Wie wenig bringt ein Trainerwechsel wirklich? Eine aktuelle Bestandsaufnahme.

Es ist ja kein neuer Gedanke, dass ein Trainerwechsel nicht die beste Idee ist, wenn es schlecht um die eigene Mannschaft steht. Aber diese Bundesligasaison scheint mir prädestiniert dafür zu sein, das Konzept des Trainerwechsels für alle Zeiten zu beerdigen. Hat es schon mal so viele neue Trainer gegeben, die dermaßen wirkungslos blieben?

  • André Breitenreiter folgte Roberto di Matteo zu Saisonbeginn, Schalke steht derzeit auf Rang 5, die Vorsaison endete auf Rang 6.
  • Armin Veh folgte zu Saisonbeginn bei Frankfurt auf Thomas Schaaf. Nach 43 Punkten in der Saison 14/15 wurde Veh nach 25 Spieltagen und 24 Punkten entlassen.
  • André Schubert folgte nach fünf Spieltagen bei Mönchengladbach auf Lucien Favre, hat seitdem in 21 Spielen 42 Punkte geholt (2 Punkte/Spiel), Favre in der Vorsaison 66 Punkte aus 34 Spielen (1,94 Punkte/Spiel).
  • Huub Stevens folgte im Oktober auf Markus Gisdol, Hoffenheim lag auf Platz 17. Stevens trat im Februar gesundheitsbedingt zurück, Hoffenheim lag auf Platz 17. Unter Stevens Nachfolger Nagelsmann holte Hoffenheim immerhin respektable 10 Punkte aus sechs Spielen, liegt aber immer noch auf Platz 17 und es wird zu beweisen sein, ob dieser Trend mittelfristig anhält
  • Thomas Schaaf folgte in der Winterpause bei Hannover auf Michael Frontzeck, der 14 Punkte aus 17 Spielen holte. Hannover holte unter Schaaf bislang drei Punkte aus neun Spielen.

Die Trainerwechsel, die Wirkung zeigten, will ich nicht unterschlagen:

  • Nach einer Katastrophensaison unter Klopp, die immer noch auf Rang 7 endete, spielt Borussia Dortmund jetzt wieder so erfolgreich wie in vielen Saisons vorher unter Klopp. Der aktuelle Punkteschnitt von 2,3/Spiel liegt fast exakt bei dem von Klopps Meistersaisons 2010/11 und 2011/12.
  • Jürgen Kramny folgte beim VfB auf Alexander Zorniger, Kramny holte seither 19 Punkte in 13 Spielen, was einem Schnitt von 1,5 Punkten pro Spiel entspricht, in der gesamten Vorsaison waren es 1,1 Punkte pro Spiel. Zorniger holte nur 0,8 Punkte/Spiel.

Die Trainerwechsel der 2. Bundesliga will ich nicht ganz so detailliert zusammenfassen, aber auf die folgenden Punkte verweisen:

  • Lautern entließ Runjaic Ende September auf Rang 12 liegend, dort steht man heute auch noch.
  • Duisburg entließ Lattieri Anfang November auf Rang 18 liegend, dort steht der MSV immer noch.
  • 1860 entließ Fröhling Anfang Oktober auf Rang 17 liegend, nach einer jüngst gestarteten kleinen Punkteserie steht man aktuell auf Rang 15, punktgleich mit Rang 16.
  • Paderborn entließ Gellhaus Anfang Oktober auf Rang 15 liegend, aktuell ist der Verein 17.
  • Und zu Fortuna Düsseldorfs inzwischen vierten Trainerwechsel (inklusive dem zu Saisonbeginn) muss ich wohl nichts sagen. Fortuna steht auf dem Relegationsplatz zur 3. Liga.

Wie offensichtlich muss noch werden, dass ein Trainerwechsel schlicht und einfach nichts bringt, jedenfalls nicht mit einer besseren Erfolgschance als 2 von 12, wobei man sogar noch darüber streiten kann, ob Klopp den BVB nicht auch schon wieder in die Spur gebracht hatte/hätte?

Bleibt als einziger markant erfolgreicher Trainerwechsel der des VfB Stuttgart. Und hier lag tatsächlich die erkennbare Ausnahmesituation vor, dass der entlassene Trainer ein System spielen ließ, das so offensichtlich zu risikoreich und zu wenig ausbalanciert war, dass es selbst Laien wie ich sehen konnte.

Ansonsten zeigt sich, dass ein Trainer ganz offensichtlich nur eins von vielen Rädern in einer Maschine ist, die so große Trägheitskräfte hat, dass schon mehr zusammen kommen muss als ein Wechsel auf einer Position, um einen auch nur mittelfristig wirksamen Umschwung einzuleiten.

Ausgerechnet hier in Köln aber zeigten zwei Vereine, wie es geht.

Beim Effzeh kam 2012 ein vernünftiger Präsident, es kamen ein Jahr später, noch in der 2. Liga, ein vernünftiger Geschäftsführer Sport und ein vernünftiger Trainer. Gemeinsam baute man eine Mannschaft und eine neue Philosophie auf und führte den Verein ruuuuhig, gaaanz ruuuuhig auf einen nun zum zweiten Mal gesicherten Nichabstiegsplatz der Bundesliga.

Und beim SC Fortuna Köln kam Anfang 2008 zusammen mit deinfussballclub.de Geschäftsführer Dirk Daniel Stoeveken, der nicht mit dem Herz am Verein hing und professionelle Strukturen einzuführen begann. Stoeveken holte dann mit Michael Schwetje einen Investor ins Boot, der nüchtern und erfolgsorientiert den eingeschlagenen Weg fortsetzte und auch noch das nötige Geld gab. 2011 trennte man sich vom damaligen Trainer Matthias Mink, der im übrigen nicht tabellarisch unerfolgreich war, aber wenig attraktiven Fußball spielen ließ und bei den Fans auch rein menschlich unbeliebt war. Es kam Uwe Koschinat, und gemeinsam baute man eine Mannschaft mit einer erkennbaren Spielphilosophie und weiterhin die nötigen Vereinsstrukturen auf, bis (glücklich in letzter Sekunde) 2014 der Aufstieg in den Profifußball glückte. Seitdem spielt die Fortuna in der 3. Bundesliga und scheint zum zweiten Mal am Ende deutlich die Klasse zu halten.

Aber die Fortuna demonstriert auch im Brennglas, wie eng Wohl und Wehe einer Fußballmannschaft beieinander liegen und wie viel vom Zufall abhängt. Denn was man langfristig als Verein beeinflussen kann, das ist die Gewinnwahrscheinlichkeit der Mannschaft. Man muss sich jedes Spiel wie einen Münzwurf vorstellen, bei dem man langfristig die Wahrscheinlichkeit erhöhen kann, dass Kopf fällt. Das schließt aber nie aus, dass fünfmal hintereinander Zahl fällt. Lucien Favre weiß, wovon ich rede. Bei der Fortuna wechseln sich lange Erfolgs- und lange Misserfolgsserien ab wie bei wenigen anderen Vereinen. Die Hinrunde der aktuellen Saison beendete Fortuna als 15. mit 22 Punkten (in einer 20er-Liga). In der Rückrundentabelle liegt man zurzeit auf dem 5. Platz, mit jetzt schon 18 Punkten und noch acht ausstehenden Spielen.

Unterm Strich sollte nach dieser Saison als endgültig bewiesen gelten, dass Vereine ihren Punkteschnitt oder ihre Tabellenplatzierung nicht alleine durch einen Trainerwechsel beeinflussen können. Was funktionieren kann, wenn es gut gemacht wird (memento KSC 2000), ist ein langfristiger, breit angelegter Wandel von Strukturen und Personen.

Wir werden sehen, ob Werder Bremen sich an diese Erkenntnis hält.

Fortuna Köln – Bayern München II 1-0

Ein großes Spiel im Südstadion: Zum ersten Mal seit über 30 Jahren ausverkauftes Haus (so sieht das aus), ein ganz großer Name zu Gast (wenn auch nur die Jugendabteilung), und für die Fortuna die ganz große Chance, endlich das Ziel zu erreichen, von dem seit vielen Jahren gesprochen wird – wieder den bezahlten Fußball zu erreichen.

Auflaufen der Mannschaften

Und wie die Mannschaft diese Aufgabe anging, das verdient höchsten Respekt. Jeder Spieler schien perfekt auf seine Aufgabe auf dem Spielfeld fokussiert, jeder machte genau das, was ihm der Trainer aufgetragen hatte, und wenn überhaupt Nervosität sichtbar war, dann „nur“ bei den drei vergebenen hunderprozentigen Torchancen in Halbzeit 1.

Schon nach sechs Minuten hätte Hamdi „Hamdienicht“ Dahmani treffen und seine Rückkehr zur Fortuna krönen können. Und auch wenn der Linke nicht sein stärkster Fuß ist, hätte der Ball doch wenigstens zwei Meter niedriger über’s Tor streichen dürfen, nachdem er alleine und frei vor Raeder zum Schuss kam.

Ercan Aydogmus dagegen merkte man 20 Minuten später die Erfahrung an, die man mit bald 35 Jahren halt hat: Überlegt schob er den Ball mit dem Innenrist auf’s kurze Eck, am Torwart vorbei. Die zehn Zentimeter, die dann fehlten, um nicht den Vollpfosten zu treffen, sondern den Ball vom Innenpfosten ins Netz trudeln zu lassen, will ich ihm nicht vorwerfen. Das passiert.

Tobias Steffen dagegen verließ, wiederum etwas später, sichtbar der Mut: Wer den Anspruch hat, in einer höheren Liga zu spielen, weil er so ein überragender Techniker ist, der muss in einer solchen Situation den Ball entweder entschlossen mit dem Vollspann reindreschen, oder wenigstens einen präzisen Querpass spielen. Das harmlose Heberchen auf den mitgelaufenen Kameraden konnte der Bayerische Abwehrspieler locker abfangen.

Fortuna Köln - FC Bayern München II

Alle diese Situationen entstanden aus Ballverlusten, die sich Bayern II in der Mitte der eigenen Hälfte leistete. Aber als Trainer ter Hag in der Pressekonferenz sagte, dass Torchancen in der ersten Hälfte ja nur aus Fehlern entstanden seien, hatte er zwar sachlich recht. Aber der Unterton war falsch.

Denn die Fortuna hatte eine glasklar zu erkennende Taktik, die eben genau solche Situationen heraufbeschwören und dann ausnutzen wollte. Der Beschwörungsteil gelang, der Nutzen blieb leider aus. Uwe Koschinat hatte eine Viererkette aufgestellt, die aber jeweils auf der ballfernen Seite von entweder Kraus oder Steffen zu einer Fünferkette ergänzt wurde. Wie er erklärte, wollte er so verhindern, dass die Abwehrreihe von den Bayern mit Diagonalbällen zu schnell hin und her geschoben werden konnte. Bei Ballgewinnen war es dann die klare Devise, schnellstmöglich steil nach vorne zu spielen. Das resultierte zwar auch manches Mal in langen Bällen, was nicht imemr attraktiv aussah. Aber zum einen hielt man so den Gegner vom eigenen Tor fern, vermied, eben gerade anders als Bayern, Ballverluste in einem gefährlichen Bereich und konnte vor allem mit der körperlichen Überlegenheit im Angriff (Kraus. Dahmani! Aydogmus!!) versuchen, diese langen Bälle zu behaupten.

Fortuna Köln - FC Bayern München II

Dass auch Bayern sich der eigenen körperlichen Unterlegenheit sehr bewusst war, wurde bei Eckbällen für Fortuna offensichtlich, wenn wirklich jeder Bayernspieler im und am eigenen Strafraum stand. Sievers hatte als letzter Mann an der Mittellinie dann oft 30 Meter freies Feld vor sich.

Die erste Hälfte endete mit einem Pfostentreffer für Bayern nach einem groben Abwehrfehler. Ich hatte schon abgeschaltet und woanders hin gesehen, als der Ball doch noch ans Aluminium klatschte. Das sollte über das ganze Spiel hinweg aber die einzige ganz klare Torchance für Bayern bleiben.

Pause

In Halbzeit 2 bekam das Spiel einen etwas anderen Charakter. Bayern vermied die defensiven Ballverluste, auch weil sie nun häufiger zu ihrem Keeper zurückpassten. Das Spiel wogte nicht mehr ganz so schnell hin und her, es gab längere Ballbesitzphasen auf beiden Seiten. Und dann sah es auch bei der Fortuna gar nicht schlecht aus, was sie anstellte: Klares und sicheres Passpiel mit Andersen als Fixpunkt. Sievers hatte auf rechts ein paar gute Dribblingansätze, kam aber nur einmal bis zur Grundlinie durch. Von Steffen auf links kam mir etwas zu wenig, aber unterm Strich sah das immer sicher aus.

Bayern zeigte zwar, dass sie die technisch bessere Mannschaft waren, aber sie konnten sich keine guten Torchancen erarbeiten, immer war ein Kölner Bein dazwischen, die meisten Angriffe wurden schon zehn Meter vor dem eigenen Strafraum gestoppt.

Die Entscheidung fiel dann durch eine einstudierte Einwurfvariante: Flach an den Fünfmeterraum, Aydogmus verlängert, Kraus nickt ein.

Jubel nach dem Siegtreffer

Aufgrund der Überzahl klarer Torchancen war dieses Ergebnis verdient, wie auch ter Hag hinterher zugestand. Ein 1-0 ist ein sehr gutes, aber kein überragendes Ergebnis. In München wird eine mindestens genauso konzentrierte Leistung notwendig sein, die dieser Truppe aber auf jeden Fall zuzutrauen ist. Ich kann mir, wie vor dem gestrigen Spiel, alles vorstellen: Ein 3-0 für Bayern, und ein 2-0 für Fortuna. Mein Tipp wäre ein 1-1.

Jedenfalls weiß ich,d ass ich mich darauf verlassen kann, dass die Mannschaft nichts unversucht lassen wird, diese ganz, ganz, ganz große Chance zu nutzen, die Fortuna wieder auf die bundesweite Fußballlandkarte zu schreiben.

Auflaufen der Mannschaften

Hermann Gerland

Michael Schwetje im Interview mit dem WDR

Jubel nach dem Spiel

Endergebnis

Fortuna Köln – SSVg Velbert 3-1 (0-1)

Da hat der Trainer in der Pause wohl die richtigen Worte gefunden. Oder die Mannschaft ihr Spiel wieder. Oder die Spieler ihren Arsch in der Hose. Jedenfalls stand in der zweiten Hälfte der Partie gegen die SSVg Velbert auf einmal wieder der SC Fortuna Köln auf dem Platz, der sich in der Hinrunde eine souveräne Tabellenführung erarbeitet hatte.

Auflaufen der Mannschaften

Die drei Halbzeiten zuvor im Südstadion hingegen, zwei gegen RWO und die erste gegen Velbert, gingen komplett daneben. Da sah man nicht nur albernste Abspielfehler, bei denen aus wenigen Metern unbedrängt der Mitspieler nicht getroffen wurde. Da sah man vor allem auch keinen Nachdruck in den Aktionen. Auch gegen Velbert gab es wieder viel zu viele lässig gespielte Pässe, locker zum Kollegen gechipt, und Zweikämpfe, die durch mehr als lockeres Joggen mit dem Ball von vornherein hätten vermieden werden können (I’m looking at you, Albert!), und die dann auch noch verloren gingen.

Es fehlte schlicht die Energie, mit der die Fortuna sonst den Platz zum Brennen bringt. Gegen RWO hatte Uwe Koschinat die noch versucht, von außen auf’s Feld zu brüllen – was sich während so eines Spiels aber auch erschöpft, wenn es in der 3. Minute beginnt und zwischenzeitlich in Schreiduelle mit dem eigenen Kapitän steigert.

Heute schien mir Uwe Koschinat etwas kontrollierter, wenigstens war er auf der Tribüne nicht zu hören, obwohl weniger als die Hälfte der Zuschauer im Stadion waren wie noch gegen RWO. War halt nur Velbert, war halt nur der Tabellenletzte. Diese Haltung mag auch zur läppischen Einstellung manches Fortuna-Kickers geführt haben.

Velbert präsentierte sich durchaus nicht als mutloses Schlusslicht. Warum auch, immerhin hatte die Mannschaft in diesem Jahr noch nicht verloren und aus drei Spielen fünf Punkte geholt, unter anderem gegen Schalke II. Das Konzept, mit dem Velbert zum Erfolg kommen wollte, wurde recht schnell klar: Sie standen sehr kompakt, zwei Vierereihen meist weniger als  20 Meter auseinander, und davor lauerten zwei Spieler gestaffelt auf Kontermöglichkeiten. Einer von denen war Kevin Hagemann: Kaum größer als ein Windhund, auch etwa so schnell, aber deutlich wendiger und außerdem mit besserer Ballbehandlung. Ein brandgefährlicher Spieler!

Für das Führungstor musste Velbert aber nicht mal auf einen Konter warten, sondern einfach nur ein schlechtes Zuspiel im Kölner Aufbau abfangen, den Ball nach vorne spielen, wo unversehens Ercan Aydogmus im Zentrum gegen zwei Blaue verteidigen musste. Poggenborg stürzte aus dem Tor, wurde von Denis Pozder aber locker überlupft: Führung in der 6. Minute für eine Mannschaft, die ohnehin nicht vorhatte, die Ballbesitzstatistik zu gewinnen.

Velbert jubelt über die Führung

Der Rest der ersten Hälfte war aus Fortuna-Sicht dann so zum Vergessen wie oben schon beschrieben. Man konnte als Fan nur dankbar sein, dass André Poggenborg eine weitere erstklassige Möglichkeit von Velbert entschärfte und es zur Pause nicht 0-2 stand.

Nach der Pause war dann aber endlich wieder der Zug im Spiel, der schon verloren geglaubt schien. Natürlich half dabei auch, dass zunächst Thomas Kraus schon nach zwei Minuten den Kopf in eine Ecke hielt und den Ausgleich erzielte.

Spielstandskorrektur

Nur ein paar Minuten später wurde Thomas Kraus gefoult. Eine alte Krimiweisheit sagt, dass der Täter immer an den Ort des Verbrechens zurückkehrt, so auch in diesem Fall – allerdings um das Opfer der Simulation zu zeihen. Es sah aus sehr weiter Entfernung so aus, als habe es dabei möglicherweise auch noch einen kleinen Tritt gegeben? Jedenfalls bildete man in der Folge ein sehenswertes Rudel, und abschließend würdigte der Schiedsrichter die Tatgesamtheit mit einer roten Karte für Dimitrios Pappas.

Rote Karte für Dimitrios Pappas

Fortuna benötigte danach immer noch 20 Minuten des Anrennens gegen neun blaue Feldspieler, um endlich in Führung zu gehen: Tobias Steffen (oder Thomas Kraus?) war nach einer schönen Kombination in den Strafraum eingedrungen, wurde von hinten am Arm gezogen und fiel glaubhaft genug. Aydogmus verwandelte sicher.

Nun schaltete die Fortuna kurz etwas zurück und versuchte, Velbert endlich mal kommen zu lassen. Den Gefallen taten die Niederbergischen den Kölner aber nicht. Vielmehr setzten sie weiter auf Konter, zum Glück für Fortuna erfolglos.

Kurz vor Schluss kam dann bei einem Freistoß für Velbert sogar der Keeper mit nach vorn. Der Ball flog aber weit über ihn hinweg bis auf die andere Seite des Strafraums, wo gleich zwei Spieler viel zu frei standen, den Ball aber nur schwach auf’s Tor brachten, so dass Poggenborg mit einem spektakulären Hechtsprung noch abwehren konnte.

Der Velberter Torwart geht mit nach vorne

Eine Minute später, beim vielleicht ersten richtigen Kölner Konter, hoppelte der Ball, so schien es aus der Ferne, nach einem Schuss von Dahmani erst über eine der zahlreichen Unebenheiten im Rasen und dann über die Arme des fangbereiten Velberter Torwarts hinweg. Sah jedenfalls ziemlich dämlich aus, zählte aber und war endlich die Entscheidung.

Hoffentlich hat die Mannschaft nun wieder in die Spur gefunden. Nächste Woche steht ein Auswärtsspiel an, was in dieser Saison ja sogar etwas leichter fällt als zuhause. Mit Wattenscheid hat Fortuna zudem den nominell schwächeren Gegner als die Verfolger, die (Lotte) nach Düsseldorf und (Viktoria) gegen Siegen müssen. Schalke II hat spielfrei.

Klar wurde heute noch einmal, dass diese Mannschaft weiterhin gegen jeden Gegner alles in die Waagschale werfen muss, um erfolgreich zu sein. Mit Spitze, Hacke, einzweidrei geht nicht viel. Das wird Uwe Koschinat hoffentlich auch noch Albert Streit beibiegen, der sich mir in zu vielen Szenen auf seine haushohe technische Überlegenheit zu verlassen scheint und dadurch nachlässig wird. Da geht noch viel mehr.

Nach dem Schlusspfiff

Die neue Technik und ihr Feind Rettig

In der Süddeutschen Zeitung wird heute Andreas Rettig interviewt, Geschäftsführer der DFL. Thema: Die Einführung (oder nicht) der Torlinientechnologie. Das Gespräch ist geradezu ein Lehrbeispiel für die geistigen Hindernisse, die Innovationen überwinden müssen, um die Closed Minds und am Ende vielleicht sogar die Antagonisten überzeugen zu können. Das Modell der unterschiedlichen Typen von Innovationsfreunden und -gegnern hat Gunther Dueck nicht erfunden, aber in seinem Buch „Das Neue und seine Feinde“ kürzlich  noch einmal griffig aufgeschrieben.

Wie also äußert sich der Antagonismus gegenüber der Torlinientechnologie bei Andreas Rettig? Vor allem darin, dass es Rettig auf einer 2/3-Seite der SZ gelingt, immer neue Bedenken gegen die Technologie zu finden und immer absurdere Ablenkungsmanöver zu platzieren, nur um an Ende nicht sagen zu müssen: „Ich will das nicht. Ich bin dagegen. Mir ist das nicht geheuer!“ Obwohl genau diese Sätze aus allen seinen Antworten herausklingen.

Rettig beginnt sofort mit einem klassischen Catch 22. Er will (Antwort auf Frage 1) zunächst die Erfahrungen abwarten, die anderswo mit der Torlinientechnologie bereits gemacht werden, nämlich bei der FIFA und in der Premier League. Und obwohl das nun wirklich beides keine Versuchsfelder aus der karpatischen Regionalliga sind, betont Rettig in seiner Antwort auf Frage  2, dass die Erfahrungen, die dort gesammelt werden und die er abwarten will, natürlich nicht auf die Bundesliga übertragbar sind.

Eine perfekte Antagonistentaktik: Es vergeht Zeit, aber man verpflichtet sich zu nichts. (Und die Taktik lässt sich sogar beliebig in die Länge ziehen: Man kann immer *noch* mehr Erfahrungen sammeln wollen. Nur ein Hasardeur könnte dafür sein, einfach mal was zu machen!)

Übrigens ist es die Tatsache, dass es in der Bundesliga Stadien mit Laufbahn gibt, die nach Rettigs Ansicht die englischen Erfahrungen nicht übertragbar machen. Und wenn man vielleicht irgendwann die Technik im Berliner Olympiastadion getestet hätte, könnte man immer noch sagen, dass das ja nur eine blaue Laufbahn war und keine Erfahrungen in Stadien mit roter Laufbahn vorliegen. Wer weiß, welchen Einfluss das hat? Will man da ein Risiko eingehen?

Rettigs nächstes Argument ist das klassischste aller Antagonisten: Das Horrorszenario! Rettig sagt:

Nehmen Sie dieses Beispiel: Der Ball geht knapp und für den Schiedsrichter nicht erkennbar hinter die Linie, wird aber direkt zurückgeblockt und danach bugsiert ihn der Stürmer mit der Hand ins Tor. Das System zeigt Tor an, aber der Schiedsrichter weiß nicht, ob der Ball in der ersten oder in der zweiten Aktion drin war.

Oh mein Gott! Es kann Fälle geben, in denen die Torlinientechnologie keine eindeutige Entscheidung ermöglicht? Es könnten Fälle übrig bleiben, in denen der Schiedsrichter mit der Kraft seiner Augen und vor allem seiner Einschätzung beurteilen muss, ob er ein Tor gibt? Das wäre ja… schluck… GENAUSO WIE HEUTE! Das kann man natürlich wirklich nicht akzeptieren…

Auch der nächste Punkt, den ich von Rettig schon häufiger gehört habe, fällt in die Kategorie des Trickarguments: Rettig meint, die Toleranzgrenze von 3 cm für die Torlinientechnologie sei nicht akzeptabel, und es sei gut, dass die FIFA diese Grenze jetzt auf 1,5 cm gesenkt habe. Aber sofort fragt er selbst: „Können wir 1,5 Zentimeter akzeptieren?“

Die Taktik ist erkennbar: Verunsicherung stiften, indem darauf verwiesen wird, dass die neue Technik nicht perfekt ist. Aber das ist deswegen ein Trick, weil der richtige Maßstab für die Beurteilung nicht derjenige der Perfektion ist – sondern der aktuelle Status Quo.

Es ist doch so: Wenn der Schiedsrichter heute mit bloßem Auge sicherer erkennen kann, ob ein Ball weniger als drei Zentimeter hinter der Linie ist, bleiben wir besser bei dessen Beurteilung. Und wenn es eine andere Technologie gibt, mit der man der Torlinientechnologie nachweisen könnte, einen Fehler im Bereich unter 3 cm gemacht zu haben – dann nehmen wir doch einfach diese Technologie! Und wenn die am Ende „Videobeweis“ hieße…?

Auch die SZ ist ja manchmal nicht doof, hakt im Interview überhaupt oft genau mit den passenden Fragen nach und spricht Rettig als nächstes eben auf den Videobeweis an. Doch nun vollführt Rettig eine Volte, die in Sachen Öffentlichkeitsarbeit nachgerade genial ist: Zunächst erwähnt er pflichtschuldig, dass die Fifa den Videobeweis eh nicht zulässt. Und dann kommt es: Man solle doch zum Beispiel Google Glass nehmen, meint Rettig. Das komme schon 2014 auf den Markt, und vielleicht sei das ja eine viel bessere Lösung als die Torlinientechnologie?!

Wirklich! Das sagt der! Andreas Rettig! Und die SZ geht ihm voll auf den Leim und macht ihre Zusammenfassung des Interviews genau damit auf: „Rettig bringt Google-Brillen für Schiedsrichter ins Gespräch„.

Dabei ist natürlich gerade dieses Argument der in alle Ewigkeit wiederholbare antagonistische Monstertrick: Wer weiß, ob die vorgeschlagene Technologie denn auch *optimal* ist? Vielleicht kommt schon morgen jemand und erfindet etwas viel, viel Besseres? Da warten wir doch lieber auf morgen, bevor wir heute etwas Halbgares installieren!

Das ist nichts anderes als das Rhetorik gewordene, uralte Witzschild, das in jeder schlechten Kneipe hängt: „Free Drinks tomorrow“.

Ganz am Ende versucht die SZ dann ein letztes Mal, und fragt Rettig, was er denn nicht als Funktionär, sondern als Fußballfan will. Und was will der Fußballfan Rettig?

Ein Höchstmaß an Gerechtigkeit im Sinne des Sports.

Und Friede auf Erden. Und den Menschen ein Wohlgefallen.

Andreas Rettig ist schlicht und einfach ein Feind des Neuen, wenn auch ein rhetorisch gut geschulter. Sein Vertrag als DFL-Geschäftsführer läuft bis 2015, analog zur Amtsperiode des gewählten Vorstands. Und auch, wenn Rettig nicht als Alleinherrscher über die Einführung der Torlinientechnologie entscheiden kann, so darf man sich fragen, wie progressiv eine Vereinigung ist, die so jemanden öffentlich zu Innovationsthemen sprechen lässt.

Fortuna Köln – Sportfreunde Lotte 1-2 (1-2)

Eine unnötige Niederlage, und doch war sie irgendwie verdient. Es war das Spitzenspiel, das sich alle erhofft hatten: Voller Einsatz auf beiden Seiten, druckvolles Spiel, zwei gute Mannschaften, ein knapper und bis zum Schluss umkämpfter Ausgang.  Fortuna hatte die Chancen, den Ausgleich zu schaffen, musste sich am Ende aber der abgezockten Klasse von Lotte geschlagen geben.

Auflaufen der Mannschaften

Fortuna trat wieder im 4-2-3-1 an: Poggenborg – Pazurek, Flottmann, Laux, Sievers – Hörnig, Andersen – Kessel, Yilmaz, Steffen – Kraus. Yilmaz also auf der 10, dahinter eine spielstarke Doppelsechs: Diese Aufstellung sollte genau 26 Minuten lang halten. Da nämlich stand es 0-2 und Aydogmus kam für Hörnig, der in gut vorstellbarer Gemütslage gleich in die Kabine rannte. Mit Aydogmus im Zentrum wurde Kraus beweglicher, Yilmaz rückte von der 10 auf die 8, und die Fortuna bekam das Spiel nun erkennbar in den Griff.

Nur ein paar Minuten später schon fiel der Anschlusstreffer nach einem klar berechtigten Elfmeter, den Yilmaz in souveränster Manier verwandelte.

Apropos Elfmeter: Darüber, ob der Schiedsrichter nach drei Minuten einen solchen (zuzüglich roter Karte) hätte pfeifen müssen, gingen die Meinungen der Trainer auseinander. Ramazan Yildirim meinte in der Pressekonferenz nach dem Spiel, dass sein bereits umspielter Torwart Thomas Kraus nicht berührt habe. Das bestritt auch niemand, allerdings war die Frage, ob Kraus springen musste, um eine Verletzung zu vermeiden und dann außer Tritt kam, oder ob es eben doch die Schwalbe war, die Schiedsrichter Felix Schmitz gesehen haben wollte.

Diese Meinung des Schiedsrichters hat jedenfalls keine Aussagekraft bei der Beurteilung der Szene, denn was der Kollege ansonsten die ganze Partie über pfiff, hatte mit einer erkennbaren Linie nur insofern zu tun, als es konsequent zufällig war, ob harte Zweikämpfe abgepfiffen wurden oder nicht. Man hat im Südstadion schon viele schlechte Schiedsrichterleistungen gesehen: Diese gehörte zweifellos in die Spitzengruppe, war jedenfalls einer Spitzenpartie nicht angemessen.

Schiedsrichter Felix Schmitz

Nach dem 1-2 hatte die Fortuna nicht mehr viele gute Torchancen, denn Lotte stand in der Defensive gut (und zwar sehr, sehr tief). Aber Ercan Aydogmus kam zwei Mal frei vor dem Tor zum unbedrängten Kopfball, köpfte einmal direkt auf den Keeper und das andere Mal neben das Tor (so dass ein Fortune in Abseitsposition noch den Fuß hinhalten musste). Eine dieser Möglichkeiten hätte er unbedingt verwandeln müssen, aber Aydogmus in dieser Hinsicht einen Vorwurf zu machen, das wäre nach den vergangenen Wochen fast schon ungehörig, in denen er serienweise mit dem ersten Ballkontakt ins Netz traf.

So war die Niederlage also nach Torchancen unnötig, aber den Sportfreunden Lotte gebührt großer Respekt für ihr Offensivspiel. Das 1-0 hätte mich fast zu spontanem Beifall für den Gegner verleitet: Wie Shapourzadeh den Ball aus vollem Lauf mit dem Außenrist auf den Punkt spielte, wie Kotuljac den Ball sanft runternahm und genau richtig über Poggenborg lupfte, das würde in jeder Liga dieser Welt in die Auswahl zum Tor des Monats kommen.

Das zweite Tor dagegen wäre verhinderbar gewesen, denn Freiberger läuft Sievers nach einem Lotter Befreiungsschlag vom Fünfmeterraum (!) einfach davon, Laux joggt trotz 3:1-Überzahl nur locker in die Gegend des Balles, anstatt Sievers wirklich zu helfen , und ob Poggenborg den Kullerball von der Strafraumgrenze, der auch nur mäßig platziert war, nicht doch halten kann?

Die Konter von Lotte in der zweiten Halbzeit verbreiteten dann jedoch wieder Angst und Schrecken auf der Tribüne, und über weitere Gegentore hätte sich niemand gewundert.

Trotz allem hat die Fortuna mit einem Spiel weniger jetzt immer noch die Gelegenheit, mit Lote punktgleich zu ziehen und eine neue Serie zu starten. Denn gegen jeden anderen Gegner aus dieser Liga hätte es gestern keine Niederlage gegeben, und die Saison ist noch lang.

P.S.: Extrem peinlich fand ich übrigens die Aktion der Zuschauer auf Stehplatz Mitte, die zur Pause die wiederkehrenden Schiedsrichter und gegnerischen Spieler mit Wasser (?) überschütteten. Das dient bestimmt nicht dazu, den Schiedsrichter für die zweite Hälfte der Fortuna gewogener zu machen, und schadet am Ende dem Verein, auf den sicher eine Geldstrafe zukommt, und vielleicht den anderen Zuschauern, wenn Stehplatz Mitte vielleicht wieder gesperrt wird.

Schlange an der Kasse

Kristoffer Andersen

Lotte jubelt nach dem Abpfiff

Fortuna Köln – SC Verl 4-1 (2-1)

Ich muss an dieser Stelle mal die Regionalligatrainer loben, auch wenn sie mir den Blogjob schwer machen: Aber was die nach den Spielen in den Pressekonferenzen regelmäßig an Analysen abliefern, das lässt mir kaum noch neue Erkenntnisse für meine Artikel übrig.

So auch nach diesem Spiel: Fortuna gewinnt nicht, weil sie die bessere Mannschaft war, sondern weil sie nahezu alle ihre Chancen in Treffer ummünzte. Und wenn mal kein Kölner Kopf zur Stelle war, dann half der Gegner freundlicherweise gleich selbst aus und vollendete ins eigene Tor. Klingt blöd, dass ein 4-1 auch genau andersherum hätte anders ausgehen können, war aber in diesem Fall so. Der Spielverlauf, die Verler Abschlusschwäche, die Kölner Abschlussträke und der Monsterlauf von Ercan Aydogmus schoben Fortuna Köln auf die Siegesstraße.

Das Spiel begann erst mal – gar nicht. Am Ende sollten es ohnehin nur magere siebenhundertnochwas Zuschauer werden. Aber als ich 30 Minuten vor Anpfiff, und obwohl der große Parkplatz wegen des Oktoberfestaufbaus gesperrt war, noch locker einen Parkplatz am Straßenrand fand, war eigentlich schon klar, dass etwas nicht stimmte: Verl steckte nämlich im Stau, so dass der Anpfiff um eine Stunde verschoben werden musste.Die Tribüne erinnerte zu diesem Zeitpunkt an selige Verbandsligazeiten, später sollte es nur unwesentlich besser werden.

Leere Reihen - der Gegner steht im Stau

Als es endlich losging, hatte diese Startelf das Vertrauen von Uwe Koschinat: Poggenborg – Sievers, Flottmann, Laux, Kwame –  Hörnig, Andersen – Kessel, Yilmaz, Batarilo – Kraus. Kialka also weiter auf der Bank, Kwame ersetzte den weiter verletzten Fink, Yilmaz auf der 10, Batarilo hat wohl endgültig und äußerst erfreulich den Sprung vom Spielbogenvervollständiger aus der eigenen Jugend zur vollwertigen Einsatzoption geschafft.

Schließlich kam Kristoffer Andersen zu seinem ersten Einsatz, die große Hoffnung für das zentrale Mittelfeld. Uwe Koschinat betonte in der Pressekonferenz, dass Andersen seine Vorgaben genau erfüllt habe und die Vorarbeit zum 1-1 geleistet habe. Mag sein, aber ich sah einen Spieler, der sich erkennbar bemühte, der teilweise energisch dirigierte, dem mir aber noch etwas die Bindung zu seinen Mitspielern zu fehlen schien. Den großen Druck nach vorne konnte auch er nie erzeugen, das Steile und Direkte ist im Spiel der Fortuna noch nicht auf dem Niveau der Vorsaison. Aber das kann noch kommen. Mal schauen, wie Andersen in ein paar Wochen spielt. Seine Klasse ist unzweifelhaft erkennbar, seine Kondition wohl noch nicht so (Auswechslung in der 61. Minute).

Andersen dirigiert schon mal

Ebenfalls zum ersten Mal im Spiel sah ich Kusi Kwame als Außenverteidiger, der defensiv eine solide Vertretung für den natürlich kaum übertreffbaren Tobias Fink war. In der Offensive dagegen fehlte ihm nahezu jede Durchschlagskraft. Aber mir ist es ehrlich gesagt lieber, wenn ein Verteidiger seine Stärken in der Rückwärtsbewegung hat, als wenn er sich vorne als Fummler versucht und hinten die Tür auflässt.

Zum Spiel. Die Fortuna war feldüberlegen, konnte sich aber zunächst keine Chancen herausarbeiten. Insbesondere viele einfache, kurze Pässe im Mittelfeld wurden zu unpräzise gespielt, wodurch den Angriffen sofort der Druck genommen wurde. Da müssen die Bälle einfach besser in den Lauf und in den Fuß kommen, um die gegnerische Abwehr stärker unter Druck zu setzen und die eigenen Angreifer zu ermutigen, auch mal einen Sprint anzuziehen.

Verl sah sich das Treiben der Kölner recht entspannt an, verteidigte konsequent und spielte selbst dann sehr gefährlich nach vorne. Da hätte es schon vor der Führung scheppern können, die dann aber nach einer Standardsituation fiel – und zwar seltsamerweise nach dem am wenigsten druckvoll getretenen Freistoß von allen. Ansonsten waren die Standards von Verl, Freistöße und Ecken, nämlich regelmäßig brandgefährlich, flach und recht scharf getreten.

Dass da nicht mehr passierte als dieses eine Tor, war nicht nur dem Können der Fortuna-Verteidigung zu verdanken – das nämlich heute ohnehin nur selten zu sehen war. Oft wirkte die Defensive komplett unkoordiniert. Prototypisch war eine Situation in der zweiten Halbzeit, als der gegnerische Mittelstürmer drei oder vier Kölner im Sechzehner locker austanzte, bis erst Andre Poggenborg den Treffer in letzter Instanz verhinderte.

Wie man dem gegnerischen Torwart im 1:1 keine Chance lässt, das hatte unmittelbar nach der Verler Führung hingegen Michael Kessel gezeigt. Als endlich mal ein druckvoller Angriff auf das Verler Tor rollte, spielte Andersen von halbrechts einen schönen, schnellen Pass auf den linken Flügel, wo die Verler Verteidiger nicht rechtzeitig hinschieben konnten, so dass Kessel frei vor dem Keeper überlegt ins lange Eck schoss.

Jubel über Kessels Ausgleich

Die Kölner Führung erledigte Verl dann selbst nach einem weiten Freistoß von Ozan Yilmaz, als ein Verteidiger am höchsten stieg und den Ball neben den Pfosten ins eigene Netz köpfte.

Nach der Pause kam endlich der Moment, auf den alle gewartet hatten: Ercan Aydogmus wurde eingewechselt. Und Uwe Koschinat hätte ihn wahrscheinlich nicht mal so anfeuern müssen, wie er das tat, denn was dieser Mann für einen Lauf hat, ist unbeschreiblich.

Einwechslung Aydogmus

„And now goal“ teilen die Kölner ihren Gegenspielern inzwischen mit, wenn Aydogmus auf den Platz stürmt. Und ich kann mir gut vorstellen, wie Verteidigerknie weich werden, wenn dieser Bulle mit großen Schritten auf sie zustürmt. Gestern aber hatten sie dazu kaum Zeit, denn es schlug ein, nachdem Aydogmus Sekundenbruchteiloe vorher seinen ersten Ballkontakt gehabt hatte: Ball von rechts in den gut gefüllten Strafraum, Aydogmus zielt mit dem linken Innenrist und viel Köpfchen auf das linke untere Toreck, trifft genau  – und alles ist Jubel.

Jubel über Aydogmus' 3-1

Auf der Tribüne griff man sich nur noch lachend an den Kopf. Vielleicht könnte die Liga uns einfach demnächst ein Tor am Grünen Tisch zusprechen, wenn wir auf eine Einwechslung verzichten, nämlich die von Aydogmus? Könnte ergebnistechnisch auf’s selbe rauskommen, würde aber die Knochen des alten Mannes und die Nerven der Gegner schonen: Alle gewinnen!

Auch beim 4-1 war Aydogmus dann wieder beteiligt, indem er einen tollen Pass an den linken Strafraumrand spielte, Kessel passte überlegt zurück auf Yilmaz, der den Ball aus 16 Metern vollständig souverän in den Winkel legte.

Am Ende war der Sieg also auf der gnadenlosen Chancenauswertung der Fortuna zu danken, die ihrerseits aber keineswegs auf Glück fußte, sondern, bis auf das Eigentor, auf großem individuellem und mannschaftlichem Können.

Wenn jetzt noch Kristoffer Andersen einschlägt und die Fortuna das Spiel zielstrebiger an den gegnerischen Strafraum tragen kann, dann sehe ich gute Chancen, wirklich bis zum Ende der Saison ganz oben dabei zu bleiben.

Matchwinner unter sich

Verler Spieler mit ihrem Auswärtsmob

Nach dem Schlusspfiff

Der Videobeweis ist da! Warum nicht auf dem Platz?

War das Verfahren des DFB schon immer so wie jetzt im Fall von Wolfgang Stark? Der räumte nach dem Spiel ein, dass entgegen seiner Wahrnehmung im Spiel Marcel Schmelzer nicht Hand gespielt hatte, dass die rote Karte und der Elfmeter also unberechtigt waren. Der DFB veröffentlichte daraufhin noch gestern die folgende Meldung:

DFB-Mediendirektor Ralf Köttker teilte mit, Schiedsrichter Wolfgang Stark (Ergolding) habe „einen Fehler eingeräumt“. Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes werde deshalb „am Montag die Einstellung des Verfahrens gegen Marcel Schmelzer beantragen“.

Dass er einen Fehler begangen hatte, konnte Wolfgang Stark natürlich nur erkennen, weil er die Fernsehbilder gesehen hatte. Im Volksmund heißt das: Videobeweis. Fast. Der Videobeweis ist dieses Ding, das die FIFA und auf ihre Anweisung auch der DFB seit Jahrzehnten zu Teufelszeug erklären. Der einzige Unterschied zwischen dem Verfahren im Fall Stark/Schmelzer und dem echten Videobeweis ist der Zeitpunkt: Stark durfte sich die Fernsehbilder erst nach dem Spiel ansehen, aber nicht währenddessen, wie es beim Videobeweis in der NFL oder DEL oder anderswo üblich ist.

Sprich: Der DFB akzeptiert, dass ein Spiel entscheidend beeinflusst wird (Elfmeter, rote Karte). Nach den 90 Minuten bleibt es dann dem Schiedsrichter überlassen, ob seine Entscheidung bestehen bleibt oder nicht. Hätte Stark nicht eingestanden, einen Fehler gemacht zu haben, würde Marcel Schmelzer vom DFB-Kontrollausschuss angeklagt und wenigstens zur Mindestsperre von einem Spiel verurteilt werden.

Genau dieses Vorgehen würde ich nun aber lieber auf dem Platz sehen: Der Schiedsrichter schaut sich die Bilder an. Und entweder er erkennt und gibt zu, einen Fehler gemacht zu haben, den er dann noch korrigieren kann. Oder eben nicht, und die Entscheidung steht – und zwar auch nach dem Spiel. Es ist reine Albernheit, dieses bereits jetzt praktizierte Vorgehen erst nach dem Abpfiff zu exerzieren.

P.S.: Insbesondere das oft angeführte (und wegen der nicht immer vorhandenen Linienrichter sowieso schon falsche) Argument, der Fußball solle in allen Ligen gleich sein, kann jetzt wohl endlich aus der Diskussion gestrichen werden. In der Regionalliga, in der es von den Vereinen sogar oft Videobilder der Spiele gibt, würde nicht so vorgegangen wie gestern bei Marcel Schmelzer.