Usability in der Auto-Konfiguration: Wann geht das Licht früher an?

Mein Nissan Pulsar hat, wie viele modernen Autos, eine automatische Lichtaktivierung. Wenn das Licht außen, das über einen Senor in der Frontscheibe erkannt wird, einen bestimmten Helligkeitswert unterschreitet, gehen Fahrlicht und Rücklicht automatisch an.

Wann das passiert, also schon bei etwas mehr Helligkeit oder erst, wenn es ziemlich dunkel ist, kann man im Menü des Wagens konfigurieren. Das Menü habe ich unten fotografiert.

Nun kommt die entscheidende Frage: Welche Einstellung muss ich wählen, damit das Licht schon bei etwas größerer Helligkeit angeht als in der Standard-Einstellung?

Erst mal kurz das Menü studieren und nachdenken.

Digitalanzeig der Einstellung der Empfindlichkeit der automatischen Beleuchtung in einem Nissan Pulsar
Einstellung der Empfindlichkeit der automatischen Beleuchtung in einem Nissan Pulsar

Und? Was meinst du?

Ich bin ja Physiker. Mein Gedanke ging so:

  • Ich stelle die Lichtempfindlichkeit ein, sagt das Menü.
  • Das ist eine Eigenschaft des Lichtsensors.
  • Wenn der Sensor empfindlicher ist als normal, also bspw. maximal empfindlich, dann denkt er schon bei sehr wenig Außenlicht, dass es hell (genug) ist und lässt das Fahrlicht aus.

Genau so ist es tatsächlich. Wenn ich die Einstellung auf „gering“ setze, geht das Fahrlicht schon im Schatten unter Bäumen an. Der Sensor ist nur gering empfindlich, also reicht auch eine eigenlich relativ okaye Lichtmenge nicht mehr aus, um ihn zu überzeugen, dass es Tag ist. Also macht er das Licht an.

Die Liebste hingegen hatte aus dem Bauch heraus genau die andere Einstellung vorgeschlagen: „Maximal“ hieße ihrer Ansicht nach, dass das Licht schon früh angeht, also wenn es gerade mal zu dämmern beginnt. Das war auch mein erster allererster Gedanke, der noch im Bauch entstand, bevor ich dann das Menü genauer studiert habe.

Ich denke, dass das Menü einfach extrem kompliziert ist. Man muss sich überlegen, was der Sensor in welcher Lichtsituation „denkt“ und wie er dann das Fahrlicht steuert. Das ist umständlich, man muss auf dem Weg zwei Mal umdenken.

Viel einfacher wäre es, wenn das Menü und seine Optionen bspw. so heißen würden:

Fahrlichtaktivierung bei
Hellem Tageslicht
Normalem Tageslicht
Dämmrigem Tageslicht
Sehr wenig Tageslicht

Das ist vielleicht auch noch nicht optimal, aber es lässt den Nutzer einfach aus Abstufungen einer Kategorie auswählen, die er ohnehin im Kopf hat.

Usability ist eine trickreiche Sache, und jedenfalls sollte man sie nicht von Ingenieuren gestalten lassen, die wie Ingenieure denken.

Apple TV: Intuition und Gewöhnung sind nicht dasselbe

Ich besitze seit zwei Wochen ein Apple TV 4. Und mal wieder mache ich die Erfahrung, dass die regelmäßig so hoch gelobte Intuitivität der Apple-Benutzeroberflächen ein reiner Mythos ist. Stattdessen handelt es sich um schlichte Gewöhnung an frei aus der Luft gegriffene Benutzungsmetaphern.

Drei Beispiele:

Wie schaltet man Apple TV aus?
an-aus-icon
Es gibt jedenfalls keinen An/Aus-Knopf, wie man ihn von zahllosen Geräten kennt (s. links). Stattdessen muss man lange den Home-Button drücken (s. Abbildung unten), mit dem man bei normaler Benutzung zum Homescreen kommt. Es erscheint dann eine Lightbox mit der Möglichkeit, Apple TV in den Ruhezustand zu versetzen. Ich habe das erst nach einem Blick in die Bedienungsanleitung rausgefunden.

Wie löscht man eine App?
Um eine einmal installierte App wieder zu löschen, muss man die App zunächst per Long Click fokussieren, wie zum Verschieben. Das kennt man immerhin schon von Apple-Telefonen und Tablets. Anschließend muss man nicht etwa die Menü-Taste drücken, um ein Zusatzmenü mit Optionen aufzurufen, wie ich es vermutet hatte. Sondern man muss den Play/Pause-Button drücken! Das wird zwar klein unten auf dem Bildschirm eingeblendet, ist aber dennoch weit von irgendeiner Intuition entfernt.

Wie navigiere ich zurück? Und wie rufe ich das App-Menü auf?
Um auf den letzten Bildschirm zurück zu navigieren, muss man auf der Fernbedienung die Menü-Taste drücken. Immerhin ist das die Taste links oben, also tatsächlich noch halbwegs natürlich. Aber auf der Taste steht „Menu“, und ich habe zum einen gezögert, ob ich das jetzt tatsächlich tun soll? Zum anderen macht die Taste in vielen Zuständen einer App einfach nicht das, was drauf steht, nämlich ein Menü aufzurufen. Stattdessen bringt sie mich eben einen Screen zurück. Ins Menü komme ich dagegen, indem ich auf dem Touchpad der Fernbedienung von oben nach unten wische – meistens jedenfalls.

Mir scheint insgesamt der löbliche Wille zur Vereinfachung weit über’s Ziel hinaus geschossen zu sein. Man muss ja nicht gleich eine Fernbedienung mit tausend Knöpfen gestalten. Aber das Doppelbelegen von Knöpfen führt zu einer Modalität, die nicht sinnvoll ist: Buttons führen in einem Zustand der App oder der Benutzung eine bestimmte Funktion aus, in einem anderen Modus aber dann wieder eine andere. Das ist einfach nur verwirrend. Gewöhnen tut man sich auch an den größten Usability-Dreck. Aber nur bei Apple nennt man diese Gewöhnung Intuition.

 

Fernbedienung von Apple TV 4
Fernbedienung von Apple TV 4

Neues Suchmenü in Firefox: Sind modale Interfaces wirklich immer schlecht?

Firefox hat sein Suchfeld entmodalisiert, wenn das ein Wort ist. „Modale“ Interfaces gelten als etwas, das man im Interfacedesign vermeiden sollte. Aber gilt das wirklich unter allen Umständen?

Was ist ein modales Interface? Jef Raskin schreibt viel Lesenswertes darüber in seinem bahnbrechenden Buch „The Humane Interface“ (hier zitiert aus der Wikipedia):

An human-machine interface is modal with respect to a given gesture when (1) the current state of the interface is not the user’s locus of attention and (2) the interface will execute one among several different responses to the gesture, depending on the system’s current state

Also: Eine Schnittstelle ist nach Raskin „modal“, wenn sie unterschiedlich reagiert, obwohl der Nutzer dasselbe macht, und wenn der Grund für die unterschiedliche Reaktion dem Nutzer nicht besonders präsent ist. Du denkst, die Kiste müsste jetzt wieder das Gleiche machen wie vorher. Aber der Modus der Kiste hat gewechselt, also macht sie jetzt etwas anderes. Das nervt normalerweise.

Das alte Suchfeld von Firefox war modal. Abhängig davon, welche Suchmaschine/Website der Nutzer ausgewählt hatte, wurde die Eingabe immer an diese Suchmaschine/Website weitergeleitet. Und man konnte schon mal vergessen, welche Suchmaschine man gerade ausgewählt hatte, auch wenn das Icon immer sichtbar war.

Firefox-searchbar-alt

Das neue Suchfeld ist nicht mehr modal. Es tut immer dasselbe, nämlich (ohne weiteres Interaktion) in der vom Nutzer festlegbaren Standardsuchmaschine zu suchen und ihm bei jeder Suche auch die Wahl zu bieten, eine andere Suchmaschine zu nutzen.

firefox-searchbar-neu

Aus meiner Sicht ist das aber eine klare Verschlechterung. Ich suche zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Suchmaschinen. Mal schreibe ich einen englischen Text und brauche brauche 20 mal hintereinander Leo. Danach klappere ich eine Liste von Musikempfehlungen ab und will jede Band auf YouTube probehören. Schlussendlich recherchiere ich Fernsehserien und will mir deren IMDB-Bewertungen ansehen.

Ich denke, dass dieses Verhalten typisch ist: Man sucht man nicht immer in derselben Suchmaschine, sondern jetzt hier, gleich dort. Mit dem neuen Firefox-Suchfeld muss man nun aber, wenn man nicht im Standard sucht, immer wieder die Suchmaschine auswählen. Wenn ich DuckDuckGo als Standard eingestellt habe und den englischen Text schreibe, kann ich nach dem Eingeben des Suchbegriffs nicht einfach Return klicken, sondern muss mit der Maus auf das kleine Feld mit dem Leo-Icon navigieren. Jedes Mal.

Step aside, Jef Raskin, aber ich will mein modales Suchfeld zurück!

Usability von Gasflaschen

In der virtuellen Welt, in der ich arbeite, ist die Benutzbarkeit von Produkten wichtig. Noch wichtiger ist sie aber natürlich dann, wenn man bei falscher Nutzung eines Produkts einen entscheidenden Fehler begehen kann. Ich finde, dass ein Druckminderer, den man auf eine unter 60 bar Druck stehende CO2-Flasche schraubt, um ihr kontrolliert Gas zu entnehmen, grundsätzlich ein solches Produkt ist.Ich habe jedenfalls vor Gasflaschen einen Heidenrespekt, selbst nachdem ich während des Studium ab und an mal die mannshohen Teile anschließen musste, die dir ein Loch in Boden und/oder Wand schlagen, wenn ihnen das Köpfchen abbricht, was immerhin selten passiert.

Wie man meinem Twitter-Stream entnehmen konnte, richte ich mir gerade ein Aquarium ein, so dass ich es heute zufällig mit exakt einer kleinen CO2-Flasche mit Druckminderer zu tun hatte. Man schraubt den Druckminderer auf die Flasche, und soll ihn dabei schließen, damit, wenn man dann die Flasche anschließend öffnet, sie durch den Druckminderer zunächst weiter verschlossen bleibt, bevor man ihn dann langsam öffnet, um die entnommene Menge Gas nach und nach zu erhöhen.

In welche Richtung aber soll man den Verschluss des Druckminderers nun drehen, um ihn zu schließen? Meiner Ansicht nach hat die Firma Dennerle, die das Produkt verkauft, gleich drei Benutzbarkeitprobleme eingebaut:

  1. Die pulsartigen Zacken vor dem Plus- bzw. Minus-Zeichen (siehe Foto unten) sollen Richtungspfeile sein. Mal im Ernst: Muss sich an so einem Pfeil unbedingt ein Designer selbst verwirklichen und ihn, den Pfeil, der Länge nach halbieren, auch noch jeweils anders, um ihn irgendwie cooler aber weniger eindeutig als Pfeil erkennbar zu machen? Ich musste jedenfalls ernsthaft überlegen, was das sein soll.
  2. Die Hinweise zur Richtung, in die man den Minderer zum Öffnen oder Schließen drehen muss, sind auf der Rückseite des Geräts angebracht, wie man daran erkennen kann, dass man auf dem Bild die Rückseiten der Manometer sieht. Wer kommt bitte auf so eine Idee? Den Regelknopf muss man immer wieder mal bedienen, um den CO2-Fluss anzupassen. Und dann druckt man die Hinweise auf die Rückseite?
  3. Das alles wird umso wichtiger, weil die Drehrichtung des Knopfes hiesigen Gepflogenheiten widerspricht: Normale, deutsche Gewinde dreht man nämlich rechtsherum (im Uhrzeigersinn) zu, und linksherum wieder auf. Jeder Wasserhahn, jede Schraube, jedes andere Gewinde funktioniert so. Hier ist es anders, warum auch immer, also wäre ein unmissverständlicher Hinweise nur umso angesagter. (Und der Druckminderer einer Kohlendioxid-Flasche fällt auch nicht unter die Ausnahmen, die die Wikipedia für Gewinderichtungen kennt.)

Das ganze Problem wird noch dadurch verschärft, dass Drehrichtungsanzeigen an Knöpfen ohnehin schnell missverstanden werden, wie dieser schöne Artikel (mit Umfrage) der Kollegen von uxzentrisch illustrierte: Verstehst du meine Kaffeemühle? Ein Usability-Quiz.

Mich hat diese Nachlässigkeit jedenfalls ganz schön schwitzen lassen. Denn auch wenn ich keine Sorge haben musste, dass mir die Flasche explodiert, wollte ich doch gerne vermeiden, dass mir bei der Inbetriebnahme erst mal ein Gasstoß durch’s Aquarium fegt.

Usability am Druckminderer

Usability: Lieber wie immer als noch besser

Die Deutsche Bank hat bereits vor vielen Monaten das Interface ihres Online-Bankings überholt, möglicherweise schon vor mehr als einem Jahr. Dabei gab es auch eine Optimierung, die sich selbst nach langer Benutzung viel mehr als Usability-Falle herausstellt denn als Verbesserung.

Login-Maske auf deutsche-bank.de

Um sich bei der Deutschen Bank einzuloggen muss man vier Zahlen angeben, wie oben zu sehen: Filiale, Konto, Unterkonto (mit dem Standardwert vorausgefüllt) und die PIN. Alle Zahlen haben eine fixe Zahl von Ziffern.

Seit der Überarbeitung ist es nun so, dass der Cursor automatisch ins nächste Feld springt, wenn man die notwendige Zahl von Ziffern eingegeben hat. Nachdem man also z.B. drei Ziffern ins Filial-Feld eingegeben hat, springt der Cursor automatisch ins Konto-Feld.

Das klingt erst mal praktisch, und man kennt es beispielsweise von der Eingabe von 24-stellligen alphanumerischen Softwarelizenzschlüsseln. In der Praxis, in der ich alle paar Tage mal auf mein Konto schaue, bin ich es aber gewohnt, mit der Tab-Taste von einem Formularfeld zum nächsten zu springen. Überall im Web ist es so, dass ich irgendwie aktiv quittieren muss, wenn ich ein Feld ausgefüllt habe und im nächsten fortfahren möchte.

Also gebe ich bei der Deutschen Bank drei Ziffern ins Filialfeld ein, drücke routinemäßig Tab – und versuche, meine Kontonummer ins Unterkontofeld einzugeben. Jedes Mal.

Manchmal ist es eben doch besser, wenn etwas einfach so funktioniert, wie es immer und überall funktioniert, als wenn eine Optimierung die Gewohnheit bricht.

Im übrigen ist es auch gedanklich/konzeptionell ein Unterschied, ob ich einen Lizenzschlüssel eingebe, der für mich eine einzige Einheit darstellt, eben den Lizenzschlüssel,auch wenn er sich aus Blöcken zu vier Zeichen zusammensetzt – oder ob ich vier verschiedene Zahlen eingebe, die mir zwar erst zusammen den Zugang ermöglichen, die aber erkennbar und benanntermaßen unterschiedliche Einheiten sind.

Und zu zu allem Überfluss ist es auch noch so, dass das Feld mit der Unterkontonummer ja vorausgefüllt ist, also keine Eingabe erwartet, so dass man hier also nicht etwa zwei Zffern eingeben muss – sondern Tab drücken muss, um zum nächsten Feld zu kommen. Einfach nur schlecht.