Fortuna Köln – VfL Osnabrück 0-1 (0-0)

Ich habe gestern Abend lieber nichts geschrieben, da war ich viel zu enttäuscht. Nicht sauer, einfach nur sehr, sehr enttäuscht. Und da ich heute auch keine Zeit für einen längeren Bericht habe, kurz ein paar Beobachtungen:

  • Kämpferisch hat mich die Mannschaft überzeugt. Sie gibt nie auf, wirft sich bis zum Schluss rein.
  • Der große Unterschied, der sich gestern auftat, war auch nicht die Spielanlage: Die der Fortuna ist in der 3. Liga genauso gut wie in der Regionalliga.
  • Aber in Sachen Ballbehandlung habe ich gestern einen Klassenunterschied zu Osnabrück gesehen. Wenn ich sehe, wie Osnabrücker hart aus dem Strafraum geschlagene Bälle an der Außenlinie mit der Brust annehmen und dann sofort weiterverarbeiten, dann ist das einfach meilenweit von fast allen Kickern der Fortuna entfernt. Lediglich Andersen und Rahn konnten in dieser Hinsicht mithalten.
  • Körperlich war Fortuna auch noch keiner Mannschaft überlegen, auch gestern nicht dem VfL.
  • Das logische Resultat sind dann häufige Ballverluste. In der Regionalliga hast du eben die halbe Sekunde mehr Zeit bei der Ballannahme. In dieser Liga müsste man die Zeit mit besserer Technik rausholen, aber das können die Spieler der Fortuna nicht.
  • Rahn ist für mich ein großer Lichtblick. Er versucht manchmal noch zu viel, mit dem Kopf voraus durch fünf Spieler durch geht selten gut. Aber er gewinnt die Mehrzahl seiner Kopfbälle auf dem rechten Flügel, wenn er in die langen Bälle springt. Und mit dem Fuß: s.o.
  • Der Elfmeter war absolut gerechtfertigt: Hörnig trat dem Osnabrücker gegen den Außenrist.
  • Schön zu sehen, dass Souza gleich Verantwortung übernahm. Aber ganz ehrlich: Wenn ich schon jeden ruhenden Ball trete, dann dürfen die auch ein bisschen schärfer in den Strafraum kommen. Über hohe, weite, weiche Bälle lacht doch jeder Innenverteidiger. Dennoch ein Auftritt, der Mut macht.
  • Die Strafraumbeherrschung des Osnabrücker Torwarts fand ich überragend. Schade, dass Fortuna seinen einzigen Klops, als er den Ball fast unbedrängt fallen ließ, nicht ausnutzen konnte. Aber kurz vor Schluss gab es eine Szene, wo er zuerst nur noch knapp mit der Hand an eine weite Flanke kam – und eine Sekunde später schon wieder den Nachschuss abwehrte, weil er durch das Strafraumgetümmel etwas aus dem Tor gerückt war. Unglaublich handlungsschnell.
  • Nachdem ich gestern Abend wirklich sehr deprimiert war, weil mir meine Mannschaft vollständig chancenlos erschien, kann ich heute auch sehen: Selbst solche Spiele gestaltet die Fortuna knapp, hat bis zum Schluss die Möglichkeit zu punkten und setzt alles daran, das auch zu tun.
  • Zum untersten Rand des Punktesolls fehlt nur ein Sieg im nächsten Spiel, dann wären es gleich viele Punkte wie Spiele. Das wird auf Dauer nicht ganz zum Klassenerhalt reichen, aber letzte Saison hätten 41 Punkte aus 38 Spielen genügt.

Nach sieben Jahren, in denen wir in unserer jeweiligen Liga immer mindestens mithalten konnten, meist sogar um die Spitze spielten, fühlt sich Abstiegskampf etwas ungewohnt an. Aber komm ruhig her, du blöde Sau!

Fortuna Köln – Chemnitzer FC 1-2 (0-0)

Kaum zu glauben, dass die Fortuna dieses Spiel nicht gewann. Nach der ersten Halbzeit hätte schon alles klar sein müssen, doch in der Viertelstunde nach der Pause gab die Fortuna das Spiel aus der Hand – leider wieder durch Fehler, die nicht passieren mussten.

Auflaufen der Mannschaften

Uwe Koschinat vertraute der Elf, die in Halle unter der Woche den ersten Saisonsieg geholt hatte – inklusive zu Beginn wieder einem Spezialeinsatz für Nullnull Kwame: Der tanzte in den ersten 20 Minuten mit Lais, der Chemnitzer Nummer 6, den Paso Doble, machte dann einen Partnertausch und blieb fortan bei Mauersberger, bevor er schon vor der Pause auf die mannungebundene 6er-Rolle wechselte. Mauersberger blieb ohnehin in der Kabine, so dass Kwame mit Hörnig die Doppelsechs bilden konnte. Durch die Manndeckung der gegnerischen 6 wurde Kwame zuvor zwangsläufig oft auf die 10er-Position gezogen, Dahmani stand dann tiefer.

Kusi Kwame mit seinem Bewachungsobjekt

Der Schreckmoment der ersten Halbzeit kam gleich zu Beginn, als Uaferro (?) einen Ball auf’s eigene Tor köpfte, den Poggenborg jedoch noch fischen konnte. Anschließend spielte 45 Minuten lang fast nur noch die Fortuna. Chemnitz ließ zwar erkennen, mit welchem Spiel sie die Ligaspitze erobert hatten, aber die Steilpässe auf die schnellen Spitzen kamen nicht an oder wurden oft gut verteidigt.

Die Fortuna hingegen zeigte endlich das Spiel, mit dem sie letztes Jahr die Regionalliga dominiert hatte: Klares, geradliniges Spiel in die Spitze, oft mit Kopfballverlängerungen den rechten Flügel hinunter. Zwei Großchancen spielte sich die Mannschaft neben einigen kleineren heraus: Michael Kessel konnte einen guten, im Strafraum von einem Mitspieler noch durchgelassenen Querpass nicht scharf und oder platziert genug auf’s Tor bringen, so dass der Chemnitzer Torwart noch halten konnte. Und Johannes Rahn zeigte nicht nur in der folgenden Szene seine großen fußballerischen Qualitäten: Alleine tanzte er vier Chemnitzer aus, zielte auf die lange Ecke und scheiterte nur am Pfosten.

Die Führung hätte fallen müssen, denn die Fortuna hatte dieses Spiel komplett im Griff, war die klar bessere Mannschaft.

Fortuna Köln - Chemnitzer FC

Doch nach der Pause zeigte dann Chemnitz, wie man es macht: Zunächst durfte Michael Kessel sich ansehen, wie man einen Querpass aus nahezu identischer Position platziert einschießt: 1-0 für Chemnitz, nachdem zuvor, wie schon letzte Woche, Hörnig einen defensiven Zweikampf vor dem eigenen Strafraum verloren und den Pass auf halbrechts nicht hatte verhindern können.

Gästejubel nach dem 0-1

Nur neun Minuten später dann der spielentscheidende Aussetzer von Bone Uaferro: Einen eigentlich abgefangenen Ball ließ er zu hoch vom Kopf (nicht vom Fuß, wie ich es aus der Distanz zunächst gesehen hatte) springen, so dass ein gegnerischer Stürmer ihn erobern konnte, nur um sich gleich wieder von Uaferro elfmeterreif legen zu lassen: 2-0 für den CFC.

Uaferro nach seinem Foul zum Elfmeter

Elfmeter für Chemnitz zum 0-2

Sofort im Anschluss bekam die Fortuna das Spiel wieder in den Griff, drängte nach vorne, kam aber nur noch zum Anschluss durch den eingewechselten Aydogmus, der den Fuß in einen Bender-Freistoß aus dem Halbfeld bekam.

Aydogmus trifft zum 1-2

In der Schlussminuten konnte der Chemnitzer Keeper dann noch einen Kopfball aus kurzer Distanz halten. Das Unentschieden wäre nach Spielanteilen und Torchancen hoch verdient gewesen, aber am Ende gewann die Mannschaft, die ihre Chancen nutzte. Nach einer sehr guten Leistung über 75 Minuten bitter für die Fortuna, aber auf diese Leistung kann man aufbauen und würde, falls sie sich stabilisieren lässt, mit dem Abstieg wohl nichts zu tun haben.

Eine Einzelkritik:

  • Poggenborg: Auf der Linie und auch bei Flanken/Ecken gewohnt sicher. Aber sein Spiel mit dem Fuß muss bitte möglichst schnell um einiges besser werden. Was er sich in diesem Spiel an schlechten langen Bällen leistete, war wirklich erschreckend. Sowas kann man bitte einfach mal üben.
  • Sievers: Keine gute Leistung, war wiederholt viel zu langsam gegen den allerdings auch pfeilschnellen Ofosu. Die rechte Außenverteidigerposition kristallisiert sich langsam als eine der größten Schwachstellen der Mannschaft heraus.
  • Laux: Solide Leistung, im Zentrum brannte nicht viel an.
  • Bender: Wurde aus mir unklaren Gründen für Laux (verletzt?) eingewechselt, machte einen unsicheren Eindruck im Spielaufbau und spielte einen haarsträubenden Fehlpass in des Gegners Fuß, der zum Glück kein Tor zur Folge hatte. Schlug aber auch den Freistoß zum Tor von Aydogmus.
  • Uaferro: Machte mit seinem Aussetzer zum Elfmeter eine sehr gute ersten Halbzeit zunichte, in der er besonders in der Luft viele Bälle verteidigte.
  • Fink: Machte den Flügel meist ordentlich zu, allerdings fiel das 0-1 über seine Seite. Kam offensiv aber nicht so zur Geltung wie sonst oft.
  • Hörnig: Verlorener Zweikampf vor dem 0-1, fiel ansonsten nicht besonders auf, von ihm kommt nach vorne zu wenig.
  • Kwame: Gute Leistung, leistete sich kaum Fehler, aber auch zu schwach in der Spieleröffnung, immerhin mit soliden kurzen Pässen.
  • Kessel: Ständiger Unruheherd, konnte sich aber nicht entscheidend durchsetzen. Schnelles Passpiel scheint für ihn in dieser Liga angebrachter zu sein als Dribblings, die doch regelmäßig in Ballverlusten enden. Musste laut Stadionsprecher verletzt ausgewechselt werden, hoffentlich nichts Schlimmes.
  • Dahmani: Konnte sich nach vorne zu selten durchsetzen, spielte einmal einen guten Ball auf Rahn, in dessen Schuss der Gegner gerade noch einen Fuß halten konnte.
  • Aydogmus: Bringt weiterhin viel Power, machte sein Tor und hätte fast mit einem Rechtsschuss auf’s kurze Eck ein weiteres erzielt.
  • Rahn: Der Fortuna-Spieler des Tages, war in der Offensive fast allgegenwärtig, über seinen rechten Flügel ging viel, und auch seine Dribblings gelangen meistens. Das Dribbling mit anschließendem Pfostenschuss hätte fast sogar mehr als ein Tor verdient gehabt, erntete aber keines. Dennoch eine absolute Top-Leistung!
  • Kraus: Das weiß man, was man hat.
  • Kialka: Kam spät für Kessel, konnte sich auf links noch ein, zweimal gut durchsetzen.

P.S.: Alle meine Fotos vom Spiel unter https://www.flickr.com/photos/surfguard/archives/date-taken/2014/08/10/

Regen im Südstadion

Nach dem Schlusspfiff

Chemnitz feiert

"Fußball muss bezahlbar sein"

Fortuna Köln – Mainz 05 U23 2-2 (1-1)

Die erste Entscheidung gab es schon vor dem Anpfiff, und es war eine mit den Füßen: Nur 1.650 Zuschauer zum Saisonauftakt im Südstadion, nicht viel für das erste Spiel nach dem Aufstieg, und die weitaus meisten entschieden sich trotz Gewitterwarnung für die günstigeren, unüberdachten Stehplätze in der prallen Sonne. Eine Viertelstunde vor Anpfiff standen noch lange Schlangen vor dem Stehplatz-Einlass, während die Kassen am Haupteingang nahezu verwaist waren – dort gab es wohl nämlich keine Stehplatzkarten mehr.

25 Euro für einen Sitzplatz ist auch wirklich ein Wort. Zusammen mit den 4 Euro für den Schotterparkplatz ergibt sich ein Tarif, zu dem man sich zu zweit im Cinedom einen Film ansehen, überdacht (für 2 € übrigens) parken und sich noch mit Popcorn ausrüsten kann. Kurzentschlossene, die sich vielleicht auch mal ein Drittligaspiel ansehen wollen, kommen da sowieso ins Grübeln. Und auch ich, eigentlich Tribünendauergast, denke darüber nach, ob ich auf den Stehplatz ausweiche.

Eintrittskarte Tribüne im Wert von sagenhaften 25 €

Ob der gestrige Publikumszuspruch repräsentativ für die Saison sein wird, lässt sich allerdings schwer einschätzen: Badewetter in den Schulferien, zu Gast eine miese Zweitvertretung. Da wird mancher lieber an den See gefahren sein oder auf die Gastspiele der Kickers, des MSV, von Preußen, Arminia oder Dynamo warten.

Die nächsten Entscheidungen traf dann Uwe Koschinat schon vor dem Spiel: “Wolverine” Sievers und Sebastian Hörnig rotierten auf die Bank, nachdem sie den Trainer in Großaspach enttäuscht hatten, dafür kamen Kwame rechts hinten und Neuzugang Uaferro als linker Innenverteidiger. Außerdem nahm Hamdienich Dahmani auf der Tribüne Platz: Er sollte Kräfte für die kommende Woche sammeln, ist nach durchgespielter Rückrunde und kurzer Sommerpause wohl noch nicht bei 100%. Für ihn lief Ercan Aydogmus auf, der mit Rahn zusammen die Doppelspitze gab: Poggenborg – Kwame, Laux, Uaferro, Fink – Kraus, Marquet, Andersen, Kessel – Rahn, Aydogmus.

Fortunas Startelf

Defensiv war das ein glasklares 4-4-2 mit zwei schnurgeraden Viererreihen hinter den engagiert forecheckenden Aydogmus und Rahn, gelegentlich von den Außen unterstützt. Offensiv übernahm Marquet den etwas offensiveren Part im Zentrum.

Schlimmerweise musste Marquet schon gegen Ende der ersten Hälfte ausgewechselt werden, nachdem er bei einem Foul wohl einen Bänderriss erlitten hatte. Und nachdem Andersen wegen wieder aufgebrochener Adduktorenprobleme nach 70 Minuten runter musste und sein Einsatz in den kommenden Spielen fraglich ist, ist die Fortuna nun ihres kreativen Zentrums beraubt.

Das könnte sehr, sehr schwer wiegen, denn selbst mit den beiden war das gestern keine überragende Leistung und das Unentschieden leistungsgerecht.

In der ersten Halbzeit fand die Fortuna keinen rechten Zugriff auf das Spiel. Meistens war man einen halben Schritt zu spät oder ließ den Ball bei der Annahme den einen Tacken zu weit vom Fuß wegspringen, der in der Regionalliga vielleicht noch nicht bestraft wird, mit dem man in der 3. Liga aber schnell Probleme bekommt. Und wohlgemerkt: Die ersten Gegner waren die beiden Mitaufsteiger, so dass man von “Lehrgeld” wohl nicht reden kann. Die schweren Gegner kommen erst noch, und zwar spätestens am Sonntag mit dem aktuellen Tabellenführer Chemnitz, der Halle am ersten Spieltag fast chirurgisch ausgekontert hatten.

Dass das Spiel gestern Unentschieden endete, war immerhin den gewohnten Stärken der Mannschaft zu verdanken, nämlich erstens dem einfachen, aber effektiven Spiel: Weiter Einwurf von Andersen, Kopfball Aydogmus, drin das Ding. Und zweitens dem guten Pressing: Kessel stand bereit, als einem Mainzer Innenverteidiger ein Querpass im Spielaufbau zwei Meter zu weit vom Fuß sprang. Er versenkte den Ball nach kurzem Schlenker von der Strafraumgrenze.

Jubel über das 1-0

Jubel über Kessels 2-1

Soweit war das also akzeptabel. Aber Uwe Koschinat hat natürlich recht, wenn er in der Pressekonferenz sagt: Wer in zwei Spielen drei Mal führt, der muss mehr als einen Punkt mitnehmen. Muss.

Dass die Fortuna nicht konnte, was sie musste, deutet auf die Schwachstelle hin: Die Abwehr. Zur Entschuldigung kann nur angeführt werden, dass mit Sebastian Zinke der Sechser fehlt, der normalerweise viel Druck von der letzten Reihe fern hält. Aber beide Mainzer Tore (und auch schon letzte Woche der Siegtreffer von Großaspach) entstanden aus Situationen, in denen die Fortuna am und im Strafraum nicht sauber in den Zweikampf kam. Und bei beiden Toren gestern spielte Kusi Kwame, den ich schon oft lobte, eine schlechte Rolle.

Kusi Kwame

Beim 1-1 verlor er einen Zweikampf, weil er viel zu halbherzig mit dem Kopf in einen brusthohen Ball ging, ihn verfehlte, und der Gegner dann über seine frei gewordene Seite zum Abschluss kam. Beim 2-2 verpasste erst Hörnig die Klärung zentral vor dem Strafraum, die ihm mit mehr Entschlossenheit auch gelingen kann, und dann ließ Kwame seinen Gegenspieler im Rücken weglaufen, kam bei der Klärung zu spät und hackte Ball und Gegner gleichzeitig weg. Ich hatte auch im Stadion gute Sicht auf das Geschehen: ein glasklarer Elfmeter, den Mainz sicher verwandelte.

Der Schiri zeigt auf das Corpus Delicti

Elfmeter für Mainz zum 2-2

Ansonsten hielten sich die Topchancen in etwa die Waage, so dass beide Mannschaften mit einem Punkt gerecht bedient waren.

Ich habe nach dem Spiel Sorge, bin nur beruhigt, dass Uwe Koschinat diese Sorge teilt: So reicht das kaum für die Liga, nicht nur punketechnisch, sondern auch der Leistung nach. Die Mannschaft kann es besser, sie muss es allerdings auch regelmäßig besser abrufen, um die Klasse zu halten. Die rechte Außenverteidigerposition kristallisiert sich als Schwachstelle heraus, für die hoffentlich nicht Thomas Kraus die letzte Lösung ist. Und je nach Verletzungsstand bei Andersen, Marquet, Zinke und immer noch Yilmaz, ist das Zentrum zu schwach besetzt. Und selbst Andre Poggenborg, auf der Linie bestimmt gut genug für die Liga, darf seine Abschläge und auch die Punts nach Rückpässen gerne noch mal üben: Die Bälle dürfen gerne höher und weniger zentral geraten.

P.P.S.: Hier gibt’s die Spielzusammenfassung vom SWR. Und hier alle meine Fotos von gestern.

Nach dem Schlusspfiff

Von der Kunst des Alleinseins, oder: Wie ein paar mehr Burkas den öffentlichen Raum verbessern würden

Ich blogge seit einiger Zeit auch deshalb so wenig bis gar nicht mehr, weil das, was ich sagen möchte, nach ein paar Stunden oder Tagen schon jemand anders aufgeschrieben hat und ich dann nur noch den Link twittern muss.

Ähnlich geht es mir mit dem (prinzipiell erfreulich differenzierten) Artikel von Johan Schloemann gestern in der Süddeutschen Zeitung, in dem er sich mit dem Burka-Urteil des EuGH auseinandersetzt. Die Argumente für das Burkaverbot, die Schloemann entgegen seiner eigentlichen Überzeugung vorträgt, halte ich für wenig tragfähig. Und so geht es auch Maximilian Steinbeis, der in Schloemanns Artikel ausdrücklich erwähnt wird und nun im Verfassungsblog antwortet: “Ich darf für mich sein. Ihr müsst das aushalten.

Ich möchte zu Maxmilian Steinbeis’ Ausführungen nur einen Lesetipp ergänzen, der mir in solchen Zusammenhängen immer wieder einfällt: Jonathan Franzens wunderbares Buch “How to be alone”. Franzen fügte der Privacy-Diskussion schon 2002 einen sehr wichtigen Aspekt hinzu:

Franzen is chief mourner for the loss of public space. He sees American – our – culture not as a place in which privacy has been eclipsed, but as an arena in which it has exploded to fill every civilised area: an autocracy of confession and emotion. ‘Privacy is protected as both a commodity and a right; public forums are protected as neither…’

Und so sehe ich das auch. Die Öffentlichkeit war mal ein Raum, in den man Privates nicht, oder nur sehr dosiert getragen hat. Das aber ändert sich seit nunmehr zehn, zwanzig Jahren: Die Öffentlichkeit wird mit Privatem zugemüllt, mit Handytelefonaten, mit sich schminkenden Frauen in der Straßenbahn, mit Public Viewing, mit Dauerparties auf dem Brüsseler Platz. Es gibt keine gesellschaftliche Tendenz, nur noch für sich zu sein, der man nun entgegenwirken müsste, schon gar nicht mit einem Gesetz. Genau das Gegenteil ist der Fall.

Und angesichts dieser Entwicklung würde ich mir wünschen, dass im öffentlichen Raum ein paar mehr Burkas getragen werden würden.

P.S. zum Vorbeugen von Missverständnissen: “Burka” meine ich hier polemisch als Symbol für eine Kommunikationsverweigerung. Dass Frauen, sei es auch “nur” durch religiöse Konventionen, verpflichtet werden (im Gegensatz zu: aus eigener Entscheidung), sich zu verhüllen, halte ich für verachtenswert.

Bayern München U23 – Fortuna Köln 2-1: Warum die Fortuna aufstieg.

Vielleicht hätte Ylli Sallahi das Tor nicht schießen sollen, sein zweites in diesem Spiel, locker aus dem Unterschenkel ins Tor gekickt, aus 25 Metern Entfernung. Vielleicht wäre es besser für Bayern II gewesen, wenn es in die Verlängerung gegangen wäre: Hohe Temperaturen, ein bis dahin schon überlegenes Spiel der U23, die Spieler der Fortuna hatten viel laufen müssen und waren seit der 80. Minute in Unterzahl.

Oliver Laux köpft das Tor zum Aufstieg für Fortuna Köln

Oliver Laux köpft das Tor zum Aufstieg für Fortuna Köln

Jedenfalls hätte Sebastian Zinke dann nicht diesen letzten langen Ball geschlagen, und wahrscheinlich hätte Oliver Laux, hauptberuflich Innenverteidiger, dann auch nicht am gegnerischen Strafraum gestanden. Lukas Raeder hätte diesen Ball nicht durch die Hände gleiten lassen, Oliver Laux hätte ihn nicht über die Linie gewuchtet. Und vielleicht wäre dann am Ende die U23 des ruhmreichen FC Bayern München aufgestiegen, und nicht die 1. Herrenmannschaft des ewig kleinen, leisen, leidgeplagten, des auf immer schängschen SC Fortuna Köln.

Aber andererseits gibt es so Momente, auf die, rückblickend betrachtet, eine ganze Saison hin steuert, vielleicht sogar eine ganze Ära: nämlich die von Uwe Koschinat bei der Fortuna. Dieses Tor war Ausdruck der Philosophie, die Uwe Koschinat dem Team seit drei Jahren aufprägt. Nicht besser sein wollen als der Gegner, nicht den schöneren Fußball spielen wollen, sondern mit Geradlinigkeit, Dynamik und Einsatz vor allem eins tun: gewinnen.

Ich kann meine Bayern-Timeline bei Twitter natürlich in gewisser Hinsicht verstehen: Von einem so späten und entscheidenden Tor kann man nur geschockt sein, gerade als Fan dieses Vereins. Das war 1999 und 2012 all over again. (Aus Fortuna-Sicht war es eher Hamburg 2001.) Aber nachdem ich das Hinspiel im Südstadion mit eigenen Augen sah, hinterher die Pressekonferenz und Interviews mit Bayern-Spielern, nachdem ich das Rückspiel auf FCB.tv sah und den Kommentator hörte, kann ich eines ganz sicher sagen: Keiner von denen hat mein Blog gelesen ;-) Hätten sie nämlich, dann wären sie gewarnt gewesen, dass diese Fortuna eine herausragende Qualität hat: Spiele zu gewinnen, in denen sie die vermeintlich schlechtere Mannschaft war. Zuletzt im März beim 3-1 gegen Schalke II.

Aber was heißt das schon: die “schlechtere” Mannschaft gewesen zu sein, wenn man am Ende den Platz als Sieger verlässt, und zwar nicht ein Mal, sondern immer wieder: 2,1 Punkte im Durchschnitt pro Ligaspiel, der beste Angriff der Regionalliga West. Ralf Rangnick sagte einmal, dass es nicht auf die Quantität des Ballbesitzes ankäme, sondern auf die Qualität. Über beide Relegationsspiele gegen Bayern hinweg muss man am Ende konstatieren, dass beide Mannschaften ungefähr die gleiche Zahl sehr guter Tormöglichkeiten hatten. Ich zähle

  • sechs Chancen für Fortuna: Drei 1:1-Situationen gegen den Torwart in HZ 1 des Hinspiels, das Tor aus HZ 2, im Rückspiel dann der Lattenschuss von Pazurek und natürlich das Tor von Laux,
  • und fünf Chancen für Bayern II: Im Hinspiel Friesenbichlers Pfostenschuss, im Rückspiel die beiden Tore von Sallahi, der Schuss von Friesenbichler in HZ 1 und die Chance von Chassa, die Hörnig von der Linie kratzt.

Klar hatte Bayern wesentlich mehr Ballbesitz und auch mehr Fast-Möglichkeiten, die von einem Fortunen vereitelt wurden, kurz bevor sie wirklich gefährlich werden konnten. Aber über zwei Partien kann es kein Zufall sein, wenn das immer wieder gelingt, sondern Einsatz, Kampfkraft und schierer Willen.

Aus meiner Sicht erkannte Bayern die Qualität der Fortuna nie an. Man wiegte sich, angeführt vom Trainer, im sicheren Bewusstsein, die bessere Mannschaft zu sein und es deswegen sowieso verdient zu haben, wenn man nur auftreten würde wie eine Männermannschaft. Erst nach dem Hinspiel erkannte Bayern, dass die Fortuna eine echte Chance hat, aber selbst da war man im Bayern-Lager noch der Meinung, dass die Niederlage ungerecht gewesen sei und dass der Schiedsrichter, den übrigens auch die Fortuna-Fans massiv kritisierten, schlecht gepfiffen habe. Irgendwie habe der die Bayern-Spieler nicht aureichend geschützt, dabei zähle ich über beide Spiele hinweg nur drei harte Fouls der Kölner. Ansonsten ging Fortuna durchaus robust und nach Jeremies-Art in die Zweikämpfe: Der andere sollte wissen, dass jeder Ballbesitz weh tun kann. Aber wirklich unfair war das selten.

Bayern trat implizit auf dem Platz und expressis verbis abseits des Platzes auf, als müsse man nur auf sich schauen. Die Fortuna dagegen wusste um die Stärken des Gegners und stellte ihr Spiel darauf ein. Am Ende war das ein bisschen wie Atlético gegen Real im CL-Finale – nur dass am Sonntag das Atlético des Westens kurz vor Schluss das Tor schoss. Ein solches Tor ist immer glücklich, das würde ich nie abstreiten. Aber dass sich die Fortuna über zwei Spiele betrachtet durchsetzte, war nicht unverdient. Bayern hätte es natürlich auch schaffen können, die Auseinandersetzung stand in jedem Moment Spitz auf Knopf. Am Ende konnte es aber (Warum eigentlich, DFB?) nur einen geben, und das war eben die Fortuna.

Ich kann kaum beschreiben, wie tief zufrieden mich dieser Sieg macht. Nicht nur, weil das Glück dieses letzten Balls angefangen hat, das Pech aus vergangenen Jahrzehnten auszugleichen.

Sondern eben weil dieser Sieg der vorläufige Endpunkt einer Entwicklung ist, die mit einem Mann begann, dem ich hier seine verdiente Würdigung zukommen lassen will: Dirk-Daniel Stoeveken. So sehr ich immer die Halbwahrheiten und die Pseudodemokratie kritisiert habe, mit denen sein DFC die zahlenden Kunden betrog, so sehr erkannte ich immer an, dass Stoeveken als DFC-Macher die unterklassigen Finanzstümpereien der damaligen Vereinsoberen beendete.

Aber das war nur der erste Schritt. Den viel wichtigeren Beitrag leistete Stoeveken, als er Michael Schwetje ins Fortuna-Boot holte: Einen Mann, der das hatte, was der Fortuna noch fehlte: a) Geld und b) Ahnung davon, wie man es nüchtern und gut anlegt. Weil der Mann außerdem noch ein Fortuna-Herz hat, ist es umso schöner, dass die einzige Entscheidung, die er nicht mit wirtschaftlicher Perspektive im Kopf traf, sondern einfach mit dem rotweißen Herzen, jetzt so vergoldet wird: die Entscheidung, nach dem verpassten Aufstieg der letzten Saison, aber dem gewonnenen Pokalfinale noch eine Saison als Investor dran zu hängen.

Weil das Tor von Oliver Laux also der Endpunkt dieser Entwicklung ist, bei der seit 2008 aus einem rumwurschtelnden Verbandsligisten ein in jeder Hinsicht klar und zielstrebig agierender Favorit für den Drittligaaufstieg gemacht wurde: Darum bin ich so zufrieden.

Wenn irgendjemand noch verstehen möchte, wie dieser Verein inzwischen tickt, dann muss er sich nur das Video der Pressekonferenz nach dem Spiel bei Bayern ansehen: Da sitzt Uwe Koschinat, wird um sein Statement gebeten. Einige Spieler kommen reingehüpft und fordern ihn auf, ein Lied zu singen. Koschinat sitzt da, er freut sich, lacht, weiß aber nicht so recht, was er tun soll. Dann fängt er, noch im Sitzen, das Mailand-Lied zu gröhlen, springt auf, hüpft, die Faust geballt wie ein Hooligan, mit den Spielern auf und ab. Und dann setzt er sich wieder hin und konstatiert 30 Sekunden später staubtrocken, dass Bayern die Fortuna in der ersten Hälfte an die Wand gespielt hat. Es ist genau dieses Miteinander von überschäumender Emotionalität und nüchterner Wirklichkeitsbetrachtung, das diese Fortuna auf jeder Ebene auszeichnet.

Ich freue mich jetzt wie Bolle auf Spiele gegen die Stuttgarter Kickers, gegen Preußen Münster, den Meidericher Sportverein, Arminia Bielefeld, Haching – und weil ich dort Freunde habe ganz besonders auch auf die Partien gegen Dresden und Cottbus. Ich bin wirklich sehr glücklich, dass wir in der 3. Bundesliga spielen.

Danke an alle, die dazu beigetragen haben, dass dieser Sonntag möglich wurde. Ihr wurdet zu Legenden.

Fortuna Köln – Bayern München II 1-0

Ein großes Spiel im Südstadion: Zum ersten Mal seit über 30 Jahren ausverkauftes Haus (so sieht das aus), ein ganz großer Name zu Gast (wenn auch nur die Jugendabteilung), und für die Fortuna die ganz große Chance, endlich das Ziel zu erreichen, von dem seit vielen Jahren gesprochen wird – wieder den bezahlten Fußball zu erreichen.

Auflaufen der Mannschaften

Und wie die Mannschaft diese Aufgabe anging, das verdient höchsten Respekt. Jeder Spieler schien perfekt auf seine Aufgabe auf dem Spielfeld fokussiert, jeder machte genau das, was ihm der Trainer aufgetragen hatte, und wenn überhaupt Nervosität sichtbar war, dann “nur” bei den drei vergebenen hunderprozentigen Torchancen in Halbzeit 1.

Schon nach sechs Minuten hätte Hamdi “Hamdienicht” Dahmani treffen und seine Rückkehr zur Fortuna krönen können. Und auch wenn der Linke nicht sein stärkster Fuß ist, hätte der Ball doch wenigstens zwei Meter niedriger über’s Tor streichen dürfen, nachdem er alleine und frei vor Raeder zum Schuss kam.

Ercan Aydogmus dagegen merkte man 20 Minuten später die Erfahrung an, die man mit bald 35 Jahren halt hat: Überlegt schob er den Ball mit dem Innenrist auf’s kurze Eck, am Torwart vorbei. Die zehn Zentimeter, die dann fehlten, um nicht den Vollpfosten zu treffen, sondern den Ball vom Innenpfosten ins Netz trudeln zu lassen, will ich ihm nicht vorwerfen. Das passiert.

Tobias Steffen dagegen verließ, wiederum etwas später, sichtbar der Mut: Wer den Anspruch hat, in einer höheren Liga zu spielen, weil er so ein überragender Techniker ist, der muss in einer solchen Situation den Ball entweder entschlossen mit dem Vollspann reindreschen, oder wenigstens einen präzisen Querpass spielen. Das harmlose Heberchen auf den mitgelaufenen Kameraden konnte der Bayerische Abwehrspieler locker abfangen.

Fortuna Köln - FC Bayern München II

Alle diese Situationen entstanden aus Ballverlusten, die sich Bayern II in der Mitte der eigenen Hälfte leistete. Aber als Trainer ter Hag in der Pressekonferenz sagte, dass Torchancen in der ersten Hälfte ja nur aus Fehlern entstanden seien, hatte er zwar sachlich recht. Aber der Unterton war falsch.

Denn die Fortuna hatte eine glasklar zu erkennende Taktik, die eben genau solche Situationen heraufbeschwören und dann ausnutzen wollte. Der Beschwörungsteil gelang, der Nutzen blieb leider aus. Uwe Koschinat hatte eine Viererkette aufgestellt, die aber jeweils auf der ballfernen Seite von entweder Kraus oder Steffen zu einer Fünferkette ergänzt wurde. Wie er erklärte, wollte er so verhindern, dass die Abwehrreihe von den Bayern mit Diagonalbällen zu schnell hin und her geschoben werden konnte. Bei Ballgewinnen war es dann die klare Devise, schnellstmöglich steil nach vorne zu spielen. Das resultierte zwar auch manches Mal in langen Bällen, was nicht imemr attraktiv aussah. Aber zum einen hielt man so den Gegner vom eigenen Tor fern, vermied, eben gerade anders als Bayern, Ballverluste in einem gefährlichen Bereich und konnte vor allem mit der körperlichen Überlegenheit im Angriff (Kraus. Dahmani! Aydogmus!!) versuchen, diese langen Bälle zu behaupten.

Fortuna Köln - FC Bayern München II

Dass auch Bayern sich der eigenen körperlichen Unterlegenheit sehr bewusst war, wurde bei Eckbällen für Fortuna offensichtlich, wenn wirklich jeder Bayernspieler im und am eigenen Strafraum stand. Sievers hatte als letzter Mann an der Mittellinie dann oft 30 Meter freies Feld vor sich.

Die erste Hälfte endete mit einem Pfostentreffer für Bayern nach einem groben Abwehrfehler. Ich hatte schon abgeschaltet und woanders hin gesehen, als der Ball doch noch ans Aluminium klatschte. Das sollte über das ganze Spiel hinweg aber die einzige ganz klare Torchance für Bayern bleiben.

Pause

In Halbzeit 2 bekam das Spiel einen etwas anderen Charakter. Bayern vermied die defensiven Ballverluste, auch weil sie nun häufiger zu ihrem Keeper zurückpassten. Das Spiel wogte nicht mehr ganz so schnell hin und her, es gab längere Ballbesitzphasen auf beiden Seiten. Und dann sah es auch bei der Fortuna gar nicht schlecht aus, was sie anstellte: Klares und sicheres Passpiel mit Andersen als Fixpunkt. Sievers hatte auf rechts ein paar gute Dribblingansätze, kam aber nur einmal bis zur Grundlinie durch. Von Steffen auf links kam mir etwas zu wenig, aber unterm Strich sah das immer sicher aus.

Bayern zeigte zwar, dass sie die technisch bessere Mannschaft waren, aber sie konnten sich keine guten Torchancen erarbeiten, immer war ein Kölner Bein dazwischen, die meisten Angriffe wurden schon zehn Meter vor dem eigenen Strafraum gestoppt.

Die Entscheidung fiel dann durch eine einstudierte Einwurfvariante: Flach an den Fünfmeterraum, Aydogmus verlängert, Kraus nickt ein.

Jubel nach dem Siegtreffer

Aufgrund der Überzahl klarer Torchancen war dieses Ergebnis verdient, wie auch ter Hag hinterher zugestand. Ein 1-0 ist ein sehr gutes, aber kein überragendes Ergebnis. In München wird eine mindestens genauso konzentrierte Leistung notwendig sein, die dieser Truppe aber auf jeden Fall zuzutrauen ist. Ich kann mir, wie vor dem gestrigen Spiel, alles vorstellen: Ein 3-0 für Bayern, und ein 2-0 für Fortuna. Mein Tipp wäre ein 1-1.

Jedenfalls weiß ich,d ass ich mich darauf verlassen kann, dass die Mannschaft nichts unversucht lassen wird, diese ganz, ganz, ganz große Chance zu nutzen, die Fortuna wieder auf die bundesweite Fußballlandkarte zu schreiben.

Auflaufen der Mannschaften

Hermann Gerland

Michael Schwetje im Interview mit dem WDR

Jubel nach dem Spiel

Endergebnis

Fortuna Köln – SC Wiedenbrück 2-2

“Eigentlich konnte es nur so kommen: Ausgerechnet, nämlich. Ausgerechnet Ercan Aydogmus, vor der Saison als Chancentod von Viktoria gekommen, als Held der Hinrunde von den Fortuna-Fans geliebt, seit einigen Spielen im Formtief, der letzten Samstag in Höhenberg mehrfach die Meisterschaft für Fortuna hätte klar machen können. Ausgerechnet Ercan Aydogmus also machte den Siegtreffer für die Fortuna, als er einen Steilpass nach missglücktem Abschlag des Wiedenbrücker Torwarts an dem vorbei ins Tor kullerte: 2-1, das waren die entscheidenden Punkte zur Meisterschaft. Nicht verdient in diesem Spiel, aber hoch verdient über eine lange Saison, gerade für Aydogmus. Grenzenloser Jubel nach dem Treffer!”

Leider sind die Anführungszeichen oben wichtig. Denn so schön die Geschichte ist, so halbwahr ist sie auch. Vier Minuten nach der Führung hackte nämlich Wassey für Wiedenbrück aus 25 Metern den Ball ins Tor. Poggenborg flog, konnte den Ball aber nicht mehr erreichen, und für die fest eingeplante Meisterschaft muss nun noch ein weiterer Punkt her. (Oder ein Punktverlust von Lotte.)

Am Ende war es sogar ein glückliches Unentschieden, denn Wiedenbrück hatte die Mehrzahl an guten Torchancen, spielte nach vorne jederzeit gefährlich und gar nicht wie ein Absteiger. Vielmehr sah das genau so aus, wie man es von Zweitvertretungen gewohnt ist: Schnelles und direktes Passpiel vor dem Strafraum, bis dann der kurze Steilpass auf den durch die Viererkette startenden Stürmer gesteckt wird.

Und vielleicht hatte die Fortuna ihr Glück auch schon vor der Pause aufgebraucht, als Thomas Kraus quasi mit dem Pausenpfiff die Führung erzielte, mit der man zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht mehr rechnen konnte. Das Tor war zwar traumhaft gemacht, weil Kraus erst zwei Abwehrspieler austanzte und dann überlegt ins lange Ecke schlenzte. Aber eigentlich war Fortuna in diesem Spiel nur die ersten 15 Minuten lang die bessere Mannschaft: Da spielte man mit Druck nach vorne und brachte die Wiedenbrücker Abwehr schnell in Verlegenheit.

Anschließend war es dann eher umgekehrt. Der Ausgleich für Wiedenbrück in der 68. Minute war schon verdient. Und auch wenn Tobias Steffen zwei gute Chancen in der zweiten Halbzeit nicht ummünzen konnte, so hatte doch Wiedenbrück die besseren Möglichkeiten.

Woran es lag? Irgendwie am fehlenden Nachdruck. Einzelnen konnte man heute nicht so viel vorwerfen. Nur Kusi Kwame hatte einen gebrauchten Tag erwischt, alle anderen spielten nicht auffällig schlecht. Hamdi wirbelte in einer Art Freigeist-Achter-Rolle durch die gesamte gegnerische Hälfte, Andersen gewann einige Bälle und ließ Gegner mit schnellen Rechts-links-Kombinationen aussteigen, Kraus riss seine üblichen Kilometer ab, die Defensive stand gewohnt mittelsicher gegen schnelle Angreiferfüße, auch wenn besonders im Aufbauspiel Flottmann schmerzlich fehlte.

Aber insgesamt war das zu oft zu nachlässig gespielt, gerne mal mit dem Außenrist, aber viel zu selten steil, viel zu selten mit Druck auf die Schnittstellen der Wiedenbrücker Defensive. Eigentlich spielten heute alle ein bisschen wie Tobias Steffen immer.

Uwe Koschinat fragte sich in der Pressekonferenz, ob es der Kräfteverschließ nach der langen Saison sein könnte? Nerven wollte er jedenfalls nicht gelten lassen. Ich vermute eher, dass die Mannschaft dachte, gegen den Tabellen-Siebzehnten werde es schon irgendwann irgendwie hinhauen. Und fast hätte sie ja auch recht gehabt…

Mir geht jetzt ehrlich gesagt ein bisschen die Düse, denn nun geht es zunächst nach Leverkusen zur U21, die seit zwölf Spielen nicht verloren hat und deren Spieler sich noch für neue Clubs empfehlen wollen. Zweitvertretungen liegen uns auch generell nicht so. Und am letzten Spieltag kommt die U23 von F95 ins Südstadion, gegen die wir in den letzten Jahren regelmäßig ganz schlecht aussahen.

Aber irgendwo wird der Punkt her kommen. Müssen.