Medien im März 2016

Film/DVD/Serie

American Crime, Season 2

Ganz, ganz großartiges Fernsehen, das etwas hat, das vielen anderen Serien fehlt: Relevanz. Gesellschaftliche Relevanz. Zeitgeschichtliche Relevanz. Menschliche Relevanz. Ich kann American Crime wirklich nicht hoch genug loben!

Die zugrunde liegende Handlung hatte ich im Januar schon angerissen: Ein männlicher Teenager wird angeblich von seinen Mitschülern einer elitären Privatschule vergewaltigt. Die Serie verhandelt die sich darum rankenden gesellschaftlichen Themen: Von der Akzeptanz von Homosexualität über die Frage, ob es Vergewaltigungen an Männern überhaupt geben kann bis hin zu Rassismus, der schon die erste Staffel prägte, und zu Gewalt an Schulen, auch Waffengewalt.

Ihren größten Moment hat die Serie, als einer spätere Folge mit echten Interviews mit Lehrern aus Columbine beginnt, oder mit einer Mutter, deren Sohn sich umbrachte, weil er wegen seiner Homosexualität an der Schule gemobbt wurde. Auf ihren Vorschlag, dass er die Schule wechseln könne, antwortete er ihr: „Es ist nirgendwo okay, schwul zu sein.“ Dieser plötzliche Einbruch der echten Welt in die Fiktion ist nicht so weit her geholt, wie er das in manch anderer Serie wäre. Er liegt eigentlich sogar sehr nahe.

Und er macht noch einmal deutlich, wie herausragend die Schauspieler in American Crime sind. Denn man kann sich erst nach den Einblendungen halbwegs sicher sein, dass es sich hier um echte Menschen in echten Interviews handelt. An der Darstellung merkt man es nicht. Man möchte fast keinen der Schauspieler für seine Leistung hervorheben, lediglich Lili Taylor als Mutter, Connor Jessup als vergewaltigter Teenager und Joey Pollari als Kapitän des Basketballteams und einer der Verdächtigen haben sich ein sechstes Sternchen verdient, alle anderen Darsteller kommen eh locker auf fünf.

Angeblich ist es fraglich, ob es eine dritte Staffel von American Crime geben wird. Also könnte die Serie das Schicksal von „Boss“ teilen und nach der zweiten, großartigen, inhaltlich deprimierenden Staffel abgesetzt werden. Ich hoffe aber noch.

Baskets, Season 1

Ich wollte Baskets wirklich so gerne mögen. Aber ich finde die Folgen einfach langweilig, ihnen fehlt Handlung, ihnen fehlt auch dramaturgische Struktur, mal ein Höhepunkt, mal eine ruhige Phase. Die echten Lacher sind zu selten, um die Serie zu tragen, die Handlung eben auch. Am Ende bleibt mir da nicht genug.

Borgen, Staffel 2

Habe ich am langen Osterwochenende weggeguckt. Borgen ist tatsächlich das dänische West Wing, auch von der Machart her: topmodern ist das nämlich nicht, auch wenn die zweite Staffel Borgen von 2011 ist. Die Folgen bleiben sehr im Episodischen. Folgenübergreifende Handlungen gibt es zwar auch, aber sie betreffen nicht das Kernthema der Serie, sondern eigentlich ausschließlich das Privatleben der Figuren: Beziehungen, Liebesgeschichten, Familiäres. Das war bei Liebling Kreuzberg vor 30 Jahren auch nicht anders.

Die Stories, die in den Episoden erzählt werden, sind allerdings so packend, die einzelnen Folgen so mitreißend erzählt, dass man Borgen diesen Makel problemlos verzeiht. Obwohl es keine Cliffhanger gibt, nicht mal am Ende des ersten Teils der einzigen Doppelfolge, wollte ich die nächste Folge immer sofort sehen, einfach weil sie wieder vergleichbar gute Unterhaltung versprach.

Ich freue mich auf Staffel 3, auch wenn es schon die letzte ist, die von Borgen gedreht wurde.

Prisoners

Der Film war 2013 völlig an mir vorbei gegangen, ich hatte noch nie von ihm gehört, bevor er an Ostern im Fernsehen lief. Die Story gefiel mir gut, bis auf das Ende.

Es wäre grundsätzlich eine klassische, etwas ausgelutschte Selbstjustizgeschichte, vermischt mit einem Spritzerchen Gruselthriller – wenn hier nicht der eine Vater der vermissten Kinder, gespielt von Hugh Jackman, der das Recht in die eigene Hand nehmen möchte, so ein ausgemachter Unsympath wäre. Vielleicht auch durch seine verzweifelte Lage dazu gemacht wird. Und wenn das Objekt seiner vermeintlichen Gerechtigkeit nicht möglicherweise unschuldig, jedenfalls aber selbst hilfsbedürftig wäre. So ist man hin und her gerissen zwischen Mitgefühl mit einem Vater, der seine entführte Tochter finden möchte, und einem Grenzsadisten, der in seiner Verzweiflungn zu weit geht.

Bis 15 Minuten vor dem Ende ist das toll gemacht, mit großer Spannung. Doch dann kommt eben dieses Ende, und es ergibt sich eine Auflösung, die leider schon in zu vielen Derrick-Episoden verwendet wurde. Und die letzten 60 Sekunden sind dann noch mal unglaubwürdiger. Das Ende kann den guten Film nicht ganz verhunzen, lässt einen aber erst mal enttäuscht zurück. Wenn man vorgewarnt ist, lohnen sich die guten, satten 2 1/4 Stunden davor trotzdem.

Bücher

Jean-Philippe Toussaint: Fußball

Ein dünnes Bändchen, auch noch groß gedruckt, in dem der belgische Autor, der hierzulande nicht so berühmt ist wie in seiner Heimat, von seine Hinwendung zum Fußball und von seiner Liebe zum Spiel als Fan berichtet. Aufgehängt ist das Buch an den letzten Fußball-Weltmeisterschaften, anhand derer Toussaint seine Erlebnisse beschreibt, die er teilweise vor Ort, teilweise zuhause vor der Glotze erfährt.

Da gibt es schöne Passagen, beispielweise seine Erlebnisse in Japan. Da gibt es eine herausragende Passage, die auch in allen Rezensionen hervorgehoben wird, wie er eine WM in seinem Haus auf Korsika eigentlich ignorieren möchte, um an einem Buch zu arbeiten, dann aber doch die Nerven verliert, sich ein Online-Abo besorgt, nachts auf dem Laptop Fußball guckt, bis bei einem Unwetter erst das Internet, dann komplett der Strom ausfällt und er am Ende mit einem batteriebetriebenen Transistorradio da sitzt. Das ist eine sehr, sehr schöne Schilderung echten Fanseins, in der ich mich auch schriftstellerisch hohem Niveau voll wiedergefunden habe. Alleine für dieses Kapitel lohnt sich das Buch schon.

Ltoussainteider gibt es aber auch Stellen, die trotz des ohnehin geringen Umfangs des Buchs, gestreckt wirken: Passagen über eine nicht besuchte WM, die nichts mit Fußball zu tun haben.

Als echter Fußballfan lohnt sich „Fußball“, man muss aber für die paar Seiten die verlangten 17,90 € auch wirklich ausgeben wollen und darf nicht auf Masse, dafür auf punktuell große Klasse hoffen.

Sehr schönes Cover übrigens!

Marc-Antoine Mathieu: 3 Sekunden

Eine Graphic Novel, die sich nur schwer erklären lässt. Man folgt als Leser quasi dem Weg eines Lichtstrahls. Jedes Bild ist so ein bisschen weiter in die beobachtete Szenerie reingezoomt. Einen besonderen Dreh bekommt das ganze dadurch, dass jeder Zoom irgendwann auf einer spiegelnden Oberfläche landet und dann weiter in die Reflexion eintaucht, dann in die Reflexion in der Reflexion und so weiter. So kommt der Lichtstrahl aus jeweils verschiedenen Blickwinkeln an mehreren Szenen vorbei, die durch die hohe Geschwindigkeit des Lichtstrahls Standbilder sind, und sich erst dann ein ganz kleines bisschen weiter bewegt haben, wenn sie der Lichtstrahl evtl. nach zehntausenden von Kilometern noch einmal passiert. Wie gesagt: schwer zu erklären.

Einen erzählerischen Dreh bekommt das Buch dadurch, dass alle Szenen zusammen die Geschichte eines Verbrechens erzählen, das sich erst nach und nach enthüllt, dessen Zusammenhänge und Hintergünde erst im Verlauf des Buchs klar werden.

Vielleicht ist das alles auch etwas überkonstruiert, aber es ist mit viel Liebe und zeichnerischem Können gemacht. Ein Buch, das man mehrmals lesen muss, um es voll zu verstehen.

(Danke für’s Ausleihen, Dirk!)

Randall Munroe: Der Dinge-Erklärer

Meinen Lesern muss ich zu diesem Buch wahrscheinlich nicht viel erzählen: Randall Munroe erklärt komplizierte Dinge ausschließlich mit den 1.000 meistbenutzten Wörtern der englischen Sprache. In der deutschen Ausgabe gibt es eine lesenwerte Erläuterung der Übersetzer. Nimmt man die 1.000 häufigsten deutschen Wörter? Ist es dann noch eine Übersetzung, wenn doch ein Wort wie „power“ mal als Energie, dann als Strom, dann als Macht übersetzt werden muss,  die aber nicht unbedingt alle unter den 1.000 gebräuchlichsten deutsche Wörtern sind?

Auch sehr witzig ist, dass „nine“ als einzige Zahl zwischen ein und zehn nicht zu den 1.000 häufigsten englischen Wörtern gehört. „Neun“ wäre im Deutschen erlaubt gewesen, die Übersetzer haben sich aber entschieden, darauf zu verzichten, um Munroes Umschreibungen als Running Gag zu retten. Ich habe mich gefragt, ob evtl. das Benfordsche Gesetz für diese Seltsamkeit verantwortlich ist?

Am Ende gibt es im Dinge-Erklärer Gegenstände, bei denen das Konzept nicht unbedingt trägt, die durch die Beschränkung eher schwerer zu verstehen sind. Andere Dinge gewinnen großen Witz, bspw. die Beschreibung eines Baums mit darin wohnendem „Baum-Springer“.

Aber natürlich lohnt sich ein Munroe-Buch am Ende immer!

Musik

Brian Fallon: Painkillers

Solo-CD des Frontmanns von The Gaslight Anthem. Leider offenbart die Platte, dass es Fallon ist, der dafür verantwortlich ist, dass The Gaslight Anthem über die Jahre immer seichter wurden. Painkillers ist Mainstream-Radio-Mucke. Gut zum Autofahren, aber auch nicht zu mehr.

Moodymann: DJ-Kicks

Neue DJ-Kicks kaufe ich ja blind, so auch diese, und ich bin wieder nicht enttäuscht worden. Moodymann ist ein House-DJ, der hier entspannte Mucke verschiedener Stilrichtungen zusammenmischt: viel Soul, ein bisschen Hip-Hop, ein bisschen House, Trip-Hop und Genreübergreifendes. Niveauvoll und entspannt.

AnnenMayKanterei: Alles Nix Konkretes

Ich wurde stutzig, als ich die CD in den Computer legte, um sie zu rippen, und mir die CDDB als Genre anzeigte: „Blues“. Das könnte natürlich ein Scherz gewesen sein, aber ich befürchte, dass das Zielpublikum von AnnenMayKantereit das ernst meint. Für BWL-Erstsemester ist das Blues. Und für Menschen, deren größtes Problem im Leben es ist, im neuen WG-Zimmer die Umzugskisten noch nicht ausgepackt zu haben, auch.

Ich bin auf AnnenMayKantereit hereingefallen. In ihren YouTube-Videos ist unglaublich beeindruckend, wie diese Stimme aus diesem schmalen Jünglein herauskommt. Singen kann der. Aber komponieren nicht, und seine Kollegen leider auch nicht. Das bleibt völlig beliebig, belanglos, unoriginell. Drei, vier gute Textzeilen auf der kompletten CD reißen es auch nicht raus.

Schon wieder verkauft. Don’t believe the hype.

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