Medien im Januar 2016

Film/DVD

You’re the worst, Season 1

Ein Mann und eine Frau lernen sich kennen, haben einen One-Night-Stand, zu dessen Beginn beide betonen, dass es eben nur genau das bleiben soll: Schneller, unverbindlicher Spaß, keinesfalls eine Beziehung. Natürlich verlieben sie sich dann nolens volens ineinander. Die Serie fing schön pubertär an, will dann aber die Kurve zur romantischen Komödie kriegen, verliert dabei die Spur und ihre bis dahin klar erkennbare Tonlage. Irgendwann ist es dann eine ganz normale Comedy-Serie, und gegen Ende wurde es sogar recht klischeehaft (Treffen der ein Leben lang belogenen Eltern mit einem Ausbruch von Ehrlichkeit, dass man den anderen ja gerade so liebt, wie er ist, unvollkommen nämlich). War eine Staffel lang unterhaltsam, ich sehe aber keinen Grund für eine Fortsetzung. (Staffel 2 lief Ende 2015, Staffel 3 ist vom Sender gebucht.)

Ash vs. Evil Dead, Season 1

Eine ungewöhnliche Splatter-Comedy-Serie: Ash Williams ist ein alternder Geisterjäger, der im Kampf gegen das Böse bereits eine Hand verloren hat, die er wahlweise mit einer normalen Prothese oder mit einer Kettensäge ersetzt. Als es zu einem erneuten Ausbruch von Gestalten aus der Unterwelt kommt, macht Ash sich mit den Geisterjäger-Newbies Pablo und Kelly daran, die Pforten der Hölle wieder zu schließen. Dabei müssen zahlreiche Menschen und teilweise recht originelle Kreaturen sterben. Wichtig ist immer eins: Dass Blut fließt, und zwar kübelweise. Hier wird wirklich gesplattert, was das Zeug hält, wofür schon Sam Raimi (Evil Dead) als einer der Serienschöpfer bürgt. Dabei nimmt sich die Serie aber nie ernst, so dass am Ende eine ziemlich unterhaltsame Mischung entsteht. Leider ist die übergreifende Story nicht besonders tragfähig, so dass die Serie doch ziemlich im epsiodenhaften bleibt. Und auf Dauer ist auch ein wöchentliches Gorefest wie ein tägliches Schnitzel etwas ermüdend. Ich werde aber bei der schon bestätigten 2. Staffel dabei bleiben. Good, bloody fun.

Die Brücke, Staffel 1

Ich habe mir die schwedisch-dänische Originalserie angesehen, nicht das amerikanische Remake mit Diane Kruger, und es hat sich gelohnt. Letztlich ist Die Brücke ein klassischer Krimi: Ermittlerduo sucht Serienmörder. Das ist aber zum einen einfach handwerklich sehr gut gemacht. Und zum anderen ist das Ermitterlduo interessant und originell, hier sind nämlich mal klassische Geschlechterklischees vertauscht. Es ist Martin, der Mann, der einfühlsam und menschlich ist, während Saga, die Frau, Asperger hat, auch wenn das nie explizit gesagt wird, und die deshalb rein auf die Sache fokussiert ist und für die zwischenmenschlichen Seiten der Welt keinerlei Draht hat. Das führt zu ulkigen Situationen und spielt schönerweise in der dramatischen Schlussszene eine entscheidende Rolle für die Handlung, wenn eine Verhaltensweise, die Saga über alle Folgen hinweg mühsam von Martin beigebracht bekommen hat, plötzlich über Leben und Tod entscheidet.

Lost in translation ist verständlicher- aber auch bedauerlicherweise ein Aspekt, der in der Originalsprache bestimmt wichtiger ist: Martin ist Däne, Saga ist Schwedin. Da die erste Leiche auf der Öresundbrücke exakt auf der Landesgrenze gefunden wird, sind Ermittler aus beiden Ländern zuständig. Federführend ist die schwedische Kriminalpolizei, so dass Martin sich oft in Malmö befindet. Die kulturellen Unterschiede zwischen den Ländern und die nuschelige Aussprache von Martin, die wohl für das Dänische typisch ist, aber nicht für Schwedisch, wird öfter thematisiert.

Ich habe mich unterm Strich sehr gut unterhalten und bin gespannt dabei geblieben, nur eine größere Wende der Handlung kurz vor Schluss fand ich etwas gewollt.

P.S.: Ach, und ein sehr toller Song, der unter dem Vorspann liegt, auch wenn ich lange gebraucht habe, um zu merken, dass da Englisch gesungen wird.

American Crime, Season 2 (bislang)

Die zweite Staffel einer meiner Topserien des letzten Jahres, die vielleicht ein bisschen unterging. In Staffel 2 sind viele Darsteller aus Staffel 1 (Felicity Huffman, Timothy Hutton, Regina King, Elvis Nolasco) wieder dabei – aber in völlig anderen Rollen in einer völlig anderen Geschichte. Das wirkt zunächst unwirklich, fast wie eine alternative Wirklichkeit.

Es geht um eine möglicherweise nur behauptete, möglicherweise wirkliche Vergewaltigung – und zwar die eines jungen, männlichen Studenten durch seine Kommilitonen auf einer Party. Jedenfalls wurde der junge Mann auf der Party in völlig intoxiniertem Zustand mit heruntergelassenen Hosen fotografiert und in sozialen Medien bloßgestellt. Seine Mutter treibt die Vergewaltigungsvorwürfe, er selbst würde lieber alles vergessen.  Die Schule versucht mit den Vorwürfen umzugehen und doch einen Skandal zu vermeiden.

Das ist wieder großartig gespielt (herausragend: Lili Taylor als Mutter des Opfers) und bleibt in jeder Situation weit weg von allen Klischees, besser noch: die Klischees, besonders auch rassistische, sind den Figuren sehr bewusst und sie wissen, dass sie sie vermeiden sollten. Das ist großes Fernsehen, das ernste Themen glaubhaft verhandelt.

Trainer!

Sehr gute Dokumentation von Aljoscha Pause über das Geschäft von Fußballtrainern im Profibereich. Man erfährt nicht wahnsinnig viel Neues, aber man bekommt durch die Intensität und zweistündige Dauer des Films einen viel besseren Eindruck von seiner Härte. Pause hat namhafte Vertreter der Branche vor die Kamera gebracht: Es kommentieren Größen wie Jürgen Klopp, Armin Veh oder Mirko Slomka. Ein Jahr lang begleitet hat der Film Frank Schmidt (immer noch Trainer von Heidenheim), Stephan Schmidt (damals Trainer von Paderborn, heute Schalke U16) und André Schubert (damals bei St. Pauli). Zwei der drei Trainer werden während der Dreharbeiten entlassen, Frank Schmidt hat eine Ewigkeitsgarantie von seinem Präsidenten bekommen. Der Film stellt eindringlich dar, wie fordern und auszehrend es ist, jeden Tag in der öffentlichen Aufmerksamkeit zu stehen, jeden Spieltag beurteilt zu werden und bei einer Niederlagenserie entlassen werden zu können. Er macht den Wandel des Trainerberufs deutlich, der in den letzten 20 Jahren stattgefunden hat, von Motivatoren hin zu Taktikern. Und er gibt einfach einen sehr guten Einblick in den Alltag des Geschäfts. Das alles ist handwerklich sehr gut gemacht und lohnt unbedingt, gesehen zu werden!

Whiplash

Ich mochte das Trommeln. Ich mochte nicht die völlig eindimensionale Dramaturgie, die vom ersten Moments an ausgelutscht und völlig vorhersehbar ist: junges Talent wird von sadistischem Ausbilder am Ende zu Spitzenleistung und Anerkennung gepeitscht. Man merkt dem Film an, dass er auf einem Kurzfilm beruht. Für 18 Minuten mag die unterkomplexe Story vielleicht noch genügt haben, für 107 Minuten tut sie es definitiv nicht. Enttäuschend.

Und dass sowas letztes Jahr als “Best Motion Picture of the Year” und vor allem als “Best Writing, Adapted Screenplay” für Oscars nominiert war, wären zwei weitere Gründe, die Veranstaltung zu boykottieren.

Bücher

James Lee Burke: Regengötter

Das Leben in Texas ist ein langes, ruhiges Töten. Ich bin kein Krimi-Experte, aber dieser hat mir gefallen. Geschildert wird die Jagd von Sheriff Hackberry Holland nach dem Mörder von neun Frauen und Mädchen. Die wurden hinter einer Kirche mit einer Maschinenpistole niedergemäht und mit einem Bulldozer verscharrt. Ob sie auch Zwangsprostiuierte oder “nur” Drogenkuriere waren, ist für die Handlung nicht wichtig, wie überhaupt die großen Dinge in diesem Krimi recht nebensächlich sind. Es sterben viele Menschen, aber das sind nicht die dramaturgischen Höhepunkte der Geschichte. Wer sterben muss, stirbt. Hauptsächlich geht es um die Konfrontation von Sheriff Holland und Jack “Preacher” Collins, dem Mörder der neun. Die Hauptfiguren begegnen sich nur zwei Mal im Roman persönlich, aber doch trägt ihre Auseinandersetzung die Geschichte auf den meisten Seiten. Hier wird keine Detektivgeschichte erzählt, sondern der Clash von zwei Biographien und zwei Lebenseinstellungen: Holland ist der Ex-Säufer, Ex-Hurenbock und Ex-Kriegsgefangene, der nun dem Bösen den Garaus machen will. Collins ist der kaltblütige Mörder, der sein Handeln esoterisch verquast, um sich nicht der jugendlichen Entstehensgeschichte seiner kaputten Persönlichkeit stellen zu müssen. Das ist zwar manchmal etwas klischeehaft, aber immer unprätentiös und flüssig geschrieben. Kein direkter Pageturner, aber ein Buch, bei dem man sich keine Seite langweilt und nicht merkt, wie es am Ende über 600 geworden sind (allerdings etwas frech groß gedruckt). Und am Ende hat man das Gefühl, ein bisschen was über das Leben gelernt zu haben.

Joachim Gies: Abgetankt

Ein schöner Fotoband, nach den Regeln der Düsseldorfer Schule hergestellt: Thematisch eng eingegrenzte Motive, jedes in seiner Gesamtheit und formatfüllend im immergleichen Licht aufgenommen. Nur die Perspektive variiert hier von Bild zu Bild. Joachim Gies hat stillgelegte Tankstellen in Ruhrgebiet, Sauerland, Bergischem Land und Rheinland fotografiert. Die Fotos hat er in der Dämmerung gemacht, die Beleuchtung der Ex-Tanken ist eingeschaltet.

Originell, teilweise witzig, interessant, fotografisch gut.

Ein paar Bildbeispiele findet man auf Gies’ Website, außerdem kann man den Band dort auch bestellen: www.abgetankt.de. Im Buchhandel kann man das Werk leider nicht kaufen, weil es im Selbstverlag erschienen ist.

Christoph Buckstegen und Christoph Biermann: Flutlichter

Guter Bildband mit Fotos der Umgebung von Stadien, in deren Flutlicht getaucht. Die Flutlichter, die Masten und die Stadien selbst werden sorgsam ausgespart und eben gerade nicht gezeigt. Das ist im Ergebnis viel mehr eine Milieu- als eine Sportstudie, sie zeigt die Umgebung von Stadien, die Anmarschwege, die Wohngebiete. Die Fotos sind durch das Kunstlicht und die Schatten fast unwirklich ausgeleuchtet und haben eine sehr spezielle Ästhetik, leicht verwischte Schatten von Ästen liegen auf Häuserwänden. Nur etwas für echte Fans, die aber werden den Band zu schätzen wissen.

Musik

David Bowie : Blackstar

Blackstar ist tatsächlich das schon oft besungene Meisterwerk. Eine der ganz wenigen Platten, deren Harmonien, deren manchmal fast schon garbareksche Saxophonpassagen ich nicht unbedingt liebe, und die sich mir doch ins Hirn schweißen und die ich bewundere. Ganz groß!

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen: Rüttel mal am Käfig, die Affen sollen was machen!

Irgendwas fehlt mir an dieser Platte der Gentlemen. Sie will mir nicht so schnell ins Ohr wie die alten von Superpunk und die ersten beiden der Gentlemen. Vielleicht muss ich ihr noch ein paar Runden auf dem Plattenteller geben. Lieblingsstück und -refrain bisher: “You are great but people are shit”.

Battles: EP C / B EP

Ich bin erst spät auf Battles gestoßen, was ich als großer Tortoise-Fan sehr bereut habe. Umso schöner ist es, diese großartige Postrock-Band jetzt nach und nach entdecken zu können. Die Doppel-CD enthält das Frühwerk von Battles, zwei EPs von 2004. Battles sind hier noch näher an Tortoise als auf den aktuelleren Platten, hier ist alles noch etwas verhallter und verdubbter. Aber schon zeigt sich die Kraft des Schlagzeugspiels, das den Sound von Battles prägt. Etwas für echte Postrock-Freunde.

 

Beim Saturn in Bergisch Gladbach gab es eine 3-für-2-Aktion, bei der ich ein Trio von Billig-CDs eingekauft habe.

Bob Marley: Gold 1967-1972

Der frühe Marley, der auf dem Weg zum Reggae hier teilweise noch nicht mal beim Rocksteady vorbei gekommen war, sondern noch ganz nah am Ska ist. Teilweise ist aber auch schon der “klassische” Marley zu hören. Schöne Doppel-CD!

Led Zeppelin: BBC Sessions

Macht mir Lust, mal wieder Dread Zeppelin zu hören.

Mark Ronson: Uptown Special

Hatte ich mir viel von versprochen und gedacht, für 5,99 € kann man keinen Fehler machen. Kann man doch. Das ist mir alles viel zu poppig und dabei oft zu flach. Leider ein Fehlkauf.

Die Fremden von der anderen Waldseite

Ein kleines bisschen stolz bin ich ja auf mich:

Ich hatte gestern schon das Gefühl, dass mir die ganze “Flüchtling soll vor Lageso gestorben sein”-Geschichte viel zu sehr nach “Arabische Flüchtlinge sollen deutsches Baby entführt und aufgegessen haben” klingt. Oder nach dieser urbanen Legende:

Also eben nach “soll”. Nach ungeprüfte Tatsachen. Gerüchten. Und wie die aussehen, wissen wir ja.

Bild von A. Paul Weber: Das Gerücht

Aber seit ich diesen Post heute morgen zu schreiben begann, hat Stefan Niggemeier alles zu dem Thema gesagt: Erfundener Tod eines Flüchtlings – Aber alle haben es sich doch vorstellen können!

Also kann ich mich auf einen anderen Aspekt der großen Flüchtlingsdiskussion fokussieren: Wann ist ein Fremder eigentlich fremd? Und wann muss ich meinen Besitzstand vor ihm verteidigen? Im Moment wird ja von mehr oder weniger weit rechts der Eindruck erweckt, der deutsche Volkskörper müsse nur eine geschlossene Front gegen den Araber und Nordafrikaner bilden, dann sei das Abendland verteidigt. Tatsächlich aber wird der Fremde, wenn er nicht aus Übersee kommt, dann eben im Nachbarland gesucht. Oder im nächsten Bundesland. Im Nachbardorf. Oder auf der anderen Seite des Waldes.

Ich wohne in Bergisch Gladbach und pendele zur Arbeit nach Köln. Dazu fahre ich morgens mit dem Auto aus zwei Gründen nach Köln Thielenbruch:

  1. Weil das mit öffentlichen Verkehrsmitteln ca. 50 Minuten (ein bis drei Mal umsteigen) dauern würde, mit dem Auto hingegen 15.
  2. Weil Thielenbruch zum Kölner Stadtgebiet gehört, was die Monatsmarke um über  20 € günstiger macht, als wenn ich von Bergisch Gladbach aus fahre.

Köln Thielenbruch und Bergisch Gladbach Hebborn und Gierath werden durch ein kleines Wäldchen getrennt, den Thielenbrucher Forst. In 10 Minuten hat man den locker durchwandert, mit dem Auto auf der Straße ist es eine. Und auf was kommen die Thielenbrucher Bürger als erstes, wenn sie gefragt werden, wie die Parkplatznot rund um den Bahnhof gelindert werden könnte? Na klar: Die Fremden müssen weg! Die Bergisch Gladbacher, die von der anderen Seite des Waldes! Die Fremden benutzen unsere Parkplätze!

„Bei uns beschweren sich immer wieder Bewohner der Siedlung Thielenbruch und Anlieger der Gemarkenstraße“, sagt der Vorsitzende, Engelbert Hock. Autos mit Bergisch Gladbacher Kennzeichen würden nicht nur 90 Prozent aller Fahrzeuge auf dem Parkdeck und den öffentlichen Parkplätzen ausmachen. Mittlerweile seien auch alle Seitenstraßen zugeparkt.

http://www.ksta.de/muelheim/verkehr-in-koeln-das-grosse-parkplatz-chaos-in-thielenbruch,15187568,29341048.html

Mal abgesehen davon, dass die Situation, wie sie im Artikel geschildert wird, gnadenlos übertrieben ist (um 5:45 Uhr hört man in Thielenbruch die Vögelchen zwitschern, die Parkplätze sind ab 07:30 Uhr belegt, dann kann man aber noch sehr locker am Straßenrand parken und muss dazu nicht fünf Mal hin und her fahren, die Seitenstraßen werden bestenfalls ab 9 von ein paar Nachzüglern zum Parken genutzt), wird doch eins klar: Es wird immer jemanden geben, der einem was wegnehmen will. Und wenn man in Thielenbruch wohnt, in einem sehr wohlhabenden, fast schon Villenviertel übrigens, dann sind es eben die Bergisch Gladbacher Vandalen.

Das macht mir wenig Hoffnung.

Des Widerspenstigen Zähmung: Erziehung eines erwachsenen Dackels

Wenn wir mehr über den Dackel gewusst hätten, bevor er zu uns kam, hätten wir uns das Ganze möglicherweise überlegt. Und möglicherweise wäre es dann auch schon deswegen nicht so vergleichsweise gut gelaufen, wie es am Ende gelaufen ist. Denn das erste was das Tierchen ganz zwanglos zu spüren bekam, als es hier ankam, war: Hier bestimmen wir.

Diwi

In seinem alten Zuhause war das anders gewesen. „Diwi“ (Di*eser Wi*nzling) ist ein Kaninchendackel, der im Oktober 2013 im Alter von drei Jahren zu uns kam, zunächst als Pflegehund. Sein Frauchen, eine ältere Dame, war erkrankt, und sie hatte meine Liebste, die sie nur als Kundin aus deren Geschäft kannte, gefragt, ob sie mal für eine Weile auf den Hund aufpassen könnte, während sie im Krankenhaus war. Während der ersten Woche hatte eine andere Bekannte aufgepasst, und die gab den Hund entnervt bei uns ab.

Mein erstes Bild vom Dackel: Meine Liebste trägt ihn auf dem Arm die Treppen runter.

Was wir zu dem Zeitpunkt wussten:

  • Das Tier ist irgendwie schwierig. Seine Besitzerin kam nicht gut mit ihm klar und vermutete, das läge daran, dass er ein Rüde ist, während sie vorher immer Hündinnen gehabt hatte.

Was wir zu dem Zeitpunkt nicht wussten:

  • Der Dackel hatte, seit er mit ein paar Wochen vom Züchter gekommen war, nie sozialen Kontakt zu Artgenossen gehabt, auch nicht während der wichtigen Prägephase zwischen ½ und 1 Jahr. Alle anderen Hunde waren für ihn eine Gefahr.
  • Der Dackel hatte während seines Lebens keinen positiven Kontakt zu Menschen gehabt. Besucher der Dame wurden verbellt und gebissen, deshalb wurde er dann weggesperrt.
  • Der Dackel war nie frei gelaufen.
  • Sein Frauchen konnte ihm am Ende in der Wohnung sein Halsband nicht mehr abnehmen, weil er sie dann biss. Er schleifte zuhause die Leine hinter sich her.
  • Wenn Frauchen auf’s Sofa ging, sprang er auf ihren Schoß. Sie durfte dann erst wieder aufstehen, wenn er es erlaubte, anderfalls biss er sie.
  • Er jagte in ihrer Wohnung von Fenster zu Fenster und verbellte jeden Vogel, der draußen vorbei flog. Den ganzen Tag.
  • Nachts sperrte sie ihn unter die Spüle, wo sie ihm ein Lager eingerichtet hatte. Die Spülentür verriegelte sie.

Kurzum: Sein Frauchen führte ihn nicht, aber einer muss ja, also übernahm der Dackel selbst die Führungsrolle, war damit aber komplett überfordert und reagierte mit Bissigkeit.

So gesehen war das, was die Liebste machte, das erste deutliche Zeichen für ihn: Der Dackel merkt natürlich, dass er fremd ist, alles riecht nach uns, er ist seit einer Woche von seinem Frauchen getrennt – und dann nimmt ihn die neue fremde Frau erst mal ungefragt auf den Arm. Da war schon klar, wer Herr und wer Hund ist. Hätte die Liebste sich das getraut, wenn sie alles gewusst hätte? Vermutlich nicht.

Aber auch ohne das umfassende Hintergrundwissen implementierten wir sofort ein paar Regeln, um die Dominanzverhältnisse ständig deutlich zu machen:

  • Sofa und Sessel waren tabu.
  • Ungefragt auf den Schoß klettern sowieso.
  • Betteln am Tisch wurde vollständig ignoriert.
  • Vor dem Gassigehen werden Geschirr und Leine angelegt und nachher wieder ausgezogen. (Das war für uns damals gar keine bewusste Regel, sondern eine Selbstverständlichkeit. Wie wir aber erfuhren, siehe oben, war es für den Hund eine große Umstellung, der er auch immer zu entgehen versuchte. Aber wir blieben beharrlich.)
  • Wenn sein Essen fertig war, musste der Hund die Küche erst mal verlassen, dann wurde der Napf dort auf den Boden gestellt, und erst nach ausdrücklicher Erlaubnis durfte er hingehen.

Die härtesten Kämpfe gab es anfangs um’s nächtliche Gassigehen. Der Hund ist eine Schlafmütze: Nach dem Abendessen geht er gegen 20 Uhr ins Körbchen und würde dort bis mindestens 10 Uhr am nächsten Morgen bleiben. Wir wollten aber, weil wir sein Durchhaltevermögen nicht kannten, dass er so zwischen 23 und 24 Uhr noch einmal kurz vor der Tür das Bein hebt – also setzten wir es durch. Der Hund kannte die Übung nicht (siehe „Lager unter der Spüle“) und wollte sie nicht. Also blieb er liegen. Und ich rief. Und er blieb liegen. Und ich lockte ihn mit Leckerchen. Aber der Hund ist schlau und erkannte die Scheinheiligkeit in meiner Stimme. Also redete ich streng mit ihm, bis er irgendwann, gaaaanz, gaaanz langsam zu mir geschlichen kam. Dann versuchte ich ihn auf den Arm zu nehmen – und hatte zwei Eckzähne im Handrücken. (Zum Glück ist das Tierchen sehr klein, so dass sein Biss nur weh tut, aber nicht ernsthaft verletzt.) Also alles wieder von vorne, bis es irgendwann gelang.

Nach ein paar Monaten, spätestens zur WM 2014, hatten wir diese Übung, die auch viel mit Dominanz zu tun hatte, dann endlich so intus, dass der Hund sich in sein Schicksal ergab und einfach mitkam.

In der Zwischenzeit war sein Frauchen leider gestorben und wir hatten ihn fest zu uns genommen.

Seit Anfang 2014 waren wir außerdem in einer Hundschule mit ihm. Diese erste Schule verließen wir zwar nach einiger Zeit, weil wir keine Fortschritte erkannten, aber die Trainerin kannte ihn von früher, konnte uns viel über sein altes Wesen und Verhalten erzählen und betonte immer wieder, was für einen anderen Hund alleine der Halterwechsel aus ihm gemacht hätte.

Wir aber waren mit einigen Dingen noch sehr unzufrieden, insbesondere seinem Verhalten beim Spazierengehen. Da zog er wie wahnsinnig an der Leine und verkläffte alle Hunde. An Freilauf war gar nicht zu denken.

Die Liebste entdeckte dann die freundliche und coole Hundeschule Rotter. Christoph Rotter hat die dreijährige „Canis“-Ausbildung nach Erik Zimen absolviert, einem der anerkanntesten Wolfs- und Hundforscher Deutschlands. Das Training in einer solchen Hundeschule hat also den Anspruch, sich fundiert an der Natur und dem Wesen des Hundes zu orientieren. Und das war sofort spürbar.

Nach den Kennenlernterminen gehörte es eigentlich zu den ersten Maßnahmen von Christoph, dass wir Diwi im Gruppentraining im Wald mit einer Meute anderer Hundeschüler ableinen sollten. Wir hatten das noch nie getan. Christoph: „Ach, schaun wir mal, was passiert!“ Okay, abgeleint. Christoph: „Jeder Hund hat so seine Wohlfühldistanz. Wenn er die überschreitet, bleibt er stehen und schaut sich um. Bei Diwi denke ich, dass die Distanz groß ist, vielleicht so 30 Meter.“ Diwi läuft. „Okay, jetzt ist er bei 30 m. Na, dann sind es vielleicht eher 50 m. Jetzt ist er bei 50. Jetzt bei 70. Okay, ich glaube, jetzt ist er weg.“ Sprint hinter dem Hund her und ihn wieder eingefangen.

Das war zwar einerseits eine Fehleinschätzung, aber andererseits eine entspannte Herangehensweise an das Training. Kann eben auch mal was schief gehen. Und danach haute Diwi in der Gruppe auch nicht mehr ab.

Wir lernten von Christoph den Rückruf des Hundes („Löst meist schon 80% aller Probleme.“) und vor allem das artgerechte und für das Tier verständliche Bestrafen. Die Bestrafungslektionen waren zwei meiner eindringlichsten Erlebnisse.

Beim ersten Mal wollten wir dem Hund abgewöhnen, hinter Fahrradfahrern, Joggern & Co herzusprinten. Also stellten wir eine solche Situation, der Hund sprintete hinter der Radfahrerin her, ich rief ihn einmal zurück, er ignorierte das, ich rannte hinterher, die eingeweihte Radfahrerin hielt an, der Hund auch – und ich stürmte wortlos (!) auf ihn zu, stampfte vor ihm auf den Boden, peitschte mit der Leine neben ihm auf den Boden und trieb ihn so vor mir her, bis der Hund sich flach auf den Boden drückte. Dann ließ ich ihn in Ruhe und stellte mich in drei Meter Entfernung ohne Blickkontakt hin – und sofort wollte der Hund zu mir kommen. Ich wieder kurz stampfend auf ihn zu, dann wieder Abstand. Das alles so lange, bis der Hund verstanden hatte, dass er nicht zu mir kommen durfte. Nach einer Minute wurde die Situation aufgelöst, der Hund durfte kommen und war sofort maximal anhänglich.

Ich fand das sehr beeindruckend, denn der Hund hatte haargenau verstanden, was ich ihm sagen wollte. Er hatte insbesondere auch verstanden, dass er keine grundsätzliche Angst vor mir haben muss, sondern dass es bei Wohlverhalten auch gleich wieder gut ist.

Das Fahrradjagen war nach dieser einen Aktion vorbei. (Ein paar Mal musste ich die Maßnahme noch wiederholen, wenn er Krähen auf dem Feld aufscheuchte.)

Ein anderes Erlebnis war es, dem Hund abzugewöhnen, beim Spazierengehen an der Leine zu ziehen: Einfach nur dem Hund kurz und kräftig ins Fell vor der Schwanzwurzel gegriffen und ohne Blickkontakt weitergegangen. Hund schreckt herum, knurrt ein bisschen. Nach dem zweiten Mal war die Sache verstanden.

Beide Strafen waren einfach so zugeschnitten, dass der Hund sofort verstand, was gemeint war.

Übrigens ist die Erziehung von Hunden bei Christoph nicht generell gewaltfrei. Wenn der Hund nach einem schnappt, dann darf er (aber nur sofort und ohne Zögern!) das bekommen, was Christoph „eine dynamische Antwort“ nennt, also beispielsweise eine Ohrfeige. Ich weiß, dass das manche Hundebesitzer nicht gerne sehen, aber ich denke, dass es hundegerecht ist, jedenfalls verstehen die Hunde die Antwort sofort. Und man wird in keiner Weise dazu angehalten, seinen Hund zu prügeln.

Manchmal reicht es auch bereits, den Hund zu berühren, also bspw. mit der Hand ganz leicht zu schieben. Es ist erstaunlich, was für eine Verstärkung des Kommandos das sein kann.

Generell lehrt Christoph, nicht viel mit den Hunden zu reden. Kommandos werden verbal gegeben und dann nonverbal durchgesetzt. Wenn der Hund nicht bleibt, wo er bleiben soll, geht man wortlos zu ihm, packt ihn am Halsband, führt ihn an die Stelle, an der er bleiben soll und geht weg. Alles ohne große Kontaktaufnahme, vor allem ohne jegliches Reden, auch ohne Wiederholung des Kommandos.

Nach ungefähr 20 Schulstunden hatte das Tierchen das Wichtigste gelernt. Was wir ihm dann noch in einer Einzelstunde und anschließend selbstständigem Üben des Gelernten austreiben konnten, das waren seine Scheinangriffe auf andere Hunde, wenn er frei lief.

Jetzt haben wir einen kleinen Dackel, der uns als Führungspersonen vollständig akzeptiert hat und der bald gemerkt hat, dass er sich bei uns entspannen kann. Er kuschelt jetzt auf dem Sofa mit uns und respektiert, wenn wir ihn runterschicken – so wie wir respektieren, wenn er mal nicht angefasst werden will. Er bleibt ein Hund mit einer Vergangenheit. Aber wir haben gelernt, auch stressige Situationen durch Ruhe und Bestimmtheit zu entspannen oder die Situation aufzulösen. Als der Hund sich bspw. an Weihnachten, auf der Rückreise von der Familienfeier, nicht anschnallen lassen wollte, obwohl wir das immer machen, und er mich sogar anknurrte, nahm ich ihn einfach an die Leine, ging einmal auf die andere Straßenseite mit ihm, wieder zurück – und für ihn war die Situation wieder auf Anfang gestellt und er konnte sich auf einmal so verhalten, wie er sich sonst immer verhält, geduldig und kooperativ.

Vielleicht konnte ich dem ein oder anderen, der auf der Suche nach Hilfe bei der Hundeerziehung ist, ein paar Hinweise geben. Insbesondere Hundeschulen mit Canis-Ausbildung kann ich nur empfehlen, auch wenn es bestimmt noch auf den konkreten Trainer ankommt.

Diwi im Sprint

Warum die FAS Praktika wieder verlängern möchte

Gleich in zwei Artikeln kritisiert die FAS heute die Bundesarbeitsministerin, mit einem kurzen Text auf dem Titelblatt und einem ausführlicheren im Wirtschaftsteil. Tenor: “Der Mindestlohn sollte die Generation Praktikum beglücken. So wollte es Arbeitsministerin Andrea Nahles. Eine neue Studie zeigt: Das hat nicht ganz geklappt.” Was da nicht geklappt haben soll,  das verrät die Überschrift: “Mindestlohn verkürzt die Praktika“.

Ich war überrascht. Was soll daran schlecht sein, wenn Praktika kürzer werden? Ist es nicht genau eines der Ziele des Mindestlohns, wenn auch über Bande, überlange Praktika so teuer zu machen, dass man dann auch gleich jemanden einstellen kann? Ist es nicht wünschenswert, die Ausbeutung junger Menschen nach dem Studium zu beenden, die sich erst mal jahrelang mit Praktika (und Zuschuss von den Eltern oder Nebenjobs in der Gastronomie) knapp unter Wasser halten mussten?

Die FAS klagt:

Ein Praktikum ist dazu da, innerhalb kurzer Zeit Erfahrungen in einem Betrieb zu sammeln, den man noch nicht kennt. Es geht ums Hineinschnuppern, nicht um eine vollwertige Arbeitsstelle. Praktikanten, das weiß jeder Arbeitgeber, sind manchmal äußerst nützliche Arbeitskräfte, aber eben nicht immer. Zudem sind sie schnell wieder weg. Und dafür sollen die Firmen mehr als 1300 Euro im Monat bezahlen?

Nein, das sollen sie nicht. Sie sollen knapp 1.500 €/Monat dann bezahlen, wenn sie einen freiwilligen Praktikanten länger als drei Monate beschäftigen oder sofort, wenn er eine einschlägige Berufsausbildung hat. Drei Monate genügen wohl, um einen Betrieb oder ein Berufsfeld so gut kennenzulernen, dass man anschließend die Berufswahl informierter treffen kann. Und wer sagen wir als Bank einen BWL-Studenten einstellt, der kann ihm doch einfach ein normales Einsteigergehalt zahlen (oder eben mindestens 1.500 €) und ihn einstellen – zur Not auch befristet, was ja seit einiger Zeit ohne Sachgrund für bis zu zwei Jahre möglich ist.

Der Bewerber geht ohnehin kein Risiko ein: Er kann jederzeit kündigen, falls er feststellt, sich grob vertan zu haben, in der Probezeit ohnehin, aber auch später. Warum also sollte er auf einem Praktikum bestehen, anstatt eine ordentliche Anstellung anzustreben? Der Arbeitgeber wiederum vereinbart eine Probezeit und kann innerhalb von sechs Monaten ohne Angabe eines Grunds das Arbeitsverhältnis beenden.

Was daran ist so unzumutbar, dass es unbedingt ein vielmonatiges Praktikum für deutlich weniger als 1.500 €/Monat sein muss?

Weiter führt die FAS als Beleg für die Unsinnigkeit des Mindestlohns an:

Dem jüngsten Praktikantenspiegel zufolge sind 19 Prozent unzufrieden mit ihrer Bezahlung, im Vorjahr waren es 22 Prozent.

Warum auch bitte sollte man mit 1.500 € zufrieden sein, vor allem, wenn man explizit danach gefragt wird? Aber dass die FAS diese tatsächlich vernachlässigbare Verbesserung erwähnt und sie gegen den Mindestlohn ins Feld führt, zeigt ein grundlegendes Missverständnis, das auch in den letzten beiden Sätzen des Artikels noch einmal offenbar wird:

Andrea Nahles bezeichnet den Mindestlohn als „eine der größten Sozialreformen der letzten Jahrzehnte“. Unwahrscheinlich, dass ihr diejenigen zustimmen würden, die im Internet darüber schimpfen, dass ihnen der Mindestlohn ihr Wunschpraktikum vermasselt hat.

Das Missverständnis, die grundlegende Fehlannahme der FAS  ist diese: Arbeitnehmer wollen kein Wunschpraktikum. Sie wollen einen Wunscharbeitsplatz. Könnte es sein, dass die befragten Praktikanten unzufrieden sind, weil sie in langen Praktika den Eindruck haben, Arbeit im Wert von mehr als 1.500 € pro Monat zu leisten?

Als ich vor 20 Jahren meine erste Arbeitsstelle suchte, fachfremd übrigens, ich hatte Physik studiert und wollte “ins Internet”, wurde mir schließlich ein fester Arbeitsplatz angeboten, inflationsbereinigt ungefähr zum doppelten Mindestlohn. Etwa den heutigen Mindestlohn hatte ich vorher als Student in den Semesterferien für das Herumfahren von Paletten in einem großen Aldi-Zentrallager bekommen. Eine Verdoppelung der Bezahlung gegenüber einer Aushilfstätigkeit fand ich damals angemessen und fände es heute immer noch. Ich hatte im Bewerbungsgespräch eine selbstgebastelte private Homepage vorzuweisen (Was das ist, erklär ich den jüngeren Lesern mal bei anderer Gelegenheit), außerdem meinen damals einzigen Anzug, große Begeisterung und anscheinend einen guten Eindruck. Das reichte meinem ersten Chef, um mit mir mindestens in eine Probezeit zugehen.

Die Zeiten haben sich wohl geändert.

(Disclosure: Ich arbeite im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit in einer Internetagentur neben anderen Kunden auch für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, unter anderem an einem Projekt, das direkt mit dem Mindestlohn zu tun hat.)

Kurz reingeschaut: “Stirb, bevor du stirbst” im Schauspielhaus Köln

“Stirb, bevor du stirbst”, eine Auftragsarbeit von Autor Ibrahim Amir für das Kölner Theater, läuft bereits seit zwei Monaten und war am vergangenen Donnerstag ausverkauft. Das könnte ein positives Indiz für die Qualität des Stücks sein. Oder ein negatives für den Anspruch des Kölner Publikums.

“Stirb, bevor du stirbst” ist eine Komödie, in der aktuelle Themen rund um den Islam verhandelt werden: Integration und Akzeptanz islamischer Deutscher “mit Migrationshintergrund”, das Frauenbild religiöser Muslime und die Verführungskraft islamistischer Terrororganisationen für Jugendliche in der Selbstfindungsphase.

Leider bleibt das Stück viel zu sehr an der Oberfläche. Die Dramaturgie wirkt aus altbewährten Bausteinen der Komödie schnell zusammengesteckt, die Figuren sind Stereotypen, und auch die Schauspieler geben dem schwachen Text keine Tiefe. Meist kann man in Köln ja wenigstens das Ensemble loben, aber hier fühlte ich mich zwischenzeitlich wie im Millowitsch-Theater.

Einzig die Inszenierung und das Bühnenbild scheinen sich anzustrengen, und so kommt am Ende doch noch ein einzelner, schöner, ergreifender Moment zustande, wenn nach der vermeintlichen Schluss-“Pointe” alle Figuren wie in einem Zeitäther driften, der die ganze Handlung wieder auf Null stellt. Blöderweise ist die zweite Version der Story, die dann anreißt, wie es auch hätte sein können, so platt wie man eine Moral mit dem Holzhammer nur kloppen kann.

Für ein Volkstheater wäre das eine mutige Inszenierung, im Kölner Schauspielhaus erwarte ich mehr Tiefgang.

Bergisch Gladbacher Fahrstil: Beobachtungen eines Zugezogenen

Bergisch Gladbach liegt vor den Toren Kölns, die Städte sind so miteinander verschmolzen, dass die Stadtgrenze oft kaum merklich ist. Einmal falsch abgebogen, schon ist man von Hebborn wieder in Dellbrück gelandet, ein paar Querstraßen weiter ist man in Refrath. Der Kölner schaut auf Bergisch Gladbach als “Schäbbisch Jläbbisch” herab, der Gladbacher erwidert die Missachtung mit fast vollständiger kultureller Orientierung an Köln, besonders am FC und an der Sprache. Bergisch Gladbacher und Kölsche Mundart sind nur für Eingeweihte auseinander zu halten.

Erstaunlicherweise gibt es aber doch einen himmelweiten Unterschied zwischen beiden Städten, den ich feststellen musste, als ich vor drei Jahren von Köln nach Gladbach zog: den Fahrstil der jeweils eingeborenen Kraftfahrer.

Der Kölner fährt großstädtisch: leicht chaotisch, schon mal drängelig, und im Winter wie auf Glatteis – selbst wenn gerade die ersten Flöckchen vom Himmel fallen.

Der Stil der Bergisch Gladbacher dagegen schwankt zwischen den Extremen. Hier habe ich Aktionen gesehen, die mir in Köln nie untergekommen sind. Und andererseits nimmt man völlig übertriebene Rücksicht aufeinander.

Beispielsweise fährt der Bergisch Gladbacher in den zahlreichen Straßen, die durch auf die Fahrspur gemalte, rechts und links die Seite wechselnde Parkstreifen beruhigt sind, nicht dann, wann es die StVO vorschreibt: also dann, wenn der Entgegenkommende das Hindernis auf seiner Seite hat. Er fährt einfach dann, wenn er meint, dass er dran ist. Ist man erst mal in der Engstelle, wird der andere schon zurückziehen. Sich für dessen Warten zu bedanken, beispielsweise durch ein kurzes Handzeichen: unnötig.

Was ich noch nie anderswo als einmal in Gladbach erlebt habe: Stau über eine Kreuzung hinweg. Ich halte vor der Kreuzung, lasse sie frei, der Wagen vor mir steht noch mit dem Heck darin. Nach zehn Sekunden setzt der hinter mir stehende Wagen zum Überholen an, umkurvt mich lässig und stellt sich vor mich – mitten auf die Kreuzung.

Wenn Schnee fällt, verhält sich der Gladbacher hingegen vorbildlich. Insbesondere kennt hier jeder die stillschweigende Vereinbarung, dass bei Engstellen in einer der zahlreichen Steigungen bei Glätte immer der bergauf Fahrende zuerst darf.

Völlig absurd aber und im krassen Gegensatz zu der sonst gezeigten Ruppigkeit ist das folgende Verhalten, das ich schon dutzendmale beobachten konnte: Der Gladbacher fährt auf einer Vorfahrtstraße. Rechts wartet jemand bspw. in einer Parkplatzausfahrt darauf, auf die Straße abbiegen zu können. Dann tritt der Gladbacher auf die Bremse, hält an und lässt den Wartenden einbiegen. Besonders ulkig wird die Aktion dann, wenn derjenige nach links abbiegen will. Dann warten die Vorfahrtstraße (und der sich hinter dem Überhöflichen bildende Stau) und der Einbiegende darauf, dass der Gegenverkehr eine Lücke lässt. Dass so eine Höflichkeit Auffahrunfälle fast schon erzwingt, ist wohl ohne weitere Erläuterung klar.

Ich habe mir unterm Strich angewöhnt, in Bergisch Gladbach einfach immer mit allem zu rechnen – außer mit Dank, wenn ich dazu gezwungen werde, auf meine Vorfahrt zu verzichten.

Neues Suchmenü in Firefox: Sind modale Interfaces wirklich immer schlecht?

Firefox hat sein Suchfeld entmodalisiert, wenn das ein Wort ist. “Modale” Interfaces gelten als etwas, das man im Interfacedesign vermeiden sollte. Aber gilt das wirklich unter allen Umständen?

Was ist ein modales Interface? Jef Raskin schreibt viel Lesenswertes darüber in seinem bahnbrechenden Buch “The Humane Interface” (hier zitiert aus der Wikipedia):

An human-machine interface is modal with respect to a given gesture when (1) the current state of the interface is not the user’s locus of attention and (2) the interface will execute one among several different responses to the gesture, depending on the system’s current state

Also: Eine Schnittstelle ist nach Raskin “modal”, wenn sie unterschiedlich reagiert, obwohl der Nutzer dasselbe macht, und wenn der Grund für die unterschiedliche Reaktion dem Nutzer nicht besonders präsent ist. Du denkst, die Kiste müsste jetzt wieder das Gleiche machen wie vorher. Aber der Modus der Kiste hat gewechselt, also macht sie jetzt etwas anderes. Das nervt normalerweise.

Das alte Suchfeld von Firefox war modal. Abhängig davon, welche Suchmaschine/Website der Nutzer ausgewählt hatte, wurde die Eingabe immer an diese Suchmaschine/Website weitergeleitet. Und man konnte schon mal vergessen, welche Suchmaschine man gerade ausgewählt hatte, auch wenn das Icon immer sichtbar war.

Firefox-searchbar-alt

Das neue Suchfeld ist nicht mehr modal. Es tut immer dasselbe, nämlich (ohne weiteres Interaktion) in der vom Nutzer festlegbaren Standardsuchmaschine zu suchen und ihm bei jeder Suche auch die Wahl zu bieten, eine andere Suchmaschine zu nutzen.

firefox-searchbar-neu

Aus meiner Sicht ist das aber eine klare Verschlechterung. Ich suche zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Suchmaschinen. Mal schreibe ich einen englischen Text und brauche brauche 20 mal hintereinander Leo. Danach klappere ich eine Liste von Musikempfehlungen ab und will jede Band auf YouTube probehören. Schlussendlich recherchiere ich Fernsehserien und will mir deren IMDB-Bewertungen ansehen.

Ich denke, dass dieses Verhalten typisch ist: Man sucht man nicht immer in derselben Suchmaschine, sondern jetzt hier, gleich dort. Mit dem neuen Firefox-Suchfeld muss man nun aber, wenn man nicht im Standard sucht, immer wieder die Suchmaschine auswählen. Wenn ich DuckDuckGo als Standard eingestellt habe und den englischen Text schreibe, kann ich nach dem Eingeben des Suchbegriffs nicht einfach Return klicken, sondern muss mit der Maus auf das kleine Feld mit dem Leo-Icon navigieren. Jedes Mal.

Step aside, Jef Raskin, aber ich will mein modales Suchfeld zurück!