbst war davon ausgegangen, dass die Angebote von DFC geprüft und hinterfragt worden waren, bevor sie zur Abstimmung gegeben wurden. Wenn ich als direkt Verantwortlicher solche Angebote erhalten hätte, in denen mir x Prozent angeboten werden, hätte ich jedenfalls eine wesentliche Frage gestellt: „x Prozent von was?“

Ok. Darf zwar nicht passieren, kann aber. Doch was nun?

Auf die massiven Proteste einiger Mitglieder im Forum reagierte DFC wie schon früher oft: Erst mal um den heißen Brei herum reden. „Ich verstehe nicht so ganz, wo das Problem liegt. Die Konditionen beider Shops sind doch gleich“, war die Reaktion eines DFC-Offiziellen, nachdem der Unterschied zwischen Händlerpreis und Endkundenpreis schon lang und breit im Forum dramatisiert worden war.

Auf hartnäckige Nachfragen legte sich DFC dann schließlich auf die folgende Argumentationslinie fest: Kardian habe vorab nicht deutlich genug gemacht, worauf sich ihr Prozentsatz beziehe. Außerdem habe man bereits einen Vertrag mit Köln Total geschlossen, aus dem man nicht mehr herauskomme, zumal die Produktion der Merchandisingartikel bereits begonnen habe.

Dass auch KölnTotal sein Angebot nicht konkret genug gestaltet hatte, dass DFC die Angebote anscheinend unzureichend geprüft und auch bei mindestens einer anderen, früheren Abstimmung eine bereits getroffene Entscheidung ignoriert hatte, davon wollte man in diesem Fall nichts wissen. Insbesondere aber gab es keine Antwort auf die Nachfrage, warum die DFC-Leitung einfach akzeptiert, dass KölnTotal eine unklare Angabe im Angebot zu den eigenen Gunsten auslegt?

Burkhard Mathiak nimmt Stellung: „Das Angebot von KölnTotal ist absolut marktgerecht und üblich. Die Einlassungen der Kardian Werbeagentur kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Ich bin lange genug im Merchandisinggeschäft tätig und kenne sowohl die Lizenzgebühren bei den Bundesligisten als auch die Spannen die beim Weiterverkauf an Handelspartner gezahlt werden. Kardian hatte genug Zeit, auf die Besonderheiten ihres Angebotes hinzuweisen. Das ist nicht geschehen. Für mich sieht das nun so aus, als ob sie nachträglich etwas behaupten, das so vorher nie gemeint war.“

Dazu Karsten Schumacher, Inhaber von Kardian: „Solche Vorwürfe sind reine Unterstellungen, um Stimmung gegen uns zu machen. Wir waren sehr überrascht von der Aussage, dass die Lizenz von KölnTotal lediglich vom Abgabepreis an den Handel geleistet wird.“

Im Weiteren erklärt Schumacher, dass er mit einem attraktiven Angebot einen für ihn neuen Markt habe erschließen wollen. Außerdem behauptet er, dass Kardian usprünglich nicht einmal um ein Angebot gebeten worden sei: „Lediglich auf die Nachfrage beim DFC (nicht von uns) hieß es: ‚Kardian hat noch kein Angebot zur Ausschreibung abgegeben, max. noch 3 Tage Zeit‘ – die Ausschreibung haben wir jedoch nie gesehen…“

Zu allem Überfluss endet die Geschichte mit einem Treppenwitz. Schumacher postete im DFC-Forum, dass KölnTotal nach der gewonnen Abstimmung eine Anfrage an Kardian gerichtet habe: Man wolle Designs und Restware übernehmen. Mir schreibt Schumacher: „Angedacht und zu verhandeln war, dass Kardian alle Textilien entwirft und produziert, KölnTotal macht den Vertrieb.“ Dieselben Artikel zu geringeren Lizenzgebühren wäre die Konsequenz, falls diese Aussage der Wahrheit entspricht.

KölnTotal wollte auf meine am Dienstagabend übersendeten Fragen übrigens keine Stellung nehmen und verwies auf Burkhard Mathiak.

Eins ist jedenfalls klar: Das Band zwischen der DFC-Leitung und Kardian ist zerschnitten. Ausbaden muss es aber die Spielbetriebsgesellschaft, die nun das finanziell weniger attraktivere Angebot angenommen hat und Nachverhandlungen offensichtlich auch nicht angehen möchte. Eine neue Abstimmung will selbst Kardian nicht mehr.

Was seitdem geschah: Zurück in die Zukunft?

Auch nachdem ich eine Rohfassung dieses Artikels am Dienstagabend an DFC gesendet und am Donnerstag Abend ausführlich mit Burkhard Mathiak telefoniert hatte, um der Leitung eine Möglichkeit zur Stellungnahme zu geben, entstanden gleich noch zwei weitere Beispiele verpasster Mitwirkungsmöglichkeiten.

Zunächst entdeckten Fans auf dem aktuellen Mannschaftsfoto ein neues Gesicht: Sebastian Flügel stand da als Teammanager, ohne dass dies irgendwem angekündigt oder gar zur Abstimmung vorgelegt worden wäre. Und das, obwohl Sebastian, der bei den Fans und den DFC-Mitgliedern wegen seiner letzten Tätigkeit als Hausfotograf der Fortuna bekannt ist und auch persönlich großen Rückhalt genießt, garantiert ein sozialistisches Abstimmungsergebnis eingefahren hätte. Das sei tatsächlich ein Versäumnis gewesen, gestand Burkhard Mathiak in meinem Telefonat mit ihm ein.

Und erst an diesem Donnerstag lasen die Fans, dass das erste Saisonspiel in Sprockhövel auf Bitte der Fortuna vorverlegt worden war: vom Sonntag nächster Woche auf Freitag. Dass für Sonntag schon zwei Fan-Busse und wahrscheinlich auch die ein oder andere private Reise organisiert worden waren? Pech. Warum man die Fans nicht einfach mal gefragt hatte? Weil sportliche Gründe hier allein Ausschlag gegeben hätten, man wolle der Mannschaft eine längere Regeneration bis zum darauffolgenden Mittwochsspiel ermöglichen. Hätte man das aber nicht früher kommunizieren und vielleicht sogar den DFC-Mitgliedern nachvollziehbar erklären können? Jedenfalls hätte es sich mindestens hier angeboten, Fans über Faninteressen abstimmen zu lassen.

Des Fudels Kern: Was nun, DFC?

Deutlich zeigte sich im vergangenen Jahr, dass es für DFC noch viel Arbeit gibt, bis das große Versprechen erfüllt wird. Das sieht auch Burkhard Mathiak so: „Ich bin mir durchaus bewusst, dass wir einige Dinge noch besser machen können – das ist mir gestern in unserem Telefonat klargeworden. Und Ihr könnt Euch alle sehr sicher sein, dass wir jede Form der Kritik annehmen und jeden Tag dazu lernen.“

Außerdem verweist Mathiak auf das bereits Erreichte, auf erfolgreich durchgeführte Abstimmungen und die Einschätzung der Fortuna als Aufstiegskandidat durch die NRW-Liga-Trainer. Tatsächlich: Dass Deinfussballclub eine große Chance für Fortuna Köln ist, und, wie sich in einem Chat mit dem Fortuna-Vorstandsvorsitzenden Klaus Ulonska vor einigen Wochen zeigte, wahrscheinlich sogar ihre Rettung vor neuerlichen Finanzproblemen war, das bleibt unbestritten. Ebenso wie die Tatsache, dass der Ansatz von DFC grundrichtig ist.

Genauso deutlich wurde aber auch, dass sich gerade einige der aktivsten DFC-Mitglieder immer wieder vergrätzt fühlen, wenn sie anhand kleiner und großer Probleme feststellen müssen, dass ihre Mitbestimmung da endet, wo es der DFC-Leitung zu passen scheint. Und es könnten genau diese aktivsten Mitglieder sein, die langfristig über den Erfolg von DFC entscheiden, selbst wenn der für die kommende Saison angepeilte sportliche Erfolg einiges überdecken könnte, falls er denn wirklich erreicht wird.

Denn obwohl DFC seinen Mitgliedern für den Jahresbeitrag noch ein paar konkrete Leistungen bietet, unter anderem einen Liveticker und professionell gemachte Videoberichte von allen Spielen, so bleibt der Kern des Projekts doch die Mitbestimmung der Fans bei einem echten Fußballverein. „Einfach alles“ entscheiden zu können ist das Versprechen! Und sollte man diesen sensiblen Markenkern auch nur hier und da kompromittieren, langsam aushöhlen oder die Mitglieder verlieren, die ihn auf Temperatur halten, dann könnte es DFC langfristig so gehen, wie mancher heißen Idee, die doch nur lauwarm serviert und schließlich kalt entsorgt wird.

Und nichts wäre bedauerlicher für die DFC-Macher – und für Fortuna Köln.

Anhänge:

Komplette Stellungnahme von Burkhard Mathiak (PDF)

Komplette Antworten von Kardian auf meine Fragen (PDF)

Liste von Fragen an KölnTotal (PDF)

Geht sterben

Natürlich zuckte es kurz in meinen Fingerspitzen, als ich Jens Uehleckes inzwischen notorisches Twitter-Dissing in der „Zeit“ las. Sollte ich darüber bloggen, eine argumentativ fein ziselierte und mit unterschwelligen Beleidigungen aufgeladene Replik in die Tasten hauen?

Doch abgesehen davon, dass mir dieser Job von anderern Bloggern schon abgenommen wurde, bevor ich selbst Zeit zum Schreiben hatte, fand ich keine rechte Motivation, Uehlecke irgendetwas entgegenzuhalten. Warum überhaupt?

Zu allen Zeiten sorgte sich irgendeine Elite darum, wie sie sich die Werkzeuge ihrer Macht sichern konnte. Ich stelle mir lebhaft vor, wie die Mönche im 15. Jahrhundert gegen die Profanitäten wetterten, die mit dem Buchdruck in die Welt verteilt wurden. Der deutsche Kaiser fragte sich, warum Arbeiter sich bilden wollten, außer um ihn zu stürzen? Und die deutschen Verfassungsorgane hatten bis in die 70er hinein Angst, dass privat betriebene Fernseh- und Radiosender den Umsturz herbeiführen könnten.

Jetzt sind es eben Politiker und Journalisten, denen klar wird, dass das Internet der Buchdruck 2.0 ist, der ihnen gerade ihre Herrschaftsinstrumente entzieht: Gemütliche Wichtigtuerei in geheimen Parlaments-Ausschüssen und die Hoheit über die veröffentlichte Meinung sind ein für alle mal passé, schon heute. Dann schnappt eben auch irgendwann mal einer über und rotzt so einen Artikel raus, ob das jetzt Jens Uehlecke ist oder Richard Wagner oder Mathias Schreiber oder einer von den anderen.

Aber es ist doch so: Auch in der freien Natur gewinnt nicht der Stärkere, sondern derjenige, der weniger Angst hat. Und warum sollte ich Angst vor Jens Uehlecke haben? Sollte ich fürchten, dass sich wegen seines Artikels weniger Menschen für Twitter interessieren? Wenig könnte mir egaler sein. Und dass die Innenministerkonferenz als nächstes Twitter verbietet, ist wohl, bei aller Unberechenbarkeit, unwahrscheinlich.

Jens Uehlecke, ich habe die Angst in deinen Augen gesehen. Und deswegen lehne ich mich einfach zurück, twittere weiter und warte darauf, dass du irgendwann sterben gehst, wenn ich mich mit meinen Freunden und Bekannten über Twitter zur Weltrevolution verabrede. Aber von mir bekommst du nicht die Ehre einer Replik.

P.S.: Wie man im übrigen das Web 2.0 als Machtinstrument einsetzt, das kann man meiner Ansicht nach gerade nirgendwo besser betrachten als im offiziellen Flickr-Photostream des Weißen Hauses. Wie hier ein Bild von Barack Obama propagiert wird, modern, toll fotografiert, harmlos selbstironisch und casual, freundlich und doch mächtig, das ist sehr beeindruckend.

P.P.S.: Da ist mir tatsächlich gerade erst aufgefallen, dass Stefan NIggemeier schon seit längerem eine kleine Reihe von Blogartikeln unter dem Titel „Geht sterben“ schreibt. Die frappierende Ähnlichkeit der Überschrift meines Artikels ist zufällig und unbeabsichtigt.