Ich las, sah, hörte: Medien im Juli 2016

Bücher

Michael Grewe: „Hoffnung auf Freundschaft“ und „Hunde brauchen klare Grenzen“

Michael Grewe ist, gemeinsam mit der verstorbenen Wolfsforscherlegende Erik Zimen, Gründer des CANIS-Zentrums für Kynologie (Hundekunde). CANIS bietet eine sehr ausführliche Ausbildung an, fast schon ein richtiges Studium mit Abschluss. Die Hundeschule unseres Vertrauens in Bergisch Gladbach, die Hundeschule Rotter, folgt der CANIS-Lehre. Und da ich mit der Art und Weise sehr glücklich gewesen war, wie Christoph Rotter und Charlie Pascoletti uns geholfen hatten, uns mit unserem übernommenen Dackel in die Spur zu bringen, der sozial total verbogen, phasenweise bissig und oft wenig folgsam war, wollte ich mehr über die Grundlagen dieser Lehre wissen.

Michael Grewe beschreibt in beiden Büchern sehr anschaulich, dass CANIS letzlich gerade keine Methode ist. In „Hoffnung auf Freundschaft“ geht es um die Welpenerziehung, in „Hunde brauchen klare Grenzen“ um den generellen Umgang mit Hunden. Grewe propagiert eine einfache Haltung von Menschen gegenüber, oder besser: mit Hunden. Hund und Mensch müssen ein Sozialgefüge haben, das auf Vertrauen und Verlässlichkeit beruht. Verlässlichkeit aus Hundesicht bedeutet, dass der Hund sich das Verhalten seines Menschen erklären kann, auch wenn er getadelt oder bestraft wird. Dann werden klare Regeln etabliert, die der Hund zu befolgen hat, und auf der Grundlage des Vertrauens kann der Hund akzeptieren, dass er diese Regeln einzuhalten hat.

Diese Methode ist sehr einfach, sie kommt ohne Tricks aus, und ist gerade deshalb so auch schwierig. Letztlich muss man als Mensch authentisch und in denselben Situationen immer gleich handeln. Regeln dürfen und sollen dabei durchaus körperlich durchgesetzt werden. Christoph sagt immer: Der Hund bekommt eine faire Chance, ein gegebenes Kommando zu befolgen. Wenn er es nicht tut, wird ihm körperlich klar gemacht, was er tun sollte. Das heißt nicht, das Tier zu verprügeln. Aber das heißt durchaus, das Tier zu packen und dahin zurückzuziehen, wo es bleiben soll, es zu schubsen oder mal zu kneifen oder es bedrohlich aus der Küche zu scheuchen oder den Welpen kurz in den Flur zu verfrachten, wenn er trotz klaren Verbots das Stuhlbein annagt. Gesprochen wird mit dem Hund dabei nur das Nötigste, eben das Kommando, das Durchsetzen erfolgt körperlich und ohne Worte.

Die vertrauensvolle, zuneigungsreiche Beziehung mit einem Welpen soll auch körperlich aufgebaut werden: Spielen mit Anfassen, Streicheln, Knuffen, Knuddeln und auch mal zart zwicken lassen.

Mit Hunden kann man halt nichts besprechen, sondern sie sind körperliche Tiere, die Zuneigung und Abneigung körperlich zeigen und gezeigt bekommen können.

So nimmt man aus Michael Grewes Büchern kein Rezept mit, wie man dem Hund mit Leckerchen, Klickern oder anderen Hilfsmitteln Kunststücke beibringt. Sondern man lernt, dass und wie man eine Beziehung zum Hund herstellt, die den Rahmen für ein gutes Miteinander schafft, bei dem man auch mal unterschiedlicher Meinung sein kann.

Einen Satz fand ich besonders schön, den Grewe in „Hoffnung auf Freundschaft“ fast schon lakonisch an vielen Stellen nachsetzt, in denen er beschreibt, wie Regeln durchgesetzt werden, die der Hund gerade nicht befolgt: „Die Stimmung ist freundlich.“ Hunde sind nicht nachtragend, und Halter, die eine Regel durchsetzen, sollten eben auch nicht sauer auf den Hund sein.

Die Mischung aus Körperlichkeit, Zuneigung, Konsequenz und freundlicher Grundstimmung macht Grewes Lehre aus, gefällt mir sehr gut und hat bei einem von unseren jetzt zwei Hunden schon gute Erfolge gezeigt.

Empfehlenswerte Bücher für alle, die sich wirklich mit ihrem Hund auseinandersetzen wollen.

Gemeinsamer Kontrollgang von Diwi und Magnus

Film/TV/Serie

Next Goal Wins

Eine liebevolle Doku über die bis dahin schlechteste Nationalmannschaft der Welt, die von Amerikanisch-Samoa, bis dahin nur berühmt für die höchste Niederlage, die jemals eine Mannschaft im internationalen Fußball erlitt. Was will man erwarten, wenn ein Land mit der Einwohnerzahl von Eschweiler oder Hameln, das außerdem noch berühmt ist für die Wohlbeleibtheit seiner Bürger, sich in die große Welt aufmacht? Die Rechnung, die anlässlich der EM aufgemacht wurde, dass es in Island abzüglich Frauen, Fischern, zu Alten, zu Jungen, Dicken und des Trainers eh nur 23 Menschen gibt, die als Nationalspieler in Frage kommen, könnte man auf Amerikanisch-Samoa wahrscheinlich ohne Ironie mal durchkalkulieren und käme wohl auf weniger als 23.

Das Herz dieser handwerklich sehr gut gemachten Dokumentation darüber, wie die Samoanoer schließlich ihren ersten Länderspielsieg überhaupt feiern, bilden zwei Hauptpersonen: zum einen der holländische Trainer Thomas Rongen, der Nationaltrainer von Amerikanisch-Samoa und dort vom harten Drill Sergeant zum Menschen wird. Und Jaiyah Saelua, ein/e Fa’afafine, Mitglied des „dritten Geschlechts“ auf Samoa, etwas inkorrekt könnte man Transgender sagen, jedenfalls ein biologischer Mann, der wie eine Frau erzogen wurde und der/die wider alle Erwartung ins Team rutscht und zum Erfolg beiträgt.

„Next Goal Wins“ ist ein Film über Fußball, über die gesellschaftliche Bedeutung von Fußball, über Gewinnen und Verlieren und schlicht über Menschlichkeit. Großartig!

Die Frau, die singt (Incendies)

Ein Film, zu dem ich keinen Zugang gefunden habe. Ein Geschwisterpaar bekommt das Testament ihrer Mutter eröffnet. Um den letzten Willen zu erfüllen, müssen sie in den mittleren Osten reisen und entdecken dort nach und nach schlimme Familiengeheimnisse.

Das war mir alles etwas zu abrupt, ich habe keine Beziehung zu den Figuren aufbauen können und den Film einfach nicht verstanden. Ich denke, es lag an mir und meiner Müdigkeit an dem Abend, aber der Film war mir von Anfang an total egal.

Stranger Things

Kennt ihr wahrscheinlich alle schon, habt ihr jedenfalls von gehört. Stranger Things ist ein Mix aus E.T. und Horrorfilm, handwerklich toll gemacht, aber ein bisschen uninspiriert. Sehr viele Versatzstücke der Serie kennt man schon: Es gibt in Stranger Things eine Parallelwelt wie bei Inarritus „Pans Labyrinth“, das telekinetische Mädchen erinnert an „Stalker“, die Jungs auf ihrem BMX-Rädern natürlich an E.T., dann noch ein bisschen Coming of Age, ein bisschen „Signs“ und ein Monster wie ein Dunewurm mit Armen und Beinen. Spannend war’s, ich habe sieben von acht Folgen an einem Tag weggeguckt, aber am Ende fehlten mir Bedeutung, Metapher, Allegorie, Tiefe. Das war sehr nett, wirklich SEHR nett, aber es blieb reine Unterhaltung, obwohl es leicht mehr hätte werden können.

Der Marsianer

Ich hatte nicht viel erwartet und wurde nicht enttäuscht. Der Film folgt in seiner Dramaturgie vollständig dem Buch: Die Ereignisse passieren Schlag auf Schlag, nur für die Figuren bleibt keine Zeit, die so platt bleiben wie ein holländischer Fahrradweg. Obwohl der Film 2,5 Stunden lang ist, wird eine der größeren Katastrophen, die Mark Watney auf dem Mars im Buch passieren, sogar noch weggelassen. So gehetzt ist die Story. Am Ende wirkt“Der Marsianer“ wie der Film, der Mark Watney kurz vor seinem möglichen Tod vor dem inneren Auge vorbeirauscht: Ganz viele Bilder, viele Situationen, aber kein Zusammenhang und keine Tiefe. Kann man sich sparen.

Musik

Badbadnotgood: IV

Eine sehr gute Jazz-Fusionplatte, die voll auf der Höhe ihrer Zeit ist. Besonders gut gefallen mir „Time Moves Slow“, eine Kooperation mit Sam Herring von Future Islands, mit dem Badbadnotgood auch eine Coverversion des Future-Islands-Hits „Seasons“ gespielt haben (s.u.), und „Confessions Pt II“ mit dem kanadischen Saxophonisten Colin Stetson. Insgesamt ist IV zeitgemäßer Jazz in verschiedenen Spielarten, von klassisch über hiphoppig bis poppig. Sehr gut!

Weaves: Weaves

Mit dem Debüt von Weaves konnte nicht sofort etwas anfangen, bis ich es dann doch mal intensiv und aufmerksam gehört habe. Beim nebenläufigen Hören fühlt man sich schnell an Pavement und die Pixies erinnert, was ja wirklich keine schlechten Referenzen sind – nur dass es Pavement und die Pixies eben schon gab. Bei näherer Betrachtung zeigen sich aber die feinen Unterschiede, die Weaves lohnend machen: insbesondere die große Musikalität, die tanzende Leichtigkeit, die im NPR Tiny Desk Concert unten sofort offensichtlich wird, weil Weaves mit ihrem eingängigsten Song starten. Die Musikalität bleibt aber auch in den bretterndsten Passagen ihrer Musik heraushörbar.

Am Ende einfach eine sehr gute Indierockplatte.

Michael Kiwanuka – Love & Hate

Eine tolle Soulplatte, eigentlich recht klassisch, und dann doch immer wieder subtil über die Grenzen des Genres hinaus gehend. Der elegische Opener „Cold Little Heart“ kommt, vor allem in Live-Versionen, fast schon pinkfloydesk rüber. Im Schlussong „The Final Frame“ meine ich, dass die Kiwanukas Gitarre die Faith-No-More-Version von „Easy“ noch etwas mehr zitiert als das ja ohnehin schon coole Commodores-Original. Letzlich bleibt das aber immer Soul, sehr ruhiger, sehr, naja, eben: seelenvoller Soul. Und: Großartiges Video zur Mitklatschsingle „Black Man In A White World“!

Usability in der Auto-Konfiguration: Wann geht das Licht früher an?

Mein Nissan Pulsar hat, wie viele modernen Autos, eine automatische Lichtaktivierung. Wenn das Licht außen, das über einen Senor in der Frontscheibe erkannt wird, einen bestimmten Helligkeitswert unterschreitet, gehen Fahrlicht und Rücklicht automatisch an.

Wann das passiert, also schon bei etwas mehr Helligkeit oder erst, wenn es ziemlich dunkel ist, kann man im Menü des Wagens konfigurieren. Das Menü habe ich unten fotografiert.

Nun kommt die entscheidende Frage: Welche Einstellung muss ich wählen, damit das Licht schon bei etwas größerer Helligkeit angeht als in der Standard-Einstellung?

Erst mal kurz das Menü studieren und nachdenken.

Digitalanzeig der Einstellung der Empfindlichkeit der automatischen Beleuchtung in einem Nissan Pulsar
Einstellung der Empfindlichkeit der automatischen Beleuchtung in einem Nissan Pulsar

Und? Was meinst du?

Ich bin ja Physiker. Mein Gedanke ging so:

  • Ich stelle die Lichtempfindlichkeit ein, sagt das Menü.
  • Das ist eine Eigenschaft des Lichtsensors.
  • Wenn der Sensor empfindlicher ist als normal, also bspw. maximal empfindlich, dann denkt er schon bei sehr wenig Außenlicht, dass es hell (genug) ist und lässt das Fahrlicht aus.

Genau so ist es tatsächlich. Wenn ich die Einstellung auf „gering“ setze, geht das Fahrlicht schon im Schatten unter Bäumen an. Der Sensor ist nur gering empfindlich, also reicht auch eine eigenlich relativ okaye Lichtmenge nicht mehr aus, um ihn zu überzeugen, dass es Tag ist. Also macht er das Licht an.

Die Liebste hingegen hatte aus dem Bauch heraus genau die andere Einstellung vorgeschlagen: „Maximal“ hieße ihrer Ansicht nach, dass das Licht schon früh angeht, also wenn es gerade mal zu dämmern beginnt. Das war auch mein erster allererster Gedanke, der noch im Bauch entstand, bevor ich dann das Menü genauer studiert habe.

Ich denke, dass das Menü einfach extrem kompliziert ist. Man muss sich überlegen, was der Sensor in welcher Lichtsituation „denkt“ und wie er dann das Fahrlicht steuert. Das ist umständlich, man muss auf dem Weg zwei Mal umdenken.

Viel einfacher wäre es, wenn das Menü und seine Optionen bspw. so heißen würden:

Fahrlichtaktivierung bei
Hellem Tageslicht
Normalem Tageslicht
Dämmrigem Tageslicht
Sehr wenig Tageslicht

Das ist vielleicht auch noch nicht optimal, aber es lässt den Nutzer einfach aus Abstufungen einer Kategorie auswählen, die er ohnehin im Kopf hat.

Usability ist eine trickreiche Sache, und jedenfalls sollte man sie nicht von Ingenieuren gestalten lassen, die wie Ingenieure denken.

Ich las, sah, hörte: Medien im Juni 2016

Bücher

Thomas Glavinic: Der Jonas-Komplex

Glavinic fällt gleich mit der Tür ins Haus und zählt im ersten Absatz auf, wie viele Personen jeder von uns ist, nämlich drei:

Erstens die, die er ist, zweitens die, die er zu sein glaubt, und drittens die, für die ihn die anderen halten sollen.

Und so treten in diesem Buch auch drei Hauptpersonen auf: Ein Ich-Erzähler, der viel mit dem erwachsenen Thomas Glavinic gemeinsam hat. Ein Ich-Erzähler, der viel mit dem pubertierenden Thomas Glavinic gemeinsam hat. Und Jonas, die Hauptfigur aus mehreren von Thomas Glavinics Büchern, unter anderem dem letzten. Ob das die drei Personenen sind, in die „Thomas Glavinic“ zerfällt, lässt Glavinic offen, aber der Gedanke liegt natürlich nahe. Ist er der ständig masturbierende jugendliche Schachmeister? Sieht er sich als die erwachsene Koksnase? Und sollen ihn die anderen für Jonas halten, den unerschöpflich reichen, mutigen Abenteurer mit der wunderschönen Freundin?

Jedenfalls erzählt Glavinic Episoden aus den Leben dieser drei Figuren. Und das ist auch das einzige, was ich diesem Buch vorwerfen muss: Es bleibt zu sehr im Episodischen, die großen Linien fehlen, auf jeden Fall hat das Buch zu viele Seiten für diese Erzählweise. Jedes einzelne der kurzen Kapitel ist sehr unterhaltsam, gut geschrieben und hinterlässt ein Bild. Aber dann kommt schon wieder das nächste. Und wieder das nächste. Am Ende finden dann die drei Linien recht nah zueinander, so dass es fast noch ein kleines Finale gibt, aber eben nur fast. Zweihundert Seiten weniger wären auch gegangen.

Doch eins kann man Glavinic nicht vorwerfen: den Leser auch nur eine Sekunde zu langweilen. Da passiert so viel in diesem Buch, es wird gehurt, gesoffen, Menschen werden irgendwo in der Welt ausgesetzt, es wird gewichst, Schach gespielt und Autos werden vor die Wand gesetzt. Nicht alles müsste sein, aber alles macht Spaß. Und am Ende fragt man sich, wie viele man eigentlich selbst ist?

Ich bleibe jedenfalls beinharter Glavinic-Fan!

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh

Ein widerwärtiges Buch. Aber das will es auch sein. Auf jeder Seite springen einen Kotze, Scheiße, Pisse, Gestank, Vaginalsekrete, in Richtung höherer Promillewerte überwundene Volltrunkenheit und mindestens völlige menschliche Verdorbenheit an – und dabei geschehen die Morde des Fritz „Fiete“ Honka erst ganz am Ende, wenn einen das Buch so sehr geschafft hat, dass das bisschen Menschenschlachten auch kaum noch eine Steigerung ist. Wahrscheinlich ist das exakt der gewünschte Effekt, und er gelingt. Aber um welchen Preis? Es ist der Preis der vollständigen Erschöpfung auch des zugeneigten Lesers, die dadurch noch verstärkt wird, dass man spürt, dass Strunk das Buch von über 600 geschriebenen auf 250 gedruckte Seiten kondensiert hat. Die entstandene Dichte ist kaum zu ertragen, aber sie sorgt auch dafür, dass ich beim Skippen durch das Hörbuch auf YouTube jeden einzelnen Satz wiedererkannte.

„Der goldene Handschuh“ ist eine Zumutung und kostet viel Überwindung. Ob es sich lohnt, muss jeder Leser für sich entscheiden. Man muss bereit sein, in die tiefsten menschlichen Abgründe zu tauchen. Wer das so intensiv erleben möchte, wie es einem Literatur ermöglicht, der ist hier richtig.

Film

Sicario

Ein großartig gemachter Film, dem allerdings der Blick für eine politische Einordnung seiner Geschichte fehlt. Die Charaktere sind jedenfalls zu unveränderlich, als dass ihre Geschichte den Film tragen könnte. Dennoch war ich begeistert, denn in einem der DVD-Extras erklärt der Regisseur, dass er so dokumentarisch sein wollte, wie es geht, ohne wirklich einen Dokumentarfilm zu machen. Das ist ihm gelungen.

Erzählt wird die Geschichte der amerikanischen Bundespolizistin Kate Macer, die in eine Spezialeinheit versetzt wird, die gegen die mexikanische Drogenmafia kämpft. Die Methoden dieser Spezialeinheit findet Macer zweifelhaft, schon bevor sie entdeckt, dass einer ihrer Kollegen noch eine persönliche Agenda verfolgt.

Was den Film so sehenswert macht, sind seine Machart und die Spannung. Die Kamera ist so nah an der Handlung, die Sets wirken so echt, die Atmosphäre ist so greifbar, dass dagegen selbst Black Hawk Down oder The Hurt Locker zurück stehen können. Besonders die Kontraste von extremer Nähe, wenn die Kamera im Auto mit durch Juarez rast, und von extremer Weite, wenn dann Luftaufnahmen den Konvoi zeigen, wie er durch die Landschaft und durch die Stadt fährt, funktionieren extrem gut. Regisseur Denis Villeneuve sagt auch, dass er die Landschaft zu einer eigenen Figur des Films machen wollte. Das ist ihm herausragend gelungen.

Ein sehr sehenswerter Film ohne große Moral. Aber vielleicht ist genau das seine Aussage zu diesem seit Jahrzehnten tobenden „Krieg gegen die Drogen“?

Musik

BRKN: Kauft meine Liebe

Andac Berkan Akbiyik, kurz BRKN, hat eine extrem unterhaltsame, deutschsprachige R’n’B-Platte herausgebracht. Besonders charmant ist der konstante Kontrast aus der Sprache und den Themen eines Berliner Vorort-Checkers und der Selbstironie und -reflexion, die die Texte haben. Dazu gute, beschwingte, abwechslungsreiche Melodien, fertig ist die Partyplatte des Jahres. Auf der Bonus-CD „L’Acoustique“ werden zwei Dinge klar: Wie gut die Songs sind, und wie gut die nicht-akustischen Versionen produziert sind – was doppeltes Lob für dieselbe Person ist, denn Berkan hat die Platte quasi im Alleingang gebastelt, inklusive Produktion. Maximale Kaufempfehlung.

Band of Skulls: By Default

Gute Rockplatte, die ihre Wirkung erst nach einem paar Mal Hören entfaltet. Die Melodien von Band of Skulls sind nicht-trivial, krallen sich dann aber umso tiefer ins Mittelohr. Hebt aber letztlich auch nicht entscheidend von vielen anderen guten Rockplatten ab und ist von den Jahres-Top-10 wahrscheinlich doch weiter entfernt, als es die Intro suggerierte.

Dam-Funk: DJ-KICKS

Finde ich, als großer Fan und Alleskäufer der DJ-KICKS-Serie, irgendwie nur mittelmäßig. Dam-Funk springt auf den 80ies-Zug auf, aber etwas zu spät und mit zu mittelmäßigen Stücken. Das ist mir alles zu ausgesucht, zu gewollt offstream, reißt mich einfach nicht mit.

Apple TV: Intuition und Gewöhnung sind nicht dasselbe

Ich besitze seit zwei Wochen ein Apple TV 4. Und mal wieder mache ich die Erfahrung, dass die regelmäßig so hoch gelobte Intuitivität der Apple-Benutzeroberflächen ein reiner Mythos ist. Stattdessen handelt es sich um schlichte Gewöhnung an frei aus der Luft gegriffene Benutzungsmetaphern.

Drei Beispiele:

Wie schaltet man Apple TV aus?
an-aus-icon
Es gibt jedenfalls keinen An/Aus-Knopf, wie man ihn von zahllosen Geräten kennt (s. links). Stattdessen muss man lange den Home-Button drücken (s. Abbildung unten), mit dem man bei normaler Benutzung zum Homescreen kommt. Es erscheint dann eine Lightbox mit der Möglichkeit, Apple TV in den Ruhezustand zu versetzen. Ich habe das erst nach einem Blick in die Bedienungsanleitung rausgefunden.

Wie löscht man eine App?
Um eine einmal installierte App wieder zu löschen, muss man die App zunächst per Long Click fokussieren, wie zum Verschieben. Das kennt man immerhin schon von Apple-Telefonen und Tablets. Anschließend muss man nicht etwa die Menü-Taste drücken, um ein Zusatzmenü mit Optionen aufzurufen, wie ich es vermutet hatte. Sondern man muss den Play/Pause-Button drücken! Das wird zwar klein unten auf dem Bildschirm eingeblendet, ist aber dennoch weit von irgendeiner Intuition entfernt.

Wie navigiere ich zurück? Und wie rufe ich das App-Menü auf?
Um auf den letzten Bildschirm zurück zu navigieren, muss man auf der Fernbedienung die Menü-Taste drücken. Immerhin ist das die Taste links oben, also tatsächlich noch halbwegs natürlich. Aber auf der Taste steht „Menu“, und ich habe zum einen gezögert, ob ich das jetzt tatsächlich tun soll? Zum anderen macht die Taste in vielen Zuständen einer App einfach nicht das, was drauf steht, nämlich ein Menü aufzurufen. Stattdessen bringt sie mich eben einen Screen zurück. Ins Menü komme ich dagegen, indem ich auf dem Touchpad der Fernbedienung von oben nach unten wische – meistens jedenfalls.

Mir scheint insgesamt der löbliche Wille zur Vereinfachung weit über’s Ziel hinaus geschossen zu sein. Man muss ja nicht gleich eine Fernbedienung mit tausend Knöpfen gestalten. Aber das Doppelbelegen von Knöpfen führt zu einer Modalität, die nicht sinnvoll ist: Buttons führen in einem Zustand der App oder der Benutzung eine bestimmte Funktion aus, in einem anderen Modus aber dann wieder eine andere. Das ist einfach nur verwirrend. Gewöhnen tut man sich auch an den größten Usability-Dreck. Aber nur bei Apple nennt man diese Gewöhnung Intuition.

 

Fernbedienung von Apple TV 4
Fernbedienung von Apple TV 4

Ich las, ich sah, ich hörte: Medien im Mai 2016

Bücher

Adrian Tomine: Eindringlinge

Der Erzählungsband unter den Graphic Novels. Adrian Tomine fasst hier sechs Geschichten zusammen, die er in teilweise recht unterschiedlichen Stilen über mehrere Jahre hinweg gezeichnet und veröffentlicht hat. Alle Geschichten sind episodisch, erzählen jeweils nur einen kurzen oder speziellen Aspekt aus dem Leben ihrer Hauptfiguren. Da ist beispielsweise ein Gärtner, der die „Hortiskulptur“ erfindet und damit zu Erfolg kommen möchte. Eine Studentin sieht einer Pornodarstellerin ähnlich und wird laufend mit ihr verwechselt.

Die Geschichten haben offene Enden, sind nicht auserzählt, bleiben mehr erzählerische Skizzen – aber nicht zeichnerische. Tomine ist ein großartiger Zeichner, bringt die melancholische Stimmung der Geschichten auf den Punkt.

Besonders erwähnenswert ist noch das sehr, sehr schöne Cover, das der Reprodukt-Verlag dem Buch spendiert hat: der Schutzeinband ist aus durchsichtigem Plastik und hat den Titel aufgedruckt, das Titelbild ist auf das eigentliche Hardcover gedruckt. Das macht einen schönen Effekt, ist sehr wertig und originell.

Filme / TV / Serie

Der Plan – The Adjustment Bureau

Die Liebste wählt die Filme ihres DVD-Abos auch mal nach Schauspielern auf. Nachdem ich mit der Ankündigung, die hätte da noch einen Bourne-Film mit seltsamem Titel auf die Couch gelockt worden war, stellte sich heraus, dass nicht jeder Film mit Matt Damon aus der Bourne-Reihe ist. Hier spielt Damon den Politiker David Norris, der sich in eine Tänzerin verliebt. Da läuft aber entgegen den aktuellen Plänen des Schicksals – und dieses Schicksal ist hier eine real existierende Agentur mit Agenten, die dafür sorgen, dass alles der Vorsehung folgt. Norris bekommt das mit, widersetzt sich aber zugunsten der Liebe seiner Vorsehung und wird vom Adjustment Bureau gejagt.

Der Grundgedanke ist so absurd, dass man sich schon fast wieder auf ihn einlassen kann. Leider sind die Agenten des Schicksals aber zu überzeichnet dargestellt, fast schon albern, aber auch wiederum nicht so, dass sie quasi märchenhaft als Graue Herren durchgehen würden. Am Ende wirkt der Film zu beliebig zusammengeklaut: etwas romantische Komödie, etwas Momo, etwas Inception, etwas Bruce Allmächtig. Ich war zwischendurch kurz weggenickt und habe es nicht bedauert.

Musik

Melt Yourself Down: Melt yourself down

Ich bin über eine Rezension der neuen Platte dieser Band auf ihre erste gekommen. Melt Yourself Down erinnern mich an Balkan Beat Box und ähnliche Bands, die einen Mix aus Punk, Jazz und Folklore machen. Bei MYD dominiert das Saxophon viele Songs, darunter nervöse, nordafrikanisch inspirierte Rythmen, darüber ein hochenergetischer Dance-Punk-Gesang, der teilweise wie bei Radio 4 oder The Rapture klingt. Insgesamt eine sehr gelungene Platte.

Golf: Playa Holz

Als Golf anfangen, in  „Coconut“ italienisch zu singen, frage ich mich kurz, ob Tele vielleicht einfach nur plötzlich wieder cool geworden sind? Tatsächlich ist Golf die Band aus Köln, die den Ruhm verdient hätte, den die gräßliche Platte von AnnenMayKantereit bekommt.

Alleine „Macaulay Culkin“ ist das Lied, das bitte bitte der Indie-Sommerhit dieses Jahres wird und für das sich er Kauf der Platte lohnt. Aber auch die anderen Songs sind einfach gut: gut getextet, und auf angenehme Art und Weise zwischen elektronisch und handgemacht changierend. Platte des Monats.

Cyrano de Bergerac im Schauspielhaus Köln

Die Story des fast schon französischen Nationalstücks kennen wahrscheinlich die meisten aus dem Film von 1990 mit Gérard Depardieu. In Köln wird dieser Klassiker in die Neuzeit gehlt, in die Hip-Hop-Szene. Das funktioniert erstaunlich gut, auch wenn es erst mal ein bisschen albern wirkt, aber natürlich geht es beim Rap wie auch bei Cyrano um die Geschmeidigkeit der Worte. (Sehr schön übrigens, dass nicht nur einige der großen Rapklassiker zu Gehör gebracht werden, sondern auch Fenster zum Hof von den Stieber Twins!)

Die Kölner Inszenierung ist schnell, stark gestrafft, abwechslungsreich und extrem unterhaltsam. Darstellerische Tiefe kommt dabei ein bisschen kurz, erst ganz am Ende können die drei Hauptdarsteller zeigen, dass sie mehr können als nur schnelle Gags gut getimed zu bringen. Aber was heißt schon „nur“? Die zentrale Szene, wenn Cyrano dem Christian vor Roxanes Haus die Verse souffliert, um die Angegebete endgültig für sich zu gewinnen, ist hysterisch lustig, sehr schnell inszeniert und perfekt choreografiert.

Die Moral von der Geschicht kommt am Ende vielleicht ein bisschen zu kurz, aber in den rund 100 Minuten der Inszenierung hat man sich gut unterhalten und geht beschwingt und auch ein bisschen traurig über Cyranos Tod aus dem Theater.

Medien im April 2016

Bücher

William Eggleston’s Guide

Ein grandioser, lange vergriffener, jetzt wieder verfügbarer Band eines der Pioniere der Farbfotografie. Das Vorwort ist sehr interessant, weil ich die Probleme, die sich nach der Erfindung der Farbfotografie für die Fotografen stellten und die hier geschildert werden, heute kaum noch nachvollziehen kann. Man sah sich der Herausforderung gegenüber, dass ein Himmel blau ist, dass das Blau im Bild aber kein Selbstzweck sein, sondern eben ganz natürlich zum Himmel gehören sollte. Ich kann zwar verstehen, dass Fotografen, deren Blick für Schwarzweiß-Bilder geschult war, erst mal umlernen mussten. Aber Bilder in Farbe zu haben, war kunstgeschichtlich ja nichts grundsätzlich Neues, schließlich wurden Bilder seit Jahrhunderten in Farbe gemalt.

Jedenfalls macht William Eggleston in diesem Band vor, wie Farbe in der Gestaltung von Fotografien eingesetzt werden kann, und er tut das so meisterhaft, dass der Ruf dieses Buchs kein bisschen übertrieben ist. Egglestons Motive sind oft banal oder sogar belanglos: Es geht um die Farbe. Aber natürlich zeigte auch die Wahl der Motive eine Haltung, die er bspw. mit Stephen Shore gemeinsam hatte, und die den Weg für die moderne, künslerische Fotografie ebnete.

Ein weiterer Grund, diesen Band zu erwerben, ist, seine großartige Machart: Das Papier ist sehr hochwertig, die Fotos wurden alle neu von den Negativen eingescannt, und der Einband ist ein kleines, leicht cheesiges Kunswerk aus Lederstruktur, einem aufgeklebten Foto und dem goldgeprägten Titel. Großartig!

Traumschönes Cover: Lederstruktur, Goldprägung und aufgeklebtes Foto! #eggleston

A video posted by Rainer Lingmann (@surfguard) on

Film/TV/Serie

American Crime Story, Season 1: The People vs. O.J. Simpson

Eine okaye Nacherzählung des OJ-Simpson-Gerichtsprozesses. Die Serie bezieht ihre Spannung aus dem unfassbaren Verlauf der Handlung, für die sie aber ja nichts kann. Die Machart ist sehr konventionell, die schauspielerischen Leistungen sind wechselhaft: Sarah Paulson als Staatsanwältin Marcia Clark ist großartig, Kenneth Choi als Richter Ito und Cuba Gooding Jr. als OJ sind in Ordnung, John Travolta gibt den Verteidiger Robert Shapiro als grimassierende Knallcharge. Ich war in den Details des Falls nicht mehr drin, so dass sich die Serie für mich gelohnt hat. Wenn man sich für die Sache nicht so interessiert, kann man sich auch die Serie sparen.

The Walking Dead, Season 6.2

Die zweite Hälfte der Staffel war etwas besser als die erste, Aber die letzte Folge riss mit dem Arsch ein, was die Serie sich bis dahin an Kredit wieder erarbeitet hatte. Die war nämlich unglaublich zäh, gestreckt. Besonders die abschließende Rede, mit der der neue Oberbösewicht Negan eingeführt wird, will nicht enden. Das hätte jeder James-Bond-Bösewicht kürzer gemacht. Natürlich werde ich Staffel 7 wieder einschalten, aber wenn es so weitergeht wie jetzt, dann sehe ich mein Interesse schwinden.

Fear The Walking Dead, Staffel 2, Folge 1

Weiter als bis zur ersten Folge der zweiten Staffel habe ich es nicht geschaft. Das ist alles fürchterlich uninspiriert und interessiert mich nicht die Bohne. Insbesondere haben es die Macher nicht geschafft, dass ich, obwohl ich die komplette erste Staffel gesehen habe, auch nur mit einer einzigen Figur mitfühle. Die gehen mir alle komplett am Arsch vorbei, ich erkenne sie nicht mal wieder, so farblos sind sie.

Ex-Machina

Großartiger Film, wenn auch mit etwas vorhersehbarer Story. Das ist aber egal, weil der Film eine tolle Atmosphäre transportiert, seine Visual Effects sparsam und sinnvoll einsetzt und durch ihre Perfektion nicht in den Vordergrund stellt. Wie Alicia Vikander einen Roboter mit menschlichem Bewusstsein entstehen lässt, ist sehr beeindruckend. Es sind nur ganz kleine Bewegungen, nur Andeutungen, mit denen sie Ava vom vollends Menschlichen distanziert. Sehr sehenswert!

Musik

Jonathan Richman & The Modern Lovers: The Beserkley Collection

Ich kannte Jonathan Richman nicht, obwohl mir der „Egyptian Reggae“ natürlich geläufig war. Aber was für ein großartiger Künstler da bisher an mir vorbei gegangen war, wurde mir erst klar, als ich „Dodge Veg-O-Matic“ hörte: Da war ein Song, der ganz offensichtlich den großartigen, von mir sehr geschätzten Violent Femmes für eine ganze Karriere reichte. Richman aber ist viel breiter aufgestellt, begann unter dem Einfluss der Velvet Underground, machte kindliche Lieder und Texte („Ice Cream Man„) und begründete den Anti-Folk. Ich bin sehr froh, Richman jetzt auch zu kennen!

Masha Qrella: Keys

Eine ganz, ganz tolle Pop-Platte!

Diverse: The Ladies of Too Slow To Disco

Ist mir egal, ob Ladies oder Gentlemen singen, aber die „Too Slow To Disco“-Serie trägt auch in der dritten Ausgabe und kann von mir aus noch lange so weitergehen!

Udo Lindenberg: Ball Pompös

Nachdem die Liebste Udo Lindenberg entdeckt und begeistert in ihr Leben aufgenommen hat, habe auch ich ein paar frühe Platten von Udo studiert. Bisher besaß ich persönlich nur die „Intensivstationen“ und liebe sie bis heute. Die „Ball Pompös“ steht jetzt gleichrangig daneben. Was für ein großartiger Texter Lindenberg ist, merkt man vor allem dann, wenn er ernste Themen beschreibt: „Leider nur ein Vakuum“ kann mich fast zu Tränen rühren. Lindenberg braucht nur ein paar Zeilen, um die ganze Leere einer gescheiterten Existenz zu beschreiben, und das Bild von den „schnellen Stiefeln“ hakt sich sofort für immer in eine Kleinhirnwindung ein.