Fortuna Köln – Viktoria Köln 0-1 (0-0)

Heute wegen wenig Zeit nur in Stichpunkten meine Beobachtungen bei der Niederlage von Fortuna gegen Viktoria im Viertelfinale des Mittelrhein-Pokals.

  • Viktoria war in der ersten Hälfte klar besser als Fortuna. Besonders die Diagonalbälle auf den rechten Flügel kamen schnell und präzise und brachten die Fortuna-Defensive immer wieder in Verlegenheit. So schnell konnten sie nicht hinterher schieben.
  • Viktoria stand sehr kompakt, schaltete vor allem extrem schnell von Defensive auf Offensive und auch umgekehrt um.
  • Pagano hätte alleine in der ersten Hälfte zwei Dinger machen können/müssen, in der zweiten Hälfte möglicherweise auch eins. Es ist unfassbar, wie schlecht er seit seinem Wechsel zu Viktoria geworden ist.
  • Die zweite Hälfte gehörte klar der Fortuna. Über die rechte Angriffsseite hätte da mehr gehen müssen. Wie Sievers teilweise bis in die Mitte der gegnerischen Hälfte spazieren konnte, ohne angegriffen zu werden, hätte besser genutzt werden müssen. Stattdessen lief zu viel über links, wo Steffen sich nicht gut durchsetzen konnte.
  • Den Kopfball muss Kraus machen. Er MUSS!!!! Aber wenn solche Pannenshow-Momente nicht jederzeit möglich wären, wäre Fußball ein viel langweiligeres Spiel.
  • Kusi Kwame machte im Mittelfeld eine gigantische Partie. Er ist der Philipp Lahm der Regionalliga: Kann sowohl Linksverteidiger wie auch Sechser, unfassbar wendig, dabei extrem ballsicher, defensiv total stabil und nach vorne mit guten Akzenten. Ich will ihn häufiger sehen, auch wenn mir klar ist, dass er meist ein Opfer des guten Kaders wird. Als rechten Verteidiger oder sogar statt Steffen auf dem linken Flügel könnte ich ihn mir gut vorstellen.
  • Das Tor von Candan war schon eine Granate. Toll geschossen!
  • Allerdings hätte es zu diesem Schuss nicht kommen dürfen. Möglicherweise war es der Müdigkeit geschuldet, aber Sekunden vorher war Jan-Andre Sievers vor seinen Gegenspieler gegangen, eroberte aber nicht den Ball und blieb dann dort stehen. Also war sein Platz fünf Meter weiter hinten in der Defensive frei, und er konnte nicht mehr rausrücken oder Flottmanns Rausrücken absichern, als Candan zum Schuss ansetzte.
  • Kann Claus-Dieter Wollitz nicht wenigstens mal die Fresse halten, wenn er gewinnt? Das Plakat, das er kritisiert, war übrigens wirklich scheiße. Es hing aber beim Anpfiff schon nicht mehr, vermutlich war es von Ordnern entfernt worden, also genau so unterbunden, wie er das fordert. Reicht das nicht?
  • Das Plakat “Heul leise Wollitz”, das direkt hinter seiner Bank hing, fand er offensichtlich selbst okay. Ich auch.
  • Das Spiel hätte eine Verlängerung verdient gehabt. Es ging 90 Minuten lang mit Tempo den Platz rauf und runter, Chancen auf beiden Seiten, nicht die höchste spielerische Qualität, aber jederzeit packend.
  • Der Sieg für Viktoria geht aufgrund der größeren Zahl sehr guter Chancen in Ordnung.

Jetzt heißt es bloß aufpassen, sich von dieser Niederlage nicht auch noch das Spiel in Verl am Samstag versauen zu lassen. Da müssen drei Punkte her, wenigstens muss das der Anspruch sein. Jetzt erst recht die Liga gewinnen!

Fortuna Köln – Schalke 04 U23 3-1

Viel muss man gar nicht mehr sagen zu dieser Mannschaft, die nach einer Minikrise zu ihrer Form gefunden zu haben scheint: Wieder ein Sieg, bei dem man nicht besser war als der Gegner, aber entschlossener, kaltschnäuziger – und vor allem effektiver in der Chancenverwertung. 57 Tore hat die Fortuna jetzt schon geschossen, kein Ligakonkurrent hat mehr als 42 (teilweise allerdings mit einem Spiel weniger). Das ist schon sagenhaft.

Vor dem Anpfiff

Gegen die kleinen Knappen stellte Uwe Koschinat die Mannschaft in der Offensive etwas um: um den Kräfteverschleiß aus dem Nachholspiel unter der Woche zu kompensieren, vielleicht aber auch aus taktischen Gründen. Steffen und Kialka durften für Dahmani und Aydogmus ran, obwohl die gegen Uerdingen durchaus überzeugt hatten. Ansonsten blieb es bei der inzwischen bewährten Aufstellung: Poggenborg – Sievers, Flottmann, Hörnig, Fink – Zinke, Andersen, Streit – Kraus, Steffen, Kialka. Die taktische Formation der Mannschaft ändert sich allerdings regelmäßig und an die Spielsituation angepasst: Aus dem Mittelfeld stoßen sowohl Andersen als auch Streit regelmäßig mit in die Spitze vor. Gerade bei gegnerischem Ballbesitz steht Andersen oft erstaunlich hoch. Defensiv dagegen gab es gegen Schalke ab und an eine Sechserkette zu bestaunen, wenn Kraus und Steffen ihren Gegenspielern bis auf Höhe der eigenen Verteidungslinie den Weg versperrten.

Die ersten drei Tore fielen jeweils nach schweren Fehlern der verteidigenden Mannschaft. Beim 1-0 wusste wohl auch der Schalker Verteidiger nicht, warum er da jetzt zum Ball ging, und wenn schon, warum er ihn nicht aus dem Strafraum drosch, anstatt ihn völlig unbedrängt ins eigene Tor abzufälschen.

Das 1-1 war maximal ärgerlich, denn ausgerechnet der sonst so sichere Andersen verlor den frisch gewonnen Ball in der Mitte der eigenen Hälfte gleich wieder, so dass Schalke endlich mal den Raum hatte, den Fortuna ihnen sonst selten ließ.

Beim 2-1 durch Kialka dann die Revanche: Kraus fing einen katastrophalen Pass der blauen Verteidigung ab und bediente den durchstartenden Kialka, der sich durch dieses Tor in die Statistik eintragen konnte, die ihn sonst wohl übersehen hätte. Zweikämpfe konnte er bis dahin jedenfalls nicht gewinnen, war zwar bemüht, aber erfolglos, so dass die “Ercan, Ercan”-Rufe des Publikums nachvollziehbar waren.

Beim 3-1 kann man sich je nach Zuneigung zu der einen oder anderen Farbe entscheiden, ob man Tobias Fink den tollen Tunnel zurechnen oder ihn dem Schalker Verteidiger ankreiden will. Jedenfalls fand Fink den gut eingelaufenen Kraus, der das Ding klar machte.

Jubel über das 3-1

Ein bisschen Einzelkritik:

  • Thomas Kraus müsste der Spieler mit der höchsten Laufleistung in allen deutschen Ligen sein. Unfassbar, wie er nach seinem ständigen Pendeln zwischen allen Linien in der 72. noch die Kraft hat, kurz vor dem gegnerischen Tor präsent zu sein und den Fuß hinhalten zu können.
  • Tobias Steffen geht mir inzwischen wirklich tierisch auf den Keks. Kann dem Jungen mal jemand sagen, dass man in dieser Liga auch mal den eigenen Körper einsetzen darf? Dass man auch mal Druck hinter die eigenen Aktionen bringen darf? Nur der beste Techniker hinter Albert Streit zu sein, reicht mir nicht. Da sind einfach zu viele Ballverluste dabei, in denen Steffen den Ball locker duchstecken möchte, anstatt den Gegner zu blocken und einen klaren Pass zu spielen. Außerdem muss er die fünfte gelbe Karte von Andersen auf seine Kappe nehmen, denn unmittelbar bevor Andersen das taktische Foul beging, hatte Steffen die Möglichkeit, das ebenfalls zu tun und vielleicht sogar den Ball zu gewinnen. Er aber hielt nur alibimäßig die Fußspitze rein, um sich ja nicht zu verletzen. Mann!
  • Hamdi Dahmani zeigt sich als die Granate, als die ich in Erinnerung hatte. Alle Unkenrufe, die Regionalliga sei zu hoch für ihn, erweisen sich als falsch. Körperlich robust, schnell, technisch stark. Ein ganz wichtiger Spieler!
  • Tobias Fink ist, seit er zur Fortuna kam, mein persönlicher MVP. Defensiv souveränst, offensiv brandgefährlich.
  • Kusi Kwame überzeugte mich nach seiner Einwechslung auch auf der (für mich) ungewohnten Sechserposition. Toll, so einen auf der Bank zu haben. Und fast würde ich gerne mal ein Spiel sehen, in dem Tobias Fink als Außenstürmer vor ihm aufläuft.
  • Wenn Gerald Asamoah in die Regionalligamannschaft gesteckt wurde, um den Jungs zu zeigen, dass man auf dem Platz auch mal ein Arschloch sein muss, dann macht er einen großartigen Job.

Weiter geht’s, Fortuna! Immer weiter!

Nach dem Schlusspfiff

Fortuna Köln – SSVg Velbert 3-1 (0-1)

Da hat der Trainer in der Pause wohl die richtigen Worte gefunden. Oder die Mannschaft ihr Spiel wieder. Oder die Spieler ihren Arsch in der Hose. Jedenfalls stand in der zweiten Hälfte der Partie gegen die SSVg Velbert auf einmal wieder der SC Fortuna Köln auf dem Platz, der sich in der Hinrunde eine souveräne Tabellenführung erarbeitet hatte.

Auflaufen der Mannschaften

Die drei Halbzeiten zuvor im Südstadion hingegen, zwei gegen RWO und die erste gegen Velbert, gingen komplett daneben. Da sah man nicht nur albernste Abspielfehler, bei denen aus wenigen Metern unbedrängt der Mitspieler nicht getroffen wurde. Da sah man vor allem auch keinen Nachdruck in den Aktionen. Auch gegen Velbert gab es wieder viel zu viele lässig gespielte Pässe, locker zum Kollegen gechipt, und Zweikämpfe, die durch mehr als lockeres Joggen mit dem Ball von vornherein hätten vermieden werden können (I’m looking at you, Albert!), und die dann auch noch verloren gingen.

Es fehlte schlicht die Energie, mit der die Fortuna sonst den Platz zum Brennen bringt. Gegen RWO hatte Uwe Koschinat die noch versucht, von außen auf’s Feld zu brüllen – was sich während so eines Spiels aber auch erschöpft, wenn es in der 3. Minute beginnt und zwischenzeitlich in Schreiduelle mit dem eigenen Kapitän steigert.

Heute schien mir Uwe Koschinat etwas kontrollierter, wenigstens war er auf der Tribüne nicht zu hören, obwohl weniger als die Hälfte der Zuschauer im Stadion waren wie noch gegen RWO. War halt nur Velbert, war halt nur der Tabellenletzte. Diese Haltung mag auch zur läppischen Einstellung manches Fortuna-Kickers geführt haben.

Velbert präsentierte sich durchaus nicht als mutloses Schlusslicht. Warum auch, immerhin hatte die Mannschaft in diesem Jahr noch nicht verloren und aus drei Spielen fünf Punkte geholt, unter anderem gegen Schalke II. Das Konzept, mit dem Velbert zum Erfolg kommen wollte, wurde recht schnell klar: Sie standen sehr kompakt, zwei Vierereihen meist weniger als  20 Meter auseinander, und davor lauerten zwei Spieler gestaffelt auf Kontermöglichkeiten. Einer von denen war Kevin Hagemann: Kaum größer als ein Windhund, auch etwa so schnell, aber deutlich wendiger und außerdem mit besserer Ballbehandlung. Ein brandgefährlicher Spieler!

Für das Führungstor musste Velbert aber nicht mal auf einen Konter warten, sondern einfach nur ein schlechtes Zuspiel im Kölner Aufbau abfangen, den Ball nach vorne spielen, wo unversehens Ercan Aydogmus im Zentrum gegen zwei Blaue verteidigen musste. Poggenborg stürzte aus dem Tor, wurde von Denis Pozder aber locker überlupft: Führung in der 6. Minute für eine Mannschaft, die ohnehin nicht vorhatte, die Ballbesitzstatistik zu gewinnen.

Velbert jubelt über die Führung

Der Rest der ersten Hälfte war aus Fortuna-Sicht dann so zum Vergessen wie oben schon beschrieben. Man konnte als Fan nur dankbar sein, dass André Poggenborg eine weitere erstklassige Möglichkeit von Velbert entschärfte und es zur Pause nicht 0-2 stand.

Nach der Pause war dann aber endlich wieder der Zug im Spiel, der schon verloren geglaubt schien. Natürlich half dabei auch, dass zunächst Thomas Kraus schon nach zwei Minuten den Kopf in eine Ecke hielt und den Ausgleich erzielte.

Spielstandskorrektur

Nur ein paar Minuten später wurde Thomas Kraus gefoult. Eine alte Krimiweisheit sagt, dass der Täter immer an den Ort des Verbrechens zurückkehrt, so auch in diesem Fall – allerdings um das Opfer der Simulation zu zeihen. Es sah aus sehr weiter Entfernung so aus, als habe es dabei möglicherweise auch noch einen kleinen Tritt gegeben? Jedenfalls bildete man in der Folge ein sehenswertes Rudel, und abschließend würdigte der Schiedsrichter die Tatgesamtheit mit einer roten Karte für Dimitrios Pappas.

Rote Karte für Dimitrios Pappas

Fortuna benötigte danach immer noch 20 Minuten des Anrennens gegen neun blaue Feldspieler, um endlich in Führung zu gehen: Tobias Steffen (oder Thomas Kraus?) war nach einer schönen Kombination in den Strafraum eingedrungen, wurde von hinten am Arm gezogen und fiel glaubhaft genug. Aydogmus verwandelte sicher.

Nun schaltete die Fortuna kurz etwas zurück und versuchte, Velbert endlich mal kommen zu lassen. Den Gefallen taten die Niederbergischen den Kölner aber nicht. Vielmehr setzten sie weiter auf Konter, zum Glück für Fortuna erfolglos.

Kurz vor Schluss kam dann bei einem Freistoß für Velbert sogar der Keeper mit nach vorn. Der Ball flog aber weit über ihn hinweg bis auf die andere Seite des Strafraums, wo gleich zwei Spieler viel zu frei standen, den Ball aber nur schwach auf’s Tor brachten, so dass Poggenborg mit einem spektakulären Hechtsprung noch abwehren konnte.

Der Velberter Torwart geht mit nach vorne

Eine Minute später, beim vielleicht ersten richtigen Kölner Konter, hoppelte der Ball, so schien es aus der Ferne, nach einem Schuss von Dahmani erst über eine der zahlreichen Unebenheiten im Rasen und dann über die Arme des fangbereiten Velberter Torwarts hinweg. Sah jedenfalls ziemlich dämlich aus, zählte aber und war endlich die Entscheidung.

Hoffentlich hat die Mannschaft nun wieder in die Spur gefunden. Nächste Woche steht ein Auswärtsspiel an, was in dieser Saison ja sogar etwas leichter fällt als zuhause. Mit Wattenscheid hat Fortuna zudem den nominell schwächeren Gegner als die Verfolger, die (Lotte) nach Düsseldorf und (Viktoria) gegen Siegen müssen. Schalke II hat spielfrei.

Klar wurde heute noch einmal, dass diese Mannschaft weiterhin gegen jeden Gegner alles in die Waagschale werfen muss, um erfolgreich zu sein. Mit Spitze, Hacke, einzweidrei geht nicht viel. Das wird Uwe Koschinat hoffentlich auch noch Albert Streit beibiegen, der sich mir in zu vielen Szenen auf seine haushohe technische Überlegenheit zu verlassen scheint und dadurch nachlässig wird. Da geht noch viel mehr.

Nach dem Schlusspfiff

Fortuna Köln – Bayer Leverkusen II 3-2 (2-2)

Wenn es ein Spiel gab, das den Charakter der Fortuna-Mannschaft 2013/14 ausdrückt, dann wohl dieses: Zwei Mal zurück gelegen, fußballerisch schlechter gewesen als der Gegner – und am Ende gewonnen, weil die drei Fehler, die der Gegner machte, sofort genutzt wurden.

Ausgleich zum 2-2

Das 1-1: Ein Leverkusener kommt mit dem Kopf an eine Fortuna-Flanke, produziert aber eine Kerze, die Aydogmus, natürlich Aydogmus, im Herunterfallen nicht perfekt, aber gut genug trifft und ins Tor schießt.

Das 2-2: Ein Freistoß wird von der Leverkusener Verteidigung zu kurz abgewehrt, aus dem Hintergrund müsste Sievers schießen, Sievers schießt, und trifft aus 16 Metern.

Das 3-2, die Mutter aller Fortuna-Tore: Offensiver Ballgewinn von Sievers durch robusten Körpereinsatz auf dem Flügel in Höhe der gegnerischen Strafraumgrenze, harter Querpass zu Aydogmus, der den Ball halb verstolpert, halb am ebenfalls strauchelnden Gegenspieler vorbeimogelt, dann freie Schussbahn mit links hat und sicher verwandelt.

Jubel über den Siegtreffer

Wenn der Gegner führt, wird diese Mannschaft ruhig, kneift quasi die Augen ein bisschen zusammen und wirft alles in die Waagschale, was sie hat. Vor dem Leverkusener Führungstreffer kickte man den Ball ein bisschen Larifari durch die Gegend, einige lange Bälle, ein paar Schönspielversuche, aber nichts Zwingendes. Danach allerdings gab es Druck nach vorne, gab es Willen zum Sieg.

Was es aber auch gab, das waren grobe Abwehrfehler. Prototypisch das 1-2: Ein Ball rollt im Mittelfeld langsam über die Außenlinie. Ein Fortune (Zinke? Pazurek?), könnte ihn locker im Spiel halten, verzichtet aber darauf. Der Schiri gibt jedoch Einwurf für Bayer. Die Fortunen reklamieren lieber, ein Jungleverkusener sprintet den Flügel herunter, schiebt den Ball Hörnig durch die Beine, passt vor dem heraus stürzenden Poggenborg klug zurück, wo ein anderer Leverkusener nur noch einzuschieben braucht.

Nach dem 1-2

Schlimm anzusehen. Doch am Ende jubelt dann eben oft die Fortuna, und wenn das Mal um Mal gelingt, dann kann man nicht mehr von Glück sprechen, sondern dann sind das die Qualitäten, die den Unterschied ausmachen: Die gnadenlose Effektivität, die Ruhe, der Wille.

Für Matthias Mink war das Anschauungsunterricht in der ersten Reihe. Der heutige Assistenztrainer von Bayer II hatte taktisch immer eine Menge drauf, aber seine Fortuna-Teams kickten blutleer, sobald sie Gegenwehr bekamen und das eigene Spiel nicht leicht durchbringen konnten. Uwe Koschinat hingegen schafft es, dass die Fortuna sich durchboxt, auch wenn es mal schlecht läuft.

Ex-Trainer

Den Anteil, den Ercan Aydogmus an diesen Qualitäten hat, kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Er wirkt unbeholfen, kommt trotzdem mit dem selben, plump aussehenden Haken immer wieder an seinen Gegnern vorbei, und wenn er mal vor dem Tor frei ist, dann rappelt es. Man stelle sich vor, wo die Fortuna in der Liga stünde, wenn er auch seine zwei Großchancen gegen Lotte genutzt hätte? Das waren in meiner Erinnerung fast schon die einzigen beiden klaren Torgelegenheiten, die Aydogmus in dieser Saison nicht verwandeln konnte. Das Ergebnis sind 14 Treffer aus 16 Spielen, in denen er gerade zu Beginn der Saison oft sogar nur wenige Minuten Spielzeit bekommen hatte.

Ein anderer Kicker, der gestern wie mit dem Brennglas aufzeigte, wie Fortuna spielt, war Kushtrim Lushtaku – leider im Negativbild: Pomadige Schönspielerei, locker gekickte Fehlpässe über wenige Meter, lasche Körpersprache. Wäre er nicht in der ersten Häfte für den verletzten Kessel eingewechselt worden, er hätte wahrscheinlich schon früher als in der 86. Minute wieder das Feld räumen müssen.

Der eingewechselte Lushtaku muss wieder raus

Wenn Laux und Fink wieder ins Team zurückkommen, steht hoffentlich die Verteidigung wieder etwas besser, auch wenn es unterm Strich immer noch für die viertwenigsten Gegentore der Liga reicht. Ein Gegentor pro Spiel ist so ein schlechter Schnitt gar nicht, den erreichen auch höherklassig nur die besten Teams. Sieht trotzdem oft ungelenk aus.

In Düsseldorf (zweitbester Sturm der Liga) und in Aachen (gerade in Schwung gekommen, sieben Punkte aus drei Spielen) wird es wieder nur mit vollem Einsatz gehen. Aber das kennt diese Mannschaft eh nicht anders.

Ich war selten so stolz, Fortuna-Fan zu sein, wie in diesen Tagen.

Nach dem Schlusspfiff

Die neue Technik und ihr Feind Rettig

In der Süddeutschen Zeitung wird heute Andreas Rettig interviewt, Geschäftsführer der DFL. Thema: Die Einführung (oder nicht) der Torlinientechnologie. Das Gespräch ist geradezu ein Lehrbeispiel für die geistigen Hindernisse, die Innovationen überwinden müssen, um die Closed Minds und am Ende vielleicht sogar die Antagonisten überzeugen zu können. Das Modell der unterschiedlichen Typen von Innovationsfreunden und -gegnern hat Gunther Dueck nicht erfunden, aber in seinem Buch “Das Neue und seine Feinde” kürzlich  noch einmal griffig aufgeschrieben.

Wie also äußert sich der Antagonismus gegenüber der Torlinientechnologie bei Andreas Rettig? Vor allem darin, dass es Rettig auf einer 2/3-Seite der SZ gelingt, immer neue Bedenken gegen die Technologie zu finden und immer absurdere Ablenkungsmanöver zu platzieren, nur um an Ende nicht sagen zu müssen: “Ich will das nicht. Ich bin dagegen. Mir ist das nicht geheuer!” Obwohl genau diese Sätze aus allen seinen Antworten herausklingen.

Rettig beginnt sofort mit einem klassischen Catch 22. Er will (Antwort auf Frage 1) zunächst die Erfahrungen abwarten, die anderswo mit der Torlinientechnologie bereits gemacht werden, nämlich bei der FIFA und in der Premier League. Und obwohl das nun wirklich beides keine Versuchsfelder aus der karpatischen Regionalliga sind, betont Rettig in seiner Antwort auf Frage  2, dass die Erfahrungen, die dort gesammelt werden und die er abwarten will, natürlich nicht auf die Bundesliga übertragbar sind.

Eine perfekte Antagonistentaktik: Es vergeht Zeit, aber man verpflichtet sich zu nichts. (Und die Taktik lässt sich sogar beliebig in die Länge ziehen: Man kann immer *noch* mehr Erfahrungen sammeln wollen. Nur ein Hasardeur könnte dafür sein, einfach mal was zu machen!)

Übrigens ist es die Tatsache, dass es in der Bundesliga Stadien mit Laufbahn gibt, die nach Rettigs Ansicht die englischen Erfahrungen nicht übertragbar machen. Und wenn man vielleicht irgendwann die Technik im Berliner Olympiastadion getestet hätte, könnte man immer noch sagen, dass das ja nur eine blaue Laufbahn war und keine Erfahrungen in Stadien mit roter Laufbahn vorliegen. Wer weiß, welchen Einfluss das hat? Will man da ein Risiko eingehen?

Rettigs nächstes Argument ist das klassischste aller Antagonisten: Das Horrorszenario! Rettig sagt:

Nehmen Sie dieses Beispiel: Der Ball geht knapp und für den Schiedsrichter nicht erkennbar hinter die Linie, wird aber direkt zurückgeblockt und danach bugsiert ihn der Stürmer mit der Hand ins Tor. Das System zeigt Tor an, aber der Schiedsrichter weiß nicht, ob der Ball in der ersten oder in der zweiten Aktion drin war.

Oh mein Gott! Es kann Fälle geben, in denen die Torlinientechnologie keine eindeutige Entscheidung ermöglicht? Es könnten Fälle übrig bleiben, in denen der Schiedsrichter mit der Kraft seiner Augen und vor allem seiner Einschätzung beurteilen muss, ob er ein Tor gibt? Das wäre ja… schluck… GENAUSO WIE HEUTE! Das kann man natürlich wirklich nicht akzeptieren…

Auch der nächste Punkt, den ich von Rettig schon häufiger gehört habe, fällt in die Kategorie des Trickarguments: Rettig meint, die Toleranzgrenze von 3 cm für die Torlinientechnologie sei nicht akzeptabel, und es sei gut, dass die FIFA diese Grenze jetzt auf 1,5 cm gesenkt habe. Aber sofort fragt er selbst: “Können wir 1,5 Zentimeter akzeptieren?”

Die Taktik ist erkennbar: Verunsicherung stiften, indem darauf verwiesen wird, dass die neue Technik nicht perfekt ist. Aber das ist deswegen ein Trick, weil der richtige Maßstab für die Beurteilung nicht derjenige der Perfektion ist – sondern der aktuelle Status Quo.

Es ist doch so: Wenn der Schiedsrichter heute mit bloßem Auge sicherer erkennen kann, ob ein Ball weniger als drei Zentimeter hinter der Linie ist, bleiben wir besser bei dessen Beurteilung. Und wenn es eine andere Technologie gibt, mit der man der Torlinientechnologie nachweisen könnte, einen Fehler im Bereich unter 3 cm gemacht zu haben – dann nehmen wir doch einfach diese Technologie! Und wenn die am Ende “Videobeweis” hieße…?

Auch die SZ ist ja manchmal nicht doof, hakt im Interview überhaupt oft genau mit den passenden Fragen nach und spricht Rettig als nächstes eben auf den Videobeweis an. Doch nun vollführt Rettig eine Volte, die in Sachen Öffentlichkeitsarbeit nachgerade genial ist: Zunächst erwähnt er pflichtschuldig, dass die Fifa den Videobeweis eh nicht zulässt. Und dann kommt es: Man solle doch zum Beispiel Google Glass nehmen, meint Rettig. Das komme schon 2014 auf den Markt, und vielleicht sei das ja eine viel bessere Lösung als die Torlinientechnologie?!

Wirklich! Das sagt der! Andreas Rettig! Und die SZ geht ihm voll auf den Leim und macht ihre Zusammenfassung des Interviews genau damit auf: “Rettig bringt Google-Brillen für Schiedsrichter ins Gespräch“.

Dabei ist natürlich gerade dieses Argument der in alle Ewigkeit wiederholbare antagonistische Monstertrick: Wer weiß, ob die vorgeschlagene Technologie denn auch *optimal* ist? Vielleicht kommt schon morgen jemand und erfindet etwas viel, viel Besseres? Da warten wir doch lieber auf morgen, bevor wir heute etwas Halbgares installieren!

Das ist nichts anderes als das Rhetorik gewordene, uralte Witzschild, das in jeder schlechten Kneipe hängt: “Free Drinks tomorrow”.

Ganz am Ende versucht die SZ dann ein letztes Mal, und fragt Rettig, was er denn nicht als Funktionär, sondern als Fußballfan will. Und was will der Fußballfan Rettig?

Ein Höchstmaß an Gerechtigkeit im Sinne des Sports.

Und Friede auf Erden. Und den Menschen ein Wohlgefallen.

Andreas Rettig ist schlicht und einfach ein Feind des Neuen, wenn auch ein rhetorisch gut geschulter. Sein Vertrag als DFL-Geschäftsführer läuft bis 2015, analog zur Amtsperiode des gewählten Vorstands. Und auch, wenn Rettig nicht als Alleinherrscher über die Einführung der Torlinientechnologie entscheiden kann, so darf man sich fragen, wie progressiv eine Vereinigung ist, die so jemanden öffentlich zu Innovationsthemen sprechen lässt.

Fortuna Köln – Viktoria Köln 4-2 (1-2)

“Viktoria, du Ausgeburt eines Finanzdienstleisters, hör die Stimme des kommenden Meisters!” (Bitte jetzt auf den folgenden Play-Button klicken. Ich sagte: Jetzt!)

Was war das bitte für ein Spiel? Im Nachhinein könnte man fast vermuten, dass die ruhmreiche Fortuna aus Zollstock der Höhenberger Steuerberatungstruppe mit der gekauften Lizenz zeigen wollte, dass sie nur eine Halbzeit braucht, um klar zu machen, wer die Nummer zwei im Kölner Fußball ist. Wie die Rotweißen in den ersten 30 Minuten auftraten, war mir jedenfalls nur so erklärbar: Den Fusionierten mal ein paar Tore Vorsprung zu lassen, um dann mit Handycap um so triumphaler zu siegen.

Im Ernst: Dieses Derby stand einerseits auf Messers Schneide, hätte gut auch für Viktoria ausgehen können, zeigte andererseits aber überdeutlich den Unterschied zwischen den beiden Mannschaften. Und der besteht aus einem Wort: Herz. Wie die Fortuna nach der verkackten ersten halben Stunde zurückkam, vor allem in der zweiten Halbzeit, wie sie Viktoria den Schneid abkaufte und in die eigene Hälfte zurückdrängte, wie sie auf einmal ihr Spiel spielte und dann zielstrebig Tore schoss – das war genauso bemerkenswert wie das komplette Zerbröseln des Höhenberger Spiels, dem das winzige bisschen Zusammenhalt verloren ging, das ihre sehr guten Einzelspieler vorher zu so etwas ähnlichem wie einer Mannschaft gemacht hatte. Und ich glaube, ich übertreibe nicht.

Uwe Koschinat hatte dieser Startelf das Vertrauen geschenkt: Poggenborg – Sievers, Flottmann, Laux, Kwame – Hörnig, Zinke – Kraus, Andersen, Kessel – Aydogmus. Andersen also hinter den Spitzen, Thomas Kraus rannte sich seine Lunge vor allem in der rechten Hälfte des Spielfelds aus dem Leib, Aydogmus wieder von Anfang an.

Und wie schon erwähnt, ging zu Beginn nichts, aber auch gar nichts. Der Spielaufbau der Fortuna bestand ausschließlich aus langen Bällen in die Spitze, die dort allerdings prompt verloren gingen. Zwar konnte man den Gegner so halbwegs erfolgreich vom eigenen Tor hinhalten, andererseits entstanden beide Gegentore zum Zwischenstand von 0-2 aus Kontern, so dass man sich fragen durfte, ob man nach langen Bällen nicht wenigstens hinten sicher stehen kann? Besonders das 0-2 war ein Offenbarungseid: Ein steiler Flachpass genau in die Mitte des Spielfelds, wo Candan die dreispurige Autobahn hinunterpreschte, die beide Fortuna-Innenverteidiger ihm zwischen sich frei gelassen hatten. Das sah wirklich schlecht aus.

Im Anschluss aber begann die Fortuna endlich, den Druck aufzubauen, den man in einem Derby machen muss, bei einem Rückstand sowieso. Das 1-2 fiel nach einem gut geschlagenen Freistoß, den Aydogmus auf den kurzen Pfosten nickte und den der Höhenberger Torwart nur noch ins eigene Netz abfälschen konnte. Kurz darauf hätte Aydogmus sogar fast den Ausgleich geschossen, doch seine Direktabnahme strich am Lattenkreuz vorbei.

Auch körperlich nutzten die rotweißen Spieler nach dem 0-2 endlich den nicht gerade kleinen Spielraum aus, den ihnen Schiedsrichter Thorben Siewer ließ. Diese Ansetzung war durchaus mutig vom Verband, denn Siewer hat zwar Erfahrung in der 3. Liga, aber viele heißere Spiele als dieses Kölner Derby gibt es in der Regionalliga wohl nicht. Unterm Strich machte er seine Sache aber nicht schlecht, insbesondere fand er eine Linie, die einem Derby angemessen ist: Durchaus großzügig in der Zweikampfbewertung, aber dann doch mit konsequenten und unaufgeregten Pfiffen, wenn er die Grenze überschritten sah. Dass er das ein oder andere Mal Aktionen laufen ließ, die auch in England wohl immer gepfiffen würden, trug jedenfalls zum Erlebniswert der Partie bei. Mindestens zwei klare Fehlentscheidungen leistete der Schiedsrichter sich aber doch, beide zugunsten der Fortuna: Vor dem 4-2 riss Andersen seinen Gegenspieler an der Außenlinie mit beiden Händen um. Und ein Foul, das Siewer kurz vor Schluss für Viktoria pfiff, passierte eindeutig innerhalb des Fortuna-Strafraums.

Trotzdem konnte wohl kein Viktorianer behaupten, er sei um einen Punkt geprellt worden zu sein, denn die Unterlegenheit in der zweiten Hälfte war zu eindeutig. Aus der Pause kam nämlich eine völlig andere Fortuna, die sich in der gegnerischen Hälfte festsetzte, auf einmal auch spielerisch glänzte, sich auf den Außenbahnen immer wieder durchkombinierte und zu Chancen kam.

Und doch hätte Silvio Pagano das Spiel vielleicht schon entscheiden können, als er, nur Sekunden vor dem 2-2, einen steil geschlagenen Ball erlief, aber völlig freistehend nicht an Poggenborg vorbei bringen konnte.

Das machte Tobias Steffen (für den verletzten Laux eingewechselt) kurz darauf besser, nachdem Aydogmus ihn angespielt hatte, lief er, so schlicht wie erfolgreich, an der Strafraumgrenze einfach zwischen zwei Verteidigern hindurch und versenkte sicher im langen Eck.

Auch das 3-2 durch Käptn Flottmann fiel seltsam unspektakulär: Bei einer Ecke von der linken Seite stand Flottmann völlig unbewacht im gegnerischen Strafraum, der Ball fiel ihm quasi auf den Kopf, er musste nicht einmal springen oder eine aktive Kopfbewegung machen, und doch segelte der Ball in Zeitlupe ins Toreck.

Vom 4-2 hatte ich schon berichtet, dass ihm ein Foul von Andersen voraus ging, der mich heute insgesamt nicht überzeugte. Viel zu oft waren seine Aktionen hektisch, obwohl doch gerade er die Technik hat, die ihm die nötige Zeit für einen gezielteren Ball geben sollte. Den ermogelten Ball spielte er jedenfalls den rechten Flügel hinunter auf Steffen, der dann quer durch den Strafraum zu Aydogmus passte, der gewohnt sicher zu seinem 11. Saisontor vollstreckte.

Unterm Strich war es ein unfassbar geiles Derby, natürlich gerade wegen des schlimmen Rückstands und weil unser Rheinseitenwechsler Aydogmus die Tore erzielte, die Pagano und Nottbeck auf der anderen Seite verwehrt blieben.

Aufgrund der mehr erzielten Tore ist die Fortuna bei gleicher Punktzahl und Tordifferenz jetzt Spitzenreiter der Regionalliga West, hat aber noch ein Spiel weniger als Lotte absolviert. Schon am kommenden Wochenende, wenn Lotte spielfrei hat, könnte sie beim Tabellenletzten in Wiedenbrück die Tabelle noch eindrucksvoller gestalten. Aber gerade das sind ja oft die schwersten Spiele. (Phrasenschwein, bitte übernehmen Sie! Nachtrag: Und gerade lese ich, dass Wiedenbrück heute sein erstes Saisonspiel gewonnen hat, sogar bei Schalke II. Die Warnung kommt rechtzeitig für Fortuna.)

Und viel wichtiger: Auch im letzten Jahr waren wir Wintermeister, bevor Lotte dann noch unaufhaltsam vorbeizog. Aber bislang ist diese Saison wirklich sehr, sehr viel versprechend, gerade weil die Siege der Fortuna nicht mit großer Leichtigkeit zustande kommen, sondern sie ihr Glück wieder und wieder zwingt.

Derbysieger! Spitzenreiter! Hey! Hey!

Kurz reingeschaut: “Kippenberger!” im Schauspielhaus Köln

Ich gebe zu: Ich kannte Martin Kippenberger nicht. Nie von ihm gehört. Komplett ahnungslos, hätte für mich auch ein Arbeiterführer aus dem Pott sein können. Nach dieser Aufführung aber weiß ich: Kippenberger war ein charismatischer Typ, der sich nehmen durfte, was er begehrte, und der tat, was er wollte – einschließlich, sich zu Tode zu saufen. Außerdem war er ein hoch anerkannter, als Krawallbruder gefürchteter Künstler, den die Stadt Köln, in der er ein paar Jahre seines kurzen Lebens verbrachte, in ihrer vereinnahmenden Art als einen der Ihren annektiert hat.

Die Aufführung von Angela Richter will Kippenberger zeigen, indem sie Zeitgenossen, die ihn kannten, von ihm berichten lässt, ab und an meldet sich der Künstler auch selbst: alles durch die Münder und Körper von fünf Schauspielern. Die sprechen in wechselnden Rollen, meist ohne den Sprechenden auszuweisen, ungeglättete Texte aus Interviews. Alleine das ist schon unterhaltsam, denn ich finde, es gibt wenig Kurzweiligeres, als wenn im Theater echte Sprache gesprochen wird, keine hohe Dichtkunst, sondern Wörter, wie sie normalen Menschen aus dem Mund purzeln. Und es gibt wenige Schauspieler, die solche Texte überzeugend sprechen können. Den fünfen dieser Inszenierung gelingt es, auch wenn es bei dem ein oder anderen ein Weilchen dauert, bis das Deklamieren einem ungezwungenen Gequatsche gewichen ist.

Aber spätestens, wenn ganz am Ende jeder ein paar Sätze zum Tod Kippenbergers in eine Kamera spricht, das Gesicht auf eine große Leinwand projiziert, dann sind die Darsteller vollkommen in ihren Figuren angekommen.

Dieses Ende rührt fast zu Tränen. Während der Aufführung sind die ruhigen Momente hingegen seltener. Meist wird schnell gesprochen oder zu lauter Musik getanzt. Einmal erzählt Yuri Englert als Kippenberger einen Witz, den er endlos in die Länge zieht, auf Abwege gerät, noch einmal von vorne beginnt, sich wieder verirrt, die angeblich grandiose Pointe  umschweifig ankündigt, sich wiederholt und wiederholt – bis ein genervter, älterer Zuschauer tatsächlich lautstark seinen Unmut äußert und von den Umsitzenden verbal gebändigt werden muss. Interessanterweise erzählt im anschließenden Zuschauergespräch ein Besucher, ein Kölner Radiologe, der Kippenberger tatsächlich gut gekannt hatte, dass Kippenberger wirklich eben diesen Witz erzählt hatte, und wenn er meinte, nicht genug Aufmerksamkeit zu bekommen, wieder und wieder von vorne anfing, bis alle genervt waren.

Die Regisseurin sagte im Gespräch, dass es ihr größtes Ziel sei, mit der Aufführung nicht zu langweilen, und dass diese Fähigkeit gemeinhin unterschätzt werde. Das jedenfalls ist ihr gelungen: Ich habe mich zu jeder Zeit gut unterhalten gefühlt, und ich habe etwas darüber gelernt, wer Martin Kippenberger war.

Als meine erste Aufführung der Intendanz von Stefan Bachmann konnte sich “Kippenberger!” sehen lassen. Das war vielleicht noch nicht das ganz große Theatererlebnis, aber es hat mir Lust auf mehr gemacht.