Usability in der Auto-Konfiguration: Wann geht das Licht früher an?

Mein Nissan Pulsar hat, wie viele modernen Autos, eine automatische Lichtaktivierung. Wenn das Licht außen, das über einen Senor in der Frontscheibe erkannt wird, einen bestimmten Helligkeitswert unterschreitet, gehen Fahrlicht und Rücklicht automatisch an.

Wann das passiert, also schon bei etwas mehr Helligkeit oder erst, wenn es ziemlich dunkel ist, kann man im Menü des Wagens konfigurieren. Das Menü habe ich unten fotografiert.

Nun kommt die entscheidende Frage: Welche Einstellung muss ich wählen, damit das Licht schon bei etwas größerer Helligkeit angeht als in der Standard-Einstellung?

Erst mal kurz das Menü studieren und nachdenken.

Digitalanzeig der Einstellung der Empfindlichkeit der automatischen Beleuchtung in einem Nissan Pulsar
Einstellung der Empfindlichkeit der automatischen Beleuchtung in einem Nissan Pulsar

Und? Was meinst du?

Ich bin ja Physiker. Mein Gedanke ging so:

  • Ich stelle die Lichtempfindlichkeit ein, sagt das Menü.
  • Das ist eine Eigenschaft des Lichtsensors.
  • Wenn der Sensor empfindlicher ist als normal, also bspw. maximal empfindlich, dann denkt er schon bei sehr geringer Intensität des Außenlichts, dass es hell (genug) ist und lässt das Fahrlicht aus.

Genau so ist es tatsächlich. Wenn ich die Einstellung auf „gering“ setze, geht das Fahrlicht schon im Schatten unter Bäumen an. Der Sensor ist ja gering empfindlich, also reicht auch eine relativ okaye Lichtmenge nicht mehr aus, um ihn zu überzeugen, dass es Tag ist. Also macht er das Licht an.

Die Liebste hingegen hatte aus dem Bauch heraus genau die andere Einstellung vorgeschlagen: „Maximal“ hieße ihrer Ansicht nach, dass das Licht schon früh angeht, wenn es gerade mal dämmert. Das war auch mein erster allererster Gedanke, bevor ich das Menü genauer studiert habe.

Ich denke, dass das Menü einfach extrem kompliziert ist. Man muss sich überlegen, was der Sensor in welcher Lichtsituation „denkt“ und wie er dann das Fahrlicht steuert. Das ist umständlich, man muss auf dem Weg zwei Mal umdenken.

Viel einfacher wäre es, wenn das Menü und seine Optionen bspw. so heißen würden:

Fahrlichtaktivierung bei
Hellem Sonnenschein
Normalem Sonnenschein
Dämmrigem Licht
Sehr wenig Licht

Das ist vielleicht auch noch nicht optimal, aber es lässt den Nutzer einfach aus Abstufungen einer Kategorie auswählen, die er ohnehin im Kopf hat.

Usability ist eine trickreiche Sache, und jedenfalls sollte man sie nicht von Ingenieuren gestalten lassen.

Ich las, sah, hörte: Medien im Juni 2016

Bücher

Thomas Glavinic: Der Jonas-Komplex

Glavinic fällt gleich mit der Tür ins Haus und zählt im ersten Absatz auf, wie viele Personen jeder von uns ist, nämlich drei:

Erstens die, die er ist, zweitens die, die er zu sein glaubt, und drittens die, für die ihn die anderen halten sollen.

Und so treten in diesem Buch auch drei Hauptpersonen auf: Ein Ich-Erzähler, der viel mit dem erwachsenen Thomas Glavinic gemeinsam hat. Ein Ich-Erzähler, der viel mit dem pubertierenden Thomas Glavinic gemeinsam hat. Und Jonas, die Hauptfigur aus mehreren von Thomas Glavinics Büchern, unter anderem dem letzten. Ob das die drei Personenen sind, in die „Thomas Glavinic“ zerfällt, lässt Glavinic offen, aber der Gedanke liegt natürlich nahe. Ist er der ständig masturbierende jugendliche Schachmeister? Sieht er sich als die erwachsene Koksnase? Und sollen ihn die anderen für Jonas halten, den unerschöpflich reichen, mutigen Abenteurer mit der wunderschönen Freundin?

Jedenfalls erzählt Glavinic Episoden aus den Leben dieser drei Figuren. Und das ist auch das einzige, was ich diesem Buch vorwerfen muss: Es bleibt zu sehr im Episodischen, die großen Linien fehlen, auf jeden Fall hat das Buch zu viele Seiten für diese Erzählweise. Jedes einzelne der kurzen Kapitel ist sehr unterhaltsam, gut geschrieben und hinterlässt ein Bild. Aber dann kommt schon wieder das nächste. Und wieder das nächste. Am Ende finden dann die drei Linien recht nah zueinander, so dass es fast noch ein kleines Finale gibt, aber eben nur fast. Zweihundert Seiten weniger wären auch gegangen.

Doch eins kann man Glavinic nicht vorwerfen: den Leser auch nur eine Sekunde zu langweilen. Da passiert so viel in diesem Buch, es wird gehurt, gesoffen, Menschen werden irgendwo in der Welt ausgesetzt, es wird gewichst, Schach gespielt und Autos werden vor die Wand gesetzt. Nicht alles müsste sein, aber alles macht Spaß. Und am Ende fragt man sich, wie viele man eigentlich selbst ist?

Ich bleibe jedenfalls beinharter Glavinic-Fan!

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh

Ein widerwärtiges Buch. Aber das will es auch sein. Auf jeder Seite springen einen Kotze, Scheiße, Pisse, Gestank, Vaginalsekrete, in Richtung höherer Promillewerte überwundene Volltrunkenheit und mindestens völlige menschliche Verdorbenheit an – und dabei geschehen die Morde des Fritz „Fiete“ Honka erst ganz am Ende, wenn einen das Buch so sehr geschafft hat, dass das bisschen Menschenschlachten auch kaum noch eine Steigerung ist. Wahrscheinlich ist das exakt der gewünschte Effekt, und er gelingt. Aber um welchen Preis? Es ist der Preis der vollständigen Erschöpfung auch des zugeneigten Lesers, die dadurch noch verstärkt wird, dass man spürt, dass Strunk das Buch von über 600 geschriebenen auf 250 gedruckte Seiten kondensiert hat. Die entstandene Dichte ist kaum zu ertragen, aber sie sorgt auch dafür, dass ich beim Skippen durch das Hörbuch auf YouTube jeden einzelnen Satz wiedererkannte.

„Der goldene Handschuh“ ist eine Zumutung und kostet viel Überwindung. Ob es sich lohnt, muss jeder Leser für sich entscheiden. Man muss bereit sein, in die tiefsten menschlichen Abgründe zu tauchen. Wer das so intensiv erleben möchte, wie es einem Literatur ermöglicht, der ist hier richtig.

Film

Sicario

Ein großartig gemachter Film, dem allerdings der Blick für eine politische Einordnung seiner Geschichte fehlt. Die Charaktere sind jedenfalls zu unveränderlich, als dass ihre Geschichte den Film tragen könnte. Dennoch war ich begeistert, denn in einem der DVD-Extras erklärt der Regisseur, dass er so dokumentarisch sein wollte, wie es geht, ohne wirklich einen Dokumentarfilm zu machen. Das ist ihm gelungen.

Erzählt wird die Geschichte der amerikanischen Bundespolizistin Kate Macer, die in eine Spezialeinheit versetzt wird, die gegen die mexikanische Drogenmafia kämpft. Die Methoden dieser Spezialeinheit findet Macer zweifelhaft, schon bevor sie entdeckt, dass einer ihrer Kollegen noch eine persönliche Agenda verfolgt.

Was den Film so sehenswert macht, sind seine Machart und die Spannung. Die Kamera ist so nah an der Handlung, die Sets wirken so echt, die Atmosphäre ist so greifbar, dass dagegen selbst Black Hawk Down oder The Hurt Locker zurück stehen können. Besonders die Kontraste von extremer Nähe, wenn die Kamera im Auto mit durch Juarez rast, und von extremer Weite, wenn dann Luftaufnahmen den Konvoi zeigen, wie er durch die Landschaft und durch die Stadt fährt, funktionieren extrem gut. Regisseur Denis Villeneuve sagt auch, dass er die Landschaft zu einer eigenen Figur des Films machen wollte. Das ist ihm herausragend gelungen.

Ein sehr sehenswerter Film ohne große Moral. Aber vielleicht ist genau das seine Aussage zu diesem seit Jahrzehnten tobenden „Krieg gegen die Drogen“?

Musik

BRKN: Kauft meine Liebe

Andac Berkan Akbiyik, kurz BRKN, hat eine extrem unterhaltsame, deutschsprachige R’n’B-Platte herausgebracht. Besonders charmant ist der konstante Kontrast aus der Sprache und den Themen eines Berliner Vorort-Checkers und der Selbstironie und -reflexion, die die Texte haben. Dazu gute, beschwingte, abwechslungsreiche Melodien, fertig ist die Partyplatte des Jahres. Auf der Bonus-CD „L’Acoustique“ werden zwei Dinge klar: Wie gut die Songs sind, und wie gut die nicht-akustischen Versionen produziert sind – was doppeltes Lob für dieselbe Person ist, denn Berkan hat die Platte quasi im Alleingang gebastelt, inklusive Produktion. Maximale Kaufempfehlung.

Band of Skulls: By Default

Gute Rockplatte, die ihre Wirkung erst nach einem paar Mal Hören entfaltet. Die Melodien von Band of Skulls sind nicht-trivial, krallen sich dann aber umso tiefer ins Mittelohr. Hebt aber letztlich auch nicht entscheidend von vielen anderen guten Rockplatten ab und ist von den Jahres-Top-10 wahrscheinlich doch weiter entfernt, als es die Intro suggerierte.

Dam-Funk: DJ-KICKS

Finde ich, als großer Fan und Alleskäufer der DJ-KICKS-Serie, irgendwie nur mittelmäßig. Dam-Funk springt auf den 80ies-Zug auf, aber etwas zu spät und mit zu mittelmäßigen Stücken. Das ist mir alles zu ausgesucht, zu gewollt offstream, reißt mich einfach nicht mit.

Apple TV: Intuition und Gewöhnung sind nicht dasselbe

Ich besitze seit zwei Wochen ein Apple TV 4. Und mal wieder mache ich die Erfahrung, dass die regelmäßig so hoch gelobte Intuitivität der Apple-Benutzeroberflächen ein reiner Mythos ist. Stattdessen handelt es sich um schlichte Gewöhnung an frei aus der Luft gegriffene Benutzungsmetaphern.

Drei Beispiele:

Wie schaltet man Apple TV aus?
an-aus-icon
Es gibt jedenfalls keinen An/Aus-Knopf, wie man ihn von zahllosen Geräten kennt (s. links). Stattdessen muss man lange den Home-Button drücken (s. Abbildung unten), mit dem man bei normaler Benutzung zum Homescreen kommt. Es erscheint dann eine Lightbox mit der Möglichkeit, Apple TV in den Ruhezustand zu versetzen. Ich habe das erst nach einem Blick in die Bedienungsanleitung rausgefunden.

Wie löscht man eine App?
Um eine einmal installierte App wieder zu löschen, muss man die App zunächst per Long Click fokussieren, wie zum Verschieben. Das kennt man immerhin schon von Apple-Telefonen und Tablets. Anschließend muss man nicht etwa die Menü-Taste drücken, um ein Zusatzmenü mit Optionen aufzurufen, wie ich es vermutet hatte. Sondern man muss den Play/Pause-Button drücken! Das wird zwar klein unten auf dem Bildschirm eingeblendet, ist aber dennoch weit von irgendeiner Intuition entfernt.

Wie navigiere ich zurück? Und wie rufe ich das App-Menü auf?
Um auf den letzten Bildschirm zurück zu navigieren, muss man auf der Fernbedienung die Menü-Taste drücken. Immerhin ist das die Taste links oben, also tatsächlich noch halbwegs natürlich. Aber auf der Taste steht „Menu“, und ich habe zum einen gezögert, ob ich das jetzt tatsächlich tun soll? Zum anderen macht die Taste in vielen Zuständen einer App einfach nicht das, was drauf steht, nämlich ein Menü aufzurufen. Stattdessen bringt sie mich eben einen Screen zurück. Ins Menü komme ich dagegen, indem ich auf dem Touchpad der Fernbedienung von oben nach unten wische – meistens jedenfalls.

Mir scheint insgesamt der löbliche Wille zur Vereinfachung weit über’s Ziel hinaus geschossen zu sein. Man muss ja nicht gleich eine Fernbedienung mit tausend Knöpfen gestalten. Aber das Doppelbelegen von Knöpfen führt zu einer Modalität, die nicht sinnvoll ist: Buttons führen in einem Zustand der App oder der Benutzung eine bestimmte Funktion aus, in einem anderen Modus aber dann wieder eine andere. Das ist einfach nur verwirrend. Gewöhnen tut man sich auch an den größten Usability-Dreck. Aber nur bei Apple nennt man diese Gewöhnung Intuition.

 

Fernbedienung von Apple TV 4
Fernbedienung von Apple TV 4

Ich las, ich sah, ich hörte: Medien im Mai 2016

Bücher

Adrian Tomine: Eindringlinge

Der Erzählungsband unter den Graphic Novels. Adrian Tomine fasst hier sechs Geschichten zusammen, die er in teilweise recht unterschiedlichen Stilen über mehrere Jahre hinweg gezeichnet und veröffentlicht hat. Alle Geschichten sind episodisch, erzählen jeweils nur einen kurzen oder speziellen Aspekt aus dem Leben ihrer Hauptfiguren. Da ist beispielsweise ein Gärtner, der die „Hortiskulptur“ erfindet und damit zu Erfolg kommen möchte. Eine Studentin sieht einer Pornodarstellerin ähnlich und wird laufend mit ihr verwechselt.

Die Geschichten haben offene Enden, sind nicht auserzählt, bleiben mehr erzählerische Skizzen – aber nicht zeichnerische. Tomine ist ein großartiger Zeichner, bringt die melancholische Stimmung der Geschichten auf den Punkt.

Besonders erwähnenswert ist noch das sehr, sehr schöne Cover, das der Reprodukt-Verlag dem Buch spendiert hat: der Schutzeinband ist aus durchsichtigem Plastik und hat den Titel aufgedruckt, das Titelbild ist auf das eigentliche Hardcover gedruckt. Das macht einen schönen Effekt, ist sehr wertig und originell.

Filme / TV / Serie

Der Plan – The Adjustment Bureau

Die Liebste wählt die Filme ihres DVD-Abos auch mal nach Schauspielern auf. Nachdem ich mit der Ankündigung, die hätte da noch einen Bourne-Film mit seltsamem Titel auf die Couch gelockt worden war, stellte sich heraus, dass nicht jeder Film mit Matt Damon aus der Bourne-Reihe ist. Hier spielt Damon den Politiker David Norris, der sich in eine Tänzerin verliebt. Da läuft aber entgegen den aktuellen Plänen des Schicksals – und dieses Schicksal ist hier eine real existierende Agentur mit Agenten, die dafür sorgen, dass alles der Vorsehung folgt. Norris bekommt das mit, widersetzt sich aber zugunsten der Liebe seiner Vorsehung und wird vom Adjustment Bureau gejagt.

Der Grundgedanke ist so absurd, dass man sich schon fast wieder auf ihn einlassen kann. Leider sind die Agenten des Schicksals aber zu überzeichnet dargestellt, fast schon albern, aber auch wiederum nicht so, dass sie quasi märchenhaft als Graue Herren durchgehen würden. Am Ende wirkt der Film zu beliebig zusammengeklaut: etwas romantische Komödie, etwas Momo, etwas Inception, etwas Bruce Allmächtig. Ich war zwischendurch kurz weggenickt und habe es nicht bedauert.

Musik

Melt Yourself Down: Melt yourself down

Ich bin über eine Rezension der neuen Platte dieser Band auf ihre erste gekommen. Melt Yourself Down erinnern mich an Balkan Beat Box und ähnliche Bands, die einen Mix aus Punk, Jazz und Folklore machen. Bei MYD dominiert das Saxophon viele Songs, darunter nervöse, nordafrikanisch inspirierte Rythmen, darüber ein hochenergetischer Dance-Punk-Gesang, der teilweise wie bei Radio 4 oder The Rapture klingt. Insgesamt eine sehr gelungene Platte.

Golf: Playa Holz

Als Golf anfangen, in  „Coconut“ italienisch zu singen, frage ich mich kurz, ob Tele vielleicht einfach nur plötzlich wieder cool geworden sind? Tatsächlich ist Golf die Band aus Köln, die den Ruhm verdient hätte, den die gräßliche Platte von AnnenMayKantereit bekommt.

Alleine „Macaulay Culkin“ ist das Lied, das bitte bitte der Indie-Sommerhit dieses Jahres wird und für das sich er Kauf der Platte lohnt. Aber auch die anderen Songs sind einfach gut: gut getextet, und auf angenehme Art und Weise zwischen elektronisch und handgemacht changierend. Platte des Monats.

Cyrano de Bergerac im Schauspielhaus Köln

Die Story des fast schon französischen Nationalstücks kennen wahrscheinlich die meisten aus dem Film von 1990 mit Gérard Depardieu. In Köln wird dieser Klassiker in die Neuzeit gehlt, in die Hip-Hop-Szene. Das funktioniert erstaunlich gut, auch wenn es erst mal ein bisschen albern wirkt, aber natürlich geht es beim Rap wie auch bei Cyrano um die Geschmeidigkeit der Worte. (Sehr schön übrigens, dass nicht nur einige der großen Rapklassiker zu Gehör gebracht werden, sondern auch Fenster zum Hof von den Stieber Twins!)

Die Kölner Inszenierung ist schnell, stark gestrafft, abwechslungsreich und extrem unterhaltsam. Darstellerische Tiefe kommt dabei ein bisschen kurz, erst ganz am Ende können die drei Hauptdarsteller zeigen, dass sie mehr können als nur schnelle Gags gut getimed zu bringen. Aber was heißt schon „nur“? Die zentrale Szene, wenn Cyrano dem Christian vor Roxanes Haus die Verse souffliert, um die Angegebete endgültig für sich zu gewinnen, ist hysterisch lustig, sehr schnell inszeniert und perfekt choreografiert.

Die Moral von der Geschicht kommt am Ende vielleicht ein bisschen zu kurz, aber in den rund 100 Minuten der Inszenierung hat man sich gut unterhalten und geht beschwingt und auch ein bisschen traurig über Cyranos Tod aus dem Theater.

Medien im April 2016

Bücher

William Eggleston’s Guide

Ein grandioser, lange vergriffener, jetzt wieder verfügbarer Band eines der Pioniere der Farbfotografie. Das Vorwort ist sehr interessant, weil ich die Probleme, die sich nach der Erfindung der Farbfotografie für die Fotografen stellten und die hier geschildert werden, heute kaum noch nachvollziehen kann. Man sah sich der Herausforderung gegenüber, dass ein Himmel blau ist, dass das Blau im Bild aber kein Selbstzweck sein, sondern eben ganz natürlich zum Himmel gehören sollte. Ich kann zwar verstehen, dass Fotografen, deren Blick für Schwarzweiß-Bilder geschult war, erst mal umlernen mussten. Aber Bilder in Farbe zu haben, war kunstgeschichtlich ja nichts grundsätzlich Neues, schließlich wurden Bilder seit Jahrhunderten in Farbe gemalt.

Jedenfalls macht William Eggleston in diesem Band vor, wie Farbe in der Gestaltung von Fotografien eingesetzt werden kann, und er tut das so meisterhaft, dass der Ruf dieses Buchs kein bisschen übertrieben ist. Egglestons Motive sind oft banal oder sogar belanglos: Es geht um die Farbe. Aber natürlich zeigte auch die Wahl der Motive eine Haltung, die er bspw. mit Stephen Shore gemeinsam hatte, und die den Weg für die moderne, künslerische Fotografie ebnete.

Ein weiterer Grund, diesen Band zu erwerben, ist, seine großartige Machart: Das Papier ist sehr hochwertig, die Fotos wurden alle neu von den Negativen eingescannt, und der Einband ist ein kleines, leicht cheesiges Kunswerk aus Lederstruktur, einem aufgeklebten Foto und dem goldgeprägten Titel. Großartig!

Traumschönes Cover: Lederstruktur, Goldprägung und aufgeklebtes Foto! #eggleston

A video posted by Rainer Lingmann (@surfguard) on

Film/TV/Serie

American Crime Story, Season 1: The People vs. O.J. Simpson

Eine okaye Nacherzählung des OJ-Simpson-Gerichtsprozesses. Die Serie bezieht ihre Spannung aus dem unfassbaren Verlauf der Handlung, für die sie aber ja nichts kann. Die Machart ist sehr konventionell, die schauspielerischen Leistungen sind wechselhaft: Sarah Paulson als Staatsanwältin Marcia Clark ist großartig, Kenneth Choi als Richter Ito und Cuba Gooding Jr. als OJ sind in Ordnung, John Travolta gibt den Verteidiger Robert Shapiro als grimassierende Knallcharge. Ich war in den Details des Falls nicht mehr drin, so dass sich die Serie für mich gelohnt hat. Wenn man sich für die Sache nicht so interessiert, kann man sich auch die Serie sparen.

The Walking Dead, Season 6.2

Die zweite Hälfte der Staffel war etwas besser als die erste, Aber die letzte Folge riss mit dem Arsch ein, was die Serie sich bis dahin an Kredit wieder erarbeitet hatte. Die war nämlich unglaublich zäh, gestreckt. Besonders die abschließende Rede, mit der der neue Oberbösewicht Negan eingeführt wird, will nicht enden. Das hätte jeder James-Bond-Bösewicht kürzer gemacht. Natürlich werde ich Staffel 7 wieder einschalten, aber wenn es so weitergeht wie jetzt, dann sehe ich mein Interesse schwinden.

Fear The Walking Dead, Staffel 2, Folge 1

Weiter als bis zur ersten Folge der zweiten Staffel habe ich es nicht geschaft. Das ist alles fürchterlich uninspiriert und interessiert mich nicht die Bohne. Insbesondere haben es die Macher nicht geschafft, dass ich, obwohl ich die komplette erste Staffel gesehen habe, auch nur mit einer einzigen Figur mitfühle. Die gehen mir alle komplett am Arsch vorbei, ich erkenne sie nicht mal wieder, so farblos sind sie.

Ex-Machina

Großartiger Film, wenn auch mit etwas vorhersehbarer Story. Das ist aber egal, weil der Film eine tolle Atmosphäre transportiert, seine Visual Effects sparsam und sinnvoll einsetzt und durch ihre Perfektion nicht in den Vordergrund stellt. Wie Alicia Vikander einen Roboter mit menschlichem Bewusstsein entstehen lässt, ist sehr beeindruckend. Es sind nur ganz kleine Bewegungen, nur Andeutungen, mit denen sie Ava vom vollends Menschlichen distanziert. Sehr sehenswert!

Musik

Jonathan Richman & The Modern Lovers: The Beserkley Collection

Ich kannte Jonathan Richman nicht, obwohl mir der „Egyptian Reggae“ natürlich geläufig war. Aber was für ein großartiger Künstler da bisher an mir vorbei gegangen war, wurde mir erst klar, als ich „Dodge Veg-O-Matic“ hörte: Da war ein Song, der ganz offensichtlich den großartigen, von mir sehr geschätzten Violent Femmes für eine ganze Karriere reichte. Richman aber ist viel breiter aufgestellt, begann unter dem Einfluss der Velvet Underground, machte kindliche Lieder und Texte („Ice Cream Man„) und begründete den Anti-Folk. Ich bin sehr froh, Richman jetzt auch zu kennen!

Masha Qrella: Keys

Eine ganz, ganz tolle Pop-Platte!

Diverse: The Ladies of Too Slow To Disco

Ist mir egal, ob Ladies oder Gentlemen singen, aber die „Too Slow To Disco“-Serie trägt auch in der dritten Ausgabe und kann von mir aus noch lange so weitergehen!

Udo Lindenberg: Ball Pompös

Nachdem die Liebste Udo Lindenberg entdeckt und begeistert in ihr Leben aufgenommen hat, habe auch ich ein paar frühe Platten von Udo studiert. Bisher besaß ich persönlich nur die „Intensivstationen“ und liebe sie bis heute. Die „Ball Pompös“ steht jetzt gleichrangig daneben. Was für ein großartiger Texter Lindenberg ist, merkt man vor allem dann, wenn er ernste Themen beschreibt: „Leider nur ein Vakuum“ kann mich fast zu Tränen rühren. Lindenberg braucht nur ein paar Zeilen, um die ganze Leere einer gescheiterten Existenz zu beschreiben, und das Bild von den „schnellen Stiefeln“ hakt sich sofort für immer in eine Kleinhirnwindung ein.

Medien im März 2016

Film/DVD/Serie

American Crime, Season 2

Ganz, ganz großartiges Fernsehen, das etwas hat, das vielen anderen Serien fehlt: Relevanz. Gesellschaftliche Relevanz. Zeitgeschichtliche Relevanz. Menschliche Relevanz. Ich kann American Crime wirklich nicht hoch genug loben!

Die zugrunde liegende Handlung hatte ich im Januar schon angerissen: Ein männlicher Teenager wird angeblich von seinen Mitschülern einer elitären Privatschule vergewaltigt. Die Serie verhandelt die sich darum rankenden gesellschaftlichen Themen: Von der Akzeptanz von Homosexualität über die Frage, ob es Vergewaltigungen an Männern überhaupt geben kann bis hin zu Rassismus, der schon die erste Staffel prägte, und zu Gewalt an Schulen, auch Waffengewalt.

Ihren größten Moment hat die Serie, als einer spätere Folge mit echten Interviews mit Lehrern aus Columbine beginnt, oder mit einer Mutter, deren Sohn sich umbrachte, weil er wegen seiner Homosexualität an der Schule gemobbt wurde. Auf ihren Vorschlag, dass er die Schule wechseln könne, antwortete er ihr: „Es ist nirgendwo okay, schwul zu sein.“ Dieser plötzliche Einbruch der echten Welt in die Fiktion ist nicht so weit her geholt, wie er das in manch anderer Serie wäre. Er liegt eigentlich sogar sehr nahe.

Und er macht noch einmal deutlich, wie herausragend die Schauspieler in American Crime sind. Denn man kann sich erst nach den Einblendungen halbwegs sicher sein, dass es sich hier um echte Menschen in echten Interviews handelt. An der Darstellung merkt man es nicht. Man möchte fast keinen der Schauspieler für seine Leistung hervorheben, lediglich Lili Taylor als Mutter, Connor Jessup als vergewaltigter Teenager und Joey Pollari als Kapitän des Basketballteams und einer der Verdächtigen haben sich ein sechstes Sternchen verdient, alle anderen Darsteller kommen eh locker auf fünf.

Angeblich ist es fraglich, ob es eine dritte Staffel von American Crime geben wird. Also könnte die Serie das Schicksal von „Boss“ teilen und nach der zweiten, großartigen, inhaltlich deprimierenden Staffel abgesetzt werden. Ich hoffe aber noch.

Baskets, Season 1

Ich wollte Baskets wirklich so gerne mögen. Aber ich finde die Folgen einfach langweilig, ihnen fehlt Handlung, ihnen fehlt auch dramaturgische Struktur, mal ein Höhepunkt, mal eine ruhige Phase. Die echten Lacher sind zu selten, um die Serie zu tragen, die Handlung eben auch. Am Ende bleibt mir da nicht genug.

Borgen, Staffel 2

Habe ich am langen Osterwochenende weggeguckt. Borgen ist tatsächlich das dänische West Wing, auch von der Machart her: topmodern ist das nämlich nicht, auch wenn die zweite Staffel Borgen von 2011 ist. Die Folgen bleiben sehr im Episodischen. Folgenübergreifende Handlungen gibt es zwar auch, aber sie betreffen nicht das Kernthema der Serie, sondern eigentlich ausschließlich das Privatleben der Figuren: Beziehungen, Liebesgeschichten, Familiäres. Das war bei Liebling Kreuzberg vor 30 Jahren auch nicht anders.

Die Stories, die in den Episoden erzählt werden, sind allerdings so packend, die einzelnen Folgen so mitreißend erzählt, dass man Borgen diesen Makel problemlos verzeiht. Obwohl es keine Cliffhanger gibt, nicht mal am Ende des ersten Teils der einzigen Doppelfolge, wollte ich die nächste Folge immer sofort sehen, einfach weil sie wieder vergleichbar gute Unterhaltung versprach.

Ich freue mich auf Staffel 3, auch wenn es schon die letzte ist, die von Borgen gedreht wurde.

Prisoners

Der Film war 2013 völlig an mir vorbei gegangen, ich hatte noch nie von ihm gehört, bevor er an Ostern im Fernsehen lief. Die Story gefiel mir gut, bis auf das Ende.

Es wäre grundsätzlich eine klassische, etwas ausgelutschte Selbstjustizgeschichte, vermischt mit einem Spritzerchen Gruselthriller – wenn hier nicht der eine Vater der vermissten Kinder, gespielt von Hugh Jackman, der das Recht in die eigene Hand nehmen möchte, so ein ausgemachter Unsympath wäre. Vielleicht auch durch seine verzweifelte Lage dazu gemacht wird. Und wenn das Objekt seiner vermeintlichen Gerechtigkeit nicht möglicherweise unschuldig, jedenfalls aber selbst hilfsbedürftig wäre. So ist man hin und her gerissen zwischen Mitgefühl mit einem Vater, der seine entführte Tochter finden möchte, und einem Grenzsadisten, der in seiner Verzweiflungn zu weit geht.

Bis 15 Minuten vor dem Ende ist das toll gemacht, mit großer Spannung. Doch dann kommt eben dieses Ende, und es ergibt sich eine Auflösung, die leider schon in zu vielen Derrick-Episoden verwendet wurde. Und die letzten 60 Sekunden sind dann noch mal unglaubwürdiger. Das Ende kann den guten Film nicht ganz verhunzen, lässt einen aber erst mal enttäuscht zurück. Wenn man vorgewarnt ist, lohnen sich die guten, satten 2 1/4 Stunden davor trotzdem.

Bücher

Jean-Philippe Toussaint: Fußball

Ein dünnes Bändchen, auch noch groß gedruckt, in dem der belgische Autor, der hierzulande nicht so berühmt ist wie in seiner Heimat, von seine Hinwendung zum Fußball und von seiner Liebe zum Spiel als Fan berichtet. Aufgehängt ist das Buch an den letzten Fußball-Weltmeisterschaften, anhand derer Toussaint seine Erlebnisse beschreibt, die er teilweise vor Ort, teilweise zuhause vor der Glotze erfährt.

Da gibt es schöne Passagen, beispielweise seine Erlebnisse in Japan. Da gibt es eine herausragende Passage, die auch in allen Rezensionen hervorgehoben wird, wie er eine WM in seinem Haus auf Korsika eigentlich ignorieren möchte, um an einem Buch zu arbeiten, dann aber doch die Nerven verliert, sich ein Online-Abo besorgt, nachts auf dem Laptop Fußball guckt, bis bei einem Unwetter erst das Internet, dann komplett der Strom ausfällt und er am Ende mit einem batteriebetriebenen Transistorradio da sitzt. Das ist eine sehr, sehr schöne Schilderung echten Fanseins, in der ich mich auch schriftstellerisch hohem Niveau voll wiedergefunden habe. Alleine für dieses Kapitel lohnt sich das Buch schon.

Ltoussainteider gibt es aber auch Stellen, die trotz des ohnehin geringen Umfangs des Buchs, gestreckt wirken: Passagen über eine nicht besuchte WM, die nichts mit Fußball zu tun haben.

Als echter Fußballfan lohnt sich „Fußball“, man muss aber für die paar Seiten die verlangten 17,90 € auch wirklich ausgeben wollen und darf nicht auf Masse, dafür auf punktuell große Klasse hoffen.

Sehr schönes Cover übrigens!

Marc-Antoine Mathieu: 3 Sekunden

Eine Graphic Novel, die sich nur schwer erklären lässt. Man folgt als Leser quasi dem Weg eines Lichtstrahls. Jedes Bild ist so ein bisschen weiter in die beobachtete Szenerie reingezoomt. Einen besonderen Dreh bekommt das ganze dadurch, dass jeder Zoom irgendwann auf einer spiegelnden Oberfläche landet und dann weiter in die Reflexion eintaucht, dann in die Reflexion in der Reflexion und so weiter. So kommt der Lichtstrahl aus jeweils verschiedenen Blickwinkeln an mehreren Szenen vorbei, die durch die hohe Geschwindigkeit des Lichtstrahls Standbilder sind, und sich erst dann ein ganz kleines bisschen weiter bewegt haben, wenn sie der Lichtstrahl evtl. nach zehntausenden von Kilometern noch einmal passiert. Wie gesagt: schwer zu erklären.

Einen erzählerischen Dreh bekommt das Buch dadurch, dass alle Szenen zusammen die Geschichte eines Verbrechens erzählen, das sich erst nach und nach enthüllt, dessen Zusammenhänge und Hintergünde erst im Verlauf des Buchs klar werden.

Vielleicht ist das alles auch etwas überkonstruiert, aber es ist mit viel Liebe und zeichnerischem Können gemacht. Ein Buch, das man mehrmals lesen muss, um es voll zu verstehen.

(Danke für’s Ausleihen, Dirk!)

Randall Munroe: Der Dinge-Erklärer

Meinen Lesern muss ich zu diesem Buch wahrscheinlich nicht viel erzählen: Randall Munroe erklärt komplizierte Dinge ausschließlich mit den 1.000 meistbenutzten Wörtern der englischen Sprache. In der deutschen Ausgabe gibt es eine lesenwerte Erläuterung der Übersetzer. Nimmt man die 1.000 häufigsten deutschen Wörter? Ist es dann noch eine Übersetzung, wenn doch ein Wort wie „power“ mal als Energie, dann als Strom, dann als Macht übersetzt werden muss,  die aber nicht unbedingt alle unter den 1.000 gebräuchlichsten deutsche Wörtern sind?

Auch sehr witzig ist, dass „nine“ als einzige Zahl zwischen ein und zehn nicht zu den 1.000 häufigsten englischen Wörtern gehört. „Neun“ wäre im Deutschen erlaubt gewesen, die Übersetzer haben sich aber entschieden, darauf zu verzichten, um Munroes Umschreibungen als Running Gag zu retten. Ich habe mich gefragt, ob evtl. das Benfordsche Gesetz für diese Seltsamkeit verantwortlich ist?

Am Ende gibt es im Dinge-Erklärer Gegenstände, bei denen das Konzept nicht unbedingt trägt, die durch die Beschränkung eher schwerer zu verstehen sind. Andere Dinge gewinnen großen Witz, bspw. die Beschreibung eines Baums mit darin wohnendem „Baum-Springer“.

Aber natürlich lohnt sich ein Munroe-Buch am Ende immer!

Musik

Brian Fallon: Painkillers

Solo-CD des Frontmanns von The Gaslight Anthem. Leider offenbart die Platte, dass es Fallon ist, der dafür verantwortlich ist, dass The Gaslight Anthem über die Jahre immer seichter wurden. Painkillers ist Mainstream-Radio-Mucke. Gut zum Autofahren, aber auch nicht zu mehr.

Moodymann: DJ-Kicks

Neue DJ-Kicks kaufe ich ja blind, so auch diese, und ich bin wieder nicht enttäuscht worden. Moodymann ist ein House-DJ, der hier entspannte Mucke verschiedener Stilrichtungen zusammenmischt: viel Soul, ein bisschen Hip-Hop, ein bisschen House, Trip-Hop und Genreübergreifendes. Niveauvoll und entspannt.

AnnenMayKanterei: Alles Nix Konkretes

Ich wurde stutzig, als ich die CD in den Computer legte, um sie zu rippen, und mir die CDDB als Genre anzeigte: „Blues“. Das könnte natürlich ein Scherz gewesen sein, aber ich befürchte, dass das Zielpublikum von AnnenMayKantereit das ernst meint. Für BWL-Erstsemester ist das Blues. Und für Menschen, deren größtes Problem im Leben es ist, im neuen WG-Zimmer die Umzugskisten noch nicht ausgepackt zu haben, auch.

Ich bin auf AnnenMayKantereit hereingefallen. In ihren YouTube-Videos ist unglaublich beeindruckend, wie diese Stimme aus diesem schmalen Jünglein herauskommt. Singen kann der. Aber komponieren nicht, und seine Kollegen leider auch nicht. Das bleibt völlig beliebig, belanglos, unoriginell. Drei, vier gute Textzeilen auf der kompletten CD reißen es auch nicht raus.

Schon wieder verkauft. Don’t believe the hype.