Cyrano de Bergerac im Schauspielhaus Köln

Die Story des fast schon französischen Nationalstücks kennen wahrscheinlich die meisten aus dem Film von 1990 mit Gérard Depardieu. In Köln wird dieser Klassiker in die Neuzeit gehlt, in die Hip-Hop-Szene. Das funktioniert erstaunlich gut, auch wenn es erst mal ein bisschen albern wirkt, aber natürlich geht es beim Rap wie auch bei Cyrano um die Geschmeidigkeit der Worte. (Sehr schön übrigens, dass nicht nur einige der großen Rapklassiker zu Gehör gebracht werden, sondern auch Fenster zum Hof von den Stieber Twins!)

Die Kölner Inszenierung ist schnell, stark gestrafft, abwechslungsreich und extrem unterhaltsam. Darstellerische Tiefe kommt dabei ein bisschen kurz, erst ganz am Ende können die drei Hauptdarsteller zeigen, dass sie mehr können als nur schnelle Gags gut getimed zu bringen. Aber was heißt schon „nur“? Die zentrale Szene, wenn Cyrano dem Christian vor Roxanes Haus die Verse souffliert, um die Angegebete endgültig für sich zu gewinnen, ist hysterisch lustig, sehr schnell inszeniert und perfekt choreografiert.

Die Moral von der Geschicht kommt am Ende vielleicht ein bisschen zu kurz, aber in den rund 100 Minuten der Inszenierung hat man sich gut unterhalten und geht beschwingt und auch ein bisschen traurig über Cyranos Tod aus dem Theater.

Medien im April 2016

Bücher

William Eggleston’s Guide

Ein grandioser, lange vergriffener, jetzt wieder verfügbarer Band eines der Pionierre der Farbfotografie. Das Vorwort ist sehr interessant, weil ich die Probleme, die sich nach der Erfindung der Farbfotografie für die Fotografen stellten, die hier geschildert werden, heute kaum noch nachvollziehen kann. Man sah sich der Herausforderung gegenüber, dass ein Himmel blau ist, dass das Blau im Bild aber kein Selbstzweck sein, sondern eben ganz natürlich zum Himmel gehören sollte. Ich kann zwar verstehen, dass Fotografen, deren Blick für Schwarzweiß-Bilder geschult war, erst mal umlernen mussten. Aber Bilder in Farbe zu haben, war kunstgeschichtlich ja nichts grundsätzlich Neues, schließlich wurden Bilder seit Jahrhunderten in Farbe gemalt.

Jedenfalls macht William Eggleston in diesem Band vor, wie Farbe in der Gestaltung von Fotografien eingesetzt werden kann, und er tut das so meisterhaft, dass der Ruf dieses Buchs kein bisschen übertrieben ist. Egglestons Motive sind oft banal oder sogar belanglos: Es geht um die Farbe. Aber natürlich zeigte auch die Wahl der Motive eine Haltung, die er bspw. mit Stephen Shore gemeinsam hatte, und die den Weg für die moderne, künslerische Fotografie ebnete.

Ein weiterer Grund, diesen Band zu erwerben, ist, seine großartige Machart: Das Papier ist sehr hochwertig, die Fotos wurden alle neu von den Negativen eingescannt, und der Einband ist ein kleines, leicht cheesiges Kunswerk aus Lederstruktur, einem aufgeklebten Foto und dem goldgeprägten Titel. Großartig!

Traumschönes Cover: Lederstruktur, Goldprägung und aufgeklebtes Foto! #eggleston

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Film/TV/Serie

American Crime Story, Season 1: The People vs. O.J. Simpson

Eine okaye Nacherzählung des OJ-Simpson-Gerichtsprozesses. Di Serie bezieht ihre Spannung aus dem unfassbaren Verlauf der Handlung, für die sie aber ja nichts kann. Die Machart ist sehr konventionell, die schauspielerischen Leistungen sind wechselhaft: Sarah Paulson als Staatsanwältin Marcia Clark ist großartig, Kenneth Choi als Richter Ito und Cuba Gooding Jr. als OJ sind in Ordnung, John Travolta gibt Verteidiger Robert Shapiro als grimassierende Knallcharge. Ich war in den Details des Falls nicht mehr drin, so dass sich die Serie für mich gelohnt hat. Wenn man sich für die Sache nicht so interessiert, kann man sich auch die Serie sparen.

The Walking Dead, Season 6.2

Die zweite Hälfte der Staffel war etwas besser als die erste, Aber die eetzte Folge riss mit dem Arsch ein, was die Serie sich bis dahin an Kredit wieder erarbeitet hatte. Die war nämlich unglaublich zäh, gestreckt. Besonders die abschließende Rede, mit der der neue Oberbösewicht Negan eingeführt wird, will nicht enden. Das hättejeder James-Bond-Bösewicht kürzer gemacht. Natürlich werde ich Staffel 7 wieder einschalten, aber wenn es so weitergeht wie jetzt, dann sehe ich mein Interesse schwinden.

Fear The Walking Dead, Staffel 2, Folge 1

Weiter als bis zur ersten Folge der zweiten Staffel habe ich es nicht geschaft. Das ist alles fürchterlich uninspiriert und interessiert mich nicht die Bohne. Insbesondere haben es die Macher nicht geschafft, dass ich, obwohl ich die komplette erste Staffel gesehen habe, auch nur mit einer einzigen Figur mitfühle. Die gehen mir alle komplett am Arsch vorbei, ich erkenne sie nicht mal wieder, so farblos sind sie.

Ex-Machina

Großartiger Film, wenn auch mit etwas vorhersehbarer Story. Das ist aber egal, weil der Film eine tolle Atmosphäre transportiert, seine Visual Effects sparsam und sinnvoll einsetzt und durch ihre Perfektion nicht in den Vordergrund drängt. Wie Alicia Vikander einen Roboter mit menschlichem Bewusstsein entstehen lässt, ist sehr beeindruckend. Es sind nur ganz kleine Bewegungen, nur Andeutungen, mit denen sie Ava vom vollends menschlichen distanziert. Sehr sehenswert!

Musik

Jonathan Richman & The Modern Lovers: The Beserkley Collection

Ich kannte Jonathan Richman nicht, obwohl mir der „Egyptian Reggae“ natürlich geläufig war. Aber was für ein großartiger Künstler da bisher an mir vorbei gegangen war, wurde mir erst klar, als ich „Dodge Veg-O-Matic“ hörte: Da war ein Song, der ganz offensichtlich den großartigen, von mir sehr geschätzten Violent Femmes für eine ganze Karriere reichte. Richman aber ist viel breiter aufgestellt, begann unter dem Einfluss der Velvet Underground, machte kindliche Lieder und Texte („Ice Cream Man„) und begründete den Anti-Folk. Ich bin sehr fro, Richman jetzt auch zu kennen!

Masha Qrella: Keys

Eine ganz, ganz tolle Pop-Platte!

Diverse: The Ladies of Too Slow To Disco

Ist mir egal, ob Ladies oder Gentlemen singen, aber die „Too Slow To Disco“-Serie trägt auch in der dritten Ausgabe und kann von mir aus noch lange so weitegehen!

Udo Lindenberg: Ball Pompös

Nachdem die Liebste Udo Lindenberg entdeckt und begeistert in ihr Leben aufgenommen hat, habe auch ich ein paar frühe Platten von Udo studiert. Bisher besaß ich persönlich nur die „Intensivstationen“ und liebe sie bis heute. Die „Ball Pompös“ steht jetzt gleichrangig daneben. Was für ein großartiger Texter Lindenberg ist, merkt man vor allem dann, wenn er ernste Themen beschreibt: „Leider nur ein Vakuum“ kann mich fast zu Tränen rühren. Lindenberg braucht nur ein paar Zeilen, um die ganze Leere einer gescheiterten Existenz zu beschreiben, und das Bild von den „schnellen Stiefeln“ hakt sich sofort für immer ine Kleinhirnwindung ein.

Medien im März 2016

Film/DVD/Serie

American Crime, Season 2

Ganz, ganz großartiges Fernsehen, das etwas hat, das vielen anderen Serien fehlt: Relevanz. Gesellschaftliche Relevanz. Zeitgeschichtliche Relevanz. Menschliche Relevanz. Ich kann American Crime wirklich nicht hoch genug loben!

Die zugrunde liegende Handlung hatte ich im Januar schon angerissen: Ein männlicher Teenager wird angeblich von seinen Mitschülern einer elitären Privatschule vergewaltigt. Die Serie verhandelt die sich darum rankenden gesellschaftlichen Themen: Von der Akzeptanz von Homosexualität über die Frage, ob es Vergewaltigungen an Männern überhaupt geben kann bis hin zu Rassismus, der schon die erste Staffel prägte, und zu Gewalt an Schulen, auch Waffengewalt.

Ihren größten Moment hat die Serie, als einer spätere Folge mit echten Interviews mit Lehrern aus Columbine beginnt, oder mit einer Mutter, deren Sohn sich umbrachte, weil er wegen seiner Homosexualität an der Schule gemobbt wurde. Auf ihren Vorschlag, dass er die Schule wechseln könne, antwortete er ihr: „Es ist nirgendwo okay, schwul zu sein.“ Dieser plötzliche Einbruch der echten Welt in die Fiktion ist nicht so weit her geholt, wie er das in manch anderer Serie wäre. Er liegt eigentlich sogar sehr nahe.

Und er macht noch einmal deutlich, wie herausragend die Schauspieler in American Crime sind. Denn man kann sich erst nach den Einblendungen halbwegs sicher sein, dass es sich hier um echte Menschen in echten Interviews handelt. An der Darstellung merkt man es nicht. Man möchte fast keinen der Schauspieler für seine Leistung hervorheben, lediglich Lili Taylor als Mutter, Connor Jessup als vergewaltigter Teenager und Joey Pollari als Kapitän des Basketballteams und einer der Verdächtigen haben sich ein sechstes Sternchen verdient, alle anderen Darsteller kommen eh locker auf fünf.

Angeblich ist es fraglich, ob es eine dritte Staffel von American Crime geben wird. Also könnte die Serie das Schicksal von „Boss“ teilen und nach der zweiten, großartigen, inhaltlich deprimierenden Staffel abgesetzt werden. Ich hoffe aber noch.

Baskets, Season 1

Ich wollte Baskets wirklich so gerne mögen. Aber ich finde die Folgen einfach langweilig, ihnen fehlt Handlung, ihnen fehlt auch dramaturgische Struktur, mal ein Höhepunkt, mal eine ruhige Phase. Die echten Lacher sind zu selten, um die Serie zu tragen, die Handlung eben auch. Am Ende bleibt mir da nicht genug.

Borgen, Staffel 2

Habe ich am langen Osterwochenende weggeguckt. Borgen ist tatsächlich das dänische West Wing, auch von der Machart her: topmodern ist das nämlich nicht, auch wenn die zweite Staffel Borgen von 2011 ist. Die Folgen bleiben sehr im Episodischen. Folgenübergreifende Handlungen gibt es zwar auch, aber sie betreffen nicht das Kernthema der Serie, sondern eigentlich ausschließlich das Privatleben der Figuren: Beziehungen, Liebesgeschichten, Familiäres. Das war bei Liebling Kreuzberg vor 30 Jahren auch nicht anders.

Die Stories, die in den Episoden erzählt werden, sind allerdings so packend, die einzelnen Folgen so mitreißend erzählt, dass man Borgen diesen Makel problemlos verzeiht. Obwohl es keine Cliffhanger gibt, nicht mal am Ende des ersten Teils der einzigen Doppelfolge, wollte ich die nächste Folge immer sofort sehen, einfach weil sie wieder vergleichbar gute Unterhaltung versprach.

Ich freue mich auf Staffel 3, auch wenn es schon die letzte ist, die von Borgen gedreht wurde.

Prisoners

Der Film war 2013 völlig an mir vorbei gegangen, ich hatte noch nie von ihm gehört, bevor er an Ostern im Fernsehen lief. Die Story gefiel mir gut, bis auf das Ende.

Es wäre grundsätzlich eine klassische, etwas ausgelutschte Selbstjustizgeschichte, vermischt mit einem Spritzerchen Gruselthriller – wenn hier nicht der eine Vater der vermissten Kinder, gespielt von Hugh Jackman, der das Recht in die eigene Hand nehmen möchte, so ein ausgemachter Unsympath wäre. Vielleicht auch durch seine verzweifelte Lage dazu gemacht wird. Und wenn das Objekt seiner vermeintlichen Gerechtigkeit nicht möglicherweise unschuldig, jedenfalls aber selbst hilfsbedürftig wäre. So ist man hin und her gerissen zwischen Mitgefühl mit einem Vater, der seine entführte Tochter finden möchte, und einem Grenzsadisten, der in seiner Verzweiflungn zu weit geht.

Bis 15 Minuten vor dem Ende ist das toll gemacht, mit großer Spannung. Doch dann kommt eben dieses Ende, und es ergibt sich eine Auflösung, die leider schon in zu vielen Derrick-Episoden verwendet wurde. Und die letzten 60 Sekunden sind dann noch mal unglaubwürdiger. Das Ende kann den guten Film nicht ganz verhunzen, lässt einen aber erst mal enttäuscht zurück. Wenn man vorgewarnt ist, lohnen sich die guten, satten 2 1/4 Stunden davor trotzdem.

Bücher

Jean-Philippe Toussaint: Fußball

Ein dünnes Bändchen, auch noch groß gedruckt, in dem der belgische Autor, der hierzulande nicht so berühmt ist wie in seiner Heimat, von seine Hinwendung zum Fußball und von seiner Liebe zum Spiel als Fan berichtet. Aufgehängt ist das Buch an den letzten Fußball-Weltmeisterschaften, anhand derer Toussaint seine Erlebnisse beschreibt, die er teilweise vor Ort, teilweise zuhause vor der Glotze erfährt.

Da gibt es schöne Passagen, beispielweise seine Erlebnisse in Japan. Da gibt es eine herausragende Passage, die auch in allen Rezensionen hervorgehoben wird, wie er eine WM in seinem Haus auf Korsika eigentlich ignorieren möchte, um an einem Buch zu arbeiten, dann aber doch die Nerven verliert, sich ein Online-Abo besorgt, nachts auf dem Laptop Fußball guckt, bis bei einem Unwetter erst das Internet, dann komplett der Strom ausfällt und er am Ende mit einem batteriebetriebenen Transistorradio da sitzt. Das ist eine sehr, sehr schöne Schilderung echten Fanseins, in der ich mich auch schriftstellerisch hohem Niveau voll wiedergefunden habe. Alleine für dieses Kapitel lohnt sich das Buch schon.

Ltoussainteider gibt es aber auch Stellen, die trotz des ohnehin geringen Umfangs des Buchs, gestreckt wirken: Passagen über eine nicht besuchte WM, die nichts mit Fußball zu tun haben.

Als echter Fußballfan lohnt sich „Fußball“, man muss aber für die paar Seiten die verlangten 17,90 € auch wirklich ausgeben wollen und darf nicht auf Masse, dafür auf punktuell große Klasse hoffen.

Sehr schönes Cover übrigens!

Marc-Antoine Mathieu: 3 Sekunden

Eine Graphic Novel, die sich nur schwer erklären lässt. Man folgt als Leser quasi dem Weg eines Lichtstrahls. Jedes Bild ist so ein bisschen weiter in die beobachtete Szenerie reingezoomt. Einen besonderen Dreh bekommt das ganze dadurch, dass jeder Zoom irgendwann auf einer spiegelnden Oberfläche landet und dann weiter in die Reflexion eintaucht, dann in die Reflexion in der Reflexion und so weiter. So kommt der Lichtstrahl aus jeweils verschiedenen Blickwinkeln an mehreren Szenen vorbei, die durch die hohe Geschwindigkeit des Lichtstrahls Standbilder sind, und sich erst dann ein ganz kleines bisschen weiter bewegt haben, wenn sie der Lichtstrahl evtl. nach zehntausenden von Kilometern noch einmal passiert. Wie gesagt: schwer zu erklären.

Einen erzählerischen Dreh bekommt das Buch dadurch, dass alle Szenen zusammen die Geschichte eines Verbrechens erzählen, das sich erst nach und nach enthüllt, dessen Zusammenhänge und Hintergünde erst im Verlauf des Buchs klar werden.

Vielleicht ist das alles auch etwas überkonstruiert, aber es ist mit viel Liebe und zeichnerischem Können gemacht. Ein Buch, das man mehrmals lesen muss, um es voll zu verstehen.

(Danke für’s Ausleihen, Dirk!)

Randall Munroe: Der Dinge-Erklärer

Meinen Lesern muss ich zu diesem Buch wahrscheinlich nicht viel erzählen: Randall Munroe erklärt komplizierte Dinge ausschließlich mit den 1.000 meistbenutzten Wörtern der englischen Sprache. In der deutschen Ausgabe gibt es eine lesenwerte Erläuterung der Übersetzer. Nimmt man die 1.000 häufigsten deutschen Wörter? Ist es dann noch eine Übersetzung, wenn doch ein Wort wie „power“ mal als Energie, dann als Strom, dann als Macht übersetzt werden muss,  die aber nicht unbedingt alle unter den 1.000 gebräuchlichsten deutsche Wörtern sind?

Auch sehr witzig ist, dass „nine“ als einzige Zahl zwischen ein und zehn nicht zu den 1.000 häufigsten englischen Wörtern gehört. „Neun“ wäre im Deutschen erlaubt gewesen, die Übersetzer haben sich aber entschieden, darauf zu verzichten, um Munroes Umschreibungen als Running Gag zu retten. Ich habe mich gefragt, ob evtl. das Benfordsche Gesetz für diese Seltsamkeit verantwortlich ist?

Am Ende gibt es im Dinge-Erklärer Gegenstände, bei denen das Konzept nicht unbedingt trägt, die durch die Beschränkung eher schwerer zu verstehen sind. Andere Dinge gewinnen großen Witz, bspw. die Beschreibung eines Baums mit darin wohnendem „Baum-Springer“.

Aber natürlich lohnt sich ein Munroe-Buch am Ende immer!

Musik

Brian Fallon: Painkillers

Solo-CD des Frontmanns von The Gaslight Anthem. Leider offenbart die Platte, dass es Fallon ist, der dafür verantwortlich ist, dass The Gaslight Anthem über die Jahre immer seichter wurden. Painkillers ist Mainstream-Radio-Mucke. Gut zum Autofahren, aber auch nicht zu mehr.

Moodymann: DJ-Kicks

Neue DJ-Kicks kaufe ich ja blind, so auch diese, und ich bin wieder nicht enttäuscht worden. Moodymann ist ein House-DJ, der hier entspannte Mucke verschiedener Stilrichtungen zusammenmischt: viel Soul, ein bisschen Hip-Hop, ein bisschen House, Trip-Hop und Genreübergreifendes. Niveauvoll und entspannt.

AnnenMayKanterei: Alles Nix Konkretes

Ich wurde stutzig, als ich die CD in den Computer legte, um sie zu rippen, und mir die CDDB als Genre anzeigte: „Blues“. Das könnte natürlich ein Scherz gewesen sein, aber ich befürchte, dass das Zielpublikum von AnnenMayKantereit das ernst meint. Für BWL-Erstsemester ist das Blues. Und für Menschen, deren größtes Problem im Leben es ist, im neuen WG-Zimmer die Umzugskisten noch nicht ausgepackt zu haben, auch.

Ich bin auf AnnenMayKantereit hereingefallen. In ihren YouTube-Videos ist unglaublich beeindruckend, wie diese Stimme aus diesem schmalen Jünglein herauskommt. Singen kann der. Aber komponieren nicht, und seine Kollegen leider auch nicht. Das bleibt völlig beliebig, belanglos, unoriginell. Drei, vier gute Textzeilen auf der kompletten CD reißen es auch nicht raus.

Schon wieder verkauft. Don’t believe the hype.

Kurz reingeschaut: „Troilus und Cressida“ im Schauspielhaus Köln (2016)

Gestern habe ich etwas getan, was ich in den über zehn Jahren, die ich jetzt ein Abo am Kölner Schauspielhaus gabe, noch nie getan habe: Ich bin in der Pause gegangen. Ganz so schrecklich war die Aufführung nicht, das Stück aber schon. Hinzu kam: Ich kenne es und weiß, dass es nach der Pause nur unwesentlich besser wird.

Schon 2007 inszenierte das Kölner Theater dieses als schwierig geltende Stück von Shakespeare, und schon damals fand ich es wie gestern: Eine recht simple Story, die sich vor der Pause in ungebührlicher Länge ausbreitet, dabei aber textlich für die Zuschauer extrem fordernd ist. Immer wieder tauchen Verben auf, von denen man nur vermuten kann, dass der Satz, zu dem sie gehören, vor geraumer Zeit begonnen haben muss.

Immerhin der Bühnenbildner hat sich Mühe gegeben und einen schönen Kasten erschaffen, der sich in der Mitte der ansonsten nackten Bühne mit echt wirkenden, hohen Bäumen mit Blattwerk und unten mit Waldboden im Anschnitt umgrenzt. Wenn die vor Troja lagernden Griechen hier auftreten und von Spots mit langsam wechselnden Farben fokussiert werden, dann wirkt das fast magisch – aber nur, bis die erste Figur ihren Mund aucfmacht. Denn dann geht es wieder nur um Belangloses, wie eitel Achilles doch ist.

Die Kölner Rundschau fragt sich, ob die Langeweile und Belanglosigkeit an der Regie oder am Stück liegt? Nach dem zweiten Durchlauf kann ich sagen: Es ist das Stück. Mir ist nicht klar, was mir das heute sagen soll, und zudem ist es auch einfach keins von Shakespeares bestgelungenen.

Da meine Mitabonnenentin wegen Krankheit verhindert war, sparte ich mir dann den Teil nach der Pause und testete stattdessen lieber die ersten Chips von myChipsBox.

Test der Chips von myChipsBox

Gerade bekam ich eine Mail vom Service von myChipsBox.de: Es war eine Entschuldigung, dass myChipsBox mit dem Ausliefern in den letzten Wochen nicht hinterher kommt, seit ihr Produkt im Chipstest in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung klarer Testsieger wurde.

Versandpakete von myChipsBox
Aktuelle Tagesfuhre von myChipsBox (Foto: myChipsBox)

Auch ich war über den Test gestolpert (s.u.), hätte aber nie gedacht, dass er so eine Wirkung hat: Im neuen „Stil“-Buch der Wochenendausgabe der SZ findet sich jedes Mal ein Produkttest, von Handcreme und Spaghetti über Olivenöl bis vor zwei Wochen eben auch Chips. Die Rubrik scheinen dann doch trotz der Platzierung weit hinten viele Menschen zu lesen, und anscheinend sind die SZ-Leser auch noch chipsaffin oder myChipsBox (noch) so klein oder beides.

Meine Lieferung kam Anfang der Woche an, ich hatte gleich eine ganze Batterie an verschiedenen Sorten bestellt. Gestern Abend habe ich dann den ersten Test gemacht, mit dem Klassiker, Paprikageschmack, bei myChipsBox heißt das „Smoked Paprika“.

Erst mal auffällig ist die Box, die der Firma den Namen gibt. Die Chips sind in einer gewohnten Plastiktüte verpackt, die dann aber noch mal in eine Pappschachtel eingebettet ist, so dass die Chips nicht zerdrücken können. Die Box kann man auch als Schale nutzen, um die Chips auf den Tisch zu stellen. So richtig öko ist das Doppelverpacken allerdings nicht.

Smoked Paprika

Sofort auffällig beim Öffnen der Tüte: Da sind getrocknete (fritierte?) Paprikastücke drin, und zwar recht große, die größten vielleicht so 3 cm im Durchmesser, quasi buchstäbliche Paprikachips.

Die eigentlichen Kartoffelchips sind dann tatsächlich sehr lecker, dezent aber merklich gewürzt, nicht so stark wie Standardsorten. Ich fand sie ein bisschen fettiger und ein bisschen weniger knusprig als die der Konkurrenz, bspw. die Lorenz Naturals. Aber insgesamt war das schon ein sehr gutes Geschmackserlebnis.

Rosmarin & Schwarzer Pfeffer

Der Pfeffer war mir zu dominant, weniger wäre mehr gewesen. Der Rosmarin-Geschmack war angenehm, aber auch nicht besser als bei Konkurrenzprodukten. Die Chips in dieser Tüte waren ziemlich zerkrümelt, da hat die Umverpackung auch nicht geholfen. Gerade bei dieser stark gewürzten Sorte war das besonders negativ, denn von bröseligen Chips nimmt man kompaktere, konzentrierte Mengen in den Mund, so dass der Geschmack intensiver wird. Fettigkeit und Knusprigkeit waren erwartungsgemäß wie bei Smoked Paprika. Die Sorte konnte mich nicht vom Hocker reißen.

Preis und Lieferung

Für 110 g Chips muss man bei myChipsBox je nach Sorte 2,99 € (bspw. Salt & Vinegar) oder 3,99 € (bspw. Smoked Paprika oder Rote Beete) berappen. Ab 20 € Bestellwert ist der Versand kostenlos. Münchner können auch nach Obersendling fahren und ihre Chips selbst abholen.

Ich finde es schön, dass der Manufaktur-Gedanke, klein aber sehr fein, nach Bier jetzt auch bei Chips ankommt. Fehlt eigentlich nur noch Fußball.

Wie wenig bringt ein Trainerwechsel wirklich? Eine aktuelle Bestandsaufnahme.

Es ist ja kein neuer Gedanke, dass ein Trainerwechsel nicht die beste Idee ist, wenn es schlecht um die eigene Mannschaft steht. Aber diese Bundesligasaison scheint mir prädestiniert dafür zu sein, das Konzept des Trainerwechsels für alle Zeiten zu beerdigen. Hat es schon mal so viele neue Trainer gegeben, die dermaßen wirkungslos blieben?

  • André Breitenreiter folgte Roberto di Matteo zu Saisonbeginn, Schalke steht derzeit auf Rang 5, die Vorsaison endete auf Rang 6.
  • Armin Veh folgte zu Saisonbeginn bei Frankfurt auf Thomas Schaaf. Nach 43 Punkten in der Saison 14/15 wurde Veh nach 25 Spieltagen und 24 Punkten entlassen.
  • André Schubert folgte nach fünf Spieltagen bei Mönchengladbach auf Lucien Favre, hat seitdem in 21 Spielen 42 Punkte geholt (2 Punkte/Spiel), Favre in der Vorsaison 66 Punkte aus 34 Spielen (1,94 Punkte/Spiel).
  • Huub Stevens folgte im Oktober auf Markus Gisdol, Hoffenheim lag auf Platz 17. Stevens trat im Februar gesundheitsbedingt zurück, Hoffenheim lag auf Platz 17. Unter Stevens Nachfolger Nagelsmann holte Hoffenheim immerhin respektable 10 Punkte aus sechs Spielen, liegt aber immer noch auf Platz 17 und es wird zu beweisen sein, ob dieser Trend mittelfristig anhält
  • Thomas Schaaf folgte in der Winterpause bei Hannover auf Michael Frontzeck, der 14 Punkte aus 17 Spielen holte. Hannover holte unter Schaaf bislang drei Punkte aus neun Spielen.

Die Trainerwechsel, die Wirkung zeigten, will ich nicht unterschlagen:

  • Nach einer Katastrophensaison unter Klopp, die immer noch auf Rang 7 endete, spielt Borussia Dortmund jetzt wieder so erfolgreich wie in vielen Saisons vorher unter Klopp. Der aktuelle Punkteschnitt von 2,3/Spiel liegt fast exakt bei dem von Klopps Meistersaisons 2010/11 und 2011/12.
  • Jürgen Kramny folgte beim VfB auf Alexander Zorniger, Kramny holte seither 19 Punkte in 13 Spielen, was einem Schnitt von 1,5 Punkten pro Spiel entspricht, in der gesamten Vorsaison waren es 1,1 Punkte pro Spiel. Zorniger holte nur 0,8 Punkte/Spiel.

Die Trainerwechsel der 2. Bundesliga will ich nicht ganz so detailliert zusammenfassen, aber auf die folgenden Punkte verweisen:

  • Lautern entließ Runjaic Ende September auf Rang 12 liegend, dort steht man heute auch noch.
  • Duisburg entließ Lattieri Anfang November auf Rang 18 liegend, dort steht der MSV immer noch.
  • 1860 entließ Fröhling Anfang Oktober auf Rang 17 liegend, nach einer jüngst gestarteten kleinen Punkteserie steht man aktuell auf Rang 15, punktgleich mit Rang 16.
  • Paderborn entließ Gellhaus Anfang Oktober auf Rang 15 liegend, aktuell ist der Verein 17.
  • Und zu Fortuna Düsseldorfs inzwischen vierten Trainerwechsel (inklusive dem zu Saisonbeginn) muss ich wohl nichts sagen. Fortuna steht auf dem Relegationsplatz zur 3. Liga.

Wie offensichtlich muss noch werden, dass ein Trainerwechsel schlicht und einfach nichts bringt, jedenfalls nicht mit einer besseren Erfolgschance als 2 von 12, wobei man sogar noch darüber streiten kann, ob Klopp den BVB nicht auch schon wieder in die Spur gebracht hatte/hätte?

Bleibt als einziger markant erfolgreicher Trainerwechsel der des VfB Stuttgart. Und hier lag tatsächlich die erkennbare Ausnahmesituation vor, dass der entlassene Trainer ein System spielen ließ, das so offensichtlich zu risikoreich und zu wenig ausbalanciert war, dass es selbst Laien wie ich sehen konnte.

Ansonsten zeigt sich, dass ein Trainer ganz offensichtlich nur eins von vielen Rädern in einer Maschine ist, die so große Trägheitskräfte hat, dass schon mehr zusammen kommen muss als ein Wechsel auf einer Position, um einen auch nur mittelfristig wirksamen Umschwung einzuleiten.

Ausgerechnet hier in Köln aber zeigten zwei Vereine, wie es geht.

Beim Effzeh kam 2012 ein vernünftiger Präsident, es kamen ein Jahr später, noch in der 2. Liga, ein vernünftiger Geschäftsführer Sport und ein vernünftiger Trainer. Gemeinsam baute man eine Mannschaft und eine neue Philosophie auf und führte den Verein ruuuuhig, gaaanz ruuuuhig auf einen nun zum zweiten Mal gesicherten Nichabstiegsplatz der Bundesliga.

Und beim SC Fortuna Köln kam Anfang 2008 zusammen mit deinfussballclub.de Geschäftsführer Dirk Daniel Stoeveken, der nicht mit dem Herz am Verein hing und professionelle Strukturen einzuführen begann. Stoeveken holte dann mit Michael Schwetje einen Investor ins Boot, der nüchtern und erfolgsorientiert den eingeschlagenen Weg fortsetzte und auch noch das nötige Geld gab. 2011 trennte man sich vom damaligen Trainer Matthias Mink, der im übrigen nicht tabellarisch unerfolgreich war, aber wenig attraktiven Fußball spielen ließ und bei den Fans auch rein menschlich unbeliebt war. Es kam Uwe Koschinat, und gemeinsam baute man eine Mannschaft mit einer erkennbaren Spielphilosophie und weiterhin die nötigen Vereinsstrukturen auf, bis (glücklich in letzter Sekunde) 2014 der Aufstieg in den Profifußball glückte. Seitdem spielt die Fortuna in der 3. Bundesliga und scheint zum zweiten Mal am Ende deutlich die Klasse zu halten.

Aber die Fortuna demonstriert auch im Brennglas, wie eng Wohl und Wehe einer Fußballmannschaft beieinander liegen und wie viel vom Zufall abhängt. Denn was man langfristig als Verein beeinflussen kann, das ist die Gewinnwahrscheinlichkeit der Mannschaft. Man muss sich jedes Spiel wie einen Münzwurf vorstellen, bei dem man langfristig die Wahrscheinlichkeit erhöhen kann, dass Kopf fällt. Das schließt aber nie aus, dass fünfmal hintereinander Zahl fällt. Lucien Favre weiß, wovon ich rede. Bei der Fortuna wechseln sich lange Erfolgs- und lange Misserfolgsserien ab wie bei wenigen anderen Vereinen. Die Hinrunde der aktuellen Saison beendete Fortuna als 15. mit 22 Punkten (in einer 20er-Liga). In der Rückrundentabelle liegt man zurzeit auf dem 5. Platz, mit jetzt schon 18 Punkten und noch acht ausstehenden Spielen.

Unterm Strich sollte nach dieser Saison als endgültig bewiesen gelten, dass Vereine ihren Punkteschnitt oder ihre Tabellenplatzierung nicht alleine durch einen Trainerwechsel beeinflussen können. Was funktionieren kann, wenn es gut gemacht wird (memento KSC 2000), ist ein langfristiger, breit angelegter Wandel von Strukturen und Personen.

Wir werden sehen, ob Werder Bremen sich an diese Erkenntnis hält.

Medien im Februar 2016

Film/DVD/Serie/TV

Inland Empire

Ich weiß nicht, ob ich eine DVD schon mal so früh ausgemacht habe. Ich konnte das Kunstwerk, als das viele Rezensenten den Film beschreiben, nicht erkennen. Für mich war das eine studentische Abschlussarbeit, mit billiger Kamera teilweise unscharf gefilmt und (wenigstens in der deutschen Synchronisierung) mit unterirdischen, völlig übertrieben dramatischen schauspielerischen Leistungen. Wahrscheinlich bin ich ein Ignorant und habe keine Ahnung von Kunst, aber nach 15 Minuten konnte ich die Grütze nicht mehr ertragen und habe lieber ein uninteressantes Fußballspiel geguckt.

Kitchen Impossible

Eine sehr unterhaltsame neue Kochsendung auf Vox mit nur einer Schwäche. Das Konzept: Tim Mälzer tritt in jeder Sendung gegen einen anderen Koch an. Die Kontrahenten stellen sich gegenseitig je zwei Aufgaben: Der andere fährt irgendwohin in der Welt, bekommt ein (evtl. mehrgängiges) Gericht serviert, das er essen darf und anschließend vor Ort nachkochen muss – aber ohne das Rezept, nur aufgrund der eigenen Analyse des Gerichts und seinem Können als Koch. Also muss man erst mal die Zutaten erkennen, dann die Zutaten finden und einkaufen und sie anschließend so zubereiten, dass die Jury möglichst wenige Unterschiede zum Original erkennt. Die Jury besteht jeweils aus Gästen und Freunden des Orginalkochs des Gerichts.

Das ist wirklich ein sehr schönes Format, das mir nur ab und an zu sehr ausbreitet, dass Köche mächtig fluchen können. Das wirkt manchmal überzogen. Die nachzukochenden Gerichte variieren von französischer Sterneküche bis Maultaschen mit Kartoffelsalat, von Indisch bis Finnisch. Ein Quotenerfolg ist das ganze wohl auch, nächstes Jahr gibt es eine neue Staffel, dieses Jahr noch zwei Folgen (sonntags um 20:15 Uhr). Die Folgen sind übrigens jeweils über drei Stunden Sendezeit lang. Da schafft es endlich mal ein Spartensender, seine Zeit sinnvoll zu nutzen und nicht ein gutes Format nach 90 Minuten mit irgendeiner Serienwiederholung abzuwürgen.

Bücher

Leonard Mlodinow: Wenn Gott würfelt

Ein gut lesbares Buch, das Geschichte und Grundgedanken der Statistik vermittelt. Hier bekommt man keine Berechnungsmethoden beigebracht, aber erklärt, wie wenig die menschliche Intuition von Statistik versteht und wie wenig statistische Betrachtungsweisen unser Leben beeinflussen – auch da, wo sie es sollten, beispielsweise wenn es um die Beurteilung der Fähigkeiten von Unternehmenschefs geht, werden einzelne Erfolge oder Misserfolge nicht als das gesehen, was sie oft genug sind, nämlich statistische Ausreißer. Stattdessen werden Menschen, die einen Erfolg hatten, große Fähigkeiten zugeschrieben. Umgekehrt werden Bundesligatrainer zu schnell gefeuert, nur weil eine Misserfolgsserie eben auch dann mal zufällig zustandekommt, wenn man langfristig 50% seiner Spiele gewinnt. Lesenswert, wenn man sich für das Thema interessiert, aber kein Lehrbuch.

Michael Grewe: Hunde brauchen klare Grenzen

Tolles Buch des Mit-Gründers des „Canis-Zentrums für Kynologie“ (Hundelehre). Schreibe ich bald einen eigenen Blogeintrag drüber.

Walker Evans: American Photographs

Ein Bildband mit klassischen Aufnahmen, erstmals 1938 veröffentlicht. Walker Evans war einer der Pioniere der modernen Dokumentarfotografie, manche Aufnahmen nehmen viel von William Eggleston vorweg, natürlich noch in schwarzweiß. Evans dokumentiert scheinbar Unwichtiges und Alltägliches, manche seiner Bilder sehen aus wie nebenbei geknipst. Andere Bilder in diesem Band wurden amerikanische Ikonen, und das sieht man ihnen sofort an: Die Bilder weißer Farmerfamilien sind beeindruckend schlicht, klar und ausdrucksstark. Ein schwer verzichtbarer Band, wenn man sich für Dokumentarfotografie interessiert.

Craig Thompson: Weltraumkrümel

Seit „Blankets“ bin ich Fan von Craig Thompson. Und da der Mann nur alle paar Jahre eine Graphic Novel veröffentlicht, musste ich „Weltraumkrümel“ auf jeden Fall haben, auch wenn es sich um ein Jugendbuch handelt. Erzählt wird die Geschichte von Violet, einem etwa 10-jährigen Mädchen, das in der fernen Zukunft mit seinen Eltern in einem Trailerpark im Weltraum lebt. Der gefährliche Job von Violets Vater ist es, den Dung von riesengroßen Weltraumwalen einzusammeln, der dann zu Energie weiterverarbeitet wird. Die Wale marodieren in kleinen Schulen durchs Universum und fressen alles, was ihnen begegnet – zu Beginn Violets Schule, bei größerem Hunger ab auch schon mal ganze Planeten. Dann wird der Vater von einem Wal gefressen, lebt in dessen Bauch aber weiter. Violet macht sich mit zwei neu gewonnenen Freunden, einem kleinen, sprechenden Hühnchen und einem orangen Wesen mit dünnen Armen und Beinchen, auf ihren Vater zu retten.

Die Geschichte dieser Rettung ist toll erzählt, großartig gezeichnet, wenn auch etwas kindgerechter und nicht mehr so expressiv wie in „Habibi“, aber dennoch modern, und vor allem auch sehr schön coloriert. Es ist wirklich erstaunlich, wie auffällig diese Colorierung ist, aber nach der Lektüre wundert einen nicht mehr, dass Dave Stewart für diese Leistung explizit erwähnt wird.

Ein Jugendbuch, an dem auch Erwachsene ihren Spaß haben können: Vor allem das oberschlaue und philiosophisch gebildete Hühnchen Elliot hat die ein oder andere Anspielung parat, die Kindern durchgehen dürfte.

Musik

Tortoise: The Catastrophist

Für mich in den Top 3 der Tortoise-Alben: Millions Now Living Will Never Die, TNT und jetzt eben The Catastrophist. „Millions“ war der große Durchbruch, mit „TNT“ machten Tortoise den Schritt vom teilweise sehr Elegischen mehr hin zum Rhytmischen. Und jetzt mit „The Catastrophist“ öffnen sich Tortoise nach über 20 Jahren Bandgeschichte noch einmal neuen Einflüssen, nehmen Gesang ins Repertoire auf und schreiben mit „Tesseract“ und „At Odds With Logic“ zwei für ihre Verhältnisse fast schon romatische Stücke. Weiterhin eine meiner Lieblingsbands!

Jochen Distelmeyer: Songs From The Bottom Vol. 1

Ich mag die Platte sehr. Vielleicht ist sie mehr eine Fingerübung, eben alles Coverversionen, und weiterhin würde ich mir sehr wünschen, dass Distelmeyer endlich das nächste „richtige“ Soloalbum seit 2009 veröffentlicht. Aber bis dahin hilft mir diese Platte doch, den Trennungsschmerz zu überbrücken. Distelmeyer ist einfach ein großartiger Sänger. Es ist erstaunlich, wie viel Blues er in der Stimme hat, obwohl er scheinbar so schlicht singt. Aber es gelingt ihm immer wieder, so haarscharf neben dem richtigen Ton zu liegen, dass es 100% richtig und eben doch bluesig klingt.

Einige Songs kannte ich nicht, die Distelmeyer recht nah am Original lässt und deren Originalinterpreten ich mir mal zu Gemüte führen könnte: I Read A Lot von Nick Lowe oder On The Avenue von Roddy Frame. Am auffälligsten sind natürlich die vollständig uminterpretierten Toxic, dem Distelmeyer eine ungeahnte Würde einhaucht, und I Could Be The One, das er ätherisch verhallen lässt.

Schöne Platte!