Für keine Handvoll Cents

Der Besitzer des Zeitungskiosks in der U-Bahn-Unterführung am Neumarkt war mir schon immer ein bisschen komisch vorgekommen. In mürrischer Grundstimmung händigt er Druckerzeugnisse aus. Um Geld entgegenzunehmen, hält er nie die Hand hin, sondern bittet leicht unwillig darum, es auf die dafür vorgesehene Schale zu legen. Er mag Angst vor Infektionen haben, aber die Viren haften logischerweise auch am Geld. Und wer Angst vor Kontakt mit Menschen hat, sollte besser kein Büdchen betreiben.

Heute wartete ich an eben diesem Kiosk nach einer Dame, die eine Zeitschrift kaufte. Hinter mir reihte sich ein älterer Herr in die kurze Schlange ein. Als er sein Kleingeld aus der Tasche nahm, fiel ihm ein Fünf-Cent-Stück herunter. Da er den Verlust nicht bemerkte und ohnehin alt genug war, um sich nicht mehr bücken zu müssen, hob ich das Geldstück auf und gab es ihm. Er bedankte sich freundlich.

Einen Moment später war ich an der Reihe. Ich bat um eine Frankfurter Allgemeine und legte dem Kioskbesitzer den Preis von 2,10 € abgezählt auf sein Schälchen: ein 2-Euro-Stück, ein 5-Cent-Stück, fünf 1-Cent-Stücke. Er sah sich das Geld an, nahm das 2-Euro-Stück und sagte, mit leicht verächtlichem Blick auf die Cents, dass ich „das Zeug“ behalten könne. Ich stutze kurz, dachte „na gut, dann eben nicht“ und wollte mir die Münzen gerade wieder nehmen.

Ich hatte einen Sekundenbruchteil zu lange gezögert: Der unwillige Büdchenbesitzer hatte sich die 1-Cent-Münzen schon gegriffen – und pfefferte sie an mir vorbei mit Schwung in die menschenvolle Unterführung. Ich stand wie vom Donner gerührt, während der Büdchenbesitzer einen vergessenen Cent noch seinen Kollegen hinterher warf und das 5-Cent-Stück doch noch einsackte. Mir fiel wirklich nichts mehr ein, ich drehte mich um und ging.

Ich bin niemand, der auf den Cent achtet, wenn er etwas kaufen möchte. Aber Geld, und sei es noch so wenig, achtlos und buchstäblich „in my face“ wegzuwerfen? Das hatte mich wirklich geschockt. Dazu kam die für mich unfassbare Respektlosigkeit des Kioskmannes, das ihm ja im Austausch gegen die Zeitung angebotene Geld so drastisch zu missachten. Höchstens wenn ein Freund ein Geschenk, das ich ihm mitbringe, vor meinen Augen wegwirft, könnte ich brüskierter sein.

Jedenfalls weiß ich, dass ich hier nicht mehr hingehen werde. Wer mein Geld nicht zu schätzen weiß und es, wenn er es schon nicht rollen und zur Bank bringen möchte, nicht einmal sammelt, um es einem Armen zu schenken, der soll es sich woanders besorgen.

Zeitschriftenkiosk in der U-Bahn-Passage am Neumarkt

Die Tabakindustrie tritt nach

Ich halte mich für einen weitgehend toleranten Nichtraucher – auch wenn ich bereits die Tatsache, dass man als Nichtraucher seine Toleranz betonen muss, bevor man in Sachen Nichtraucherschutz argumentiert, für eine Verkehrung der gesellschaftlichen Verantwortlichkeiten halte. Nun ist der Volksentscheid in Bayern aber eindeutig zugunsten des Nichtraucherschutzes ausgegangen, man könnte sich zurücklehnen und die Luft genießen, wenn sie nicht von wirrer Propaganda der Tabakindustrie weiter verpestet werden würde: „Bayern sagt NEIN! Aktionsbündnis für Freiheit und Toleranz beklagt Ergebnis des Volksentscheids und Ungleichbehandlung im Wahlkampf“ (kein direkter Link auf den Artikel möglich).

Gehen wir’s mal an.

„Es ist uns nicht gelungen, die Aufklärungsarbeit, die eigentlich Aufgabe der bayerischen Staatsregierung, allen voran des bayerischen Ministerpräsidenten gewesen wäre, umzusetzen in eine ausreichende Mobilisierung der Wählerinnen und Wähler.“ kommentiert Franz Bergmüller, Sprecher von Bayern sagt NEIN! Aktionsbündnis für Freiheit und Toleranz das Ergebnis des Volksentscheides vom 4. Juli.

Das sind für den ersten Satz einer Pressemitteilung sowieso schon mal erstaunlich viele Wörter. Immerhin gesteht man ein, etwas falsch gemacht zu haben – und wenn schon nicht, für die falsche Sache gekämpft zu haben, dann aber doch immerhin, seine Unterstützter nicht mobilisiert zu haben. Doch was soll der Schlenker mit der Aufklärungsarbeit? Welche Aufklärungsarbeit ist wohl gemeint? Vielleicht die jahrzehntelange Historie der Tabakindustrie im Leugnen der Tatsache, dass Rauchen abhängig macht und Krebs verursacht? Auch auf der Website der Initiative findet man keinen Link, der etwa „Fakten zu den Risiken des  Passivrauchens“ betitelt wäre.

Tun wir das aber mal noch als das üblich wirre Blabla von Leuten ab, die nie eine Pressemeldung zu schreiben gelernt haben. In der Folge geht es jedoch ernsthaft absurd weiter:

Gleichzeitig deutet die erschreckend niedrige Wahlbeteiligung daraufhin, dass viele Leute nicht verstanden haben, automatisch für den Volksentscheid zu stimmen, wenn sie nicht zur Wahl gehen.

Das ist nun nicht nur  falsch, sondern irreführend. Tatsächlich muss nämlich die Mehrheit der Abstimmenden einem Volksbegehren in Bayern zustimmen, damit es durchkommt. Es ist also keineswegs so, dass Enthaltungen für den Antrag gezählt werden. Wer nicht zur Wahl geht, stimmt in diesem Fall nicht stillschweigend dafür, sondern er unterwirft sich der Mehrheit derjenigen, die ihre Stimme abgeben.

Weiter im Text:

„Guten Morgen, damit sind wir nun im Verbotsstaat angekommen“ erklärt Franz Bergmüller.

Es ist schon ein rechter Nazi-Staat, der es seinen Bürgern verbietet, ihre eigenen Kinder zu schlagen, in der Kneipe in die Ecke zu pinkeln oder der sie in Straßenverkehrsordnung zu gegenseitiger Rücksicht verpflichtet. Ich meine, man muss sich das mal vorstellen: Zur Rücksicht! Verpflichtet! Wo bleibt da die Freiheit?

Herrn Bergmüllers Leider gehen weiter:

„Zudem beklagen wir die massive Ungleichbehandlung, der wir durch das Volksentscheid-Gesetz ausgesetzt waren: das Gesetz hat uns als außerparlamentarischem Bündnis diverse Werbemöglichkeiten im Rundfunk und im TV sowie im Bereich der Großflächenwerbung nicht eingeräumt. Die Tatsache, dass nur im bayerischen Landtag vertretene Parteien dieses Recht haben, führte zu einer klaren Unverhältnismäßigkeit.“ stellt Bergmüller weiter klar.

Ehrlich gesagt, verstehe ich den Hintergrund dieser Klage nicht. Auch die Initiative Pro Rauchverbot wurde nicht von einer Landtagsfraktion getragen, sondern von der ÖDP angestoßen. Und selbst wenn: Falls es einer Initiative glingt, Unterstützung durch eine Landtagspartei zu bekommen, den Vertretern der anderen Seite aber nicht, dann könnte das bereits ein Hinweis darauf sein, dass die einen eine breitere gesellschaftliche Unterstützung haben als die anderen.

Am Ende wird eine schreiende Ungerechtigkeit beklagt:

Letztendlich führe dieses Ergebnis dazu, dass lediglich ca. 20% aller Wahlberechtigten in Bayern über nur 15% der als Raucherkneipen deklarierten Gaststätten bestimmen.

Zum einen ist es eine alte Taktik derjenigen, die in einer Wahl unterliegen, die Stimmen der Gegenseite über die Wahlbeteiligung auf die Gesamtbevölkerung umzulegen und so als sehr klein darzustellen. Doch tatsächlich ist eine geringe Wahlbeteiligung gerade für die unterlegene Partei eine Chance, die herrschenden Meinungsverhältnisse durch eine hohe Mobilisierung ihrer Anhänger für den Moment der Abstimmung umzukehren. Nicht mal das ist den Rauchverbotsgegnern aber gelungen, und man muss den 20% (60% von 30%) entgegenstellen, dass gerade mal 10% der Bayern sich haben aufraffen können, gegen eine Verschärfung des Rauchverbots zu stimmen.

Doch zum anderen kommt es mir, selbst wenn ich der etwas kruden Äpfel-Birnen-Logik des Textes folge, nicht so ungerecht vor, dass 20% bestimmen dürfen, was mit 15% geschieht.

Manchmal bin ich so müde. Nicht mal mit til verlieren können die. Aber immerhin der eine Kampf ist jetzt mal gewonnen.

Ein Fegefeuer von Kinobesuch

Über unsoziale Kinobesucher habe ich schon viel geschrieben. Gestern, in Benjamin Button, durfte ich aber mal wieder einen Höhepunkt des Alltagsterrorismus erleben.

Eine meiner Theorien besagt ja: Wer 20 Sekunden nach Filmbeginn nervt, wird nicht aufhören zu nerven. Meine andere Theorie ist: Die Leute wissen ganz genau, dass sie nerven, blenden es nur aus, bis sie darauf angesprochen werden. So auch gestern.

Der Film begann, und hinter uns wurde bei jeder Szene gelacht. Es war egal, ob die Szene lustig oder traurig war. Sobald eine Figur auf der Leinwand etwas sagte, irgendetwas tat, lachten zwei Männer hinter uns – und zwar auf eine dreckige, widerliche Art und Weise, die vermuten ließ, dass auch zwei gezielte Faustschläge keine größeren gesellschaftlichen Schaden angerichtet hätten.

Ich beschloss, meine Theorie zu testen, und ertrug den Terror. Eine Stunde lang. Als dann bei einer wirklich nicht witzigen Szene mal wieder gegeiert wurde, drehte ich mich um, machte eine fragende Geste mit den Handflächen nach oben und bat dann, wortlos mit der Hand dämpfend nach unten zeigend, um Mäßigung. Antwort: ein zwar genervtes, aber ganz offensichtlich ertapptes „Ist ja gut“. Ich, ehrlich bemüht freundlich: „Danke.“

Ab diesem Moment: Theorie bewiesen, weil Ruhe. Obwohl: nicht ganz.

Links von uns, rund acht Plätze weiter, wurde nämlich zu diesem Zeitpunkt noch geschnieft. Schon ganz zu Beginn des Films hatte ich das Geräusch gehört und gedacht, da sei jemand in Tränen ausgebrochen. So heftig war das Stakkato von kurzem und langen Nasehochziehen. Immer wieder, im Halbsekundentakt. Nach zehn Minuten hatte ich mich dann vorgebeugt und einen Blick die Reihe entlang gewagt. Da saß ein Mann, etwa 35, der ganz offensichtlich einen echten, krankhaften Tick hatte. Ob er Tourette hatte oder etwas Vergleichbares? Jedenfalls schniefte er, verbunden mit abruptem Kopfzucken, in einem durch und konnte sich offensichtlich nicht kontrollieren.

Der Mann tat und tut mir wirklich leid. Ich will seine Krankheit nicht haben. Doch wenn ich’s mal brutal formuliere: Wenn ich Durchfall habe, gehe ich auch nicht ins Schwimmbad.

Oder freundlicher: Der Mann kann offensichtlich nichts für seinen Tick. Ich aber auch nicht.

Über so viele Plätze hinweg traute ich mich dann jedoch nicht, das Wort zu ergreifen und um Abhilfe zu bitten. Nach einer guten Stunde, ich hatte es gar nicht mitbekommen, war er mit seiner Begleitung dann jedoch gegangen, offensichtlich einsichtig oder von Umsitzenden gebeten, deren Blicke ich auch vorher schon gesehen hatte.

Die grandiose Schlusspointe folgte dann aber noch, als ich mit meiner Begleiterin auf dem Heimweg gerade die oben geschilderten Szenen rekapitulierte – und sie deutlich hörbar (und sofort im Anschluss von der Scham gekrümmt) einen fahren ließ. Besser hätte sich dieser Abend nicht kommentieren lassen.

Vielleicht sollte ich mir doch mal einen Beamer und ein Blu-Ray-Laufwerk anschaffen.

Die Alltags-Borg

Mit die unangenehmsten Zeitgenossen können ja solche sein, die von Amts wegen über das Leben anderer Menschen bestimmen dürfen. Es muss die tägliche Routine sein, vielleicht aber auch diejenige genetische Prädisposition, die jemanden einen solchen Beruf überhaupt ergreifen lässt, die dafür sorgt, dass selbst eigenes Fehlverhalten grundsätzlich zum Anlass genommen wird, andere zu belehren.

Das beginnt schon bei Lehrern und anderen Pädagogen. Wenn du so einen auf der Rolltreppe zur U-Bahn bittest, rechts zu stehen, damit du selbst links gehen kannst, wirst du oft genug nicht, wie von jedem normalen, freundlichen Menschen hören: „Klar, ’schuldigung.“ Stattdessen wird irgendwas in Richtung „Jetzt haben Sie’s doch mal nicht so eilig, junger Mann!“ kommen.

Wer immer noch nicht weiß, wovon ich reden, muss sich nur mal eine Folge von Toto & Harry ansehen. Selbst in dieser Fast-Doku, in der die Polizei gezielt als Freund & Helfer dargestellt werden soll, ist der durchgängige Kommandoton der beiden Hauptdarsteller unüberhörbar, der ihnen ein normales Gespräch, in dem man vielleicht was vom anderen erfahren könnte, oft unmöglich macht.

Having said that, empfehle ich die Lektüre von: Offener Brief von Wolf-Dieter Narr an den Richter im mg-Verfahren.