Cyrano de Bergerac im Schauspielhaus Köln

Die Story des fast schon französischen Nationalstücks kennen wahrscheinlich die meisten aus dem Film von 1990 mit Gérard Depardieu. In Köln wird dieser Klassiker in die Neuzeit gehlt, in die Hip-Hop-Szene. Das funktioniert erstaunlich gut, auch wenn es erst mal ein bisschen albern wirkt, aber natürlich geht es beim Rap wie auch bei Cyrano um die Geschmeidigkeit der Worte. (Sehr schön übrigens, dass nicht nur einige der großen Rapklassiker zu Gehör gebracht werden, sondern auch Fenster zum Hof von den Stieber Twins!)

Die Kölner Inszenierung ist schnell, stark gestrafft, abwechslungsreich und extrem unterhaltsam. Darstellerische Tiefe kommt dabei ein bisschen kurz, erst ganz am Ende können die drei Hauptdarsteller zeigen, dass sie mehr können als nur schnelle Gags gut getimed zu bringen. Aber was heißt schon „nur“? Die zentrale Szene, wenn Cyrano dem Christian vor Roxanes Haus die Verse souffliert, um die Angegebete endgültig für sich zu gewinnen, ist hysterisch lustig, sehr schnell inszeniert und perfekt choreografiert.

Die Moral von der Geschicht kommt am Ende vielleicht ein bisschen zu kurz, aber in den rund 100 Minuten der Inszenierung hat man sich gut unterhalten und geht beschwingt und auch ein bisschen traurig über Cyranos Tod aus dem Theater.

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Kurz reingeschaut: „Troilus und Cressida“ im Schauspielhaus Köln (2016)

Gestern habe ich etwas getan, was ich in den über zehn Jahren, die ich jetzt ein Abo am Kölner Schauspielhaus gabe, noch nie getan habe: Ich bin in der Pause gegangen. Ganz so schrecklich war die Aufführung nicht, das Stück aber schon. Hinzu kam: Ich kenne es und weiß, dass es nach der Pause nur unwesentlich besser wird.

Schon 2007 inszenierte das Kölner Theater dieses als schwierig geltende Stück von Shakespeare, und schon damals fand ich es wie gestern: Eine recht simple Story, die sich vor der Pause in ungebührlicher Länge ausbreitet, dabei aber textlich für die Zuschauer extrem fordernd ist. Immer wieder tauchen Verben auf, von denen man nur vermuten kann, dass der Satz, zu dem sie gehören, vor geraumer Zeit begonnen haben muss.

Immerhin der Bühnenbildner hat sich Mühe gegeben und einen schönen Kasten erschaffen, der sich in der Mitte der ansonsten nackten Bühne mit echt wirkenden, hohen Bäumen mit Blattwerk und unten mit Waldboden im Anschnitt umgrenzt. Wenn die vor Troja lagernden Griechen hier auftreten und von Spots mit langsam wechselnden Farben fokussiert werden, dann wirkt das fast magisch – aber nur, bis die erste Figur ihren Mund aucfmacht. Denn dann geht es wieder nur um Belangloses, wie eitel Achilles doch ist.

Die Kölner Rundschau fragt sich, ob die Langeweile und Belanglosigkeit an der Regie oder am Stück liegt? Nach dem zweiten Durchlauf kann ich sagen: Es ist das Stück. Mir ist nicht klar, was mir das heute sagen soll, und zudem ist es auch einfach keins von Shakespeares bestgelungenen.

Da meine Mitabonnenentin wegen Krankheit verhindert war, sparte ich mir dann den Teil nach der Pause und testete stattdessen lieber die ersten Chips von myChipsBox.

Kurz reingeschaut: „Geschichten aus dem Wienerwald“ im Schauspielhaus Köln (2015)

Die kleinbürgerliche Welt ist eine Scheibe, und die ist in Köln parkettiert und dreht sich gelegentlich. Dann geraten die Figuren in Gang, um ihre Positionen zu halten – aber auch nur dann. Ansonsten bewegen sich die Charaktere in Stefans Bachmanns Inszenierung der „Geschichten aus dem Wienerwald“ nicht: Sie sind vom ersten Moment der Inszenierung an festgelegt auf ihre äußerlich wie innerlich überzeichneten Eigenschaften. Die Bühne ist bis auf die große Scheibe komplett leer, die Seelen der Figuren sind es auch.

Nur Marianne, die ihrem Verlobten fremdgeht und das so gezeugte Kind dann gegen den Willen der Familie doch bekommt und sogar liebt, zeigt ein paar menschliche Regungen. Der Rest des Personals agiert fast roboterhaft, immergleich, auch durch die manchmal etwas albernen Bewegungsmuster stark typologisiert.

Und die Inszenierung geht vom ersten Moment an weiter, immer weiter. Es gibt keine besonderen dramatischen Höhen oder Tiefen, immer quasselt irgendjemand, stille Momente oder besondere Ausbrüche gibt es fast keine, und so fehlte mir ein Spannungsbogen oder irgendetwas, das gestern Abend meine Aufmerksamkeit gefesselt hätte.

Am Ende war mir das zu scherenschnittartig. Ich verstehe, was der Regisseur mir sagen möchte – aber dafür reichten mir die ersten 15 Minuten. Die restlichen zwei Stunden empfand ich als ständige Wiederholung.

Ich fand die Inszenierung enttäuschend, bin mit dieser Ansicht aber anscheinend allein in einem exklusiven Club mit der FAZ: Die Nachtkritik-Seite zum Stück inklusive Überblick der Feuilletons.

Kurz reingeschaut: „Stirb, bevor du stirbst“ im Schauspielhaus Köln

„Stirb, bevor du stirbst“, eine Auftragsarbeit von Autor Ibrahim Amir für das Kölner Theater, läuft bereits seit zwei Monaten und war am vergangenen Donnerstag ausverkauft. Das könnte ein positives Indiz für die Qualität des Stücks sein. Oder ein negatives für den Anspruch des Kölner Publikums.

„Stirb, bevor du stirbst“ ist eine Komödie, in der aktuelle Themen rund um den Islam verhandelt werden: Integration und Akzeptanz islamischer Deutscher „mit Migrationshintergrund“, das Frauenbild religiöser Muslime und die Verführungskraft islamistischer Terrororganisationen für Jugendliche in der Selbstfindungsphase.

Leider bleibt das Stück viel zu sehr an der Oberfläche. Die Dramaturgie wirkt aus altbewährten Bausteinen der Komödie schnell zusammengesteckt, die Figuren sind Stereotypen, und auch die Schauspieler geben dem schwachen Text keine Tiefe. Meist kann man in Köln ja wenigstens das Ensemble loben, aber hier fühlte ich mich zwischenzeitlich wie im Millowitsch-Theater.

Einzig die Inszenierung und das Bühnenbild scheinen sich anzustrengen, und so kommt am Ende doch noch ein einzelner, schöner, ergreifender Moment zustande, wenn nach der vermeintlichen Schluss-„Pointe“ alle Figuren wie in einem Zeitäther driften, der die ganze Handlung wieder auf Null stellt. Blöderweise ist die zweite Version der Story, die dann anreißt, wie es auch hätte sein können, so platt wie man eine Moral mit dem Holzhammer nur kloppen kann.

Für ein Volkstheater wäre das eine mutige Inszenierung, im Kölner Schauspielhaus erwarte ich mehr Tiefgang.

Kurz reingeschaut: „Kippenberger!“ im Schauspielhaus Köln

Ich gebe zu: Ich kannte Martin Kippenberger nicht. Nie von ihm gehört. Komplett ahnungslos, hätte für mich auch ein Arbeiterführer aus dem Pott sein können. Nach dieser Aufführung aber weiß ich: Kippenberger war ein charismatischer Typ, der sich nehmen durfte, was er begehrte, und der tat, was er wollte – einschließlich, sich zu Tode zu saufen. Außerdem war er ein hoch anerkannter, als Krawallbruder gefürchteter Künstler, den die Stadt Köln, in der er ein paar Jahre seines kurzen Lebens verbrachte, in ihrer vereinnahmenden Art als einen der Ihren annektiert hat.

Die Aufführung von Angela Richter will Kippenberger zeigen, indem sie Zeitgenossen, die ihn kannten, von ihm berichten lässt, ab und an meldet sich der Künstler auch selbst: alles durch die Münder und Körper von fünf Schauspielern. Die sprechen in wechselnden Rollen, meist ohne den Sprechenden auszuweisen, ungeglättete Texte aus Interviews. Alleine das ist schon unterhaltsam, denn ich finde, es gibt wenig Kurzweiligeres, als wenn im Theater echte Sprache gesprochen wird, keine hohe Dichtkunst, sondern Wörter, wie sie normalen Menschen aus dem Mund purzeln. Und es gibt wenige Schauspieler, die solche Texte überzeugend sprechen können. Den fünfen dieser Inszenierung gelingt es, auch wenn es bei dem ein oder anderen ein Weilchen dauert, bis das Deklamieren einem ungezwungenen Gequatsche gewichen ist.

Aber spätestens, wenn ganz am Ende jeder ein paar Sätze zum Tod Kippenbergers in eine Kamera spricht, das Gesicht auf eine große Leinwand projiziert, dann sind die Darsteller vollkommen in ihren Figuren angekommen.

Dieses Ende rührt fast zu Tränen. Während der Aufführung sind die ruhigen Momente hingegen seltener. Meist wird schnell gesprochen oder zu lauter Musik getanzt. Einmal erzählt Yuri Englert als Kippenberger einen Witz, den er endlos in die Länge zieht, auf Abwege gerät, noch einmal von vorne beginnt, sich wieder verirrt, die angeblich grandiose Pointe  umschweifig ankündigt, sich wiederholt und wiederholt – bis ein genervter, älterer Zuschauer tatsächlich lautstark seinen Unmut äußert und von den Umsitzenden verbal gebändigt werden muss. Interessanterweise erzählt im anschließenden Zuschauergespräch ein Besucher, ein Kölner Radiologe, der Kippenberger tatsächlich gut gekannt hatte, dass Kippenberger wirklich eben diesen Witz erzählt hatte, und wenn er meinte, nicht genug Aufmerksamkeit zu bekommen, wieder und wieder von vorne anfing, bis alle genervt waren.

Die Regisseurin sagte im Gespräch, dass es ihr größtes Ziel sei, mit der Aufführung nicht zu langweilen, und dass diese Fähigkeit gemeinhin unterschätzt werde. Das jedenfalls ist ihr gelungen: Ich habe mich zu jeder Zeit gut unterhalten gefühlt, und ich habe etwas darüber gelernt, wer Martin Kippenberger war.

Als meine erste Aufführung der Intendanz von Stefan Bachmann konnte sich „Kippenberger!“ sehen lassen. Das war vielleicht noch nicht das ganz große Theatererlebnis, aber es hat mir Lust auf mehr gemacht.

Kurz reingeschaut: „Männer“ im Schauspielhaus Köln

Ich muss mein Klagelied wiederholen, und hätte das gerne in der Kommentarspalte des Schauspielhauses getan, das meinen Text jedoch mit der Fehlermeldung „Botcheck error“ zurückweist. Nein, hier schreibt ein Mensch, wohingegen ich mir nicht sicher bin, dass „Männer“ nicht dem automatischen Playlistgenerator eines Privatradios entsprungen sein könnte.

Denn was hat so eine Aufführung an einem städtischen Theater zu suchen? Warum müssen wir so etwas subventionieren? Ich bin als Bürger und als Abonnent sehr verärgert.

„Männer“ ist nichts als eine platte, völlig willkürliche Aneinanderreihung von Schlagern, die dann auch noch an die wirklich simpelsten Instinkte des Publikums apellieren. Das ist viel zu selten witzig, immerhin gut gesungen, hat aber an keiner Stelle irgendeine Tiefe. Die Ironie ist nur vorgegeben, letztlich sitzen doch Menschen im Publikum, die den FC geil finden, in populären Melodien schwelgen und sich einfach ein bisschen amüsieren wollen. Und das Kölner Schauspielhaus bietet ihnen den Rahmen für den Selbstbetrug, das nicht unter dem Niveau zu tun, das die Aufführung doch nie erreicht.

Ich bin entsetzt, dass so etwas während der Intendanz von Karin Beier möglich ist, die uns, ohne dass sie jemand genötigt hatte, einst versprach, Singspiele gehörten nicht an ihr Theater. Und jetzt gibt es das platteste von allen, gegen das Radio Ro oder Werner Schlaffhorst, ganz zu schweigen von „Erdbeerfelder für immer“, geradezu Feste der Hochkultur waren.

Diese Aufführung, die auch noch das zweite Singspiel im diesjährigen, ohnehin kurzen Aboprogramm war, lässt mich ernsthaft überlegen, ob ich nächstes Jahr wieder Abonnent werden soll.

Was für ein Frechheit.

Kurz reingeschaut: „Die Ratten“ im Schauspielhaus Köln

Ich mag Karin Henkels Inszenierungen, auch wenn sie mich in der Vergangenheit nicht immer begeisterten. Aber sie schaffen es immer, auf offenen Bühnen eine hohe Konzentration auf den Text und das Stück zu zeigen, so auch bei Gerhard Hauptmanns „Ratten“. (Dass es sich wohl um eine Neuauflage einer alten Leipziger Inszenierung von Henkel handelt, ist etwas schade, tut dem Erstseher aber natürlich auch nicht wirklich weh.)

Die Schauspieler sind bereits auf der Bühne, wenn das Publikum seine Plätze einnimmt. Ein alter Trick, der aber in Hauptmanns Stück mal wirklich passend ist, weil es genau das Verhältnis von wirklicher und gespielter Welt behandelt. Während die letzten Besucher noch im Gang stehen, ruft Lina Beckmann als Henriette John in den Saal: „Ich bin fertig, wir können anfangen“ – und Wirklichkeit und Theater sind schon dann auf so vielen Ebenen vermischt, dass sie sich in der Folge nie wieder ganz trennen werden.

Die erste Szene gerät anstrengend, denn Lina Beckmann berlinert, wie alle Darsteller, (mit Absicht!?!) nur mittelmäßig gekonnt. Und Lena Schwarz als Pauline Piperkarcka schreit ihren Text so hysterisch und mit so starkem polnischen Akzent, dass er kaum verständlich ist. Natürlich passt das zur Erregung der Szene, in der die John dem Dienstmädchen sein bald geborenes Kind abschwatzt, aber es erschwert den Einstieg in das Stück.

Schon bald danach wird es aber grandios, wenn die beiden besten Darsteller des Abends die Bühne betreten: Yorck Dippe als Theaterdirektor Hassenreuter und Jan-Peter Kampwirth als Möchtegernschauspieler Erich Spitta. Spitta spricht bei Hassenreuter vor. Wie Yorck Dippe den Hassenreuter belehrend, verbohrt und doch sehr menschlich spielt, das ist schon toll. Aber Jan-Peter Kampwirth gelingt das Kunststück, Erich Spitta gleichzeitig als komische Karikatur eines bemühten Laien zu zeigen, ihm aber doch so viel Tiefe und Wahrheit zu geben, dass Figur und Darstellung zum Kondensat des Themas der „Ratten“ werden: Wie viel spielen wir alle, wie echt sind wir? Ist Echtheit überhaupt etwas, das irgendjemand möchte? Das ist von Dippe und Kampwirth so eindringlich wie teilweise hysterisch lustig dargestellt. Hier verdient sich die Tragikomödie, die Hauptmann im Sinn hatte, ihren Namen in nur einer Szene. Toll!

Auch der übrige Cast überzeugt, nur Lina Beckmann wollte mir als Frau John nicht so recht gefallen. Sie blieb mir etwas zu sehr an der Oberfläche der Figur, die, wie alle des Stücks, eigentlich zutiefst zerrissen ist. Und die unvermeidliche Beckmannsche Brülleinlage nervt inzwischen ein bisschen: Es muss doch auch mal anders gehen?

Wirklich gut ist das Bühnenbild: Ein Kasten aus schlichten schwarzen Klappen, durch die Schauspieler ab und auf treten, mal helle Lichter leuchten, die als Mittel der Inszenierung aber nicht überstrapaziert werden.

Unterm Strich ist „Die Ratten“ einfach eine gute Inszenierung, die das Stück und seine Aussage in den Vordergrund stellt. Nicht überragend, aber auf jeden Fall sehenswert!