Statistik ist keine Hirnchirurgie: Ben Carson und die bedingte Wahrscheinlichkeit

Nach dem Tod von Judge Scalia, einem der Richter am Obersten Gerichtshof der USA, tappte Ben Carson, Gehirnchirurg und Präsidentschaftsbewerber, in eine der klassischen Fallen der Statistik, als er argumentierte, dass die Ernennung der obersten Richter auf Lebenszeit heute anders geregelt werden müsse als sie 1789 in der Verfassung der USA niedergeschrieben wurde:

“When the Constitution was put in place, the average aged of death was 47. So a lifetime appointment for a federal judge was not as long,” Carson said. “Now that has changed rather substantially and we have not made the adjustments to it. And there has to be some mechanism of oversight.”

Die Falle ist diese: Die durchschnittliche Lebenserwartung ist für Carsons Aussage von geringer Bedeutung. Jedes Baby, das im Alter von 0,25 Jahren stirbt, geht nämlich in diese Statistik ein. Jedes jugendliche Gangmitglied, das im Alter von 20 Jahren in einem Streit erschlagen wird, geht in die Statistik ein. Und jeder Minenarbeiter, der mit 35 an einer Staublunge stirbt. Alle diese Menschen hatten aber weder eine theoretische noch praktische Chance, zum Richter am Obersten Gerichtshof berufen zu werden.

Zum Richter am Obersten Gerichtshof berufen wurden auch damals schon Juristen aus gebildeten Schichten, die ein gewisses Lebensalter erreicht und damit die notwendige Erfahrung vorzuweisen hatten. Die relevante Lebenserwartung wäre also etwa die eines weißen, 50-jährigen, männlichen Mitglieds der gesellschaftlichen Oberschicht im Jahr 1789.

Man nennt das „bedingte Wahrscheinlichkeit“: Wenn ich schon weiß, dass jemand 50 Jahre alt, männlich, gebildet und weiß ist, wie groß ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass er 60, 70 oder 80 Jahre alt wird?

Einen wie großen Unterschied macht das überhaupt aus?

In 1850, life expectancy at birth was 37 for males, but life expectancy at 1 was 48, according to research by Colgate University professor of economics Michael Haines.

(Quelle: http://blogs.wsj.com/numbers/pope-benedict-xvi-supreme-court-lifespan-math-1212/)

Das erste Lebensjahr zu überstehen, bringt also schon mal 11 Jahre mehr durchschnittliche Lebenserwartung. Und wenn diese Zahl dieselbe ist wie die von Carson, dann hätte er immerhin schon mal die durchschnittliche Lebenserwartung einjähriger Kinder genannt. (Ich gehe eher von unterschiedlichen Statistiken aus.) Aber da sind wir immer noch nicht beim 50jährigen weißen Oberschichtler.

Derselbe Artikel gibt an:

“Average life expectancy for a 50-year-old in 1789 was probably somewhere around 65 years.”

Und auch diese Aussage differenziert immer noch nicht nach Geschlecht oder nach gesellschaftlicher Stellung.

Nach dem Gesagten hat Ben Carson immerhin ein bisschen recht, denn ein 50-Jähriger hätte nach den zitierten Zahlen im Jahr 1789 noch durchschnittliche 15 Lebensjahre zu erwarten gehabt. Heute sind es ca. 30. Aber der Unterschied ist lange nicht so drastisch, wie ihn der indirekt gezogene Vergleich vermuten lässt, den Carson zwischen den durchschnittlichen 47 Lebensjahren im Jahr 1789 (für Einjährige) und den fast 80 Lebensjahren zieht, die Judge Scalia erreichte.

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Die Fremden von der anderen Waldseite

Ein kleines bisschen stolz bin ich ja auf mich:

Ich hatte gestern schon das Gefühl, dass mir die ganze „Flüchtling soll vor Lageso gestorben sein“-Geschichte viel zu sehr nach „Arabische Flüchtlinge sollen deutsches Baby entführt und aufgegessen haben“ klingt. Oder nach dieser urbanen Legende:

Also eben nach „soll“. Nach ungeprüfte Tatsachen. Gerüchten. Und wie die aussehen, wissen wir ja.

Bild von A. Paul Weber: Das Gerücht

Aber seit ich diesen Post heute morgen zu schreiben begann, hat Stefan Niggemeier alles zu dem Thema gesagt: Erfundener Tod eines Flüchtlings – Aber alle haben es sich doch vorstellen können!

Also kann ich mich auf einen anderen Aspekt der großen Flüchtlingsdiskussion fokussieren: Wann ist ein Fremder eigentlich fremd? Und wann muss ich meinen Besitzstand vor ihm verteidigen? Im Moment wird ja von mehr oder weniger weit rechts der Eindruck erweckt, der deutsche Volkskörper müsse nur eine geschlossene Front gegen den Araber und Nordafrikaner bilden, dann sei das Abendland verteidigt. Tatsächlich aber wird der Fremde, wenn er nicht aus Übersee kommt, dann eben im Nachbarland gesucht. Oder im nächsten Bundesland. Im Nachbardorf. Oder auf der anderen Seite des Waldes.

Ich wohne in Bergisch Gladbach und pendele zur Arbeit nach Köln. Dazu fahre ich morgens mit dem Auto aus zwei Gründen nach Köln Thielenbruch:

  1. Weil das mit öffentlichen Verkehrsmitteln ca. 50 Minuten (ein bis drei Mal umsteigen) dauern würde, mit dem Auto hingegen 15.
  2. Weil Thielenbruch zum Kölner Stadtgebiet gehört, was die Monatsmarke um über  20 € günstiger macht, als wenn ich von Bergisch Gladbach aus fahre.

Köln Thielenbruch und Bergisch Gladbach Hebborn und Gierath werden durch ein kleines Wäldchen getrennt, den Thielenbrucher Forst. In 10 Minuten hat man den locker durchwandert, mit dem Auto auf der Straße ist es eine. Und auf was kommen die Thielenbrucher Bürger als erstes, wenn sie gefragt werden, wie die Parkplatznot rund um den Bahnhof gelindert werden könnte? Na klar: Die Fremden müssen weg! Die Bergisch Gladbacher, die von der anderen Seite des Waldes! Die Fremden benutzen unsere Parkplätze!

„Bei uns beschweren sich immer wieder Bewohner der Siedlung Thielenbruch und Anlieger der Gemarkenstraße“, sagt der Vorsitzende, Engelbert Hock. Autos mit Bergisch Gladbacher Kennzeichen würden nicht nur 90 Prozent aller Fahrzeuge auf dem Parkdeck und den öffentlichen Parkplätzen ausmachen. Mittlerweile seien auch alle Seitenstraßen zugeparkt.

http://www.ksta.de/muelheim/verkehr-in-koeln-das-grosse-parkplatz-chaos-in-thielenbruch,15187568,29341048.html

Mal abgesehen davon, dass die Situation, wie sie im Artikel geschildert wird, gnadenlos übertrieben ist (um 5:45 Uhr hört man in Thielenbruch die Vögelchen zwitschern, die Parkplätze sind ab 07:30 Uhr belegt, dann kann man aber noch sehr locker am Straßenrand parken und muss dazu nicht fünf Mal hin und her fahren, die Seitenstraßen werden bestenfalls ab 9 von ein paar Nachzüglern zum Parken genutzt), wird doch eins klar: Es wird immer jemanden geben, der einem was wegnehmen will. Und wenn man in Thielenbruch wohnt, in einem sehr wohlhabenden, fast schon Villenviertel übrigens, dann sind es eben die Bergisch Gladbacher Vandalen.

Das macht mir wenig Hoffnung.

Warum die FAS Praktika wieder verlängern möchte

Gleich in zwei Artikeln kritisiert die FAS heute die Bundesarbeitsministerin, mit einem kurzen Text auf dem Titelblatt und einem ausführlicheren im Wirtschaftsteil. Tenor: „Der Mindestlohn sollte die Generation Praktikum beglücken. So wollte es Arbeitsministerin Andrea Nahles. Eine neue Studie zeigt: Das hat nicht ganz geklappt.“ Was da nicht geklappt haben soll,  das verrät die Überschrift: „Mindestlohn verkürzt die Praktika„.

Ich war überrascht. Was soll daran schlecht sein, wenn Praktika kürzer werden? Ist es nicht genau eines der Ziele des Mindestlohns, wenn auch über Bande, überlange Praktika so teuer zu machen, dass man dann auch gleich jemanden einstellen kann? Ist es nicht wünschenswert, die Ausbeutung junger Menschen nach dem Studium zu beenden, die sich erst mal jahrelang mit Praktika (und Zuschuss von den Eltern oder Nebenjobs in der Gastronomie) knapp unter Wasser halten mussten?

Die FAS klagt:

Ein Praktikum ist dazu da, innerhalb kurzer Zeit Erfahrungen in einem Betrieb zu sammeln, den man noch nicht kennt. Es geht ums Hineinschnuppern, nicht um eine vollwertige Arbeitsstelle. Praktikanten, das weiß jeder Arbeitgeber, sind manchmal äußerst nützliche Arbeitskräfte, aber eben nicht immer. Zudem sind sie schnell wieder weg. Und dafür sollen die Firmen mehr als 1300 Euro im Monat bezahlen?

Nein, das sollen sie nicht. Sie sollen knapp 1.500 €/Monat dann bezahlen, wenn sie einen freiwilligen Praktikanten länger als drei Monate beschäftigen oder sofort, wenn er eine einschlägige Berufsausbildung hat. Drei Monate genügen wohl, um einen Betrieb oder ein Berufsfeld so gut kennenzulernen, dass man anschließend die Berufswahl informierter treffen kann. Und wer sagen wir als Bank einen BWL-Studenten einstellt, der kann ihm doch einfach ein normales Einsteigergehalt zahlen (oder eben mindestens 1.500 €) und ihn einstellen – zur Not auch befristet, was ja seit einiger Zeit ohne Sachgrund für bis zu zwei Jahre möglich ist.

Der Bewerber geht ohnehin kein Risiko ein: Er kann jederzeit kündigen, falls er feststellt, sich grob vertan zu haben, in der Probezeit ohnehin, aber auch später. Warum also sollte er auf einem Praktikum bestehen, anstatt eine ordentliche Anstellung anzustreben? Der Arbeitgeber wiederum vereinbart eine Probezeit und kann innerhalb von sechs Monaten ohne Angabe eines Grunds das Arbeitsverhältnis beenden.

Was daran ist so unzumutbar, dass es unbedingt ein vielmonatiges Praktikum für deutlich weniger als 1.500 €/Monat sein muss?

Weiter führt die FAS als Beleg für die Unsinnigkeit des Mindestlohns an:

Dem jüngsten Praktikantenspiegel zufolge sind 19 Prozent unzufrieden mit ihrer Bezahlung, im Vorjahr waren es 22 Prozent.

Warum auch bitte sollte man mit 1.500 € zufrieden sein, vor allem, wenn man explizit danach gefragt wird? Aber dass die FAS diese tatsächlich vernachlässigbare Verbesserung erwähnt und sie gegen den Mindestlohn ins Feld führt, zeigt ein grundlegendes Missverständnis, das auch in den letzten beiden Sätzen des Artikels noch einmal offenbar wird:

Andrea Nahles bezeichnet den Mindestlohn als „eine der größten Sozialreformen der letzten Jahrzehnte“. Unwahrscheinlich, dass ihr diejenigen zustimmen würden, die im Internet darüber schimpfen, dass ihnen der Mindestlohn ihr Wunschpraktikum vermasselt hat.

Das Missverständnis, die grundlegende Fehlannahme der FAS  ist diese: Arbeitnehmer wollen kein Wunschpraktikum. Sie wollen einen Wunscharbeitsplatz. Könnte es sein, dass die befragten Praktikanten unzufrieden sind, weil sie in langen Praktika den Eindruck haben, Arbeit im Wert von mehr als 1.500 € pro Monat zu leisten?

Als ich vor 20 Jahren meine erste Arbeitsstelle suchte, fachfremd übrigens, ich hatte Physik studiert und wollte „ins Internet“, wurde mir schließlich ein fester Arbeitsplatz angeboten, inflationsbereinigt ungefähr zum doppelten Mindestlohn. Etwa den heutigen Mindestlohn hatte ich vorher als Student in den Semesterferien für das Herumfahren von Paletten in einem großen Aldi-Zentrallager bekommen. Eine Verdoppelung der Bezahlung gegenüber einer Aushilfstätigkeit fand ich damals angemessen und fände es heute immer noch. Ich hatte im Bewerbungsgespräch eine selbstgebastelte private Homepage vorzuweisen (Was das ist, erklär ich den jüngeren Lesern mal bei anderer Gelegenheit), außerdem meinen damals einzigen Anzug, große Begeisterung und anscheinend einen guten Eindruck. Das reichte meinem ersten Chef, um mit mir mindestens in eine Probezeit zugehen.

Die Zeiten haben sich wohl geändert.

(Disclosure: Ich arbeite im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit in einer Internetagentur neben anderen Kunden auch für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, unter anderem an einem Projekt, das direkt mit dem Mindestlohn zu tun hat.)

Warum ich Skeptiker und gegen GMOs bin

Ich bin Skeptiker, schon immer gewesen, zum Leidwesen vieler Mitmenschen. Ich hinterfrage die meisten Dinge, bis ich sie selbst verstanden habe, akzeptiere wenig zum Nennwert. Das hat mich in ein Physikstudium getrieben, kann aber auch nerven. (Bloggen war für mich übrigens immer ein Weg, dieses Hinterfragen zu kanalisieren.)

Skeptiker zu sein ist in letzter Zeit ein Ding geworden. Es gibt eine regelrechte Skeptiker-Bewegung, die sich bewusst gegen alte und neue Esoterik stellt, von Astrologie über Homöpathie bis Verschwörungstheorien. Das deutsche Zentralorgan ist der „Skeptiker“, die Mitgliederzeitschrift der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), die aber auch ohne Mitgliedschaft abonniert werden kann. Der digitale Attraktor vieler Skeptiker ist Der goldene Aluhut, vor einigen Monaten im Rahmen einer ZDF-Doku über Verschwörungstheoretiker zu etwas größerer Bekanntheit gekommen.

Skeptiker zu sein heißt nicht nur, die namensgebende Geisteshaltung zu haben und spekulative oder esoterische Erklärungsmuster für Phänomene aller Art erst einmal abzulehnen, sondern eben auch, sich von wissenschaftlich belegbaren Fakten dann doch überzeugen zu lassen.

Entsprechend sind viele Skeptiker für oder wenigstens nicht gegen die Herstellung, den Einsatz und den Verzehr von genetisch modifizierten Organismen (GMOs), schließlich ist sich die Wissenschaft ziemlich einig, dass der Verzehr von GMOs völlig ungefährlich ist.

Das glaube ich auch. Und dennoch bin ich entschieden dagegen, dass GMOs für Konsumzwecke hergestellt werden – und zwar weil es keinen Grund gibt, der ihre Herstellung rechtfertigt. Und in so einer Situation, ist grundsätzlich auch ein kleines Risiko nicht akzeptabel, vor allem dann, wenn die Risiken des Einsatzes von GMOs nicht sicher abgeschätzt werden können.

Ich glaube nicht, dass der Verzehr eines Schokoriegels mit genetisch modifiziertem Mais mir schadet. Aber warum zur Hölle sollte irgendjemand Mais genetisch modifizieren müssen, um einen dämlichen, leckeren Schokoriegel herzustellen?

Die Natur ist ein komplexes, oft sogar chaotisches System. In solchen Systemen lehrt das Cynefin-Modell, dass man die Konsequenzen von Handlungen nicht sicher vorhersagen kann. Man muss stattdessen etwas probieren oder einfach mal was machen, schauen was passiert und dann ggf. auf das Verhalten des Systems reagieren.

Ich denke auf dieser Grundlage, dass man das Risiko nicht eingehen muss, genmodifizierten Mais in die Landschaft zu pflanzen. Die Konsequenzen sind nicht sicher vorhersehbar. Es kann alles gut gehen oder eben auch nicht. Und wenn nicht, dann kann es ein katastrophales Ereignis geben. Das ist vielleicht nicht sehr wahrscheinlich. Aber der Erwartungswert einer Katastrophe mit geringer Wahrscheinlichkeit ist eine endliche, nicht-verschwindende Zahl.

Wir brauchen GMOs jedenfalls nicht, um die Welt zu ernähren. Diese Legende wird seit 20 oder 30 Jahren erzählt, und sie hätte sich längst bewahrheiten müssen. Der Hunger in der Welt müsste Geschichte sein. Stattdessen werden GMOs eingesetzt, um Landwirte in der Dritten Welt abhängig vom Hersteller zu machen. Jedenfalls braucht es keine Gentechnik, um die Welt zu ernähren, sondern „lediglich“ den politischen Willen, die wirtschaftliche Ausbeutung der Schwellen- und Entwicklungsländer durch uns zu beenden.

Wir brauchen GMOs natürlich auch nicht, um unser eigenes Essen bezahlbar zu machen. Niemand braucht Schweine mit mehr Rippen oder mehr Muskeln oder noich ertragreicheres Getreide. Nahrung ist in den Industrieländern viel zu billig.

Der einzige Zweck, für den ich GMOs sinnvoll finde, ist die Bekämpfung von Krankheiten, die bislang nicht geheilt werden können. Dann werden GMOs in kontrollierten Umgebungen (Laboratorien, Pharmafabriken) erzeugt und in kontrollierten Szenarien (ärztliche Behandlung) eingesetzt.

Aus all diesen Gründen kann ich mich mit der Anti-Anti-GMO-Bewegung innerhalb der Skeptiker nicht gemein machen. Es stimmt, dass viele GMO-Gegner GMOs aus den falschen, aus unwissenschaftlichen und irrationalen Gründen ablehnen. Aber es bleibt eine rationale, prinzipielle und meiner Ansicht nach auch ethische Betrachtung übrig, die gegen GMOs spricht: Wenn es keinen extrem guten Grund gibt, in die Natur einzugreifen, sollte man es einfach lassen.

Mindestlohn für die SZ-Zeitungszusteller?

Vor sechs Wochen hatte ich beschrieben, wie mein Zeitungszusteller mir berichtete, dass sein Arbeitgeber kein Personal mehr findet, weil er ab 01.01.2015 keinen Mindestlohn zahlt: „Wie der Mindestlohn tatsächlich die Pressefreiheit gefährdet“.

Nachdem mein Exemplar der Süddeutschen Zeitung auch im Anschluss an dieses Gespräch wiederholt nicht kam, schrieb ich an den Kundenservice des Süddeutschen Verlags: „Sehr geehrte Damen und Herren…“ Vermutlich, weil ich auch auf meinen Blogpost und die Aufmerksamkeit verwies, die der bekommen hatte, rief mich drei Tage später Herr K. persönlich an an, der Teamleiter des SZ-Aboservices.

Er war sehr freundlich und fragte, ob mein SZ-Exemplar jetzt wieder pünktlich käme? Das war damals so (seither war die Zeitung noch ein Mal nicht um 7 Uhr im Kasten), und er bot mir an, mich demnächst persönlich an ihn zu wenden, falls es weiter Probleme geben sollte. Ich sagte ihm, dass ich persönlich jetzt zufrieden sei, aber auch hoffe, dass er das Problem nicht nur ein paar Straßen weiter geschoben habe. Lachen am anderen Ende der Leitung.

Ich fragte Herrn K. dann noch, ob der Süddeutsche Verlag (SV) seinen Zustellern denn den Mindestlohn zahle oder das beabsichtige? Er antwortete darauf ausweichend, dass das im Münchener Stadtgebiet durchaus oft der Fall sei, zumal es dort gute Touren gebe, wo die Zusteller pro Hochhaus 30 oder 40 Zeitungen auf einmal los werden. Das war nicht meine Frage, obwohl es sie indirekt auch beantwortet: nämlich mit nein. Der SV zahlt pro Zeitung oder Tour, und es ist das Problem des Zustellers, an eine gute Tour und damit an einen ordentlichen Stundenlohn zu kommen.

Da ich in Bergisch Gladbach wohne und die SZ hier nur Huckepack von Zustellern mitgenommen wird, die im Wesentlichen die lokale Ausgabe des Kölner Stadtanzeigers tragen, hat der SV hier keinen direkten Einfluss, jedenfalls keinen großen. Auf meine Nachfrage, welche Position der SV denn in der Diskussion um die Ausnahme der Zeitungszusteller vom Mindestlohn eingenommen hatte, ging er nicht ein, weil er nicht für den Verlag sprechen wollte.

Nun, zumindesten einige Münchener Zeitungszusteller haben dazu eine klare Meinung – und sie ist nicht schmeichelhaft für den SV: „Mindestlohn – kein Thema für die SZ“. In der Marginalspalte wird die Situation dort so dargestellt:

Ausgangspunkt des Konflikts ist die Absicht der Süddeutschen Zeitung, die Zustellkosten massiv zu senken. Insbesondere die sog. „Alt-Verträge“ sollen in der Summe um rund 30 Prozent abgesenkt werden. (Und das, obwohl die Vergütungen bereits seit 15 Jahren stagnieren!) Mit einer ausgesprochenen Eskalations-Strategie versucht ein nobler Zeitungsverlag seither, lästige Betriebsräte aus dem Weg zu schaffen und mit allen Mitteln – einschließlich der Kündigung ganzer Belegschaften – ihr Dumpinglohn-Prinzip durchzusetzen.

Es lohnt sich, in dem Blog mal ein paar Artikel zu lesen. Ich kann deren Wahrheitsgehalt nicht überprüfen, eins ist aber sicher: Zusteller der SZ sind nicht glücklich darüber, wie mit ihnen umgegangen wird. Und ich interpretiere das Ausweichen von Herrn K. mir gegenüber so, dass der Süddeutsche Verlag keineswegs vorhat, ab 01.01. den Mindestlohn zu zahlen.

Die einzige Alternative, außer der Kündigung des Abos, wäre nun für mich, auf den Einzelverkauf umzusteigen. Obwohl ich ahne, dass die Lieferanten, die die Zeitungspakete vor dem Büdchen abladen, auch nicht mit Geld zugeschüttet werden.

Thomas Middelhoff, oder der Mann, für den nur noch falsche Dichotomien sprechen

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung versucht sich heute Rainer Hank  an einer vorsichtigen Verteidigung des Management-Stils von Thomas Middelhoff: Nach dem Middelhoff-Urteil: Die Stunde der Langweiler. Rainer Hank ist nicht irgendwer, er leitet immerhin den Wirtschafts- und Finanzteil der FAS. Und eines ist nach der Lektüre seines Artikels sicher: Wenn selbst dem Kopf der Wirtschaftsredaktion einer konservativen Zeitung nur noch falsche Dichototmien einfallen, um Middelhoff zu verteidigen, dann hat der seine drei Jahre Knast vermutlich verdient.

Es beginnt schon in der Einleitung des Textes: Entweder Middelhoffs Großmannssucht oder Duckmäuser, stellt Hank gegenüber. Ist das wirklich die einzige Wahl?

Der Artikel führt die größten Verfehlungen Midelhoffs auf: Er hat Arcandor 95.000 € berechnet, die für An- und Abreise zu einem Nebenjob fällig wurden. Und er hat Aufwendungen von 180.000 € abgerechnet, um einen Bertelsmann-Manager in einer Festschrift zu loben. Ich kann mir ja noch vorstellen, wie man die Hubschrauberflüge zwischen dem Familienheim und dem Arbeitsort vor sich selbst rechtfertigen kann. Für die beiden Posten oben fehlt mir aber tatsächlich jede Phantasie, Rainer Hank auch.

Dann jedoch verteidigt er das selbst von ihm so genannte „Statusgeprotze“ heutiger Unternehmer mit dem schwächstmöglichen Argument: Es sei nicht strafbar. Die Strafbarkeit aber, so Hank andererseits, sei eine Keule, mit der die Gesellschaft in letzter Zeit immer häufiger zuschlage. Und was der Richter uns sagen wolle, „wenn er erwähnt, dass ausgerechnet in Saint Tropez ‚bei einem Glas Wein der Abbau von 4000 Arbeitsplätzen beschlossen wurde‘? Hätte man das besser in Essen-Altendorf bei einem Glas Wasser tun sollen?“

Ja, ich denke, genau das wollte der Richter sagen. Und ich auch. Es ist nämlich eine Scheinwahl, zwischen dem Abbau von 4.000 Arbeitsplätzen bei Wasser und Brot und dem Abbau von 4.000 Arbeitsplätzen bei Rotwein und Tapas wählen zu müssen. Vielmehr darf man vermuten, dass die Distanz zu den Betroffenen einer Entscheidung diese Entscheidung leichter macht. Hätte Middelhoff die Entscheidung im Büro des Geschäftsführers des Karstadt-Stammhauses treffen und anschließend jedem der 4.000 seine Entlassung persönlich mitteilen müssen, wäre die Entscheidung dann möglicherweise anders ausgefallen?

Ja, kann man das Vorgehen verteidigen, und genau deshalb will man, dass ein Unternehmenschef seine Entscheidung mit Distanz, zum Wohl des Unternehmens und unabhängig von Einzelschicksalen trifft. Aber auch dann bricht Hanks Argumentation zusammen.

Ich habe es persönlich erlebt, wie in schwierigen Zeiten, als in meinem Unternehmen und Betrieb Leute entlassen wurden, der damalige Vorstandsvorsitzende die Sitzungen des Vorstands auf Mallorca abhielt. Gleichzeitig wurde bei uns um entlassene Kollegen geweint und um jeden einzelnen gekämpft. Uns fehlte ein klitzekleines bisschen Verständnis und dem Vorstand bald jeder Rückhalt in der Belegschaft. Seine unehrenhafte Entlassung wurde mit Befriedigung aufgenommen.

Es gehört sich nicht, Wein zu trinken, und Wasser zu predigen. Es nimmt der Unternehmensführung die Legitmität. Es ist unmoralisch.

Aber schließlich schreibt Rainer Hank: „Der neue Moralismus vertreibt die Exzentriker und Charismatiker.“ Wirklich? Sind Charismatiker immer unmoralisch? Sind es Exzentriker? Man muss nicht den notorischen Wolfgang Grupp anführen, um zu verdeutlichen, dass Exzentrik (Dreiteiler, Werbung mit Affe, Hausdiener!) und moralische Verantwortung sehr wohl Hand in Hand gehen können.

Man muss sich nur mal vorstellen, wie die Angestellten von Karstadt es Middelhoff gedankt hätte, wenn er Arcandor vor der Pleite bewahrt hätte. DAS wäre nämlich moralisch gewesen: Etwas Gutes für andere Menschen tun, für die Gesellschaft. Wie man ihm die Hubschrauberflüge gegönnt hätte!

Dass Exzentrik mit Leistung einher gehen muss, halte ich nicht für moralinsauer. Niemand will Duckmäuser in Vorstandsetagen – sondern Menschen, die Leistung bringen, dabei gerne exzentrisch sind, und die hinterher, falls nötig, zu ihrem Versagen stehen. Echte Unternehmer eben. Keine Kriegsgewinnler, keine Pleiteprofiteure, keine Kapitäne, die als erste von Bord gehen – mit einem Glas Rotwein in der Hand.

[Update am 17.11.] Heute bläst Marc Beise in einem Kommentar der SZ in ein ähnliches Horn wie Rainer Hank. Dabei hantiert er unter anderem mit der Behauptung, drei Jahre seien ein hartes Strafmaß, mancher Totschläger bekomme weniger. Als ich allerdings das letzte Mal ins Gesetz schaute, stand da noch, dass Totschläger nicht unter fünf Jahren bekommen. Tatsächlich gibt es schuldmindernde Gründe, auf Grund derer eine Kammer auch unter das Mindestmaß gehen kann, beispielsweise wenn der Täter während der Tat sturztrunken war. Ich finde es persönlich zwar falsch, Trunkenheit schuldmindernd zu werten, schließlich ist das Trinken von Alkohol eine bewusste Entscheidung des Täters gewesen. Aber vielleicht könnte aus dem Middelhoffschen Rotwein so doch noch ein unerwartet wichtiger Aspekt der Schuldfindung werden…

Wie der Mindestlohn tatsächlich die Pressefreiheit gefährdet

In diesen Tagen wird meine Zeitung morgens sehr unregelmäßig geliefert. In den vergangenen zwei Wochen war sie fünf Mal nicht um 7 Uhr im Briefkasten, wie es die Norm sein sollte. Heute scheint sie überhaupt nicht zu kommen. Ich bin nach mehreren Reklamationen kurz davor, dem Süddeutschen Verlag mit der Kündigung zu drohen: Ich brauche keine Zeitung, die ich abends bekomme; ich will sie morgens in der Bahn lesen. Außerdem ist es schlicht und einfach Vertragsinhalt, dass die Zeitung um 7 da ist. Ich zahle dafür und will die Gegenleistung auch bekommen.

Auf meiner samstäglichen Morgenrunde mit dem Hund, heute etwas später, gegen 10:30 Uhr, traf ich zufällig den Zeitungsboten. Ich quatschte ihn an, ob er tatsächlich jetzt erst die Zeitungen bringe? Er antwortete ja, offensichtlich schon. Ich: Sie waren in den vergangenen Tagen auch häufiger mal spät dran, oder? Er: Ja, ich weiß, das liegt daran, dass wir wegen dem Mindestlohn keine Leute mehr finden und deshalb total unterbesetzt sind. Sobald es irgendein Problem gibt, mal jemand krank wird, kann niemand mehr einspringen. Ich musste letztens an einem Tag drei Touren machen.

Ich verstand erst gar nicht, was das mit dem Mindestlohn zu tun haben sollte. Bis er meinte: Die Merkel war deswegen ja extra vier Mal bei Dumont.

Stimmt, dämmerte es mir – weil die Verleger massiv dafür lobbyiert hatten, dass am Ende die Zeitungsboten noch für einige Zeit vom Mindestlohn ausgenommen wurden! Weil es, so die Drohung, die Pressefreiheit gefährden würde, wenn die Zeitungsverleger ihren Boten den Mindestlohn zahlen und deswegen ihre Publikationen verteuern müssten.

Tatsächlich ist es jetzt exakt umgekehrt: Menschen, die sich für niedrig qualifizierte Arbeit interessieren, machen einen Bogen um Zeitungsboten-Jobs, weil sie anderswo den Mindestlohn bekommen, dort aber nicht. Und so müssen die Verleger ihre Publikationen nicht verteuern, bekommen sie aber nicht mehr zu ihren treuesten Kunden: den Abonnenten.

Über das Eigentor-Desaster mit dem Leistungsschutzrecht wurde in den letzten Tagen ja ausführlich berichtet. Und beim Mindestlohn nimmt nun dasselbe Elend seinen Lauf: Lange haben die Zeitungsverleger gekämpft, die Kanzlerin persönlich überzeugt, und ihr Ziel erreicht, die Zeitungsboten vom Mindestlohn auszunehmen. Und nun stellt sich heraus, dass diese Maßnahme präzise kontraproduktiv ist.

Und wenn man mal ganz kurz scharf hindenkt, dann meint man fast, dass man darauf auch vorher hätte kommen können.

Wer auch immer die deutschen Zeitungsverleger berät, der müsste sich so langsam auf Schadenersatzklagen einstellen.

[UPDATE] Nachtrag am 19.11. zur Position des Süddeutschen Verlags in dieser Sache.